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Raus aus dem Tief mit Johanniskraut?

©istockfoto.com/Pali137

Gelb soll gegen Grau helfen

In der Volksmedizin kommt Johanniskraut seit Jahrhunderten als Stimmungsaufheller zum Einsatz. Doch hat die Pflanze auch in der modernen Depressions-Therapie einen Platz verdient?

Frage:Hilft Johanniskraut bei Depressionen?
Antwort:möglicherweise Ja
Erklärung:Johanniskraut-Präparate sind möglicherweise ähnlich wirksam wie bestimmte Medikamente zur Behandlung von leichten und mittelschweren Depressionen. Die Johanniskraut-Extrakte werden im Allgemeinen besser vertragen als synthetische Antidepressiva. Über Langzeiteffekte ist jedoch nicht genug bekannt und es kann zu Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten kommen.

Alle Menschen machen im Laufe des Lebens Phasen durch, in denen sie schlecht drauf sind. Das Grau des Winters, Frust in der Arbeit oder Beziehungsstress können die Auslöser sein. Es gehört dazu, dass manchmal Mut und Energie fehlen. Die schlechte Laune gewinnt vorübergehend die Oberhand. [4] [8]

Mehr als Melancholie

Derartige negative Gefühle sind allerdings nicht mit einer echten Depression zu verwechseln. Depressive Menschen rappeln sich nicht innerhalb von Wochen wieder auf. Vielmehr ziehen sich die Betroffenen manchmal zurück oder haben Schwierigkeiten, ihren Alltag und das Berufsleben zu meistern. [4] [8]

Sie leiden beispielsweise unter Selbstzweifeln, Antriebslosigkeit, Erschöpfung, Konzentrationsproblemen, Schuldgefühlen und Niedergeschlagenheit. Auch Schlafstörungen und Gewichtsschwankungen zählen zu den möglichen Beschwerden. Eine Depression kann zu Selbstmordgedanken führen, im schlimmsten Fall sogar zum Selbstmord. [4] [8]

Ausstieg aus der Niedergeschlagenheit

Eine Depression ist also eine ernste Erkrankung. Sie kann etwa durch traumatische Erlebnisse, genetische Faktoren oder hormonelle Veränderungen begünstigt sein.

Depressive Menschen scheuen trotz des hohen Leidensdrucks oft den Gang zum Arzt oder Psychologen. Dabei sind Depressionen behandelbar. Je nach Art, Anzahl, Dauer und Intensität der Beschwerden stehen verschiedene Ansätze zur Verfügung: Psychotherapie und bestimmte verschreibungspflichtige Medikamente (synthetische Antidepressiva) können allein oder in Kombination für Linderung sorgen. [4][8]

Unterstützung aus der Natur

Darüberhinaus gibt es Johanniskraut-Präparate. Extrakte der gelbblühenden Pflanze sollen gegen Depressionen helfen; zumindest werden diese Mittel schon seit Jahrhunderten bei dem seelischen Leiden eingesetzt. Doch – Tradition hin oder her – ist eine solche Anwendung überhaupt wirksam und sicher? Wirkmechanismus und verantwortliche Substanzen sind jedenfalls noch nicht im Detail aufgeklärt. [6] [9]

Nichtsdestotrotz sind Johanniskraut-Präparate bei leichten und mittelschweren Depressionen ab einer bestimmten Dosis vermutlich ähnlich wirksam wie einige gängige Antidepressiva aus dem Labor. Das heißt, die Pflanzenmittel können möglicherweise bei einer leichten bis mittelschweren Depression helfen. Es werden allerdings mehr Studien benötigt, um beispielsweise genaueres über die Langzeiteffekte zu erfahren. Es ist auch wichtig, diversen Widersprüchen von bisherigen Studien nachzugehen.

Johanniskraut-Präparate sind im Allgemeinen gut verträglich. Sie können aber auch Nebenwirkungen auslösen, zum Beispiel Übelkeit, Hautirritationen, Kopfschmerzen oder Sonnenbrand-ähnliche Symptome nach Sonnenbädern. [1][3] Auch ganz abgesehen von den Nebenwirkungen, ist eine Selbstmedikation keine gute Idee: Wenn der Verdacht auf eine Depression besteht, sollte das auf jeden Fall ärztlich abgeklärt werden.

Kein harmloses Wundermittel

Vorsicht ist hinsichtlich einiger Wechselwirkungen geboten. Denn Johanniskraut kann andere Medikamente, die parallel angewendet werden, ungünstig beeinflussen. So ist es möglich, dass sich die Wirkung der Anti-Baby-Pille oder von Blutverdünnern verändert. Bei gleichzeitiger Einnahme von Johanniskraut-Präparaten und anderen Antidepressiva kann es zum Serotonin-Syndrom kommen. Personen, die Johanniskraut einnehmen, sollten daher auf jeden Fall ihren Arzt oder Apotheker informieren, damit es nicht zu gefährlichen Wechselwirkungen kommt. [3] [6] [9]

Diese unerwünschten bis gefährlichen Effekte können leicht unterschätzt werden, da die Präparate zum Beispiel in Drogeriemärkten als Nahrungsergänzungsmittel angeboten werden – und somit möglicherweise allzu harmlos erscheinen. Die Präparate werden übrigens in unterschiedlichen Dosierungen verkauft; sie können daher unterschiedlich wirken. Die Pflanzenprodukte unterliegen bei ihrer Herstellung nicht immer den strengen Standards wie dies bei Medikamenten der Fall ist. [9]

 

Die Studien im Detail

Über Johanniskraut als Mittel gegen Depressionen gibt es zwar eine beachtliche Anzahl von Studien. Doch nur wenige sind so gut gemacht, dass sie verlässliche Antworten rund um Wirksamkeit und Sicherheit liefern.

Die besten Studien hat die Cochrane Collaboration 2009 ausgewertet [1]: In einer systematischen Übersichtsarbeit sind 29 randomisiert-kontrollierte Studien zusammengefasst; 23 davon stammen aus Europa, der Rest aus Kanada, Brasilien und den USA. Die jeweiligen Untersuchungen dauerten vier bis zwölf Wochen. Es nahmen insgesamt 5489 Personen teil, die entweder eine leichte, mittelschwere oder schwere Depression hatten.

➢ Die Auswertung der Daten zeigte, dass Johanniskraut-Präparate besser wirkten als Scheinarzneien ohne Wirkstoff (Placebos).
➢ Weiters konnten die pflanzlichen Mittel ab einer gewissen Dosierung mit den hier untersuchten Antidepressiva mithalten. Das heißt, bei Patienten mit einer leichten bis mittelschweren Depression besserten sich oft die Symptome.
➢ Nebenwirkungen von Johanniskraut-Präparten waren vergleichsweise selten und mild.
➢ Über die Wirkung und Sicherheit bei einer Langzeit-Einnahme geben diese Studien keine Auskunft, ebenso nicht über eine mögliche Vorbeugung gegen ein Wiederaufflammen der Depression.
➢ Die Autoren der Cochrane-Übersichtsarbeit räumen ein, dass das Wohlwollen mancher Studienautoren gegenüber dem Johanniskraut zu allzu optimistischen Ergebnissen geführt haben könnte. Dies ist unter Umständen eine von mehreren plausibel erscheinenden Erklärungen dafür, warum die Studien aus Europa insgesamt positivere Resultate lieferten als jene aus Nordamerika.

Davon ausgehend, dass Johanniskraut-Präparate zumindest kurzfristig so gut helfen können wie einige herkömmliche Antidepressiva, stellt sich die Frage: Wie stark wirken eigentlich die synthetischen Medikamente, mit denen Johanniskraut verglichen wurde? Wie groß ist der Effekt, den sie auslösen? Beruht die Verbesserung der Symptome etwa größtenteils auf dem Placeboeffekt? [6]

Fragen wie diese werden derzeit intensiv diskutiert. Es gibt Forscher, die die Wirksamkeit von Antidepressiva – also deren positive Effekte auf Vorgänge im Gehirn – gerade bei leichteren Depressionen in Frage stellen. [2] [5]

Zum Verwirrspiel um die Wirksamkeit von Antidepressiva trägt möglicherweise auch der Publikationsbias (publication bias) bei. Denn Forscher und Unternehmen veröffentlichen lieber ‚positive’ Ergebnisse und verschweigen eher ‚negative’ Resultate. Dadurch kommt es zu Verzerrungseffekten. [7]

Etwa 16 bis 20 von 100 Personen erkranken im Laufe ihres Lebens mindestens ein Mal an einer Depression oder depressiven Verstimmung (Dysthymie). [4] Im Sinne der vielen Betroffenen ist zu hoffen, dass künftig wirklich umfassende Daten zur Verfügung stehen. Sie sollen ein besseres Urteil darüber ermöglichen, welcher Therapieansatz am besten zum einzelnen Patienten passt

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: B. Kerschner, P. Mahlknecht)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Linde u.a. (2009)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit, Meta-Analyse der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 29 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 5489 depressive Personen
Fragestellung: Hilft Johanniskraut bei der Behandlung von Depressionen?
Interessenskonflikte: keine

Linde K, Berner MM, Kriston L.
St John’s wort for major depression. Cochrane Database of Systematic Reviews 2008, Issue 4. Art. No.: CD000448.
Zusammenfassung

Weitere wissenschaftliche Quellen

[2] Ioannidis (2008) Ioannidis, J. P. (2008). Effectiveness of antidepressants: an evidence myth constructed from a thousand randomized trials? Philosophy, Ethics, and Humanities in Medicine : PEHM, 3, 14.
Volltext (pdf)

[3] IQWIG(2013)Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWIG, gesundheitsinformation.de: Thema ‚Können Mittel aus Johanniskraut helfen?’
abgerufen am 27.12.2014

[4] IQWIG(2013)Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWIG, gesundheitsinformation.de: Thema ‚Depression’
abgerufen am 27.12.2014

[5] Kirsch u.a. (2008)Kirsch I, Deacon BJ, Huedo-Medina TB, Scoboria A, Moore TJ, et al. (2008), Initial Severity and Antidepressant Benefits: A Meta-Analysis of Data Submitted to the Food and Drug Administration. PLoS Med 5(2): e45.
Volltext

[6]National Center for Complementary and Alternative Medicine, National Institutes of Health (2012)St John Wort – herbs at a glance
abgerufen am 28.12.2014

[7]Turner u.a. (2008)Erick H. Turner, M.D., Annette M. Matthews, M.D., Eftihia Linardatos, B.S., Robert A. Tell, L.C.S.W., and Robert Rosenthal, Ph.D.
Selective Publication of Antidepressant Trials and Its Influence on Apparent Efficacy
N Engl J Med 2008; 358:252-260January 17, 2008
Volltext

[8]UpToDate (2014)Patient Information: Depression treatment options for adults (Beyond the Basics)
abgerufen am 31.12.2014

[9]UpToDate (2014)Patient Information: Clinical use of St. John’s wort, abgerufen am 31.12..2014