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Radiosynoviorthese: Mit Radioaktivität gegen Schmerzen in den Gelenken

Nuklearmedizin für Gelenke

Eine Spritze mit radioaktiv strahlendem Material direkt ins Gelenk soll laut NDR gegen Schmerzen helfen. Wie gut diese Art der Nuklearmedizin bei rheumatischer Arthritis im Vergleich zu anderen Behandlungsformen hilft ist trotz einiger Erfolgsgeschichten unklar.

Zeitungsartikel: Mit radioaktiven Strahlen gegen Schmerzen (16.9.2014, ndr.de)
Frage:Hilft eine Behandlung mit radioaktiven Mitteln gegen Schmerzen bei chronisch entzündlichen Gelenkserkrankungen?
Antwort:möglicherweise Ja
Erklärung:Je nach Ursache für die Schmerzen, kann die Radiosynoviorthese zu einer beträchtlichen Schmerzreduktion führen, wie eine Übersichtsarbeit von 2009 bestätigt. Allerdings ist nicht belegt, ob die Behandlung wirksamer ist als eine Kortisonbehandlung.

Die Dokumentation im deutschen Fernsehen zeigt, wie eine junge Patientin und ein älterer Patient durch eine Spritze ins Knie von Schmerzen befreit werden; die Patientin kann am Ende sogar wieder kniebelastende Sportarten durchführen. Der behandelnde Arzt darf erklären, dass die Behandlung risikoarm ist und wenig Nebenwirkungen hat. Sollten sich also viel mehr Patienten radioaktives Material in die Gelenke spritzen lassen?

Wie es helfen soll

Die Gelenkschleimhaut (Synovialis) kleidet innen das Gelenk aus und bildet die Gelenkschmiere. Bei chronischen Entzündungen verdickt sich die an sich dünne Haut – Knorpel, Knochen und Bänder werden geschädigt, was zu starken Schmerzen führt. Wird die richtige Menge einer geeigneten radioaktiven Substanz direkt in das Gelenk gespritzt, bringt die Strahlung die geschwollene und entzündete Gelenkschleimhaut zum Absterben – nach dem Abheilen kann eine gesunde Haut nachwachsen, die Entzündung ist weg [1].
Je nach Größe des Gelenks werden unterschiedliche Strahlungsquellen verwendet: Yttrium, Erbium und Rhenium haben unterschiedliche Eindringtiefen in das Gewebe, damit kann die richtige Dosis an Strahlung in die Gelenkschleimhaut vordringen [1]. Meistens wird zusätzlich Cortison gespritzt, um die Entzündung schnell einzuschränken. Denn die Wirkung der Behandlung lässt etwas auf sich warten, da die Haut Zeit braucht, um sich zu erneuern. Ist ihr das gelungen, sollten die Patienten nach spätestens drei Monaten deutlich weniger Schmerzen als vor dem Eingriff haben. Der Nuklearmediziner geht im Interview davon aus, dass „die Wirkung jahrelang anhält.“

Wie es wem hilft

Doch eine Wirkung kann es überhaupt nur geben, wenn die geschwollene Gelenkhaut die Ursache für die Schmerzen ist. Das kann bei rheumatischer Arthritis der Fall sein, bei aktivierter Arthrose (Osteoarthritis) aber auch bei Gelenkergüssen und gelegentlich auch bei Arthrose, also bei Abnutzungserscheinungen [a]. Ob die Gelenkhaut geschwollen ist, muss unbedingt vor dem Eingriff abgeklärt werden.

Laut einer Übersichtsstudie von 2009 schwanken die Erfolgsraten bei kleinen Gelenken 12 Monate nach der Behandlung von 54 bis 100 Prozent Schmerzreduktion, bei großen Gelenken von 29 bis 94 Prozent Schmerzreduktion [1]. Das klingt zwar vielversprechend, ob sich die Schmerzen auch ohne radioaktive Mittel von alleine gebessert hätten. Die Ergebnisse sagen also noch nicht viel über die Wirksamkeit aus.

Der Vergleich macht unsicher

Drei Einzelstudien in der Übersichtsarbeit vergleichen die Radiosynoviorthese mit anderen Injektionen – Kochsalzlösung oder Kortison. Bei der Kniebehandlung schneidet die Therapie nach sechs Monaten besser ab als die Vergleichsgruppen, doch nach 12 Monaten findet sich der Unterschied nicht mehr. Genau umgekehrt verhält es sich bei kleinen Gelenken, hier hat die Radiosynoviorthese nach einem Jahr zu einer größeren Schmerzreduktion geführt als Kochsalzlösung oder Kortison [1].

Eine etwas neuere randomisiert-kontrollierte Studie verglich zwei Mittel für die Radiosynoviorthese und Kortison: Nach 48 Wochen schneidet das häufig eingesetzte Yttrium besser ab als Kortison und das Vergleichsmittel, allerdings nur in einem einzigen Punkt – nämlich bei einer bestimmten Schmerzskala. Die Versuchsleiter haben aber zahlreiche mögliche Verbesserungen gemessen, zum Beispiel auch Bewegungsumfang oder die Einnahme von Schmerzmitteln; in keinem weiteren Punkt konnte die Radiosynoviorthese besser abschneiden als die Vergleichsgruppe [2]. Es ist also nicht auszuschließen, dass dieser eine signifikante Unterschied nur ein Zufallsergebnis ist.

Insgesamt steht damit nicht fest, ob die Radiosynoviorthese besser wirkt als Kortison allein. Randomisiert kontrollierte Studien mit aussagekräftigen Vergleichsgruppen sind notwendig.

Nebenwirkungen

Nebenwirkungen sind tatsächlich selten. Aufgrund der Strahlenbelastung wird der Eingriff allerdings nicht für Patienten unter 20 Jahren und für Schwangere und Stillende empfohlen. In sehr seltenen Fällen kann es zu Infektionen kommen, wenn Keime in das Gelenk geraten, was aber für jede Injektion in Gelenke gilt. Nach dem Eingriff muss das Gelenk für zumindest 48 Stunden ruhig gestellt werden, sonst kann das strahlende Material sich entweder ausbreiten oder in den Einstichkanal zurück fließen und dort das Gewebe schädigen [1][a].

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Van der Zant ua (2009)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 21
Teilnehmer insgesamt: Behandlung von insgesamt 7919 Gelenken
Fragestellung: Wirksamkeit von Radiosynoviorthese (Radiation synovectomy) mit Yttrium, Rhenium oder Erbium
Interessenskonflikte: Keine angegeben.

van der Zant FM, Boer RO, Moolenburgh JD, Jahangier ZN, Bijlsma JW, Jacobs JW.
Radiation synovectomy with (90)Yttrium, (186)Rhenium and (169)Erbium: a
systematic literature review with meta-analyses. Clin Exp Rheumatol. 2009
Jan-Feb;27(1):130-9.
Zusammenfassung

[2] dos Santos u.a. (2011)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer insgesamt: 84 Patienten in drei Gruppen
Fragestellung: Wirkung von Radiosynoviorthese mit Yttrium verglichen mit Samarium und einer Kontrollgruppe bei Patienten mit rheumatoider Arthritis Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Dos Santos MF, Furtado RN, Konai MS, Castiglioni ML, Marchetti RR, Silva CP,
Natour J. Effectiveness of radiation synovectomy with Yttrium-90 and Samarium-153 particulate hydroxyapatite in rheumatoid arthritis patients with knee synovitis: a controlled, randomized, double-blinded trial. Clin Rheumatol. 2011
Jan;30(1):77-85.
Zusammenfassung

Weitere wissenschaftliche Quellen

[a]Linke u.a. (2011)
Studientyp: Expertenmeinung, Z Rheumatol. 2011 Jan;70(1):34-44.
Zusammenfassung