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Prostatakrebs durch Fischöl-Kapseln?

Omega-3 Fischölkapseln

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Nahrungsergänzungsmittel geraten immer mehr in die Kritik. Laut Kurier sollen jetzt auch Fischölkapseln mit Omega-3 Fettsäuren nicht mehr ohne Risiko sein. Tatsächlich scheinen einige dieser Fette in hoher Dosierung die Wahrscheinlichkeit einer Prostatakrebserkrankung zu erhöhen.
 
 

 

Zeitungsartikel: Fischölkapseln: Nutzen umstritten (6.8.2013, kurier.at)
Frage:Fördern Fischölkapseln Prostatakrebs?
Antwort:Allgemein scheint es einen negativen Effekt von Omega-3 Fettsäuren in Fischölkapseln zu geben: DHA und EPA könnten in hoher Dosierung das Risiko einer Prostatakrebserkrankung erhöhen. Die Ergebnisse sind jedoch mit Vorsicht zu betrachten. Andere, noch unbekannte Faktoren könnten ebenfalls eine wichtige Rolle spielen.
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagefür das erhöhte Risiko

Omega-3 Fettsäuren sind essentielle Nährstoffe, die der Körper nur in ungenügenden Mengen selbst herstellen kann. Da sie Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen sollen, werden sie als gesundheitsfördernd angepriesen. Diese Fette sind in besonders hohen Mengen in Hochseefisch enthalten. Wer nicht genug Fisch isst, kann präventiv Fischölkapseln einnehmen, um seinen Bedarf zu decken. Solche Kapseln enthalten zwei wichtige Omega-3 Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA). Bis vor kurzem galten die Fischölkapseln als harmlos und bis auf unangenehmes Aufstoßen, als relativ nebenwirkungsfrei. Doch jetzt haben Wissenschaftler in mehreren Studien eine mögliche Gefahr durch genau diese Nahrungsergänzungsmittel entdeckt. [4] [5]

Hohe Fischöl-Dosis könnte Prostatakrebs-Risiko erhöhen

Der Artikel im Kurier beruht auf einer kürzlich veröffentlichten Fall-Kontroll-Studie [1]. Die US-amerikanischen Studienautoren kamen zu dem Ergebnis, dass ein hoher Blutspiegel der Omega-3-Fettsäuren DHA, EPA und DPA mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für Prostatakrebs in Zusammenhang steht. Der erhöhte Blutspiegel ist wahrscheinlich auf auf den hohen Konsum von Fischöl-Präparaten zurückzuführen. Studienteilnehmer, die besonders große Mengen dieser Omega-3-Fette im Blut aufwiesen, hatten im Vergleich zu Männern mit geringer Fischöl-Aufnahme ein um 43 Prozent erhöhtes Prostatakrebs-Risiko.

Eine systematische Übersichtsarbeit [2] über frühere Studien scheint diese Ergebnisse zu untermauern: Demzufolge könnten hohe Konzentrationen der beiden Omega-3 Fettsäuren EPA und DHA im Blut das Risiko einer hochgradigen Prostatakrebs-Erkrankung um 39 Prozent (also mehr als ein Drittel) erhöhen. Hochgradig bedeutet, dass nicht nur die Drüsenzellen, sondern wahrscheinlich auch andere Bereiche der Prostata krankhaft entartet sind. Die Autoren der Übersichtsarbeit fanden aber auch eine dritte Omega-3 Fettsäure, Docosapentaensäure (DPA), die das Risiko einer Krebserkrankung sogar senkte. Diese Fettsäure ist zwar in Fisch enthalten, ist aber kein Bestandteil von Fischölkapseln zur Nahrungsergänzung. Grund sind wohl die hohen Produktionskosten und die zu geringen Vorkommen [2].

Die Aussagekraft all dieser Studien ist allerdings eingeschränkt. So können die Forscher zwar einen Zusammenhang zwischen dem Konsum hoher Dosen an Fischölen und dem Auftreten von Prostatakrebs zeigen. Dass tatsächlich Fischölkapseln die Auslöser der Krebserkrankung sind, können sie jedoch nicht zweifelsfrei beweisen. Theoretisch könnten auch andere, unbekannte Faktoren eine wichtige Rolle dabei spielen – auch wenn die Wissenschaftler versucht haben, das in ihren Ergebnissen zu berücksichtigen.

Forschung lässt Fragen offen

Wie kann es sein, dass dieselben Substanzen vor Krebs schützen und doch Krebs verursachen sollen? Viele Aspekte die dieses Thema betreffen sind noch unbekannt. Sowohl in der Prostatakrebsentwicklung als auch beim Abbau der Omega-3 Fettsäuren gibt es noch Wissenslücken. Es gibt Tierstudien, die ein erhöhtes Risiko einer Prostatakrebserkrankung im Verhältnis der aufgenommenen Omega-6/Omega-3 Fettsäuren sehen [3]. Auch die Belastung der Meeresfische mit Umweltgiften, wie Quecksilber oder Biphenylen, könnte eine Rolle spielen. Fischölkapseln werden zumeist aus Meeresfisch gewonnen. Deshalb müssen die Ergebnisse zwar ernst genommen, aber mit Vorsicht betrachtet werden. Nützlich wären außerdem neue Studien, die prüfen, ob das Risiko der Krebserkrankung zurückgeht, wenn man den Anteil der Omega-3 Fettsäuren EPA und DHA reduziert [2].

(Autoren: K. Regnat, B. Kerschner, P. Mahlknecht)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Brasky ua (2013)
Studientyp: Fall-Kontroll-Studie
Studienteilnehmer: 834 Männer mit Prostatakrebs und eine Kontrollgruppe aus 1364 Männern aus der SELECT Studie (Selenium and Vitamin E Cancer Prevention trial)
Studiendauer: 6 Jahre
Fragestellung: Zusammenhang zwischen plasmatischen Phospholipiden und dem Auftreten von Prostatakrebs in der Selen und Vitamin E Studie zur Krebsprävention.
Mögliche Interessenkonflikte: keine angeführt

Brasky TM, Darke AK, Song X, Tangen CM, Goodman PJ, Thompson IM, Meyskens FL Jr, Goodman GE, Minasian LM, Parnes HL, Klein EA, Kristal AR. Plasma Phospholipid Fatty Acids and Prostate Cancer Risk in the SELECT Trial. J Natl Cancer Inst. 2013 Aug 7 (Zusammenfassung der Studie)

[2] Chua ua (2013)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossen Studien: 12 Fall-Kontroll-Studien
Studienteilnehmer: 4516 Männer mit Prostatakrebs und 5728 Kontrollpersonen zwischen 40 und 86 Jahren.
Fragestellung: Zusammenhang zwischen langkettigen mehrfach ungesättigten omega-3 Fettsäuren und dem Risiko einer Prostatakrebserkrankung.
Mögliche Interessenkonflikte: nicht angegeben

Chua ME, Sio MC, Sorongon MC, Morales ML Jr. The relevance of serum levels of long chain omega-3 polyunsaturated fatty acids and prostate cancer risk: A meta-analysis. Can Urol Assoc J. 2013 May-Jun;7(5-6):E333-43. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

Andere wissenschaftliche Quellen

[3] Gu u.a. (2013). Zhennan Gu, Janel Suburu, Haiqin Chen, and Yong Q. Chen, “Mechanisms of Omega-3 Polyunsaturated Fatty Acids in Prostate Cancer Prevention,” BioMed Research International, vol. 2013, Article ID 824563, 10 pages, 2013. (Arbeit in voller Länge)

[4] Mozaffarian D (2013). Fish oil and marine omega-3 fatty acids. In Rind DM (ed.). UpToDate. Abgerufen am 26. 9. 2013 unter: http://www.uptodate.com/contents/fish-oil-and-marine-omega-3-fatty-acids

[5] Sartor AO (2013). Risk factors for prostate cancer. In Ross ME (ed.). UpToDate. Abgerufen am 26. 9. 2013 unter http://www.uptodate.com/contents/risk-factors-for-prostate-cancer