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Religion und psychische Gesundheit

©iStockphoto.com/RogerBrunch

Ist Religion gesund?

Orf.at berichtet über eine aktuelle Studie, laut der Religion die psychische Gesundheit fördert. Können wir an die gute Wirkung von Glauben glauben?

Zeitungsartikel: Studie: Religion fördert psychische Gesundheit (2.4.2013, orf.at),
Frage:Fördert Religion die psychische Gesundheit?
Antwort:Die Studien lassen aus mehreren Gründen keinen Schluss zu: Die Ergebnisse sind widersprüchlich, nur wenige Studien sind von unabhängigen Autoren und Religion ist kein Begriff, der einheitlich gemessen wird; weder Wirkungen noch Nebenwirkungen können klar dem Faktor „Religion“ zugeschrieben werden, weil es einen einheitlichen Faktor „Religion“ so nicht gibt.
Beweislage:
Unzureichende wissenschaftliche Beweislage

Der österreichische Neurowissenschaftler Raphael Bonelli hat gemeinsam mit seinem Koautor die Forschungsarbeiten zu Religion und psychischer Gesundheit im Zeitraum von 1990 bis 2010 ausgewertet [1]. Die beiden Autoren kommen zu dem Schluss, dass Religion mit besserer psychischer Gesundheit einhergeht – zumindest in den Bereichen Depression, Drogenmissbrauch und Suizid. Auch andere Übersichtsarbeiten kommen zu ähnlichen Schlüssen [2][3][4], auch wenn sie nur einen minimalen Effekt finden [2][4], von dem nicht klar ist, ob er überhaupt für die Betroffenen wahrnehmbar ist. Dennoch ist die Frage alles andere als geklärt, wofür es eine Reihe an Gründen gibt:

Kaum Aussagekraft

Religion, Religiosität und Spiritualität lassen sich schwer voneinander abgrenzen und auch sehr schwer messen. Übersichtsarbeiten stehen also vor dem Problem, dass die einzelnen Studien die zentralen Begriffe unterschiedlich definieren und unterschiedliche Messinstrumente verwenden. Einige der Übersichtsarbeiten trennen erst gar nicht zwischen Religiosität und Spiritualität [2][3]. In einer Meta-Analyse von Yonker wurden beispielsweise in den 75 eingeschlossenen Studien 40 verschiedene Messinstrumente für Religion und Spiritualität verwendet [3]. Unterschiedliche Arten zu messen führen zu unterschiedlichen Ergebnissen [4]. Es ist beinahe unmöglich die Ergebnisse der Einzelstudien und in weiterer Folge der Übersichtsarbeiten sinnvoll zusammen zu führen.

Wie schwierig es ist, der Vielfalt von religiösen Überzeugungen und Systemen in Forschungsarbeiten gerecht zu werden, zeigt auch eine aktuelle Studie [5]: Dieser Arbeit zu Folge ist für die mentale Gesundheit nicht entscheidend, wie sehr man an Gott glaubt, sondern welche Eigenschaften man diesem Gott zuschreibt. Der Glaube an einen strafenden Gott wirkt sich negativ aus, der Glaube an einen gütigen Gott positiv [5]. Obwohl diese Studie also nur einen winzigen Bereich unterschiedlicher religiöser Aspekte abdeckt, kommt es schon hier zu entgegengesetzten Wirkungen. Der Begriff „Religion“ ist schlicht zu umfassend, um als ein einzelner Faktor beurteilt zu werden. Klare Antworten kann es nur zu sehr konkreten Fragestellungen innerhalb des Themenkomplexes geben, ein mögliches Beispiel wäre die Frage, ob Menschen, die regelmäßig an religiösen Treffen teilnehmen eine geringere Sterblichkeitsrate aufweisen (siehe unten).

Qualität und Abhängigkeit

Viele Studien sind von religiösen Gruppen finanziert [2][3][4][5], zwar nicht die Studie von Bonelli [1], der Erstautor ist allerdings Mitglied der römisch-katholischen Laienorganisation „Opus Dei“. Das allein sagt noch nichts über die Qualität der Studien, manche methodischen Mängel und ungewöhnliche Vorgehensweisen fallen aber stärker in den Blick: beispielsweise eine eingeschränkte Suche; des Weiteren ist es unklar, ob die Auswahl der eingeschlossenen Studien die Autoren unabhängig voneinander vorgenommen haben und es wurden nur Studien eingeschlossen, die in den besten Journalen veröffentlicht worden waren. Das klingt zwar nach einem Qualitätskriterium, ist aber in systematischen Übersichtsarbeiten nicht üblich und kann zu Verzerrungen führen. Denn dadurch werden viele Artikel von vornherein ausgeschlossen ohne auf Aussage und Qualität geprüft worden zu sein.

Auch die Arbeiten von Luccetti ua [2] und Yonker ua [3] sind keine guten systematischen Übersichtsarbeiten, sondern haben teils methodische Schwächen und stellen Vergleiche her, deren Aussagekraft zu bezweifeln ist.

Ist es die Religion?

Bei jedem gefundenen statistischen Zusammenhang stellt sich die Frage, ob die beiden untersuchten Faktoren tatsächlich direkt miteinander zu tun haben oder ob andere Einflüsse beteiligt sind. Selbst wenn religiöse Menschen weniger psychische Erkrankungen hätten, wäre noch lange nicht klar, woran das liegt. Manche Religionen haben strenge Verhaltensregeln, die sich direkt auf die körperliche und geistige Gesundheit auswirken, beispielsweise ein Verbot von Alkohol und Tabak [6]. Auch abseits konkreter Vorgaben durch ihren Glauben leben religiöse Menschen laut einigen Studien gesünder: gläubige Jugendliche beispielsweise essen mehr Gemüse, verwenden den Sicherheitsgurt im Auto, bewegen sich mehr und schlafen mehr [6].

Hintergrund: Länger leben mit Religion?

Schon 1999 zeigten Studien eine längere Lebenserwartung für Menschen, die mehr als einmal die Woche sich einer religiösen Tätigkeit widmeten. Aber auch hier lässt sich bis jetzt nicht festmachen, wie das zustande kommt. In Frage kommen unter anderem unterschiedliche Lebensgewohnheiten von Religiösen, religiöse Gebote mit Einfluss auf die Gesundheit, soziale Unterstützung, andere Formen der Stressbewältigung und vieles mehr [6]. Eine aktuelle Übersichtsarbeit [7] bestätigt die niedrigere Sterblichkeitsrate für jene, die regelmäßig an religiösen Zusammenkünften teilnehmen, allerdings kommen die Forscher zu dem Schluss, dass dafür ausschließlich die soziale Komponente verantwortlich ist, nicht die religiöse. Sie verglichen Menschen, die regelmäßig an sozialen Ereignissen ohne religiösen Charakter teilnahmen mit solchen, die regelmäßig an sozialen Ereignissen mit religiösem Charakter teilnahmen. Es fand sich kein Unterschied in der Sterblichkeitsrate.

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Bonelli, Koenig (2013)
Studientyp:Übersichtsarbeit
eingeschlossene Studien: drei randomisiert-kontrollierte Studien, eine Fall-Kontroll-Studie und 39 andere
Fragestellung: Zusammenhang von psychischer Gesundheit mit Religion bzw. Spiritualität
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben, der Erstautor ist „Opus Dei“ Mitglied

Bonelli RM, Koenig HG. Mental disorders, religion and spirituality 1990 to
2010: a systematic evidence-based review. J Relig Health. 2013 Jun;52(2):657-73.
(Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Luccetti u.a. (2011)
Studientyp: Übersichtsarbeit zu Meta-Analysen
eingeschlossene Studien: 28 Meta-Analysen
Fragestellung: Vergleich der Wirkung von Spiritualität/Religion mit anderen Gesundheitsinterventionen
Mögliche Interessenskonflikte: unterstützt von Spiritist Medical Association in Brasilien, zwei der drei Autoren sind dort auch Mitglied

Lucchetti G, Lucchetti AL, Koenig HG. Impact of spirituality/religiosity on
mortality: comparison with other health interventions. Explore (NY). 2011
Jul-Aug;7(4):234-8.
(Zusammenfassung der Studie)

[3] Yonker u.a. (2012)
Studientyp: Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
eingeschlossene Studien:75
Teilnehmer: 66273
Fragestellung: Zusammenhang von Spiritualität/Religiosität mit psychologischen Faktoren bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen
Mögliche Interessenskonflikte: : finanziert vom Calvin Center for Christian Scholarship

Yonker JE, Schnabelrauch CA, Dehaan LG. The relationship between spirituality
and religiosity on psychological outcomes in adolescents and emerging adults: a
meta-analytic review. J Adolesc. 2012 Apr;35(2):299-314.
(Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[4] Smith u.a. (2003)
Studientyp: Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
eingeschlossene Studien:147
Teilnehmer: 98975
Fragestellung: Zusammenhang von Religiosität mit Depression
Mögliche Interessenskonflikte:Finanziert von der John Templeton Foundation, der Campaign for Forgiveness Research, TP Industrials Inc. und der Religious Research Association.

Smith TB, McCullough ME, Poll J. Religiousness and depression: evidence for a
main effect and the moderating influence of stressful life events. Psychol Bull.
2003 Jul;129(4):614-36.
(Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[5] Silton u.a. (2013)
Studientyp:Einzelstudie (Fragebogenstudie)
Teilnehmer: 1426
Fragestellung: Das Gottesbild und mentale Gesundheit bei amerikanischen Erwachsenen
Mögliche Interessenskonflikte:finanziert von der John Templeton Foundation

Silton NR, Flannelly KJ, Galek K, Ellison CG. Beliefs About God and Mental
Health Among American Adults. J Relig Health. 2013 Apr 10.
(Zusammenfassung der Studie)

[6] Williams, Sternthal(2007)
Studientyp:narrative Übersichtsarbeit
Fragestellung: Evidenz zu Spiritualität/Religion und Gesundheit
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Williams DR, Sternthal MJ. Spirituality, religion and health: evidence and
research directions. Med J Aust. 2007 May 21;186(10 Suppl):S47-50.
(Zusammenfassung der Studie)

[7] Shor u.a. (2013)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse und Meta-Reggression
eingeschlossene Studien:74
Teilnehmer: über 300.000
Fragestellung: Ist die höhere Lebenserwartung von Menschen, die an religiösen Ereignissen teilnehmen allein der sozialen Komponente solcher Ereignisse zu verdanken oder gibt es eine religiöse Komponente?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Shor, E. and Roelfs, D. J. (2013), The Longevity Effects of Religious and Nonreligious Participation: A Meta-Analysis and Meta-Regression. Journal for the Scientific Study of Religion, 52: 120–145. (Übersichtsarbeite im Volltext)