Zur Behandlung von Blasenschwäche, die beispielsweise für ältere Menschen ein Problem darstellt, sollen Injektionen mit dem Nervengift Botulinumtoxin A (Botox®) helfen. Diese können die Häufigkeit für unfreiwilligen Harnverlust zwar senken, verhindern diesen aber nicht vollständig und haben auch unerwünschte Nebenwirkungen.
| Zeitungsartikel: | Botox künftig auch gegen Blasenprobleme (Der Standard, 8. 8. 2011) und Botox-Therapie gegen Blasenschwäche (Die Presse, 9. 8. 2011) | |
| Frage: | Helfen Injektionen mit Botulinum Toxin A (Botox®) bei Harninkontinenz? | |
| Antwort: | Mehrere kleine randomisiert-kontrollierte Studien zeigen, dass Injektionen von Botulinum Toxin A in den Detrusor-Muskel, welcher die Harnblase umgibt, die Häufigkeit von unfreiwilligem Harnverlust senken, aber nicht vollständig verhindern können. | |
| Beweislage: | ||
| Mittlere wissenschaftliche Beweislage | für die Wirksamkeit | |
Personen mit Blasenschwäche und unfreiwilligem Harnverlust (Harninkontinenz) leiden durch die besonders in Gesellschaft unangenehmen Symptome unter einer starken Einschränkung ihrer Lebensqualität. In Österreich sind einer Umfrage der Statistik Austria zufolge rund 11 von 100 Personen betroffen, wobei Dreiviertel davon älter als 60 Jahre sind.
Ein Grund für unfreiwilligen Harnverlust kann in der Überaktivität des sogenannten Detrusormuskels liegen, der die Harnblase umgibt und normalerweise durch die Ausübung von Druck für deren Entleerung sorgt. Ist der Druck des Detrusormuskels zu groß, spüren Betroffene großen Drang und haben mitunter Probleme, den Harn vollständig zurückzuhalten. Fachleute bezeichnen diese Form der Inkontinenz daher als Dranginkontinenz. Mit rund 6 von 100 Betroffenen über 40 Jahren ist sie einer europaweiten Befragung [5] relativ verbreitet.
Eine weitere Form der Inkontinenz ist die sogenannte Belastungsinkontinenz, bei der es während körperlich anstrengender Tätigkeit sowie Lachen oder Niesen zu unfreiwilligem Harnverlust kommt. Hier ist meist nicht eine Überaktivität des Detrusormuskels der Grund, sondern ein zu schwacher Ringmuskel (Sphinktermuskel) am Blasenausgang, so dass der Harn nicht mehr zurückgehalten werden kann. Nicht selten kommen auch beide Formen der Inkontinenz in Kombination vor.
Behandlung
Die Dranginkontinenz-Therapiemethoden mit den geringsten Nebenwirkungen stellen neben Blasentrainings (etwa mittels Biofeedback) verschiedene Übungsprogramme zur Stärkung der Beckenbodenmuskulatur dar, um die Fähigkeit zur Rückhaltung des Harns zu verbessern.
Die gängigste medikamentöse Behandlung ist die Gabe sogenannter Anticholinergika. Dabei handelt es sich um Medikamente, die den Botenstoff Azetylcholin hemmen, welcher für die Übertragung des Bewegungssignals von den Nerven an den Muskel zuständig ist. Allerdings haben diese Medikamente oft unangenehme Nebenwirkungen, da sie nicht nur an der Blasenmuskulatur wirken. So können sie Mundtrockenheit oder Verstopfung verursachen und die Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigen. Des Weiteren existieren verschiedene operative Methoden zur Behandlung von Inkontinenz.
Artikeln in „Presse“ und „Standard“ zufolge wurde Botulinum Toxin A (bekannt unter dem Handelsnamen Botox®) in Irland und eventuell bald anderen europäischen Ländern zur Behandlung von Inkontinenz, die durch Multiple Sklerose oder Rückenmarksverletzungen verursacht ist, zugelassen.
Das starke Nervengift Botulinum Toxin A ist in der Lage, Muskelfasern – durch Blockade des Botenstoffes Azetylcholin – komplett zu lähmen. Diese Wirkung macht man sich unter anderem – allerdings in niedriger Dosierung – in der kosmetischen Medizin zunutze. Durch eine vorübergehende Lähmung von Muskelfasern etwa im Gesicht können so z.B. durch Stirnrunzeln begünstige Falten etwas geglättet werden.
Wie wirksam aber ist Botulinum Toxin A zur Behandlung von Blasenschwäche und Inkontinenz?
Wirksamkeit von Botulinum Toxin A
4 randomisiert-kontrollierte Studien mit jeweils relativ kleiner Teilnehmerzahl zeigen, dass eine einmalige Injektionsserie mit Botulinum Toxin A in den Detrusormuskel der Blase die Häufigkeit des Harnverlusts bei Patienten mit Inkontinenz deutlich senken kann.
Zwei Studien [1, 2] davon untersuchten Patienten mit Inkontinenz durch Detrusor-Überaktivität, die durch Rückenmarksschädigungen oder die Nervenerkrankung Multiple Sklerose verursacht wurden. Dabei verringerte sich die Anzahl der täglichen Fälle von unabsichtlichem Harnverlust 24 Monate nach der Injektion um rund die Hälfte auf 1 bis 2 Vorfälle pro Tag.
Die beiden anderen Studien [3, 4] untersuchten Dranginkontinenz-Patienten ohne Nervenschädigung. Während die Autoren einer Studie [4] nach 6 Wochen ebenfalls eine Verringerung der Inkontinenzvorfälle um etwa die Hälfte auf rund 3 pro Tag fanden, erzielten die Patienten der zweiten Studie [3] nach 1 Monat eine größere Verringerung der Häufigkeit von rund 7 auf etwa 1 Vorfall pro Tag.
Obwohl in einer Studie [2] 36 Wochen (etwa 8 ½ Monate) nach der Injektion immer noch eine verringerte Häufigkeit der Inkontinenzvorfälle nachweisbar war, war die Wirkung in den ersten 6 Wochen nach der Injektion am stärksten und nahm danach ab. In keiner der Untersuchungen wurde ein vollständiges Ausbleiben von Inkontinenzvorfällen erzielt.
Nebenwirkungen
Die häufigsten Nebenwirkungen waren Harnwegsentzündungen, die bei einem Viertel bis der Hälfte (in einer Studie [2]) der Patienten auftraten. Weiters war bei etwa einem von 20 Patienten nach der Injektionsserie Blut im Harn sichtbar.
Durch die Botulinum Toxin-bedingte Lähmung des Detrusormuskels hatten allerdings auch mehrere Patienten Probleme, ihre Blase vollständig zu leeren. 1 von 5 Teilnehmern einer Studie [4] konnte eine Blasenentleerung daher nur mittels selbst eingeführtem Katheter erreichen.
(für den Inhalt verantwortlich: B. Kerschner, M. Strobelberger, K. Thaler)
Information zu den wissenschaftlichen Studien
[1] Schurch u. a. (2005)
Studientyp: Randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 59 Dranginkontinenz-Patienten mit Rückenmarksverletzung oder Multipler Sklerose
Dauer: 24 Wochen
Vergleich: Einmalige Injektionsserie mit Botulinum Toxin A gegen Placebo-Injektion
Titel: “Botulinum toxin type A is a safe and effective treatment for neurogenic urinary incontinence: results of a single treatment, randomized, placebo controlled 6-month study.” J URol 174(1): 196-200. (Zusammenfassung der Studie)
[2] Herschorn u. a. (2011)
Studientyp: Randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 57 Dranginkontinenz-Patienten mit Rückenmarksverletzung oder Multipler Sklerose
Dauer: 36 Wochen
Vergleich: Einmalige Injektionsserie mit Botulinum Toxin A gegen Placebo-Injektion
Titel: “Efficacy of botulinum toxin A injection for neurogenic detrusor overactivity and urinary incontinence: a randomized, double-blind trial.” J Urol 185(6): 2229-2235. (Zusammenfassung der Studie)
[3] Brubaker u. a. (2008)
Studientyp: Randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 43 Patienten mit Dranginkontinenz
Dauer: 1 Monat
Vergleich: Einmalige Injektionsserie mit Botulinum Toxin A gegen Placebo-Injektion
Titel: “Refractory idiopathic urge urinary incontinence and botulinum A injection.” J Urol 180(1): 217-222. (Studie im Volltext)
[4] Flynn u. a. (2009)
Studientyp: Randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 22 Patienten mit Dranginkontinenz
Dauer: 6 Wochen
Vergleich: Einmalige Injektionsserie mit Botulinum Toxin A gegen Placebo-Injektion
Titel: “Outcome of a randomized, double-blind, placebo controlled trial of botulinum A toxin for refractory overactive bladder.” J Urol 181(6): 2608-2615. (Studie im Volltext)
Andere wissenschaftliche Quellen
[5] Milsom I, Abrams P, et al. (2001) How widespread are the symptoms of an overactive bladder and how are they managed? A population-based prevalence study. BJU Int. 2001 Jun;87(9):760-6. Erratum in: BJU Int 2001 Nov;88(7):807. (Zusammenfassung der Studie)

