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Schützt Selbstbefriedigung vor Prostata-Krebs?

Häufige Ejakulationen als Krebsschutz?

Häufige Ejakulationen als Krebsschutz?

Selbstbefriedigung als wirksame Vorbeugung gegen Krebs – diese freudige Nachricht verbreitete oe24.at im Jahr 2008. Die Studie dazu wurde schon 2003 veröffentlicht und heute möchte einer unserer Leser wissen: Wie sieht es wirklich aus?

 
 

 

Zeitungsartikel: Masturbation beugt Krebs vor (16.4.2008, oe24.at)
Frage:Haben häufige Ejakulationen einen schützenden Effekt gegen Prostatakrebs?
Antwort:möglicherweise Ja
Erklärung:Eine Kohortenstudie legt nahe, dass häufigere Ejakulationen ab einem Alter von 40 Jahren beziehungsweise über die gesamte Lebensdauer das Risiko für Prostatakrebs möglicherweise senken könnte. Dies gilt nicht ausschließlich für Ejakulationen durch Masturbation, sondern durch jegliche sexuelle Aktivität.

Im Jahr 2003 kam eine Studie zu einem Ergebnis, bei dem klar war, dass es weltweit durch die Medien gehen würde: Selbstbefriedigung beim Mann schützt ihn vor Prostatakrebs. Fünf Jahre später stolperte offensichtlich jemand von oe24.at über die Studie und verbreitete erneut die Jubelmeldung – auch wenn die Studienlage – im Gegensatz zum Thema – nicht befriedigend ist.

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Die Forscher verglichen damals das Sexualverhalten von Männern mit Prostatakrebs mit jenem von gesunden Männern über 70. Dazu mussten die Teilnehmer einen Fragebogen ausfüllen, der ihr Sexualleben von ihrem zwanzigsten bis zu ihrem fünfzigsten Lebensjahr erfasste. Gefragt wurde unter anderem nach der Zahl der Sexualpartner, die meisten Ejakulationen innerhalb von 24 Stunden und die Gesamtzahl der Ejakulationen im sexuell aktivsten Jahr. Ergebnis: Männer mit häufigen Ejakulationen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren haben ein um ein Drittel reduziertes Prostatakrebs-Risiko im Vergleich zu jenen mit seltenen Ejakulationen [1].

Die Methodik der Studie als Fall-Kontroll-Studie und einer Befragung über Ereignisse, die viele Jahrzehnte zurück liegen, bringt es mit sich, dass die Aussagekraft nur gering ist. Nimmt man das Ergebnis trotzdem ernst, zeigt es nicht, dass viel Selbstbefriedigung schützt, sondern eher, dass Männer mit sehr wenig Ejakulationen ein etwas höheres Prostatakrebs-Risiko haben könnten.

Erstaunlich wenig Forschung

Trotz der Aussicht auf eine wissenschaftliche Rechtfertigung für häufige Selbstbefriedigung, hat die Studie von 2003 keinen Forschungsboom ausgelöst – was doch überrascht, denn Prostatakrebs ist keine Seltenheit.

Eine Studie mit ähnlichem Aufbau wurde 2009 mit 840 Teilnehmern durchgeführt. Das Ergebnis war aber ein anderes: Häufige Masturbation im Alter zwischen 20 und 30 soll das Prostatakrebsrisiko steigern, im Alter über 50 jedoch senken [2]. Für die Studie gelten die gleichen Einschränkungen, auch wenn sie den Vorteil hat, dass von Anfang an Masturbation als eigener Faktor gezielt untersucht wurde, also nicht nur als Teil der Gesamt-Ejakulationen. Der Unterschied im Ergebnis könnte auch daher kommen, dass in dieser Studie jüngere Patienten (unter 60) untersucht wurden.

2004 veröffentlichte ein Team von Wissenschaftlern eine Studie mit einer deutlich aussagekräftigeren Methodik: Beinahe 30.000 Männer wurden über knapp acht Jahre regelmäßig über ihr Sexualverhalten befragt und es wurde beobachtet, wer Prostatakrebs entwickelt. Hier zeigt sich, dass häufige Ejakulationen ab dem vierten Lebensjahrzehnt beziehungsweise über die gesamte Lebensdauer möglicherweise das Risiko für Prostatakrebs senken [3]. Aber auch bei einer solchen Kohortenstudie ist es nie möglich, alle denkbaren Faktoren zu berücksichtigen. In Summe liefert die Studie Hinweise darauf, dass mit steigender Ejakulationshäufigkeit das Risiko für Prostatakrebs tatsächlich sinken könnte. Die Autoren der Studie untersuchten allerdings nicht Masturbation alleine, sondern die Häufigkeit der Ejakulationen insgesamt, also auch derjenigen durch andere sexuelle Handlungen.

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Giles u. a. (2003)
Studientyp: Fall-Kontroll-Studie
Teilnehmer insgesamt: 2338
Fragestellung: Zusammenhang zwischen Sexualverhalten und Prostatakrebs
Interessenskonflikte: keine angegeben

Giles, G.G., Severi, G., English, D.R., McCredie, M.R.E., Borland, R., Boyle, P. and Hopper, J.L. (2003), Sexual factors and prostate cancer. BJU International, 92: 211–216. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Dimitropoulou u.a. (2009)
Studientyp: Fall-Kontroll Studie
Teilnehmer: 840
Fragestellung: Sexualverhalten und Risiko für Prostatakrebs bei unter 60-Jährigen
Mögliche Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Dimitropoulou P, Lophatananon A, Easton D, Pocock R, Dearnaley DP, Guy M, Edwards S, O’Brien L, Hall A, Wilkinson R, Eeles R, Muir KR; UK Genetic Prostate Cancer Study Collaborators; British Association of Urological Surgeons Section of Oncology. Sexual activity and prostate cancer risk in men diagnosed at a younger age. BJU Int. 2009 Jan;103(2):178-85. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Leitzmann u.a. (2004)
Studientyp: Prospektive Kohortenstudie
Teilnehmer: 29342
Fragestellung: Ejakulationsfrequenz und Risiko für Prostatakrebs
Mögliche Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Leitzmann MF, Platz EA, Stampfer MJ, Willett WC, Giovannucci E. Ejaculation frequency and subsequent risk of prostate cancer. JAMA. 2004 Apr 7;291(13):1578-86. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] Banerjee (1986).
Fall-Kontroll-Studie mit 423 Teilnehmern

Banerjee AK. Carcinoma of prostate and sexual activity. Urology. 1986 Aug;28(2):159. (keine Zusammenfassung online)