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Muskeln aus der Steckdose: Ja, aber…

Muskeln ohne Anstrengung?

Muskeln ohne Anstrengung?

Ein durchtrainierter Körper mit Hilfe von Stromimpulsen? Eine verkabelte Elektrodenweste hilft der Kleinen Zeitung zufolge, dieses Ziel schneller zu erreichen. Elektrische Muskelstimulation (EMS) führt zwar zu Muskelaufbau, ist jedoch wahrscheinlich nicht besser geeignet als gewöhnliches Training. Für einen eventuellen Zusatzeffekt durch eine Kombination mit Fitnessübungen gibt es nur widersprüchliche Hinweise. [Aktualisiert, ursprünglich veröffentlicht 10.5.2012]


 

Zeitungsartikel: EMS-Training: Sixpack aus der Steckdose (20. 1. 2012, Kleine Zeitung),
Reizstrom hilft beim Muskelaufbau (25. 4. 2012, Kleine Zeitung)
Frage:Ist elektrische Muskelstimulation (EMS) in Kombination mit gewöhnlichem Fitnesstraining effizienter als Fitnesstraining alleine?
Antwort:Es gibt Hinweise auf die prinzipielle Wirksamkeit von EMS zur Muskelstärkung. Für eine Überlegenheit der Kombination von EMS und gewöhnlichem Training im Vergleich zu alleinigem Fitnesstraining sind die Hinweise widersprüchlich.
Beweislage:
Ungenügende wissenschaftliche Beweislage

[Aktualisierte Version vom 24.4.2014: eine Suche nach neuen Studien bringt keine inhaltliche Änderung]

Es klingt verlockend: mit minimaler Anstrengung zum Traumkörper. Schon 10 bis 20 Minuten pro Woche sollen ausreichen. Einfach in eine Spezial-Elektrodenweste schlüpfen, ein paar Übungen machen, und danach den Muskeln beim Wachsen zusehen – oder den Fettpölsterchen beim Dahinschmelzen. Liest man im Artikel der Kleinen Zeitung weiter, kehrt zwar ein wenig Ernüchterung ein – die Prozedur scheint nicht unbedingt angenehm zu sein und erfordert dennoch Anstrengung – doch sie scheint zumindest Zeit zu sparen.

Die Methode nennt sich Elektro-Muskelstimulation, kurz EMS, und beruht auf der Eigenschaft von Muskelfasern, sich bei Reizung durch Stromimpulse zusammen zu ziehen. Für gewöhnlich erhält die Muskulatur den Befehl dazu vom Gehirn, etwa wenn man bewusst eine bestimmte Bewegung durchführen möchte. Dabei schickt das Gehirn sehr schwache elektrische Impulse über Nervenbahnen gezielt an spezielle Muskelgruppen und löst so deren Bewegung aus.

Die Elektroden in der Kabelweste ahmen diese Funktionsweise nach, doch im Gegensatz zu den hochspezialisierten grauen Zellen in unserem Kopf, welche eine präzise Feinsteuerung einzelner Muskelgruppen erlauben, löst das Steckdosentraining nur ein unkoordiniertes Zusammenziehen aller Muskeln aus – ähnlich einem Krampf. Eine Verbesserung der Bewegungskoordination kann EMS also nicht bewirken, wie auch die Kleine Zeitung anmerkt.

Prinzipielle Wirksamkeit auf Oberschenkelmuskulatur

EMS findet in der Medizin beispielsweise dann Anwendung, wenn Muskeln nach einer Knieoperation geschwächt sind. Zusätzlich zu herkömmlichem Krafttraining soll so die volle Kraft der Oberschenkelmuskulatur effizienter wiederhergestellt werden – die Wirksamkeit der Methode ist aber nur unzureichend erforscht [3].

Bei Personen mit intaktem Oberschenkel, die keine Operation hinter sich haben, scheint die EMS-Methode die Oberschenkelmuskulatur besser stärken zu können als gar kein Training. Einer Meta-Analyse zufolge, in der die Ergebnisse von 17 Studien zusammengefasst wurden, ist der Effekt aber nicht größer als bei herkömmlichen Kräftigungsübungen [1]. Die Ergebnisse zeigen weiters, dass auch die Kombination von EMS und gewöhnlichem Training den Muskelaufbau des Oberschenkels nicht effektiver fördert als Training alleine [1].

Ganzkörper-EMS als Fitnessmethode kaum untersucht

Während die elektrische Stimulation einzelner Muskelgruppen zu therapeutischen Zwecken von einigen Forschergruppen untersucht wurde, existieren zu dem als Fitnesstrainings-Ersatz angepriesenen Ganzkörper-EMS kaum wissenschaftliche Studien.

In einer Untersuchung an 30 älteren Frauen zeigte sich nach 14 Wochen Kombinationstraining mit EMS und herkömmlichen Fitnessübungen eine deutlichere Stärkung von Bein- und Rumpfmuskulatur als nur durch Fitnessübungen alleine [2]. Zu einer Gewichtsreduktion führte das EMS-Kombinationstraining allerdings nicht, auch wenn die Forscher bei der EMS-Fitness-Kombinationsgruppe einen stärkeren Rückgang von Taillenumfang und Hautfaltendicke feststellten. Da die Teilnehmerinnen der EMS-Gruppe jedoch bereits vor Trainingsbeginn einen höheren Körperfettanteil aufwiesen als ihre Vergleichspartnerinnen, sind diese Ergebnisse mit Vorsicht zu genießen.

Nebenwirkungen wurden in keiner einzigen Studie näher untersucht oder erwähnt – so bleiben nur die Warnhinweise der Hersteller solcher EMS-Geräte, bei einer Schwangerschaft, offenen Hautausschlägen oder Herzschrittmachern auf das Training aus der Steckdose zu verzichten.

Ob sich EMS als Fitness-Ersatz eignet, oder gar in Kombination mit Fitnessübungen zu schnelleren Ergebnissen führt, lässt sich also aufgrund der unzureichenden Beweislage nicht beantworten.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, K. Thaler, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Bax u.a. (2005)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 35 randomisiert-kontrollierte Studien (davon 17 an gesunden Probanden)
Durchschnittliche Studiendauer: 4-5 Wochen
Teilnehmer: insgesamt 1345
Fragestellung: Bewirkt eine elektrische Stimulation der Oberschenkelmuskulatur eine Stärkung der Muskelkraft?
Titel: „Does neuromuscular electrical stimulation strengthen the quadriceps femoris: a systematic review of randomised controlled trials.“ Sports Medicine. 2005; 35(3):191-212. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Kemmler u.a. (2010)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmerinnen: 30 Frauen über 55 nach der Menopause
Dauer: 14 Wochen
Fragestellung: Bewirkt eine Ganzkörper-Elektro-Muskelstimulation (EMS) in Kombination mit regelmäßigem Aerobictraining bei älteren Frauen Änderungen des Körperfettanteils, der Fettverteilung sowie der Muskelstärke im Vergleich zu alleinigem Aerobictraining?
Finanzierung: Unterstützung durch einen Hersteller von Ganzkörper-EMS-Geräten (Miha Bodytec)

Titel: „Effects of whole-body electromyostimulation on resting metabolic rate, body composition, and maximum strength in postmenopausal women: the Training and ElectroStimulation Trial“. J Strength Cond Res. 2010 Jul;24(7):1880-7. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] Monaghan B, Caulfield B, O’Mathúna DP (2010). Surface neuromuscular electrical stimulation for quadriceps strengthening pre and post total knee replacement. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 1. Art. No.: CD007177. (Zusammenfassung der Studie)