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Nagelpilz: Öle und Säuren als Pilzkiller?

Nagelpilz erfordert ärztliche Abklärung

Nagelpilz erfordert ärztliche Abklärung

Nagelpilz ist ein weit verbreitetes Problem. Können Heilmittel auf Basis von Ölen und Säuren den Pilzen den Garaus machen?

Frage:Sind lokal anzuwendende Mittel die Säuren und Öle enthalten, wie beispielsweise Excilor und Nailner, bei Nagelpilz wirksam?
Antwort:unklar
Erklärung:Bisher gibt es nur wenige Studien, die sich mit den Inhaltsstoffen derartiger Mittel beschäftigen. Diese sind von zu schlechter Qualität, um eine Aussage zu Wirksamkeit oder Unwirksamkeit treffen zu können.

Gelblich verfärbte, dicke und brüchige Nägel sind vor allem bei älteren Personen ein häufiges Problem. Zumeist sind sie Symptom einer Nagelpilzerkrankung. Den Betroffenen ist nicht nur der wenig ästhetische Anblick unangenehm, sie leiden auch oft an Schmerzen und Entzündungen der umgebenden Haut. Im schlimmsten Fall kann die Pilzerkrankung zum vollständigen Verlust des befallenen Nagels führen [2]. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Geplagten den Pilzbefall möglichst rasch wieder loswerden wollen.

Doch bei der Behandlung ist Geduld gefragt. Eine Therapie ist langwierig, hat mitunter Nebenwirkungen zur Folge und erfordert monatelanges, konsequentes Schmieren oder Schlucken von Pilzmitteln [2] [9]. In vielen Fällen kommt es zu Rückfällen und die Betroffenen sind immer verzweifelter auf der Suche nach einem wirksamen und möglichst unschädlichen Mittelchen [2] [5] [9].

Großes Angebot an rezeptfreien Mitteln

Bei einem Blick in die Regale von Apotheken und Drogerien oder auch auf die Seiten von diversen Internetanbietern werden die Betroffenen rasch fündig. Die Palette der rezeptfrei erhältlichen Medikamente dagegen ist groß. Neben Präparaten, die Anti-Pilzmittel (Antimykotika) enthalten, werden auch viele natürliche Heilmittel angeboten. Sie enthalten Öle und Säuren wie beispielsweise Teebaumöl, Lavendelöl, Essigsäure oder Milchsäure. Diese werden in Form von Salben oder Lösungen auf die befallenen Nägel aufgetragen und sollen so den Pilz direkt unschädlich machen. Zusätzlich verändern sie angeblich die Beschaffenheit der Nägel so, dass sich der Pilz nicht weiter ausbreiten kann.

Als Endergebnis versprechen die Hersteller schöne, gesunde Nägel. Bei solchen Aussichten, noch dazu mit rein pflanzlichen Inhaltsstoffen, ist ein derartiges Mittel schnell gekauft. Doch können die Betroffenen nach einer Behandlung mit derartigen Mitteln tatsächlich wieder ungeniert ihre Nägel zeigen?

Nur eine Handvoll Studien

Ob Mittel, die nur Öle und Säuren enthalten, betroffene Zehen- und Fingernägel tatsächlich vom Pilz befreien, können wir derzeit nicht beantworten. Der Fülle solcher Nagelpilz-Produkte steht nur eine Handvoll Studien gegenüber, die diese Inhaltsstoffe untersucht hat. Zwar berichtet der eine oder andere Studienautor über durchwegs positive Wirkungen – diese Untersuchungen haben jedoch grobe Mängel. Sehr oft wurden die Untersuchungen von Herstellerfirmen finanziert bzw. waren die Autoren Angestellte dieser Firmen. Es lässt sich nicht ausschließen, dass dadurch die Studienergebnisse verzerrt worden sind. [1] [4].

So existieren nach Auskunft des Medikamenten-Internetanbieters „APOdirekt“ keine klinischen Studien über die Wirksamkeit von „Nailner“- einem Nagelpilz-Produkt, das neben diversen Säuren auch Teebaumöl und Lavendelöl enthält. Nach Auskunft von APOdirekt gibt es derzeit nur Anwendungsbeobachtungen zu diesem Produkt. Diese haben aber keine wissenschaftliche Aussagekraft und können daher von uns nicht in die Beurteilung über Wirksamkeit/Unwirksamkeit von dem Nagelpilzmittel herangezogen werden.

Hausmittel nicht ohne Nebenwirkungen

Die Idee, Öle und Säuren im Kampf gegen Nagelpilz einzusetzen ist keineswegs neu. Die Liste traditioneller Hausmittel gegen die Nagelerkrankung ist lang. So soll unter anderem ein Einreiben der betroffenen Nägel mit Essig oder Lavendelöl genauso helfen wie mit Backpulver, Knoblauch oder sogar Zahnpasta.

Besonders häufig wird in diversen Internetforen Teebaumöl empfohlen. Das aus dem australischen Teebaum gewonnene Naturprodukt gilt als Universalheilmittel – nicht nur gegen Nagelpilz. Doch „Naturprodukt“ bedeutet nicht automatisch „frei von Nebenwirkungen“. So warnt das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung davor, unverdünntes Teebaumöl anzuwenden. Dieses kann bei empfindlichen Personen zu Hautreizungen und allergischen Hautausschlägen führen. Besonders bei Verwendung von hochkonzentrierten Produkten sowie bei nicht lichtgeschützter Lagerung kann dies der Fall sein [8].

Zu den möglichen Auswirkungen und Nebenwirkungen einer Behandlung mit all den übrigen Ölen und Säuren fehlen gut durchgeführte Studien.

Pilze lieben feuchtes Milieu

Auch wenn wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen können ob Mittel auf Öl- oder Säurebasis bei Nagelpilz helfen, gibt es doch einige Möglichkeiten der Vorbeugung und Behandlung. Da Pilze in feuchtem Milieu besonders gut gedeihen, sind Orte wie Schwimmbäder oder Fitnesscenter mit einem besonders hohen Ansteckungsrisiko verbunden [2] [3] [9]. Experten raten dazu, unbedingt Badeschuhe zu tragen sowie danach zu einer besonders gründlichen Reinigung und Trocknung der Füße. Um der Entstehung von Nagelpilz vorzubeugen, sollten auch nicht zu enge, luftundurchlässige Schuhe über einen längeren Zeitraum getragen werden [2].

Nagelpilz kommt selten allein – viele der Patienten leiden zugleich an Fußpilz [2] [7] [9]. Um ein Ping-Pong Spiel zwischen Fuß- und Nagelpilz zu vermeiden, ist eine gleichzeitige Behandlung aller pilzbefallenen Stellen am Fuß wichtig. Im Idealfall sollten Betroffene zunächst einen Arzt aufsuchen, der aus Nagelproben die Pilzart bestimmt und die Therapie darauf abstimmt. Je nach Schwere, Art des Pilzes und eventuellen Zusatzerkrankungen erhalten die Patienten Präparate in Tablettenform und/oder Salben zum Auftragen. In einigen Fällen kann auch die Entfernung des befallenen Nagels nötig sein, oder der Arzt kann eine Lasertherapie versuchen [9]. Dennoch kommt es oft zu einem Wiederauftreten der Pilzerkrankung – vor allem bei älteren Personen, Menschen mit geschwächter Immunabwehr oder Personen, die an Diabetes, Durchblutungsstörungen oder anderen Hauterkrankungen leiden [2] [9].

 

Die Studien im Detail

Gut durchgeführte Studien, welche die Wirksamkeit von lokal anzuwendenden Nagelpilzmitteln auf Öl- oder Säure- Basis untersuchen, sind rar. In den wenigen vorhandenen Untersuchungen werden meist Kombinationen aus mehreren, verschiedenen Ölen beziehungsweise Säuren untersucht. Aus den Ergebnissen solcher Studien lässt sich nicht schließen, ob und wie wirksam ein einzelner Inhaltsstoff ist. Zudem werden in den einzelnen Studien völlig verschiedene Öl- und Säure-Gemische untersucht. Diese Vielzahl verschiedener Gemische macht einen Vergleich der Ergebnisse und etwaige Rückschlüsse auf eine mögliche (Un)Wirksamkeit schwierig [4] [5] [6].

Dass Angaben zum allgemeinen Gesundheitszustand der Nagelpilz-Erkrankten in den Studien meist fehlen, erschwert die Beurteilung ebenfalls. Dies kann die Studienergebnisse verzerren. So bleibt unklar, ob die Betroffenen beispielsweise auch an Diabetes, Durchblutungsstörungen oder Störungen der Immunabwehr leiden. Diese Erkrankungen können die Heilungschancen entscheidend mindern. [2] [3] [4] [7].

In einer schon länger zurückliegenden Untersuchung aus dem Jahr 1994 wurde die Wirksamkeit von unverdünntem Teebaumöl mit jener des ebenfalls lokal aufzutragenden Anti-Pilzmittels (Antimykotikums) Clotrimazole (einprozentige Verdünnung) verglichen [1]. Dies immerhin über einen Zeitraum von sechs Monaten. Auf den ersten Blick sprechen die Ergebnisse dieser Studie durchwegs dafür, dass Teebaumöl gleich gut wirkt wie das Anti-Pilzmittel. Bei genauerer Betrachtung kommen aber Zweifel auf. So wurden zwar einige Basisdaten wie Alter, Geschlecht oder Diabetes berücksichtigt. Nicht angegeben wurden aber, ob die Studienteilnehmer an anderen Erkrankungen litten, und welche Medikamente sie zusätzlich eingenommen hatten. Es lässt sich daher nicht ausschließen, dass die mit Teebaumöl behandelten Patienten zusätzlich Antimykotika schluckten und diese so zu dem verheißungsvollen Erfolg beigetragen haben.

In den meisten Studien werden die Patienten nicht ausreichend lange mit den zu untersuchenden Substanzen behandelt und beobachtet. Durch die zu kurze Laufzeit lassen sich die anhaltende Wirksamkeit einer Behandlung oder eventuell auftretende Rückfälle nicht beurteilen. In vielen Untersuchungen ist zudem unklar, ob Teilnehmer oder Versuchsleiter nicht wissen, wer welche Behandlung erhalten hat. Häufig sind die Teilnehmerzahlen ohnehin zu klein, um aussagekräftig zu sein, oder es gibt gar keine Teilnehmer, die eine Vergleichsbehandlung erhalten [3] [6].

Auch die Autoren einer 2009 veröffentlichten systematischen Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration konnten keine gut durchgeführten Studien zu lokal anzuwendenden natürlichen Substanzen gegen Nagelpilz wie beispielsweise Teebaumöl finden [2].

(AutorIn: C. Christof, Review: B. Kerschner)

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Wissenschaftliche Quellen

[1] Buck u.a.(2009)
Studienart: randomisiert kontrollierte Studie
Teilnehmer: 117 Patienten mit Nagelpilz
Fragestellung: Vergleich der Wirksamkeit zwischen lokal aufgetragenem 1%Clotrimazole und 100% Teebaumöl
Mögliche Interessenskonflikte: unklar

Buck DS, Nidorf DM, Addino JG. Comparison of two topical preparations for the treatment of onychomycosis: Melaleuca alternifolia (tea tree) oil and clotrimazole. J Fam Pract. 1994
Jun;38(6):601-5. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Crawford u.a. (2007)
Crawford F, Hollis S. Topical treatments for fungal infections of the skin and nails of the foot. Cochrane Database Syst Rev. 2007 Jul 18;(3):CD001434. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[3] Syed u.a. (1999)
Syed TA, Qureshi ZA, Ali SM, Ahmad S, Ahmad SA. Treatment of toenail onychomycosis with 2% butenafine and 5% Melaleuca alternifolia (tea tree) oil in cream. Trop Med Int Health. 1999 Sep;4(9):630. (Studie in voller Länge)

[4] Emtestam u.a.(2012)
Emtestam L, Kaaman T, Rensfeldt K. Treatment of distal subungual onychomycosis with a topical preparation of urea, propylene glycol and lactic acid: results of a 24-week, double-blind, placebo-controlled study. Mycoses. 2012 Nov;55(6):532-40. (Zusammenfassung der Studie)

[5] Rehder u.a. (2008)
Rehder P, Nguyen TT. A new concept in the topical treatment of onychomycosis with cyanoacrylate, undecylenic acid, and hydroquinone. Foot Ankle Spec. 2008 Apr;1(2):93-6. (Zusammenfassung der Studie)

[6] Derby u.a.(2011)
Derby R, Rohal P, Jackson C, Beutler A, Olsen C. Novel treatment of onychomycosis using over-the-counter mentholated ointment: a clinical case series. J Am Board Fam Med. 2011 Jan-Feb;24(1):69-74. (Arbeit in voller Länge)

[7] Thomas u.a. (2010)
Thomas J, Jacobson GA, Narkowicz CK, Peterson GM, Burnet H, Sharpe C. Toenail onychomycosis: an important global disease burden. J Clin Pharm Ther. 2010 Oct;35(5):497-519. (Zusammenfassung)

[8] Deutsches Bundesinstitut für Risikobewertung (2003)
Deutsches Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) Verwendung von unverdünntem Teebaumöl als kosmetisches Mittel,Stellungnahme des BfR vom 1. September 2003, abgerufen am 14.09.2015 unter http://www.bfr.bund.de/cm/343/verwendung_von_unverduenntem_teebaumoel_als_kosmetisches_mittel.pdf

[9] UpToDate (2014)
Adam O Goldstein, Onychomycosis, abgerufen am 14.09.2015 unter http://www.uptodate.com/contents/onychomycosis