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Petroleum gegen Krebs?

©fotolia.com/ChrisBoswell

Erdölpumpe in North Dakota

Chronische Krankheiten und lebensbedrohliche Krankheiten öffnen auch obskuren Heilsverprechungen den Weg, die mit der Hoffnung der Patienten Geschäfte machen. Kein Wunder also, dass es gerade gegen Krebs die abwegigsten Rezepte gibt – eines davon ist Petroleum.

 
 

 

Frage:Hilft Petroleum gegen Krebs?
Antwort:unklar
Erklärung:Diese eher abwegige Annahme wurde nicht in Studien getestet. Da von Petroleum eher eine Gesundheitsgefährdung zu erwarten ist, werden solche Studien auch nicht durchgeführt.

Petroleum wird aus Erdöl gewonnen, die genaue Zusammensetzung variiert stark. In den 70ern war gereinigtes Petroleum als alternatives Krebsmedikament eine Zeit lang einigermaßen verbreitet. Zum Glück ist dieser Trend schnell wieder vergangen, beispielsweise hat das deutsche Krebsforschungszentrum, das bei solchen Fragen die erste Anlaufstelle ist, in den letzten Jahren keine Anfrage zu diesem Thema erhalten. Dennoch wird in Apotheken gelegentlich nach gereinigtem Petroleum als Heilmittel gefragt, wie uns eine Leserin in ihrer Anfrage erzählt hat.

Doch wie kam überhaupt jemand auf die Idee, Petroleum als Heilmittel gegen Krebs einzusetzen?

Gesunde Ölindustrie?

Eine der Legenden zu Petroleum besagt, dass die Arbeiter auf Ölfeldern keine Krebserkrankungen bekommen. Zur Krebshäufigkeit und wie viele Arbeiter in der Ölindustrie tatsächlich an Krebs sterben, gibt es schon ausführliche Studien. Die Legende wird nicht bestätigt; große Studien zeigen, dass Krebserkrankungen bei Ölarbeitern in etwas gleich häufig sind wie in anderen Teilen der Bevölkerung [1] [2][3], das Krebsrisiko ist für Arbeiter in der Ölindustrie weder größer noch geringer.
Einige der Studien sind insofern mit Vorsicht zu betrachten, weil sie von Mobil bzw. Shell finanziert wurden. Im Widerspruch dazu gilt Erdöl, das nur wenig bearbeitet wurde, laut Einschätzung der WHO sogar als krebserregend.[a]

In Internetforen wird Petroleum als heilsames Entgiftungsmittel gepriesen, was jedoch von „Entgiften“ zu halten ist, haben wir hier schon beschrieben: http://www.medizin-transparent.at/detox-der-mythos-vom-entgiften

 

Die Studien im Detail

Zu Petroleum als Mittel gegen Krebs gibt es keine Studien –  aus gutem Grund, denn eine positive Wirkung ist weit weniger wahrscheinlich als eine zusätzliche Gesundheitsgefahr.

Viele Studien haben jedoch untersucht, ob bei Menschen die beruflich mit Mineralöl in Kontakt kommen, häufiger Krebserkrankungen zu finden sind als im Rest der Bevölkerung. Die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten, da es sehr viele verschiedene Arten von Mineralöl gibt und es auch entscheidend ist, wie der Kontakt stattfindet. Mineralöl zu trinken gilt beispielsweise als harmloser als Öldämpfe einzuatmen. Mineralöl zu trinken ist nicht wirklich giftig, es führt am ehesten zu Übelkeit und Erbrechen [b].

Auch hat sich die Ölindustrie im Laufe der Zeit gewandelt, das Öl wird sauberer verarbeitet, die Arbeiter kommen weniger mit gefährlichen Stoffen in Kontakt.

Die größte Studie aus dem Jahr 2000 erfasst die Daten von über 350.000 Menschen, die in der Ölindustrie beschäftig waren [1] und findet bei ihnen insgesamt keine erhöhte Krebssterblichkeit.

Neuere Studien an kleineren Gruppen zeigen ähnliche Ergebnisse [2], bei einer Arbeit über Ölarbeiter in Großbritannien wurde nur bei einer einzigen seltenen Krebsart ein erhöhtes Risiko festgestellt [3].

Dass die WHO Mineralöle dennoch als möglicherweise krebserregend einstuft, liegt einerseits an zahlreichen Tierstudien und andererseits an einigen Fallstudien zu Hodenkrebs bei Ölarbeitern, bei denen der Zusammenhang laut WHO deutlich dokumentiert ist.[a]

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Wong, Raabe (2000)
Studientyp: Übersichtsarbeit und Meta-Analyse ausgesuchter Beobachtungsstudien
Teilnehmer insgesamt: Mehr als 350.000 Arbeiter in der Ölindustrie in mehreren Staaten
Fragestellung: Krebssterblichkeit in der Ölindustrie
Interessenskonflikte: Zweitautor war angestellt bei Mobil

Wong O, Raabe GK. A critical review of cancer epidemiology in the petroleum industry, with a meta-analysis of a combined database of more than 350,000 workers. Regul Toxicol Pharmacol. 2000 Aug;32(1):78-98.
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11029272

[2] Koh u.a. (2014)
Studientyp: Beobachtungsstudie
Teilnehmer insgesamt: 14 698 Wartungsarbeiter in der Koreanischen Ölindustrie
Fragestellung: Krebssterblichkeit – und Häufigkeit bei Arbeitern in der Ölindustrie
Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Koh DH, Chung EK, Jang JK, Lee HE, Ryu HW, Yoo KM, Kim EA, Kim KS. Cancerincidence and mortality among temporary maintenance workers in a refinery/petrochemical complex in Korea. Int J Occup Environ Health. 2014 Apr-Jun;20(2):141-5.
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24999849

[3] Sorahan (2007)
Studientyp: Beobachtungsstudie
Teilnehmer insgesamt: 28555 Arbeiter in der britischen Ölindustrie
Fragestellung: Sterblichkeit bei Arbeitern in der Ölindustrie
Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Sorahan T. Mortality of UK oil refinery and petroleum distribution workers, 1951-2003. Occup Med (Lond). 2007 May;57(3):177-85.
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17244595