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Pollenallergie: Klimawandel schuld?

Jeder sechste leidet an Heuschnupfen

Jeder sechste leidet an Heuschnupfen

Höhere CO2-Konzentration und wärmere Temperaturen sollen Pollen aggressiver machen, schreibt die Kleine Zeitung. Zumindest lassen sie Pflanzen mehr Pollen erzeugen. Ob dadurch das Risiko steigt, eine Pollenallergie zu entwickeln, ist noch zu wenig erforscht.

 
 

 

Zeitungsartikel: Die Pollen werden aggressiver (24.4.2014, kleinezeitung.at),
Früher Beginn der Pollensaison (4.5.2014, ORF.at)
Frage:Erhöhen steigende Temperaturen und CO2-Werte das Risiko für eine Pollenallergie?
Antwort:unklar
Erklärung:Steigende Temperaturen und erhöhte CO2-Konzentration lassen Pflanzen größere Mengen an Pollen über einen längeren Zeitraum produzieren. Es ist aber unklar, ob größere Pollenmengen und eine längere Pollensaison die Wahrscheinlichkeit erhöhen, eine Pollenallergie zu entwickeln.

Juckende Augen, rinnende Nase und Niesreiz – für Pollenallergiker eine unvermeidbare Begleiterscheinung der warmen Jahreszeit. Etwa jeder sechste Österreicher leidet an Heuschnupfen, darunter vermehrt Kinder und junge Erwachsene [3]. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Zahl der Pollenallergiker in der gesamten westlichen Welt stark angewachsen. Nun geben Wissenschaftler laut Kleiner Zeitung und ORF.at unter anderem dem Klimawandel die Schuld.

Klimawandel erhöht Pollenbelastung

Mildere Winter und ein früherer Frühlingsbeginn regen viele Pflanzen an, früher Pollen zu produzieren. Dadurch kann sich die Pollensaison verlängern, die Belastung für Allergiker steigt. So führt eine höhere Pollenkonzentration in der Luft häufiger zu Beschwerden durch allergisches Asthma [4].

Glashaus-Experimente zeigen, dass Ragweed-Pflanzen (auch Traubenkraut oder Ambrosia) bei erhöhter CO2-Konzentration stärker wachsen und Pollen früher und in größeren Mengen produzieren [4]. In den USA sind viele Menschen auf Ragweed-Pollen allergisch, die Pflanze wächst mittlerweile aber auch in Europa. Der durch Industrie und Verkehr steigende CO2-Gehalt in der Atmosphäre soll Wissenschaftlern zufolge in Zukunft zu einer Erhöhung der Pollenmenge vieler Pflanzen führen. Unklar ist, ob der CO2-Anstieg bereits jetzt eine merkbare Erhöhung der freigesetzten Pollenmenge bewirkt hat.

Einfluss auf Allergierisiko unklar

Ob die steigende Pollenbelastung auch bei Nicht-Allergikern das Risiko erhöht, eine Pollenallergie zu entwickeln, ist jedoch unklar. So weisen Studien darauf hin, dass Menschen möglicherweise seltener eine Allergie bekommen, wenn sie bestimmten Allergie-auslösenden Stoffen wenig oder gar nicht ausgesetzt sind [1].

Das gilt jedoch nicht für alle Allergien. Hausstaubmilben zu meiden könnte eventuell einer Stauballergie vorbeugen. Auch die Vermeidung von allergieauslösenden Stoffen im Arbeitsleben dürfte einer Allergie vorbeugen. Haustiere scheinen das Risiko für eine spätere Haustierallergie allerdings nicht zu fördern [1]. Es gibt sogar Hinweise, dass Hunde und Katzen zu halten einer Allergie gegen diese Tiere vorbeugen könnte [5]. Ob höhere Pollenmengen die Wahrscheinlichkeit für Heuschnupfen ansteigen lassen, ist bisher unklar [5]. Davon, dass Pollen „aggressiver“ werden, ist in bisher veröffentlichten Studien nichts zu lesen.

Klimawandel nicht Hauptgrund

Die globale Klimaerwärmung kann jedoch schwerlich als Hauptgrund für den Anstieg der Pollenallergie verantwortlich gemacht werden. So waren erste Fälle von Heuschnupfen bereits Ende des 19. Jahrhunderts in den USA und Großbritannien bekannt. In den 1950er Jahren litt bereits jeder zehnte New Yorker an Heuschnupfen – wahrscheinlich aufgrund einer Ragweed-Pollenallergie [5]. Zu diesem Zeitpunkt war die Klimaerwärmung im Vergleich zu heute allerdings noch kaum vorangeschritten.

Pollenallergie war zudem lange ein Phänomen westlicher Länder. Erst in den späten 1980er oder frühen 1990er Jahren ist sie auch in den wirtschaftlich schlechter gestellten Ländern der Welt angekommen. Dort ist sie stark im Steigen begriffen, während die Häufigkeit in westlichen Ländern auf hohem Niveau zu stagnieren oder eventuell sogar leicht zurückzugehen scheint [5]. Der Klimawandel betrifft jedoch nicht nur westliche Länder, sondern in unterschiedlichem Ausmaß die gesamte Welt.

Mögliche Gründe für Pollenallergie-Anstieg

Was genau den starken Anstieg von Allergien wie der gegen Pollen im letzten Jahrhundert verursacht hat, liefert viel Stoff für Spekulation. Bis heute rätselt die Wissenschaft über die genauen Ursachen.

Allergien treten gehäuft bei Bewohnern von Städten auf. Das ließ die Theorie aufkommen, dass der frühe Kontakt mit Krankheitserregern, etwa durch Stalltiere, vor Allergien schützen könnte, während übertriebene Hygiene das Allergierisiko fördere. Einzelne Beobachtungsstudien scheinen diesem Verdacht Recht zu geben [2], es bleiben jedoch viele Widersprüche [5].

Die im Zeitungsartikel angesprochene Luftverschmutzung in den Städten könnte einer von mehreren Gründen für den Anstieg von Asthma sein. Allergien auf eingeatmete Stoffe entwickeln sich häufig zu Asthma weiter. Seit den 1960er Jahren hat die Zahl der Asthmafälle in der westlichen Welt stark zugenommen. Gegen diese These spricht allerdings, dass zu diesem Zeitpunkt die Luftverschmutzung in den meisten westlichen Städten bereits stark zurückgegangen war. Zudem wächst die Asthmarate auch an Orten mit vernachlässigbarer Luftverschmutzung wie etwa Neuseeland [5].

Neben diesen Theorien vermuten manche Forscher auch den Anstieg an Hausstaubmilben in vielen Wohnungen ab der Mitte des vorigen Jahrhunderts als Ursache. Andere diskutieren die Rolle des Wandel von einem aktiven Lebensstil im Freien zu einem vermehrt sitzenden Lebensstil im Hausinneren – gefördert durch die Verbreitung von Fernsehern und anderer Unterhaltungselektronik. Weniger Zeit im Freien könnte beispielsweise mit einem Sinken des Vitamin D – Spiegels im Blut einhergegangen sein. Vitamin D wird hauptsächlich durch die Einwirkung von Sonnenlicht in der Haut produziert [5]. All das ist aber bloße Spekulation und bedarf weiterer Forschung.

Lassen sich Allergien vermeiden?

Manche Wissenschaftler meinen: ja – auch wenn dies bestenfalls schwach durch Studien abgesichert ist. Möglicherweise kann ausschließliches Stillen von Kindern in den ersten Monaten den Ausbruch einer späteren Allergie teilweise verhindern [1]. Rauchen während und nach der Schwangerschaft könnte sich eventuell ungünstig auf das Allergierisiko des Kindes auswirken [1] [2].

Eine hohe Konzentration von Hausstaubmilben könnte möglicherweise die Entwicklung einer Hausstauballergie fördern. Vermeiden ließe sich das, indem man Bettwäsche und Stofftiere bei über 55°C wäscht, auf Teppichböden verzichtet und Betten untertags abdeckt [1]. Auch Innenraum-Luftschadstoffe wie Formaldehyd bei neuen Möbeln oder Renovierungs- und Malerarbeiten zu vermeiden könnte einer Allergieentwicklung entgegenwirken [2]. Wer an stark befahrenen Straßen wohnt, hat möglicherweise eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, Asthma zu bekommen. Gesichert ist, dass sich Übergewicht fördernd auf die Asthmaentwicklung auswirkt [2].

Körpereigene Abwehrkräfte schon frühzeitig zu fordern könnte eventuell ebenfalls vor Allergien schützen. Das passiert etwa bei Kindern, die am Bauernhof aufwachsen, in den ersten zwei Lebensjahren Kindertagesstätten besuchen, eine höhere Anzahl älterer Geschwister haben oder an Wurminfektionen gelitten haben [2]. Dementsprechend erhöhen auch Impfungen das Risiko für Allergien nicht, es gibt sogar vorsichtige Hinweise darauf, dass sie die Allergiewahrscheinlichkeit senken [2].

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, P. Mahlknecht)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Brozek u.a. (2010)
Studientyp: Evidenzbasierte Leitlinie auf Basis einer systematischen Übersichtsarbeit
Fragestellung: Wie lassen sich Allergien, allergischer Schnupfen und Asthma vorbeugen und behandeln?
Interessenskonflikte: diverse Autoren haben in der Vergangenheit Zuwendungen von Pharmafirmen erhalten

Brozek JL, Bousquet J, Baena-Cagnani CE, Bonini S, Canonica GW, Casale TB, van Wijk RG, Ohta K, Zuberbier T, Schünemann HJ; Global Allergy and Asthma European Network; Grading of Recommendations Assessment, Development and Evaluation Working Group. Allergic Rhinitis and its Impact on Asthma (ARIA) guidelines: 2010 revision. J Allergy Clin Immunol. 2010 Sep;126(3):466-76. (Zusammenfassung der Leitlinien)

[2] Muche-Borowski u.a. (2009)
Studientyp: Evidenzbasierte Leitlinie auf Basis einer systematischen Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 217 (4 Cochrane-Übersichtsarbeiten, 14 Meta-Analysen, 19 randomisiert-kontrollierte Studien, 135 Kohortenstudien, 45 Fall-Kontroll-Studien)
Fragestellung: Lassen sich Allergien und Asthma vorbeugen?
Interessenskonflikte: keine angegeben

Muche-Borowski, C., Kopp, M., Reese, I., Sitter, H., Werfel, T., für Kinderheilkunde, Z., & Jugendmedizin, U. F. (2009). S3-Leitlinie Allergieprävention–Update 2009. Allergo J, 18, 332-341. (Leitlinie in voller Länge)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] Dorner T, Lawrence K, Rieder A, Kunze M. Epidemiology of allergies in Austria. Results of the first Austrian allergy report. Wien Med Wochenschr. 2007;157(11-12):235-42. (Zusammenfassung des Berichts)

[4] IPCC (2014). Climate Change 2014: Impacts, Adaptation, and Vulnerability. Contribution of Working Group II to the Fifth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change. Cambridge University Press, Cambridge, United Kingdom and New York, NY, USA https://www.ipcc.ch/report/ar5/wg2/

[5] Platts-Mills TAE, Commins SP (2013). Increasing prevalence of asthma and allergic rhinits. In TePas E (ed.). UpToDate. Abgerufen am 2. 6. 2014 unter http://www.uptodate.com/contents/increasing-prevalence-of-asthma-and-allergic-rhinitis