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Phobien: Die Angst vergessen

Spinnen lösen oft Angst aus

Spinnen lösen oft Angst aus


Angst vor Spinnen, Hunden oder Höhe? Phobien lassen sich effizient beseitigen – es braucht nur Überwindung. Die wirksamste Behandlung ist die Verhaltenstherapie, weiß Der Standard.
 
 
 

 
 

Zeitungsartikel: Pfui Spinne! (10. 6. 2013, Der Standard)
Frage:Helfen verhaltenstherapeutische Methoden bei spezifischen Ängsten (Phobien) wie z.B. der Angst vor Spinnen?
Antwort:Ja. Am effektivsten ist dabei die sogenannte Konfrontationstherapie. Dabei werden Patienten mit dem angstauslösenden Stimulus (z.B. einer Spinne) mehr und mehr konfrontiert, bis sie sich daran gewöhnt haben.
Beweislage:
Mittlere wissenschaftliche Beweislagefür die Wirksamkeit

Beklemmung, Panik, der Drang wegzulaufen. Eine überlebenswichtige Reaktion, wenn man vor einem Löwen mit weit aufgerissenem Maul steht. Manchen Menschen geht es jedoch genauso, wenn eine kleine Spinne an ihrem Bein hochkrabbelt. Phobien, wie Psychologen belastende Ängste ohne unmittelbar vorhandene Gefahr bezeichnen, sind so vielfältig wie die Menschen, die an ihnen leiden. Manche ekeln sich vor Spinnen oder Schlangen, andere haben Panik vor Hunden, vor Höhe oder dem Fliegen in einem Flugzeug.

Eines ist diesen Ängsten jedoch allen gemeinsam: Sie gehören zu den am besten behandelbaren psychischen Belastungen [3]. Gut therapierbar sind aber auch weniger eingegrenzte Phobien wie Ängste im Kontakt mit Mitmenschen (Sozialphobie) [4] oder zwanghafte Ängste [5]. Phobien können Alltag und Lebensqualität deutlich einschränken. In allen Fällen sind es Methoden der Verhaltenstherapie, die helfen.

Angst lässt sich verlernen

Das Grundprinzip der Verhaltenstherapie bei der Behandlung von Phobien ist die Gewöhnung an die Angst. Bei einer Tierphobie ist das im Grunde recht einfach, ohne große Motivation des Betroffenen geht es aber nicht. Kernpunkt der Therapie ist nämlich die Konfrontation mit dem Angstauslöser. Einer Spinne zum Beispiel.

Natürlich nicht ohne Vorbereitung: Anfangs würde die betroffene Person etwa nur das Foto einer Spinne betrachten. Das mag jemandem mit panischer Angst vor den Krabbeltieren zuerst Unbehagen bereiten. Doch mit der Zeit wird dabei das Angstgefühl zurückgehen. Ein nächster Schritt wäre nun, in einigem Abstand neben einem Terrarium mit einer lebenden Spinne zu sitzen – solange, bis auch hier die Angst auf ein erträgliches Maß abflaut. Am Ende der Therapie hält der Betroffene im Idealfall eine Spinne relativ furchtlos in seiner Hand.

Wichtig bei der Therapie von Phobien ist es, dem Angstgefühl nicht nachzugeben. Vor einer Spinne davonzulaufen bringt zwar kurzfristig Erleichterung, doch sie verhindert die Gewöhnung an die Tiere und das Verschwinden des Angstgefühls. Ähnliches gilt auch für andere Phobien.

Hohe Erfolgsrate durch Konfrontation

Die eine verhaltenstherapeutische Behandlung von Phobien gibt es nicht, das Therapiespektrum ist breit. Am wirksamsten ist die direkte Konfrontation mit dem Angstauslöser [1] [2] [3], also zum Beispiel einer lebenden Spinne, der sich der Betroffene Schritt für Schritt zu nähern lernt. Möglich ist aber auch die Konfrontation mit dem angstverursachenden Reiz rein in der Vorstellung. Bei der Systematischen Desensibilisierung erlernen die Betroffenen zusätzlich Entspannungstechniken, die sie bei der vorgestellten Konfrontation einsetzen können. Eine andere Methode ist die Konfrontation mittels computergenerierter, virtueller Realität. Bei Flugangst etwa lernen Betroffene, die Phobie in einem Flugsimulator zu überwinden.

Insgesamt sind Konfrontationsmethoden sehr effektiv, wenn sie bis zum Schluss durchgehalten werden. Drei Viertel der Behandelten (75 von 100) haben rund sechs Monate nach Therapieende deutlich weniger Angst als nach einer Scheintherapie, so eine zusammenfassenden Analyse bisheriger Studien [1]. Im Vergleich zu gar keiner Behandlung sind es sogar 84 von 100. Knapp die Hälfte der analysierten Studien untersuchten den Effekt von einmaligen Sitzungen. Therapien von bis zu fünf Sitzungen scheinen jedoch noch erfolgversprechender zu sein als einmalige Therapieeinheiten.

Trotzdem viele Therapieabbrecher

Dies alles gilt jedoch nur, wenn die Betroffenen die Therapie nicht frühzeitig beenden. Und die Versuchung dazu scheint groß, immerhin muss die behandelte Person dabei anfangs genau jene Ängste aushalten, denen sie bisher immer aus dem Weg gegangen ist – wenn auch Schritt für Schritt und in geschütztem Rahmen. Schätzungen zufolge verweigert rund ein Viertel eine Konfrontationsbehandlung, in einzelnen Studien brachen bis zu 44 von 100 Behandelten die Therapie vorzeitig ab [3].

Den Autoren der zusammenfassenden Analyse [1] zufolge macht es keinen Unterschied, welche Phobie behandelt wird. Sie sprechen alle ähnlich gut auf die verhaltenstherapeutischen Konfrontationen an. Allerdings ist nicht bekannt, ob der Therapieeffekt auch langfristig anhält. Im Durchschnitt befragten die verschiedenen Forscher ihre Probanden nach knapp sechs Monaten. Keine der Studien ging aber über eine Dauer von 14 Monaten hinaus.

Andere Behandlungen nützen kaum

Therapiemethoden, die keine Konfrontationsmethoden verwenden, wirken zwar besser als gar keine Behandlung, möglicherweise aber nicht besser als eine Scheinbehandlung (Placebo). Einer verhaltenstherapeutischen Konfrontationsbehandlung sind sie jedenfalls klar unterlegen [1].

Zu solchen Nicht-Konfrontations-Techniken zählt die rein Kognitive Therapie. Ihr Ziel ist es, die Gedankengänge des Betroffenen über den gefürchteten Angstauslöser zu ändern. Eine Kombination von Kognitiver Therapie mit verhaltenstherapeutischen Konfrontationsmethoden scheint für Betroffene aber keinen Vorteil gegenüber einer alleinigen Verhaltenstherapie zu sein [1]. Über die Wirksamkeit von Entspannungstechniken ist wenig bekannt.

Immer wieder werden auch beruhigende Medikamente wie Benzodiazepine eingesetzt. Die wirken zwar kurzfristig angstmindernd, sind aber zur langfristigen Behandlung von Phobien nicht geeignet [1] [6]. So kann ein von Flugangst Gequälter vor einem Flug zwar ein solches Beruhigungsmittel einnehmen, auf einem weiteren Flug wird seine Angst aber nicht geringer sein.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, P. Mahlknecht)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Wolitzky-Taylor u.a. (2008)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 33 randomisiert-kontrollierte Studien
Studienteilnehmer gesamt: 1193
Fragestellung: Wie wirksam sind psychologische Therapiemethoden bei spezifischen Phobien?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Wolitzky-Taylor KB, Horowitz JD, Powers MB, Telch MJ. Psychological approaches in the treatment of specific phobias: a meta-analysis. Clin Psychol Rev. 2008 Jul;28(6):1021-37. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Choy u.a. (2007)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 59 kontrollierte Studien (davon 15 zu Tierphobien)
Studienteilnehmer gesamt: nicht gesondert angegeben
Fragestellung: Wie wirksam sind Therapiemethoden bei Phobien?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Choy Y, Fyer AJ, Lipsitz JD. Treatment of specific phobia in adults. Clin Psychol Rev. 2007 Apr;27(3):266-86. Epub 2006 Nov 15. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] McCabe RE, Swinson R (2013). Psychotherapy for specific phobia in adults. In Hermann R (ed.). UpToDate. Abgerufen am 17. 6. 2013 unter http://www.uptodate.com/contents/psychotherapy-for-specific-phobia-in-adults

[4] Hofmann SG (2013). Psychotherapy for social anxiety disorder. In Hermann R (ed.) UpToDate. Abgerufen am 17. 6. 2013 unter http://www.uptodate.com/contents/psychotherapy-for-social-anxiety-disorder

[5] Abramowitz J (2013). Psychotherapy for obsessive-compulsive disorder.In Hermann R (ed.). UpToDate. Abgerufen am 17. 6. 2013 unter http://www.uptodate.com/contents/psychotherapy-for-obsessive-compulsive-disorder

[6] Swinson R, McCabe RE (2013). Pharmacotherapy for specific phobia in adults. In Hermann R (ed.). UpToDate. Abgerufen am 18. 6. 2013 unter http://www.uptodate.com/contents/pharmacotherapy-for-specific-phobia-in-adults