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Omega-3 Fette – das halbherzige Wundermittel

Öl aus Fisch oder Päparat: Für die Gesundheitswirkung macht das einen Unterschied.

Öl aus Fisch oder Päparat: Für die Gesundheitswirkung macht das einen Unterschied.

Fisch ist gesund, denn die darin enthaltenen Omega-3 Fette sollen das Herz und Gefäße schützen. Die Wunderwirkung von Fischöl-Präparaten ist allerdings begrenzt.

Frage:Schützen Omega-3-Fette vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen?
Antwort:möglicherweise Ja
Erklärung:Möglicherweise kann die regelmäßige Einnahme von Omega-3-Fetten das Sterberisiko durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen etwas senken. Die Studienergebnisse sind aber teilweise widersprüchlich.

Anfang der 80er Jahre entdeckten Forscher, dass Ureinwohner in Grönland nur selten Herz-Kreislauf-Erkrankungen erleiden [11]. Den Grund sahen die Wissenschaftler in der fischreichen Ernährung der Ureinwohner. Fisch und Meeresfrüchte enthalten große Mengen Omega-3 Fettsäuren. Unser Körper kann diese speziellen Fettsäuren nur in ungenügenden Mengen selbst herstellen. Eben diese ungesättigten Fischfette sollen aber dafür sorgen, dass Herzinfarkte oder ähnliche Herzbeschwerden in der grönländischen Inuit-Bevölkerung selten sind. Alles Wunschdenken? Oder schützen Konsum von Fisch und das Einwerfen von Fischöl-Präparaten das Herz

Nur bedingt wirksam

Ob wir Fisch essen oder eine Kapsel mit einem Fischöl-Präparate einschmeißen, ist für unseren Körper nicht dasselbe. Studien zeigen, dass die Wirkung auf unsere Gesundheit jeweils unterschiedlich ist.
Fischöl-Präparate beinhalten hauptsächlich zwei Omega-3 Fettbestandteile mit den sperrigen Namen Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA). Speziell DHA ist besonders für die frühe Entwicklung des Gehirns im letzten Schwangerschaftsdrittel und den ersten beiden Lebensjahren wichtig [10]. Die genaue Funktionsweise dieser speziellen Fettsäuren bei Erwachsenen ist allerdings noch kaum erforscht und der Nutzen von Präparaten für unsere Gesundheit ist unter Wissenschaftlern umstritten.

Denn Omega-3 Fettsäuren können Herzinfarkte nicht verhindern, das zeigen drei systematische Übersichtsarbeiten [1] [2] [3]. Wenn ein Herzinfarkt auftritt, scheint der aber weniger schwerwiegend auszufallen. Denn während Fischöl-Präparate das Risiko einen Infarkt zu erleiden nicht senken, vermindern sie möglicherweise das Risiko, daran zu sterben [9]. Von zehn Herz-Kreislauf-Toten, könnte der regelmäßige Verzehr von Omega-3 Präparaten einen Todesfall verhindern [1] [2] [3] [4] [5].

Widersprüchliche Ergebnisse

Die Autoren einer weiteren systematischen Übersichtsarbeit [4] kommen zu dem gegenteiligen Schluss, dass die Fettsäuren auch das Risiko für einen Herzinfarkt allgemein senken. Die Wissenschaftler dieser Arbeit haben aber eine große Studie nicht beachtet. Dafür, dass die Fette auch eine schützende Wirkung für Menschen haben, bei denen zum Beispiel eine arterielle Verschlusskrankheit vorliegt, gibt es keine ausreichenden wissenschaftlichen Beweise [10]. Das Schlaganfall-Risiko – egal, ob gesund oder nicht – beeinflussen die Fett-Präparate nicht [1] [3] [6].

Landet hingegen Fisch regelmäßig auf dem Teller, scheint das durchaus vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu schützen. Fisch zu essen könnte die Wahrscheinlichkeit senken helfen, einen Schlaganfall zu erleiden [6] oder eine Herzinsuffizienz zu entwickeln [8]. Bei einer Herzinsuffizienz ist der Herzmuskel nicht stark genug, um Organe, Muskeln und andere Gewebe mit ausreichend Blut und Sauerstoff zu versorgen (gesundheitsinformation.de). Das tritt oft in Folge von Herzerkrankungen wie etwa einem Herzinfarkt auf.

Allerdings ist für diese Schutzwirkung Geduld gefragt: Eine Fischportion pro Woche könnte einer systematischen Übersichtsarbeit zufolge [7] zumindest eine von zehn Personen vor dem Tod durch Herz-Kreislauf-Krankheiten bewahren. Diese Schutzwirkung zeigt sich allerdings erst nach durchschnittlich 16 Jahren. Gibt es zwei bis vier Mal die Woche Fisch, sinkt das Risiko weiter. Aber der fünften Portion pro Woche sehen die Forscher aber keinen zusätzlichen Vorteil mehr.

Kritik für Ernährungsempfehlungen

Diese positive Wirkung auf die Sterblichkeit hat auch die US-amerikanischen Agency for Healthcare Research and Quality festgestellt. [4]. Kritisch beurteilt die Behörde aber die Empfehlung des US-Ministeriums für Landwirtschaft und Gesundheit [12] sowie der American Heart Association [13], mindestens zwei Portionen Fisch pro Woche zu verzehren. Das entspricht einer täglichen Menge von mehr als 200 Milligramm Omega-3 Fetten pro Tag. Die Europäische Lebensmittelsicherheits-Behörde EFSA empfiehlt sogar eine Dosis von 250 Miligramm pro Tag. Für diese Mengen konnten die Wissenschaftler aus den USA aber keinen zusätzlichen gesundheitlichen Nutzen entdecken.

Die unterschiedliche Wirkung von Omega-3-Kapseln und dem Verzehr von Fisch könnte sich auch dadurch erklären, dass Fisch weit mehr Nährstoffe als die in Nahrungsergänzungsmitteln enthaltenen Omega-3 Fettsäuren enthält. Ob der schützende also nur von den in Fisch reichlich vorkommenden Omega-3 Fetten ausgeht, ist unklar. Denn anders als die Fischöl-Pillen enthält Fisch eine ganze Reihe an Nährstoffen. Die könnten ebenfalls für die Schutzwirkung verantwortlich sein.

Risiken durch Verunreinigungen und Nebenwirkungen

Bedenken verursacht das in Meeresfisch mitunter angereicherte Quecksilber (siehe unseren Beitrag zu Quecksilber in Fisch). Das Schwermetall und nachgewiesene Nervengift gelangt durch die Umweltverschmutzung in die Weltmeere und wird von Meerestieren in unterschiedlichen Konzentrationen aufgenommen. Vor allem große Raubfische wie Makrele, Torpedobarsch, Weißer Thunfisch oder Haie sind belastet. Fischöl-Kapseln enthalten jedoch selten bedeutende Mengen Quecksilber, weil es sich hauptsächlich im Fleisch der Fische anreichert. Andere Umweltgifte wie polychlorierte Biphenole (PCBs) oder Dioxine finden sich mitunter sehr wohl in Fischöl-Präparaten, wenn auch in sehr niedrigen Mengen [11]. Zum Gesundheitsrisiko dieser Umweltgifte in Speisefischen hat Medizin-Transparent bereits einen eigenen Beitrag verfasst.

Ernste Nebenwirkungen von Fischöl-Präparaten sind nicht bekannt, auch wenn ein möglicherweise erhöhtes Blutungsrisiko nicht völlig ausgeschlossen werden kann. Häufig treten jedoch Verdauungsprobleme auf. Durchschnittlich vier von 100 Personen erleben Symptome wie Übelkeit. Bei täglichen Dosen von vier Gramm Omega-3-Fetten oder mehr sind sogar bis zu 20 von 100 Personen von solchen Verdauungsbeschwerden betroffen [11].

[Ursprünglich veröffentlicht am 16.04.2013; aktualisierte Version: Eine neue systematische Übersichtsarbeit [10] bringt kaum inhaltliche Änderungen.]

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J.Wipplinger, G.Gartlehner, A. Kliem)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Rizos u.a. (2012)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analsyse
Analysierte Studien: 20 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 68 680
Fragestellung: Bewirken Omega-3-Fettsäuren eine Senkung des Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und dadurch bedingte Todesfälle?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Rizos EC, Ntzani EE, Bika E, Kostapanos MS, Elisaf MS. Association between omega?3 fatty acid supplementation and risk of major cardiovascular disease events: a systematic review and meta?analysis. JAMA.2012;308(10):1024?1033. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[2] Kotwal u.a. (2012)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analsyse
Analysierte Studien: 20 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 62 851
Fragestellung: Bewirken Omega-3-Fettsäuren eine Senkung des Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen?
Mögliche Interessenskonflikte: Einer der Autoren hatte öfters finanzielle Unterstützung durch verschiedene pharmazeutische Unternehmen erhalten. Die Studie selbst wurde nicht durch Industrieunternehmen finanziert.

Kotwal S, Jun M, Sullivan D, Perkovic V, Neal B. Omega 3 Fatty acids and cardiovascular outcomes: systematic review and meta-analysis. Circ Cardiovasc Qual Outcomes. 2012 Nov;5(6):808-18. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[3] Kwak u.a. (2013)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analsyse
Analysierte Studien: 14 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 20 485
Fragestellung: Bewirken Omega-3-Fettsäuren eine Senkung des Risikos für das Wieder-Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Kwak SM, Myung SK, Lee YJ, Seo HG. Efficacy of omega?3 fatty acid supplements (eicosapentaenoic acid and docosahexaenoic acid) in the secondary prevention of cardiovascular disease: a meta-analysis of randomized, double-blind, placebo-controlled trials. Archives of Internal Medicine.2012;172:E1?E9. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[4] Trikalinos u.a. (2012)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analsyse
Analysierte Studien: 18 randomisiert-kontrollierte Studien und 10 Kohortenstudien
Teilnehmer insgesamt: 51 504 (in randomisiert-kontrollierten Studien) und 194 037 (in Kohortenstudien)
Fragestellung: Bewirken Omega-3-Fettsäuren eine Senkung der allgemeinen Sterblichkeit sowie der Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Trikalinos TA, Lee J, Moorthy D, Yu WW, Lau J, Lichenstein AH, Chung M. Advancing the role of evidence?based reviews in nutrition research and applications. Volume 4: effects of eicosapentanoic acid and docosahexanoic acid on mortality across diverse settings: systematic review and meta?analysis of randomized trials and prospective cohorts. Agency for Healthcare Research and Quality, 2012. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[5] Delgado-Lista u.a. (2012)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analsyse
Analysierte Studien: 21 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: >50 000
Fragestellung: Bewirken Omega-3-Fettsäuren eine Senkung des Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Delgado-Lista J, Perez-Martinez P, Lopez-Miranda J, Perez-Jimenez F. Long chain omega-3 fatty acids and cardiovascular disease: a systematic review. Br J Nutr. 2012 Jun;107 Suppl 2:S201-13. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[6] Chowdhury u.a. (2013)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analsyse
Analysierte Studien: 12 randomisiert-kontrollierte Studien, 21 Kohortenstudien
Teilnehmer insgesamt: 62 040 in randomisiert-kontrollierten Studien, 675 048 in Kohortenstudien
Fragestellung: Bewirken Omega-3-Fettsäuren oder der Verzehr von Fisch eine Senkung des Risikos für Schlaganfälle?
Mögliche Interessenskonflikte: Finanzierung unter anderem durch Pfizer Nutrition

Chowdhury R, Stevens S, Gorman D, Pan A, Warnakula S, Chowdhury S, Ward H, Johnson L, Crowe F, Hu FB, Franco OH. Association between fish consumption, long chain omega 3 fatty acids, and risk of cerebrovascular disease: systematic review and meta?analysis. BMJ.2012;345:e6698. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[7] Zheng u.a. (2011)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analsyse
Analysierte Studien: 16 Kohortenstudien
Teilnehmer insgesamt: 315 812
Fragestellung: Senkt der regelmäßige Konsum von Fisch das Risiko, an Herzerkrankungen zu sterben?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Zheng J, Huang T, Yu Y, Hu X, Yang B, Li D. Fish consumption and CHD mortality: an updated meta-analysis of seventeen cohort studies. Public Health Nutr. 2012 Apr;15(4):725-37. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[8] Li u.a. (2013)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analsyse
Analysierte Studien: 5 Kohortenstudien
Teilnehmer insgesamt: 170 231
Fragestellung: Senkt der regelmäßige Konsum von Fisch das Risiko für das Auftreten von Herzinsuffizienz?
Mögliche Interessenskonflikte: nicht erwähnt

Li YH, Zhou CH, Pei HJ, Zhou XL, Li LH, Wu YJ, Hui RT. Fish consumption and incidence of heart failure: a meta-analysis of prospective cohort studies. Chin Med J (Engl). 2013 Mar;126(5):942-948. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[9] Wen u.a. (2014)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analsyse
Analysierte Studien: 14 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 16.338
Fragestellung: Senken Omega-3-Fettsäuren das Risiko für das Auftreten von Herzerkrankungen?
Mögliche Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Wen YT, Dai JH, Gao Q. Effects of Omega-3 fatty acid on major cardiovascular events and mortality in patients with coronary heart disease: a meta-analysis of randomized controlled trials. Nutr Metab Cardiovasc Dis. 2014 May;24(5):470-5. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[10] Enns u.a. (2014)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analsyse
Analysierte Studien: 5 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 396
Fragestellung: Haben Omega-3-Fettsäuren Einfluss auf die Inzidenz von Herzerkrankungen bei Erwachsenen mit peripherer artierieller Verschlusskrankheit?
Mögliche Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Enns JE, Yeganeh A, Zarychanski R, Abou-Setta AM, Friesen C, Zahradka P,Taylor CG. The impact of omega-3 polyunsaturated fatty acid supplementation on the incidence of cardiovascular events and complications in peripheral arterial disease: a systematic review and meta-analysis. BMC Cardiovasc Disord. 2014 May 31;14:70. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[11] Mozaffarian D (2013). Fish oil and marine omega-3 fatty acids. In Rind DM (ed.). UpToDate. Abgerufen am 9. 4. 2013 unter http://www.uptodate.com/contents/fish-oil-and-marine-omega-3-fatty-acids

[12] US Department of Agriculture and US Department of Health and HumanServices (2010). Report of the Dietary Guidelines Advisory Committee on the dietary guidelines for Americans, 2010. (Empfehlung im Volltext).

[13] Lichtenstein AH, Appel LJ, Brands M et al (2006). Diet and lifestyle recommendations revision 2006: a scientific statement from the American Heart Association Nutrition Committee. Circulation 2006;114:82-96. (Empfehlung im Volltext)

[13] EFSA Panel on Dietetic Products, Nutrition, and Allergies (2010). Scientific Opinion on Dietary Reference Values for fats, including saturated fatty acids, polyunsaturated fatty acids, monounsaturated fatty acids, trans fatty acids, and cholesterol. EFSA Journal 2010; 8 (3):1461. (Empfehlung im Volltext – PDF-Datei)