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Rheuma-Linderung durch Fischöl fragwürdig

Rheuma: schmerzende Handgelenke

Rheuma: schmerzende Handgelenke

Schmerzende und entzündete Gelenke sind die Hauptmerkmale der rheumatoiden Arthritis. Eine Anti-Rheuma-Diät gebe es nicht, Omega-3-Fettsäuren aus fettreichem Fisch werde aber eine entzündungshemmende Wirkung zugeschrieben, so Die Presse. Eine Behauptung, für die es keinerlei Belege gibt.

 
 

 

Zeitungsartikel: Die Warnzeichen beachten (17.11.2013, Die Presse – Printausgabe)
Frage:Helfen Omega-3-Fettsäuren oder eine fischreiche Ernährung bei rheumatoider Arthtritis?
Antwort:unklar
Erklärung:Der Mehrzahl der Studien zufolge können Präparate mit Omega-3-Fettsäuren Schmerzen und anderen Symptomen bei rheumatoider Arthritis nicht verbessern. Die Ergebnisse sind teilweise aber widersprüchlich. Auch bei Präparaten aus der Neuseeländischen Grünschalmuschel (Grünlippmuschel) ist die Wirksamkeit unklar. Ob eine fischreiche Ernährung hilft, ist nur ungenügend untersucht.

Fisch gilt als gesund, so empfiehlt das Österreichische Gesundheitsministerium mindestens ein bis zwei Portionen pro Woche. Bevorzugt sollten es fettreiche Sorten wie Makrele, Lachs, Thunfisch, Hering oder Saibling sein [4]. Der Grund sind die darin in großen Mengen enthaltenen Omega-3-Fettsäuren – diese können möglicherweise die Herz-Kreislauf-Gesundheit stärken (siehe Omega-3 Fette – das halbherzige Wundermittel ).

Die Nahrungsergänzungsmittelindustrie hat die Omega-3-Fette für sich entdeckt und vermarktet Fischöl-Präparate in großem Maßstab. Unter anderem sollen Fischöl-Kapseln gegen Depressionen oder Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörungen bei Kindern helfen. Medizin-Transparent.at hat bereits gezeigt, dass es dafür keine beziehungsweise kaum Hinweise gibt. (Siehe Omega-Fettsäuren: Hilfe für Zappelphilipps fragwürdig und „Wundermittel“ Fischöl auch gegen Depression?)

„Die Presse“ vermittelt in einem Artikel den Eindruck, Omega-3-Fettsäuren aus fettreichem Fisch oder Leinsamen könnten bei Rheuma eine entzündungshemmende Wirkung haben. Lässt sich das mit wissenschaftlichen Daten untermauern?

Anti-Rheuma-Wirkung nicht belegbar

Ein koreanisches Forscherteam fasste die Ergebnisse bisher veröffentlichter randomisiert-kontrollierter Studien zusammen [1], welche die Wirkung von Omega-3-Fettsäure-Präparaten bei Patienten mit rheumatoider Arthritis untersuchten. Ihr Ergebnis fällt ernüchternd aus – die große Mehrzahl der Studien findet keine Belege für einen schmerz- oder entzündungslindernden Effekt. Auch auf objektiv gemessene Entzündungswerte im Blut der Rheumapatienten scheinen die Präparate keinen Einfluss zu haben.

Die Autoren stoßen jedoch auch auf widersprüchliche Studiendaten. So zeigt eine zusammenfassende Analyse (Meta-Analyse) klar, dass sich die Schmerzen der Studienteilnehmer durch die Präparate nicht bessern. Zwei der analysierten Studien wollen allerdings herausgefunden haben, dass ihre Teilnehmer durch die Fischöl-Kapseln weniger schmerz- und entzündungshemmende Medikamente einnehmen mussten. Da die Studien allesamt nur an sehr kleinen Teilnehmerzahlen durchgeführt wurden, sind sie nur bedingt aussagekräftig. Für ein klareres Bild wären daher Studien an weit größeren Teilnehmerzahlen nötig.

Ob eine fischreiche Ernährung rheumatische Beschwerden verringern kann, ist kaum untersucht.

Grünschalmuschel bei Rheuma und Arthrose fragwürdig

Die Grünschalmuschel (auch Grünlippmuschel genannt) soll die neuseeländischen Maori-Ureinwohner vor rheumatischen Beschwerden bewahren. Jene Maori, die an der neuseeländischen Küste leben, haben angeblich seltener mit rheumatischer Arthritis zu kämpfen als ihre im Landesinneren beheimateten Kollegen. Den Grund dafür meinten Wissenschaftler im Speiseplan der Küsten-Maori zu sehen – die Grünschalmuschel ist dort eine wichtige Zutat.

Geschäftstüchtige Muschelzüchter verkaufen mittlerweile große Mengen der beliebten Speisemuscheln an Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln. Der Muschelextrakt ist unter anderem reich an Omega-3-Fettsäuren und soll sich positiv auf rheumatische Symptome auswirken.

Dem widerspricht die um objektive wissenschaftliche (evidenzbasierte) Analysen bemühte Natural Standard Research Collaboration [2]. Wissenschaftler dieser internationalen Organisation fassten bisher veröffentlichte Studien zusammen. Ihre Schlussfolgerung: für eine solch positive Wirkung bei Patienten mit rheumatoider Arthritis gibt es keine stichhaltigen Belege. Studien dazu sind von schlechter Qualität, wurden an nur wenigen Teilnehmern durchgeführt und liefern widersprüchliche Ergebnisse.

Für die Gelenksabnützungserscheinung Arthrose bescheinigen die Wissenschaftler Extrakten der Grünschalmuschel sogar eine mögliche Wirkungslosigkeit [2]. Eine etwas ältere systematische Übersichtssarbeit findet jedenfalls keinen Hinweis auf eine Wirkung [3]. Arthrose betrifft besonders im Alter viele Menschen, etwa drei Viertel aller Menschen ab 55 Jahren leiden daran.

Keine Heilung, aber Symptombehandlung möglich

Rheumatoide Arthritis trifft bis zu einem von 100 Menschen im Laufe ihres Lebens. Betroffene leiden vor allem an geschwollenen und entzündeten Gelenken, Schmerzen, Steifheit am Morgen und Abgeschlagenheit. Schuld ist ein überschießendes Immunsystem, das aus ungeklärter Ursache die Gelenke angreift. Die Krankheit ist nicht heilbar, es gibt jedoch mehrere Möglichkeiten für eine gezielte Behandlung:

Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) (dazu zählen beispielsweise auch Ibuprofen oder Diclofenac), Cortison-artige Mittel (Steroide), sogenannte Basistherapeutika (die meist nur längerfristig wirken und schwere Nebenwirkungen haben können, z.B. Methotrexat) sowie „Biologica“, darunter versteht man gentechnisch hergestellte Eiweiße [5]. Doch auch sportliche Bewegung und physiotherapeutische Behandlungen können hilfreich sein [6].

(AutorIn: B. Kerschner, Review: C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Lee u.a. (2012)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 10 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 370 Patienten mit rheumatoider Arthritis
Fragestellung: Können Omega-3-Fettsäure-Präparate die Symptome von rheumatoider Arthritis im Vergleich zu Placebo verringern?
Interessenskonflikte: Keine laut Autoren

Lee YH, Bae SC, Song GG. Omega-3 polyunsaturated fatty acids and the treatment of rheumatoid arthritis: a meta-analysis. Arch Med Res. 2012 Jul;43(5):356-62. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Ulbricht u.a. (2009)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Anzahl der eingeschlossenen Studien: 2 systematische Übersichtsarbeiten (eine zu Arthrose, eine zu Arthrose und rheumatoider Arthritis), 11 randomisiert-kontrollierte Studien (davon 4 zu Arthrose und 6 zu rheumatoider Arthritis sowie eine zu Asthma) sowie zwei nicht-randomisierte Vorher-Nachher-Untersuchungen (eine zu Arthrose, eine zu rheumatoider Arthritis)
Fragestellung: Können Präparate aus neuseeländischen Grünschalmuscheln (Perna canaliculus) die Symptome von rheumatoider Arthritis, Arthrose oder Asthma verringern?
Mögliche Interessenskonflikte: Keine laut Autoren

Ulbricht C, Chao W, Costa D, Nguyen Y, Seamon E, Weissner W. An evidence-based systematic review of green-lipped mussel (Perna canaliculus) by the Natural Standard Research Collaboration. J Diet Suppl. 2009;6(1):54-90. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[3] Brien u.a. (2008)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Anzahl der eingeschlossenen Studien: 3 randomisiert-kontrollierte Studien zu Grünschalmuschel-Extrakt
Teilnehmer insgesamt: 171 Patienten mit Arthrose (in den 3 Studien zu Grünschalmuschel-Extrakt)
Fragestellung: Kann ein Extrakt aus Grünschalmuscheln Symptome von Arthrose im Vergleich zu Placebo verringern?
Mögliche Interessenskonflikte: Keine laut Autoren

Brien S, Prescott P, Coghlan B, Bashir N, Lewith G. Systematic review of the nutritional supplement Perna Canaliculus (green-lipped mussel) in the treatment of osteoarthritis. QJM. 2008 Mar;101(3):167-79. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] Die Österreichische Ernährungspyramide. Bundesministerium für Gesundheit. Abgerufen am 17. 6. 2014 unter: bmg.gv.at/home/Schwerpunkte/Ernaehrung/Empfehlungen/Die_Oesterreichische_Ernaehrungspyramide

[5] Schur PH, Moreland MW (2014). General principles of management of rheumatoid arthritis in adults. In Romain PL (ed.). UpToDate. Abgerufen unter www.uptodate.com/contents/general-principles-of-management-of-rheumatoid-arthritis-in-adults am 17. 6. 2014.

[6] Schur PH, Maini RN, Gibofsky A (2014). Nonpharmacologic and preventive therapies of rheumatoid arthritis. In Romain PL (ed.). UpToDate. Abgerufen unter www.uptodate.com/contents/nonpharmacologic-and-preventive-therapies-of-rheumatoid-arthritis am 17. 6. 2014.