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Prostatakrebs: Früherkennungs-Tests bringen wenig

Prostatakrebs: Sinnvolle Früherkennung?

Prostatakrebs: Sinnvolle Früherkennung?

Regelmäßige PSA-Früherkennungs-Tests sollen das Prostatakrebs-Risiko senken, so Vorarlberg Online anlässlich der Männergesundheitsinitiative „Movember“. Tatsächlich können PSA-Tests die Sterbewahrscheinlichkeit jedoch kaum verringern. Häufig führen sie sogar zu Überdiagnosen mit gravierenden Folgen.
 
 

 

Zeitungsartikel: Prostata: Männer ab 45 sollten mindestens einmal im Jahr zur Vorsorge (4.11.2013, Vorarlberg Online; www.vol.at)
Frage:Können regelmäßige Untersuchungen das Risiko deutlich senken, an Prostatakrebs zu sterben?
Antwort: Der regelmäßige PSA-Früherkennungs-Test kann das Sterberisiko durch Prostatakrebs kaum verringern. Häufig führt er sogar zu einer Überdiagnose mit schweren Folgen wie Inkontinenz und Erektionsstörungen.
Beweislage:
Mittlere wissenschaftliche Beweislage gegen eine deutliche Risikosenkung

Prostatakrebs ist nicht nur die häufigste Krebserkrankung beim Mann, auch die Zahl der Diagnosen ist in den letzten Jahrzehnten sprunghaft angestiegen. Das Deutsche Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) verweist auf den PSA-Test als die Ursache für diesen Anstieg [4].

Dieser Test ist die gängigste Methode zur Früherkennung von Prostatakrebs. Sie kann zwar keine Krebserkrankung verhindern, ermöglicht aber theoretisch, Krebs so frühzeitig zu entdecken, dass er noch gut behandelt werden kann. Beim PSA-Test wird das Blut auf erhöhte Werte des von der Prostata produzierten Eiweißstoffs PSA (Prostata-spezifisches Antigen) untersucht. Ein erhöhter PSA-Blutspiegel kann auf Prostatakrebs hindeuten, aber auch andere, harmlose Ursachen haben. Um abzuklären, ob ein Tumor und nicht zum Beispiel eine Entzündung oder ein erhöhter Druck auf die Prostata (durch vorheriges Radfahren oder einen Samenerguss) der Grund für die erhöhten PSA-Werte ist, sind weitere Untersuchungen nötig. So kann der Arzt beispielsweise Gewebe aus der Prostata entnehmen (Biopsie), um es genauer untersuchen zu können.

Das Problem „falsch positiv“

Doch auch hier hat die Medaille eine Kehrseite: nach einer vom IQWIG zitierten Studie [2] [5] hatten von 1000 Männern zwischen 55 und 69 Jahren 310 einen auffällig hohen PSA-Wert und unterzogen sich daraufhin einer Biopsie.

Das Resultat: Unter den 310 Patienten mit Krebsverdacht waren 240 tumorfrei. Das zeigt, dass der PSA-Test eine hohe Anzahl an falschen Alarmen (sogenannten falsch positiven Resultaten) liefert. Auch wenn ein überhöhter PSA-Wert in drei Viertel der Fälle keine spätere Krebsdiagnose bedeutet, beunruhigt er Patienten stark und führt zu psychischem Stress. Zudem ist die darauffolgende Biopsie ein invasiver Eingriff, der auch unangenehme Nebenwirkungen wie Entzündungen oder Fieber haben kann [5].

Umgekehrt wird bei 20 bis 25 von 1000 Männern später Prostatakrebs gefunden, obwohl der PSA-Test unauffällig war. Diese übersehenen Fälle (falsch-negative Ergebnisse) machen deutlich, wie unzuverlässig der PSA-Test ist.

Diagnose Prostatakrebs

Wie aber sieht es aus, wenn die Biopsie den auf dem PSA-Test beruhenden Verdacht bestätigt? Immerhin erhalten acht von 100 österreichischen Männern bis zum 75. Lebensjahr die Diagnose Prostatakrebs. Dennoch stirbt weniger als jeder 100. Mann auch tatsächlich daran.

Warum ist das so? Tumore an der Prostata wachsen in den meisten Fällen sehr langsam und werden damit zumeist rechtzeitig entdeckt. Zudem ist das Auftreten von Prostatakrebs im gehobenen Alter in den meisten Fällen keine akute Bedrohung mehr und daher ist auch keine sofortige Behandlung nötig. Die unterschiedlichen Behandlungsstrategien bei Prostatakrebs können Sie hier nachlesen: [Prostatakrebs: Abwarten oder Operieren]

Kaum Vorteil durch Früherkennungs-Test

Senkt der PSA-Test die Sterbewahrscheinlichkeit? Durch die breite Anwendung von PSA-Tests haben sich die Krebsdiagnosen mehr als verdoppelt. Weil in Folge auch mehr Männer eine Tumorbehandlung bekommen, müsste man meinen, dass sich damit auch die Wahrscheinlichkeit für einen frühzeitigen Tod deutlich verringert.

Überraschenderweise ist das nicht so. Regelmäßig durchgeführte PSA-Tests können die Wahrscheinlichkeit, frühzeitig zu sterben, kaum verringern, haben aber ein hohes Risiko für schwere Nebenwirkung. Das zeigt die zusammenfassende Analyse bisheriger randomisiert-kontrollierter Studien durch die Cochrane Collaboration [1]. Auch hier ist das langsame Wachstum vieler Tumore der Grund, sie werden auch ohne Früherkennungs-Test rechtzeitig entdeckt oder müssen eigentlich nicht behandelt werden.

Viele Männer erhalten daher Behandlungen, die nicht notwendig sind, aber die Lebensqualität deutlich verringern können. Die Nebenwirkungen von Operationen, Medikamenten und Bestrahlung reichen von Impotenz, ungewolltem Abgang von Urin (Inkontinenz) bis hin zu Verdauungsstörungen [5]. Im schwedischen Arm einer randomisiert-kontrollierten Studie aus Jahr 2011 [3] zeigt sich der Schaden durch die Übertherapie klar in Zahlen: 37 Männern, deren Tumor mittels PSA-Screening entdeckt wurde, muss im Durchschnitt die Prostata entfernt werden, um einem davon das Leben zu retten. Die anderen 36 erfahren keinen Gewinn an Lebenszeit, leiden aber dennoch an den Risiken und Nebenwirkungen dieser Operation.

Testen oder Nicht-Testen?

Flächendeckende PSA-Tests von gesunden Männern zur Prostatakrebsvorsorge lehnen aus diesem Grund sowohl die US-amerikanische Preventive Services Task Force, das Britische UK Screening Committee sowie die Kanadische Taskforce on Preventive Health Care ab.

Als Beitrag zu mehr Männergesundheit sollte der PSA-Test im Rahmen der Aktion „Movember“ also nur eine geringe Rolle spielen; hier kann man mit Verweis auf mehr Bewegung, bewusstere Ernährung und gesünderen Lebensstil mit weniger Aufwand deutlich mehr erreichen. Männer, die PSA Tests durchführen möchten, müssen sowohl über Vorteile, als auch über alle Risiken aufgeklärt werden.

(Autoren: C. Hahn, B. Kerschner, J. Wipplinger, G. Gartlehner)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Ilic u.a. (2013)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 5 randomisiert-kontrollierte Studien (RCTs)
Teilnehmer insgesamt: 341.342
Fragestellung: Auswirkung von PSA-Screening auf die Todesrate unter Berücksichtigung von Lebensqualität und Nebenwirkungen
Mögliche Interessenkonflikte: keine

Ilic D, Neuberger MM, Djulbegovic M, Dahm P. Screening for prostate cancer. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013, Issue 1. Art. No.: CD004720. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Schröder u.a. (2012)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 182,160 Männer zwischen 50 und 74 Jahren
Fragestellung: Auswirkung von PSA-Screening auf die Todesrate
Mögliche Interessenkonflikte: einige Autoren haben Verbindungen zu pharmazeutischen Unternehmen

Schröder FH, Hugosson J, Roobol MJ et al. Prostate-cancer mortality at 11 years of follow-up. N Engl J Med. 2012 Mar 15;366(11):981-90. (Studie in voller Länge)

[3] Bill-Axelson u.a. (2011)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 695
Fragestellung: Prostataektomie versus kontrollierte Beobachtung des Tumors
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Bill-Axelson A, Holmberg L, Ruutu M, Garmo H, Stark JR, Busch C, Nordling S, Häggman M, Andersson SO, Bratell S, Spångberg A, Palmgren J, Steineck G, Adami HO, Johansson JE; SPCG-4 Investigators. Radical prostatectomy versus watchful waiting in early prostate cancer. N Engl J Med. 2011 May 5;364(18):1708-17. (Studie in voller Länge)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen – IQWIG (2013). PSA-Test kann auch schaden. Abgerufen am 2. 12. 2013 unter: http://www.gesundheitsinformation.de/prostatakrebs-psa-test-kann-auch-schaden.1068.de.html

[5] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen – IQWIG (2013). Merkblatt: Der PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs. Abgerufen am 2. 12. 2013 unter: http://www.gesundheitsinformation.de/merkblatt-der-psa-test-zur-frueherkennung-von-prostatakrebs.1066.de.html