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Verhütung und Sport: Hemmt die Pille den Muskelaufbau?

Ist Verhütung mit der Pille nichts für sportliche Frauen?

Ist Verhütung mit der Pille nichts für sportliche Frauen?

Gerüchten zufolge sollen Sportlerinnen nicht mit der Pille verhüten – angeblich bremst sie den Muskelaufbau. Belege für diesen Mythos fehlen jedoch.

Frage:Wirkt sich die Pille zur Verhütung negativ auf Muskelaufbau und sportliche Leistung aus?
Antwort:nicht (ausreichend) erforscht
Erklärung:Bisher durchgeführte Studien zu Muskelaufbau oder sportlicher Leistung mit und ohne Pille sind mangelhaft und daher nicht aussagekräftig.

Die Anti-Baby-Pille ist und bleibt das beliebteste Verhütungsmittel in Österreich – das zeigt eine Umfrage aus dem Jahr 2015 [4]. Mehr als ein Drittel der befragten Frauen setzen demnach auf die Pille [4]. Viele von denen, die das nicht tun, fürchten jedoch die Nebenwirkungen der Hormone: Dazu können zum Beispiel Kopfschmerzen und Übelkeit gehören, hormonelle Verhütungsmittel wie die Pille können aber auch das Risiko für ernsthafte Folgen durch Blutgerinnsel geringfügig erhöhen [5].

Einem Wissenschaftsteam aus den USA zufolge soll auch eine eingeschränkte Fitness durch einen gehemmten Muskelaufbau zu den Nebenwirkungen gehören. Zu diesem Ergebnis kommen sie in einer im Jahr 2009 veröffentlichten Studie an jungen Frauen [1].

Pille und Muskelaufbau: Aussagekräftige Studien fehlen

Wie aussagekräftig die Ergebnisse dieser Untersuchung sind, lässt sich jedoch nicht objektiv überprüfen. Veröffentlicht haben die Autoren nämlich nur eine Kurzzusammenfassung, in der viele relevante Details zur Studiendurchführung fehlen [1].

Mehrere Forscher und Forscherinnen haben bereits versucht, einen möglichen Zusammenhang zwischen Pille und Muskelaufbau zu untersuchen. Keine der bisher durchgeführten Studien kann jedoch beantworten, ob die Pille die sportliche Leistung von Frauen tatsächlich beeinträchtigt. Das Hauptproblem: Die meisten davon haben sportliche Leistung und Pilleneinnahme nur ein einziges Mal und zum selben Zeitpunkt erhoben. Nur weil zwei Ereignisse zusammen auftreten, heißt das aber nicht zwangsweise, dass eines davon das andere verursacht. Dass nicht andere Gründe, sondern tatsächlich die Pille die Ursache für eine möglicherweise schlechte sportliche Leistung ist, lässt sich so nicht nachweisen.

Studien, bei denen lediglich zu einem einzigen Zeitpunkt Daten erhoben werden, bezeichnen Wissenschaftler als Querschnittstudie. Aussagekräftiger wären sogenannte Längsschnittstudien, bei welchen Forscher die Teilnehmerinnen über einen längeren Zeitraum beobachten. So ließe sich beispielsweise feststellen, ob die untersuchten Frauen vor Einnahme der Pille sportlich fitter waren als nach mehreren Monaten oder Jahren regelmäßiger Verhütung mit der Pille.

Abgesehen davon unterscheiden sich die bisher veröffentlichten Studien auch stark darin, wie Muskelaufbau oder sportliche Leistung gemessen wird. Die einen erfassten Muskelwachstum oder Muskelstärke, die anderen Ausdauer, und wiederum andere messen bloß bestimmte Blutwerte, die nur indirekt auf die sportliche Leistungsfähigkeit hindeuten. Insgesamt sind sie zu schlecht gemacht und wurden an zu wenigen Teilnehmerinnen durchgeführt, um verlässliche Aussagen treffen zu können.

Keine Hoffnung auf baldige Antworten

Um die Frage klar beantworten zu können, müssten alle Studienteilnehmerinnen idealerweise zu Beginn der Untersuchung per Zufall einer von zwei Gruppen zugelost werden. Die eine Gruppe würde für die Dauer der Studie die Pille erhalten, während die Probandinnen der anderen Gruppe nur eine gleich aussehende, aber wirkungslose Scheinpille bekämen. Dabei sollte keine der Frauen erfahren, welcher Gruppe sie zugeteilt wurde; so lässt sich ausschließen, dass die Erwartungshaltung das Ergebnis verzerrt. Nur wenn sich zu Studienende Muskelaufbau oder sportliche Leistung der beiden Gruppen deutlich voneinander unterscheiden, wäre das ein eindeutiger Beleg dafür, dass die hormonelle Verhütung die Ursache dafür ist.

Dass es solch hochwertige Studien nicht gibt, ist nicht verwunderlich. Weil die teilnehmenden Frauen und im Optimalfall auch die Studienleiter nicht wissen dürfen, welches Mittel verabreicht wird, ist es schwierig, freiwillige Probandinnen zu finden. Denn wer die Pille nimmt, ist selten bereit, auf die sichere Verhütungswirkung zu verzichten; und wer es nicht tut, hat dafür auch gute Gründe [6]. Deshalb ist es unwahrscheinlich, dass es bald deutlichere Antworten auf die Frage gibt.

Unterschiedliche Pillen, unterschiedliche Wirkung?

Die meisten Antibabypillen enthalten eine Kombination aus zwei Hormonen: ein Östrogen – meistens in Form des synthetisch hergestellten Ethinylestradiols – sowie ein Gestagen (Gelbkörperhormon). Pillen, die nur ein Gestagen enthalten, werden als Minipille bezeichnet.

Gestagene bildet der Körper natürlicherweise während der Schwangerschaft, um den Eisprung zu unterdrücken. Daher werden sie auch Schwangerschaftshormone genannt. Manche Pillen enthalten eine Form von Gestagen, die zusätzlich die Wirkung von männlichen Sexualhormonen blockieren kann.

Männlichen Sexualhormonen wird generell eine positive Wirkung auf den Muskelaufbau zugesprochen. In geringen Mengen sind sie auch im Körper von Frauen zu finden. Gestagene, die männliche Hormone blockieren, könnten sich einer Theorie zufolge daher negativ auf den Muskelaufbau von Frauen auswirken. Ein Forschungsteam aus Kroatien wollte das näher untersuchen. Die Ergebnisse dieser Studie sind aufgrund fehlender Daten und anderer Mängel allerdings nicht aussagekräftig [3].

Muskelaufbau durch Hormonersatz?

Vorsichtige Hinweise in die entgegengesetzte Richtung will ein US-amerikanisches Wissenschaftsteam gefunden haben. Demnach soll die Östrogen-Hormonersatztherapie bei Frauen in den Wechseljahren angeblich den Muskelaufbau steigern. Zu diesem Schluss kommt das Team in einer Zusammenfassung der Ergebnisse bisher veröffentlichter Studien [2]. Der so errechnete Durchschnittseffekt ist jedoch sehr gering, zudem ist er nicht gut abgesichert. Grund dafür ist, dass sich die einzelnen Studien zu stark voneinander unterscheiden, um sie rechnerisch zu einem aussagekräftigen Ergebnis zusammenfassen zu können.

Über Vor- und Nachteile einer Hormonersatztherapie in den Wechseljahren haben wir bereits berichtet.

 

Die Studien im Detail

Die Behauptung, die Pille würde den Muskelaufbau erschweren, stellten im Jahr 2009 Chang Woock Lee und seine Kollegen aus Texas und Pittsburgh auf [1]. Dafür untersuchten sie insgesamt 73 junge Frauen, von denen 34 die Pille nahmen. Nach insgesamt 30 Trainingseinheiten erhoben sie die fettfreie Körpermasse als indirektes Maß für den Muskelanteil. Ob sich tatsächlich auch Muskelkraft oder sportliche Leistung verschlechtert haben, haben die Forscher jedoch gar nicht direkt gemessen. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung veröffentlichte das Forschungsteam zudem lediglich als Kurzzusammenfassung. Viele Details bleiben somit ungeklärt, etwa welche Art der Pille die Teilnehmerinnen eingenommen oder wie lange sie das getan haben. Unklar ist auch, ob sich die beiden Versuchsgruppen nicht bereits zu Studienbeginn in wesentlichen Merkmalen voneinander unterschieden haben. Somit lassen sich die Ergebnisse nicht objektiv nachvollziehen oder überprüfen.

Hormonblock-Wirkung als Dämpfer für Muskelaufbau?

Manche Antibabypillen enthalten ein Gestagen, das den natürlicherweise vorkommenden geringen Anteil an männlichen Hormonen im Körper einer Frau blockieren kann. Fachleute sprechen von einer antiandrogenen Wirkung. Es wäre denkbar, dass eine Pille mit antiandrogener Wirkung auch eine negative Wirkung auf den Muskelaufbau hat.

Ein Forschungsteam aus Kroatien wollte den Unterschied zwischen Pillen mit herkömmlichem und antiandrogenem Gestagen untersuchen [3]. In ihrer Studie untersuchten sie die sportliche Leistung von 60 Frauen, die seit mindestens einem Jahr die Antibabypille nahmen, davon die Hälfte mit dem antiandrogenem Gestagen Cyproteron, die andere mit dem üblicherweise eingesetzten Gestagen Levonorgestrel.

Welche der Pillen die Probandinnen einnahmen, wurde jedoch nicht durch das Los bestimmt. Diejenigen, die mit der antiandrogenen Pille verhüteten, taten dies zum Beispiel wegen Hautproblemen. Es ist daher möglich, dass diese Unterschiede sowie andere Faktoren, die nicht in der Studie erhoben wurden, das Ergebnis verfälscht haben. Da die teilnehmenden Frauen wussten, welches Pillenpräparat sie einnahmen, könnte auch ihre Erwartungshaltung das Studienergebnis beeinflusst haben. Welche Auswirkung eine Pille mit antiandrogenem Gestagen auf den Muskelaufbau hat, lässt sich aus den Ergebnissen nicht ableiten.

Hormonersatztherapie und Muskelaufbau

Zum Zusammenhang zwischen der Hormonersatztherapie und Muskelaufbau beziehungsweise Muskelstärke veröffentlichte im Jahr 2009 ein US-amerikanisches Forschungsteam eine Zusammenfassung bisher veröffentlichter Studienergebnisse in einer systematischen Übersichtsarbeit [2]. Insgesamt fanden die Autoren 23 Studien mit insgesamt knapp 10.000 Probandinnen zwischen 51 und 77 Jahren. Knapp 2700 Frauen davon hatten eine Hormonersatztherapie bekommen.

Die einzelnen Studien sind zum Teil jedoch sehr verschieden und haben unterschiedliche Muskeln untersucht – mit widersprüchlichen Ergebnissen. Sechs der 23 Studien kommen zu dem Schluss, dass sich die Hormonersatztherapie negativ auf die Muskulatur auswirkt, die anderen 17 erhalten positive Ergebnisse. Außerdem geben die Autorinnen und Autoren der Übersichtsarbeit an, dass manche Studien von schlechter Qualität sind; einige verraten beispielsweise nicht, in welcher Konzentration die Wirkstoffe in den untersuchten Antibabypillen enthalten waren.

In einer statistischen Zusammenfassung der einzelnen Studienergebnisse mittels Meta-Analyse kommen die Wissenschaftler zum Schluss, dass die östrogenbasierte Hormonersatztherapie einen kleinen, aber positiven Effekt auf den Muskelaufbau habe. Dieses Ergebnis ist jedoch nicht sehr aussagekräftig: Die einzelnen Studien unterscheiden sich zu stark voneinander, um deren Daten zu einem aussagekräftigen Gesamtergebnis zusammenrechnen zu können.

(Autorin: A. Polubotko, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Lee u.a. (2009)
Studientyp: kontrollierte Längsschnittstudie (genaue Angaben fehlen)
Teilnehmerinnen: 73 Frauen zwischen 18 und 31 Jahren, von denen 34 die Antibabypille verwendeten
Studiendauer: 10 Wochen
Fragestellung: Wie wirkt sich die Antibabypille auf Muskelstärke und Muskelwachstum von sporttreibenden Frauen aus?
Interessenkonflikte: Angaben fehlen

Lee, Chang Woock; Newman, Mark A.; Riechman, Steven E. (2009): Oral Contraceptive Use Impairs Muscle Gains in Young Women. In: FASEB J 23 (1 Supplement), 955.25-955.25. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Greising u.a. (2009)
Studienart: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Inkludierte Studien: 23 Studien
Teilnehmerinnen: 9.956 Frauen zwischen 51 und 77 Jahren, von denen 2.668 eine Östrogen-basierte Hormonersatztherapie erhielten
Fragestellung: Wie wirkt sich die Hormonersatztherapie auf die Muskelstärke aus?
Mögliche Interessenkonflikte: keine bekannt

Greising, Sarah M.; Baltgalvis, Kristen A.; Lowe, Dawn A.; Warren, Gordon L. (2009): Hormone therapy and skeletal muscle strength: a meta-analysis. In: The journals of gerontology. Series A, Biological sciences and medical sciences 64 (10), S. 1071–1081. (Studie in voller Länge)

[3] Ružić u.a. (2003)
Studientyp: nicht randomisierte, kontrollierte Studie ohne Verblindung
Teilnehmerinnen: 60 Frauen, die seit mindestens einem Jahr die Pille nahmen
Studiendauer: 16 Wochen
Fragestellung: Wie wirken sich Antiandrogene in der Antibabypille auf Muskelstärke und Muskelwachstum von sporttreibenden Frauen aus?
Interessenkonflikte: keine bekannt

Ruzic, Lana; Matkovic, Branka R.; Leko, Goran (2003): Antiandrogens in hormonal contraception limit muscle strength gain in strength training: comparison study. In: Croatian medical journal 44 (1), S. 65–68. (Studie in voller Länge)

Weitere Quellen

[4] Integral Meinungsforschungsinstitut (2015)
Österreichischer Verhütungsreport 2015. Beauftragt von Gynmed Ambulatorium Wien.
http://verhuetungsreport.at/sites/verhuetungsreport.at/files/2015/gynmed.pdf (Zugriff 02.04.2017)

[5] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitsweisen IQWIG (2013)
Wie wirken hormonelle Verhütungsmittel?
www.gesundheitsinformation.de/wie-wirken-hormonelle-verhutungsmittel.2327.de.html?part=einleitung-xp (Zugriff 02.04.2017)

[6] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWIG (2012)
Machen die Antibabypille oder andere hormonelle Verhütungsmethoden dick?
www.gesundheitsinformation.de/machen-die-antibabypille-oder-andere-hormonelle.2327.de.html?part=einleitung-3p-fcjf-zdxu (Zugriff 02.04.2017)