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Mythos Krebsschutz durch Pflanzenfarbstoff Beta-Carotin

Karotten enhalten viel Beta-Carotin

Karotten enhalten viel Beta-Carotin

[Aktualisiert, ursprünglich veröffentlicht 19. 8. 2011] Der orangefarbene Pflanzenfarbstoff Beta-Carotin ist nicht nur eine wichtige Vitamin A – Vorstufe, er soll auch vor Krebs schützen, so wiederkehrende Medienberichte. Die zusammengefassten Ergebnisse bisheriger Studien sprechen allerdings deutlich gegen eine risikosenkende Wirkung.  Im Gegenteil, Beta-Carotin-Präparate könnten Blasenkrebs sowie Krebs bei Rauchern unter Umständen sogar fördern.

Zeitungsartikel: Das sind die 100 besten Krebskiller (Österreich, 21. 3. 2011) und  Clevere Food Kombis  (Men’s Health, 7.7. 2011)
Frage:Schützt der Pflanzenfarbstoff Beta-Carotin vor Krebs? (Leser-Anfrage)
Antwort:Für Beta-Carotin, den am besten untersuchten Pflanzenfarbstoff unter den Carotinoiden, gibt es keinen Hinweis auf eine Krebsrisiko-mindernde Wirkung. Im Gegenteil, Beta-Carotin-Präparate könnten das Risiko für Blasenkrebs sowie Krebs bei Rauchern unter Umständen sogar fördern.
Beweislage:
Hohe wissenschaftliche Beweislagefür die Nicht-Wirksamkeit

[Aktualisierte Version vom 8.5.2014: eine weitere systematische Übersichtsarbeit [3] bestätigt die Aussage des Textes.]

Dass der regelmäßige Verzehr von frischem Gemüse empfehlenswert ist, wird kaum ein Arzt oder Forscher bestreiten, unter anderem gilt es schließlich als wichtige Vitaminquelle. Beta-Carotin, welches zur Gruppe der Carotinoid-Pflanzenfarbstoffe gehört und beispielsweise Karotten ihre orange Farbe verleiht, wird im Körper zu Vitamin A umgewandelt. Aus diesem Grund wird es auch als Provitamin A bezeichnet.

Seit einzelne Kohortenstudien den Anschein erweckten, Beta-Carotin und andere Pflanzenfarbstoffe aus der Gruppe der Carotinoide könnten das Risiko für die Entstehung von Krebs mindern, wird in den Medien regelmäßig deren Krebs-vorbeugende Wirkung erwähnt. So führte beispielsweise die Zeitung Österreich in ihrer Ausgabe vom 21. 3. 2011 eine Liste über etliche Nahrungsmittel mit „Krebskiller“-Effekt an, darunter zahlreiche Früchte aufgrund ihres Gehalts an Beta-Carotin. Die Zeitschrift Men’s Health (vom 7. 7. 2011) berichtet gar von 10-fachem Krebsschutz durch die in der Süßkartoffel vorkommenden Carotinoide Lutein und Beta-Carotin.

Lässt sich also durch die Einnahme von Beta-Carotin-Nahrungsergänzungsmitteln tatsächlich das Krebsrisiko verringern?

Ergebnis: Kein Schutz vor Krebs

Drei systematische Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen [1] [2] [3] fassen die Ergebnisse mehrerer Studien zur Auswirkung von Beta-Carotin auf das Risiko für die Entstehung verschiedener Krebsarten zusammen. Demzufolge hat die Zufuhr von Beta-Carotin in Mengen von sechs bis über 30 Milligramm pro Tag keine schützende Wirkung vor der Entstehung von Haut-, Brust-, Prostata-, Dickdarm-, Bauchspeicheldrüsen-, Lungen oder Magenkrebs sowie Krebs im Hals- und Kopfbereich.

Im Gegenteil, die regelmäßige Aufnahme höherer Mengen an Beta-Carotin (20-30 Milligramm pro Tag) könnte das Risiko für die Entstehung mancher Krebsarten sogar erhöhen. Von 100 000 Österreichern würden statt durchschnittlich 29 Personen 33 an Lungenkrebs erkranken, wenn sie täglich diese hohe Menge Beta-Carotin zu sich nähmen. Für Magenkrebs entspräche die Steigerung des Risikos einer Erhöhung von rund 8 Fällen unter 100 000 Personen auf 11 Fälle. Insbesondere für Risikogruppen wie etwa starke Raucher ist die Wahrscheinlichkeit, an diesen Krebsarten zu erkranken im Gegensatz zu Rauchern, die kein Beta-Carotin als Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen, ähnlich erhöht. Auch Blasenkrebs tritt deutlich häufiger bei Personen auf, die regelmäßig Beta-Carotin-Präparate einnehmen [3].

Interessant ist, dass eine der Übersichtsarbeiten [2] bei der zusammenfassenden Analyse von Kohortenstudien sehr wohl ein vermindertes Krebsrisiko in Zusammenhang mit Beta-Carotin findet, nicht aber bei der Analyse von strenger durchgeführten randomisiert-kontrollieren Studien. Da in Kohortenstudien im Gegensatz zu randomisiert-kontrollierten Studien auch andere, unbekannte Faktoren einen Einfluss auf die Krebsentstehung nehmen können, vermuten die Autoren, dass Personen mit höherer Beta-Carotin-Aufnahme sich insgesamt gesünder ernähren sowie einen gesünderen Lebensstil führen. Dies könnte die etwas niedrigere Krebsrate unter diesen Studienteilnehmern erklären.

Insgesamt gesehen ist die Einnahme von Beta-Carotin als Nahrungsergänzungsmittel zur Vorbeugung von Krebs daher nicht hilfreich und aufgrund eines möglicherweise erhöhten Krebsrisikos bei Risikogruppen oder hoher Dosierung den Autoren zweier systematischer Übersichtsarbeiten zufolge [1] [3] nicht empfehlenswert.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, C. Christof)

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Druesne-Pecollo u.a. (2010)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Anzahl der eingeschlossenen Studien: 9 randomisiert-kontrollierte Studien
Anzahl der Teilnehmerinnen insgesamt: 182 323
Vergleich: Auswirkung von Beta-Carotin oder Placebo auf Krebsrisiko

Titel: „Beta-Carotene supplementation and cancer risk: a systematic review and metaanalysis of randomized controlled trials.“ International Journal of Cancer 172-184 (Studie im Volltext)

[2] Gallicchio u.a. (2008)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Anzahl der eingeschlossenen Studien: 6 randomisiert-kontrollierte Studien und 25 Kohortenstudien
Anzahl der Teilnehmerinnen insgesamt: 103 316 (randomisiert-kontrollierte Studien)
+ 1 016 203 (Kohortenstudien)
Vergleich: Auswirkung von Beta-Carotin oder Placebo auf Lungenkrebsrisiko

Titel: „Carotinoids and the risk of developing lung cancer: a systematic review.“ American Journal of Clinical Nutrition 372 – 383 (Studie im Volltext)

[3] Jeon u.a. (2011)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Anzahl der eingeschlossenen Studien: 6 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 40.544
Vergleich: Auswirkung von Beta-Carotin-Präparaten oder Placebo auf Krebsrisiko
Interessenskonflikte: Keine Angaben

Jeon YJ, Myung SK, Lee EH, Kim Y, Chang YJ, Ju W, Cho HJ, Seo HG, Huh BY. Effects of beta-carotene supplements on cancer prevention: meta-analysis of randomized controlled trials. Nutr Cancer. 2011 Nov;63(8):1196-207. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)