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Olivenöl: nur wohlschmeckend oder auch gesund fürs Herz?

kaltgepresstes Olivenöl

kaltgepresstes Olivenöl

Aktualisiert: Täglicher Genuss von Olivenöl senkt das Herzinfarktrisiko deutlich, berichtet der Kurier. Die meisten wissenschaftlichen Untersuchungen scheinen die schützende Wirkung des Öls zu bestätigen, doch ein direkter Nachweis ist noch ausständig. (Ursprünglich veröffentlicht am 29. 6. 2012)
 
 

 
 

Zeitungsartikel: Olivenöl halbiert Herzinfarkt-Risiko (18. 6. 2012, Kurier)
Frage:Schützt die regelmäßige Einnahme von kaltgepresstem Olivenöl vor koronaren Herzerkrankungen wie Herzinfarkt?
Antwort:möglicherweise Ja
Erklärung:Regelmäßiger Verzehr von kaltgepresstem Olivenöl kann koronaren Herzerkrankungen möglicherweise vorbeugen. Ein direkter Nachweis ist allerdings noch ausständig.

[Aktualisiert am 8.2.2014: Eine Suche nach neuen Studien [11] ändert nichts am Bewertungsergebnis]

Kaltgepresstes Olivenöl ist aus der traditionellen Küche Italiens, Spaniens oder Griechenlands nicht wegzudenken. Laut Kurier wird die „mediterrane Ernährungsweise“ mit viel Obst, Gemüse, Olivenöl und Fisch, aber nur moderaten Mengen an Fleisch, wegen ihres positiven Effekts auf die Herzgesundheit seit Jahren gehypt. Einen wesentlichen Beitrag dazu liefere das Olivenöl als hauptsächlich verwendetes Fett. So sollen etwa einer neuen spanischen Studie zufolge zwei Esslöffel am Tag das Herzinfarkt-Risiko bereits um die Hälfte senken können.

Herzerkrankungen im Mittelmeerraum seltener

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in Österreich klar die häufigste Todesursache und liegen in der Liste der tödlichen Erkrankungen noch vor Krebs. Der Statistik Austria zufolge sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen für 43 von 100 Todesfällen verantwortlich, etwa 7 davon gehen auf das Konto von Herzinfarkten. Hauptursachen dafür sind Übergewicht, Rauchen, hoher LDL-Cholesterinspiegel (das „schlechte Cholesterin“), Bluthochdruck sowie Bewegungsmangel [12].

Bereits vor einigen Jahrzehnten zeigten Ergebnisse der sogenannten „Sieben-Länder-Studie“, dass Herzerkrankungs-bedingte Todesfälle in der Mittelmeerregion seltener vorkommen als etwa in Mittel- und Nordeuropa oder den USA [13]. Den Grund dafür vermuteten Forscher in der traditionellen Ernährungsweise dieser Länder, unter anderem auch in der dort weit verbreiteten Verwendung von Olivenöl [1]. Das im Mittelmeerraum verwendete Öl wird rein mechanisch und ohne Verwendung von Hitze aus den Oliven herausgepresst – man spricht von kaltgepresstem Olivenöl. Wird das Öl raffiniert, gehen viele natürlich darin enthaltene Zusatzstoffe wie Tocopherole und Polyphenole verloren – Substanzen, von denen einige Wissenschaftler eine positive gesundheitliche Wirkung vermuten.

Wahrscheinlicher Zusammenhang mit verminderten Herzinfarkt-Risiko

Mit der Frage, ob Olivenöl tatsächlich das Risiko für Herzinfarkte und andere Herzerkrankungen mindern kann, haben sich bereits zahlreiche Forschergruppen in den letzten beiden Jahrzehnten beschäftigt. Alleine in den letzten beiden Jahren waren zwei große Kohortenstudien veröffentlicht worden – eine an rund 30 000 italienischen Frauen [2], und eine weitere, die auch der Kurier erwähnt, an über 40 000 Spaniern und Spanierinnen [3]. In beiden Studien war es nach 8 bzw. 13 Jahren bei Personen mit hohem Olivenöl-Konsum deutlich seltener zu Herzerkrankungen gekommen als nach geringem Konsum. Beim Verzehr von mehr als 30 Gramm Olivenöl pro Tag war das Risiko für Herzerkrankungen nur mehr rund halb so groß wie bei Personen, die weniger als 15 Gramm pro Tag oder gar kein Olivenöl zu sich nahmen. Umgelegt auf Österreich würde das eine Verringerung von 7 auf knapp 4 Herzinfarkt-Tote jährlich pro 100 Einwohner bedeuten.

[Hinzugefügt 8.7.2014] Ein spanisches Wissenschaftlerteam untersuchte in einer groß angelegten randomisiert-kontrollierten Studie die Auswirkung einer mediterranen Diät mit Olivenöl auf die Herzgesundheit [11]. Wieviel Olivenöl die Studienteilnehmer konsumiert hatten, wurde allerdings erst nachträglich über eine Befragung erhoben, was die Ergebnisse verfälschen könnte. Die olivenölreiche Ernährung bewirkte über knapp fünf Jahre eine deutliche Senkung des Herzinfarkt- und Sterberisikos um knapp ein Drittel im Vergleich zu einer herkömmlichen Ernährung. Untersucht worden waren jedoch nur ältere Personen zwischen 55 und 80 Jahren mit stark erhöhtem Herzrisiko. Zudem ist unklar, wie groß der Effekt der mediterranen Diät, und wie groß derjenige des Olivenöls war.

Die Verfasser zweier Fall-Kontroll-Studien [4, 5] verglichen Herzinfarkt-Patienten (Fallgruppe) mit möglichst ähnlichen Personen ohne Infarkt (Kontrollgruppe) in Bezug auf die konsumierte Olivenölmenge. Studienteilnehmer mit hohem Olivenölkonsum waren dabei deutlich seltener in der Gruppe der Herzinfarkt-Patienten zu finden, die Wissenschaftler schlossen daher auf eine signifikante Schutzwirkung des Öls.

Ergebnisse nicht immer eindeutig

Nicht alle wissenschaftlichen Forschungsergebnisse lassen allerdings eine so klare Interpretation zu. Manche Studien kommen zwar zu durchaus positiven Ergebnissen, was die vorbeugende Wirkung angeht. Einige haben aber nicht Olivenöl an sich untersucht, sondern nur den Effekt von sogenannten einfach-ungesättigten Fetten [1]. Auch wenn Olivenöl einen hohen Anteil an solchen Fetten enthält, kommen diese auch in anderen Lebensmitteln vor, was die Aussagekraft der Studienergebnisse eingeschränkt. Das gilt auch für eine griechische Fall-Kontrollstudie, die keinen Zusammenhang zwischen Herzerkrankungsrisiko und dem Konsum einfach-gesättigter Fette feststellen konnte [9].

Etliche Wissenschaftler untersuchten nur die Auswirkung von Olivenölkonsum auf die Gesamtzahl der Sterbefälle, nicht aber speziell auf die Anzahl der durch Herzerkrankungen bedingten Tode. So ergab sich etwa in einer großen italienischen Kohortenstudie eine Verringerung der Sterbewahrscheinlichkeit um etwa ein Viertel [6], während griechische Forscher bei ihren Landsleuten keine solche Verringerung feststellen konnten [7]. Möglicherweise starben zudem in dem relativ kurzen Beobachtungszeitraum der griechischen Studie (dreieinhalb Jahre) insgesamt aber auch noch zu wenige Menschen, um eine deutliche Auswirkung feststellen zu können.

Unklar sind die Ergebnisse einer nur in Teilen veröffentlichten Fall-Kontroll-Studie [8]. Die Forscher fanden keinen Zusammenhang mit einem verringerten Auftreten von Herzinfarkten. Da die Daten unvollständig sind, lässt sich die Verlässlichkeit dieser Ergebnisse aber nur eingeschränkt beurteilen.

Ideal wäre eine streng durchgeführte randomisiert-kontrollierten Studie, bei der eine Gruppe regelmäßig eine bestimmte Menge an Olivenöl mit der Nahrung zu sich nehmen würde, während eine Vergleichsgruppe ausschließlich ein anderes Öl verwenden dürfte. Eine solche in den 1960er Jahren durchgeführte Studie brachte keine positive Wirkung von Olivenöl zutage. Die Teilnehmerzahl war allerdings mit weniger als 30 Personen pro Gruppe viel zu klein, um eine klare Aussage treffen zu können.

Was stimmt jetzt?

Die Ergebnisse der zwei verlässlichsten und größten Kohortenstudien [2, 3] deuten auf eine wahrscheinliche Schutzwirkung des vermehrten Konsums von kaltgepresstem Olivenöl über mehrere Jahre hin. Diese beobachtete Wirkung ist unabhängig davon, dass oft mit Olivenöl zubereitete Nahrungsmittel wie Gemüse oder Salat wahrscheinlich ebenfalls eine positive Auswirkung auf die Herzgesundheit haben. Denkbar ist allerdings, dass nach bloß dreieinhalb Jahren noch keine Auswirkung auf die Gesamt-Sterberate zu erkennen ist [7].

Beinahe allen bisher durchgeführten Studien gemeinsam ist, dass die tägliche Aufnahme von Olivenöl nur indirekt anhand einer Befragung zu typischen Essgewohnheiten geschätzt wurde. Dies kann zu deutlichen Verzerrungen der tatsächlichen Daten führen und so die Verlässlichkeit der Studienergebnisse mindern. Eine genaue Messung der verwendeten Ölmenge würde genauere Schlussfolgerungen über die Schutzwirkung von Olivenöl zulassen.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Keys u.a. (1986)
Studientyp: Kohortenstudie
Teilnehmer: 11 579 gesunde Männer zwischen 40 und 59 aus 7 Ländern
Studiendauer: 15 Jahre
Fragestellung: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Ernährungsgewohnheiten und der Häufigkeit verschiedener Todesursachen?

Titel: „The diet and 15-year death rate in the seven countries study“. Am J Epidemiol. 1986 Dec;124(6):903-15. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Bendinelli u.a (2011)
Studientyp: Kohortenstudie
Teilnehmer: 29 689 italienische Frauen
Studiendauer: ungefähr 8 Jahre
Fragestellung: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem vermehrten Verzehr von Obst, Gemüse und Olivenöl und dem Auftreten von cardivaskulären Erkrankungen?

Titel: „Fruit, vegetables, and olive oil and risk of coronary heart disease in Italian women: the EPICOR Study“. Am J Clin Nutr. 2011 Feb;93(2):275-83. Epub 2010 Dec 22. (Studie im Volltext)

[3] Buckland u.a. (2012)
Studientyp: Kohortenstudie
Teilnehmer: 40 622 Spanier
Studiendauer: durchschnittlich 13,4 Jahre
Fragestellung: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem vermehrten Verzehr von Olivenöl und durch cardivaskulären Erkrankungen oder Krebs bedingten Todesfällen?

Titel: „Olive oil intake and mortality within the Spanish population (EPIC-Spain). Am J Clin Nutr. 2012 May 30. (Zusammenfassung der Studie)

[4] Fernandez-Jarne u.a. (2002)
Studientyp: Fall-Kontroll-Studie
Teilnehmer: 171 Herzinfarkt-Patienten und 171 Kontrollpersonen
Studiendauer: Fragebogen über Ernährungsgewohnheiten des vergangenen Jahres
Fragestellung: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem vermehrten Verzehr von Olivenöl und dem Auftreten von Herzinfarkten?

Titel: „Risk of first non-fatal myocardial infarction negatively associated with olive oil consumption: a case-control study in Spain“. Int J Epidemiol. 2002 Apr;31(2):474-80. (Zusammenfassung der Studie)

[5] Kontogianni u.a. (2007)
Studientyp: Fall-Kontroll-Studie
Teilnehmer: 848 Herzinfarkt-Patienten und 1078 Kontrollpersonen
Studiendauer: nicht angegeben (nur Befragung über Ernährungsgewohnheiten)
Fragestellung: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem vermehrten Verzehr von Olivenöl und dem Auftreten von Herzinfarkten?

Titel: „The impact of olive oil consumption pattern on the risk of acute coronary syndromes: the cardio2000 case–control study“. Clin Cardiol, 30: 125–129. (Zusammenfassung der Studie)

[6] Barzi u.a. (2003)
Studientyp: Kohortenstudie
Teilnehmer: 11 246 Herzinfarkt-Patienten
Studiendauer: 6,5 Jahre
Fragestellung: Kommt es bei Patienten, die bereits einen Herzinfarkt hinter sich haben, durch ein verstärktes Festhalten an einer Gemüse-, Obst-, Fisch- und Olivenöl-reichen Ernährung („mediterrane Ernährung“) zu einer Verringerung des Sterberisikos?

Titel: „Mediterranean diet and all-causes mortality after myocardial infarction: results from the GISSI-Prevenzione trial.“ Eur J Clin Nutr 57(4): 604-611. (Zusammenfassung der Studie)

[7] Trichopoulou u.a. (2003)
Studientyp: Kohortenstudie
Teilnehmer: 22 043 Griechen
Studiendauer: 3,5 Jahre
Fragestellung: Bewirkt ein Festhalten an der „mediterranen Ernährungsweise“ ein verringertes Gesamtsterberisiko bzw ein vermindertes Risiko, an koronaren Herzerkrankungen zu sterben?

Titel: „Adherence to a Mediterranean diet and survival in a Greek population“. N Engl J Med. 2003 Jun 26;348(26):2599-608. (Studie im Volltext)

[8] Bertuzzi u.a. (2002)
Studientyp: Fall-Kontroll-Studie / Querschnittsstudie
Teilnehmer: 507 Patienten mit Herzinfarkt und 478 Kontroll-Teilnehmer
Studiendauer: Fragebogen zu Ernährungsgewohnheiten über letzen 2 Jahre
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen der Aufnahme von Olivenöl und dem Risiko für Herzinfarkt?

Titel: „Olive oil consumption and risk of non-fatal myocardial infarction in Italy“. Int J Epidemiol. 2002 Dec;31(6):1274-7; author reply 1276-7. (Bericht im Volltext)

[9] Tzonou u.a. (1993)
Studientyp: Fall-Kontroll-Studie / Querschnittsstudie
Teilnehmer: 329 Patienten mit Herzinfarkt oder Risikopatienten und 570 Kontroll-Teilnehmer
Studiendauer: Fragebogen zu Ernährungsgewohnheiten über vergangenes Jahr
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen der Aufnahme von Olivenöl und dem Risiko für Herzinfarkt?

Titel: „Diet and coronary heart disease: a case-control study in Athens, Greece. Epidemiology. 1993 Nov;4(6):511-6. (Zusammenfassung der Studie)

[10] Rose u. a. (1965)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 80 Patienten mit Herzinfarkt oder Angina Pektoris
Studiendauer: 2 Jahre
Fragestellung: Kann die tägliche Einahme von Olivenöl oder Maisöl das Risiko für das erneute Auftreten eines Herzinfarkts oder einer Angina Pektoris verringern?

Titel: „Corn Oil in Treatment of Ischaemic Heart Disease.“ Br Med J. 1965 Jun 12;1(5449):1531-3. (Studie im Volltext)

[11]
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 7447 Hochrisikopatienten (55 – 80 Jahre)
Studiendauer: 4,8 Jahre
Fragestellung: Verringert eine mediterrane Diät mit Olivenöl oder Nüssen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen?
Interessenskonflikte: Autoren erhielten Olivenöl und Nüsse von kommerziellen Herstellern und hatten in der Vergangenheit auch Bezüge von diesen Firmen und anderen Unternehmen in der Lebensmittel-, Gesundheits- und pharmazeutischen Industrie erhalten

Estruch R, Ros E, Salas-Salvadó J, Covas MI, Corella D, Arós F, Gómez-Gracia E, Ruiz-Gutiérrez V, Fiol M, Lapetra J, Lamuela-Raventos RM, Serra-Majem L, Pintó X, Basora J, Muñoz MA, Sorlí JV, Martínez JA, Martínez-González MA; PREDIMED Study Investigators. Primary prevention of cardiovascular disease with a Mediterranean diet. N Engl J Med. 2013 Apr 4;368(14):1279-90. (Studie in voller Länge)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[12] Wilson PWF (2012). Overview of the risk equivalents and established risk factors for cardiovascular disease. In Downey BC (ed.). UpToDate. Abgerufen unter http://www.uptodate.com am 27. 6. 2012

[13] Menotti u.a. (1993). Inter-cohort differences in coronary heart disease mortality in the 25-year follow-up of the seven countries study. Eur J Epidemiol. 1993 Sep;9(5):527-36. (Zusammenfassung der Studie)