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Musiktherapie nach schweren Kopfverletzungen

Musiktherapie: heilende Klänge?

Musiktherapie: heilende Klänge?

Schwere Gehirnschädigungen durch einen Unfall schränken häufig das Bewusstsein ein. Ob eine Musiktherapie die Genesung beschleunigt, ist bisher nicht ausreichend untersucht.

Frage:Fördert Musiktherapie den Heilungsverlauf bei starken Einschränkungen des Bewusstseins nach schweren Gehirnschäden?
Antwort:unklar
Erklärung:Wir haben keine qualitativ hochwertigen Studien gefunden, die konkret den Effekt einer Musiktherapie untersuchen. Einige Wissenschaftler erforschten den Einfluss einer Stimulierung der Sinne, bei der auch akustische Reize eingesetzt werden. Da diese Studien jedoch nur wenige Personen über kurze Zeiträume begleiteten und viele methodische Probleme hatten, erlauben sie keine sichere Aussage.

In den letzten Jahren haben es schwere Hirnverletzungen sogar auf die Titelseiten der Tageszeitungen geschafft: So verunglückten der deutsche Rennfahrer Michael Schumacher und der inzwischen verstorbene niederländische Prinz Friso beim Skifahren und zogen sich dabei schwere Gehirnschäden zu: Michael Schumacher durch einen Sturz auf den Kopf, der niederländische Prinz durch Sauerstoffmangel nach einem Lawinenunglück. In beiden Fällen lagen die Patienten zuerst im Koma, danach verbesserte sich der Zustand etwas.

Bis zum Koma

Schwere Hirnschädigungen können nach Schädelverletzungen auftreten, zum Beispiel nach einem Sturz auf den Kopf. Auch massive Durchblutungsstörungen, wie sie bei einem Schlaganfall oder bei Sauerstoffmangel auftreten, können das Gehirn ernsthaft in Mitleidenschaft ziehen.

Bei Schädigungen durch Schädelverletzungen ist die Prognose oft günstiger als bei anderen Ursachen. Dennoch lässt sich die Entwicklung im Einzelfall nur schwer vorhersagen. Wird das Gehirn geschädigt, kann das zu Einschränkungen des Bewusstseins führen. In leichten Fällen treten kurzfristige Gedächtnisprobleme oder Verwirrtheit auf. In sehr schweren Fällen kann die Schädigung aber auch zu einem Koma führen, in dem die Betroffenen nicht wach sind und auch nicht auf Reize reagieren.

Wach, aber wenig bei Bewusstsein

Öffnet der Patient oder die Patientin im weiteren Krankheitsverlauf spontan die Augen, wird oft auf Wachheit geschlossen. Es kann allerdings weiterhin das Bewusstsein fehlen, sodass lediglich die Reflexe funktionieren. Dieser Zustand wird als „Wachkoma“ bezeichnet. Fachleute sprechen auch von einem „permanent vegetativen Zustand“.

Im Gegensatz zum Koma lassen sich dabei auch spontane Phasen von Schlaf und Wachheit beobachten. In manchen Fällen verbessert sich die Situation der Betroffenen so sehr, dass sie gelegentlich auf Aufforderung Bewegungen machen oder Gegenständen mit den Augen folgen, manchmal sogar willentlich zu kleinen Bewegungen fähig sind, etwa einen Finger kurz zu heben oder bewusst die Augen zu schließen und zu öffnen. Fachleute sprechen dann von einem „minimalen Bewusstseinszustand“.

Im Einzelfall kann es aber selbst für Fachleute schwierig sein, die Unterschiede zwischen einem Wachkoma und einem minimalen Bewusstseinszustand zuverlässig zu erkennen [4,5].

Stimulierung der Sinne

Bei Personen im Wachkoma oder mit minimalem Bewusstsein versuchen Krankenpfleger und -schwestern und die Ärzte sicherzustellen, dass Kreislauf, Atmung und andere Vorgänge im Körper weiter gut funktionieren. Zur frühen Behandlung gehört in der Regel auch Physiotherapie. Außerdem versuchen Therapeutinnen, die Sinne der Betroffenen durch verschiedene Impulse zu stimulieren. Beispielsweise zeigen sie ihnen bekannte Gegenstände oder Personen und lassen sie vertraute Stimmen oder Geräusche hören.

Einer unserer Leser wollte wissen, ob auch eine Musiktherapie in solchen Fällen den Heilungsverlauf verbessern kann, etwa indem die Lieblingsmusik abgespielt wird.

Effekte der Musiktherapie zu wenig untersucht

In einer ausführlichen Literaturrecherche haben wir nur wenige relevante Untersuchungen zu Tage fördern können. Keine der gefundenen Studien hatte Musik als Einzelbehandlung bei schweren Gehirnschäden und Bewusstseinsstörungen zum Thema.

Eine der Studien nutzt Musik als Bestandteil einer umfassenden Stimulationstherapie, die anderen Untersuchungen prüften dagegen, ob das Hören der Stimmen vertrauter Personen oder sonstiger akustischer Reize etwas bewirken kann.

Die meisten Studien hatten nur sehr wenige Patientinnen und Patienten, weisen schwerwiegende methodische Mängel auf und beantworten nicht die Frage, ob die Betroffenen durch die Behandlung tatsächlich bedeutsame und lang anhaltende Verbesserungen des Bewusstseins erlangen. Deshalb sind mit den gefundenen Studien keine sicheren Aussagen möglich.

 

Die Studien im Detail

Eine systematische Übersichtsarbeit analysierte neuere Studien, die die Stimulierung der Sinne bei Menschen im Koma oder mit schweren Bewusstseinsstörungen untersuchten [1]. In die Analyse der Übersichtsarbeit wurden drei Studien einbezogen, darunter zwei, bei denen die Betroffenen verschiedene Behandlungen nach dem Zufallsprinzip erhalten hatten (randomisiert-kontrollierte Studien). Die dritte Untersuchung hatte zumindest zwei Behandlungen miteinander verglichen; allerdings lässt sich nicht sicher sagen, ob dabei die Ausgangsbedingungen für alle Patientinnen und Patienen tatsächlich vergleichbar waren.

Mit jeweils 30 bis 50 Personen untersuchten die Studien eine relativ wenig aussagekräftige Anzahl an Patienten. Zudem fanden die Untersuchungen in Ländern statt, deren Behandlungsstandards vermutlich nur eingeschränkt mit dem in Mitteleuropa vergleichbar sind (Iran, Indien, Thailand).

Leider fehlen in den Studien auch genaue Angaben dazu, ob die Patientinnen und Patienten zu Beginn der Studie im Koma lagen oder zumindest gelegentlich wach waren. Die Gehirnverletzung lag erst relativ kurze Zeit zurück: etwa ein bis zwei Wochen vor Beginn der Behandlung. Damit ist unklar, ob die Ergebnisse auf Leute übertragbar sind, die sich bereits seit längerer Zeit im Wachkoma oder minimalen Bewusstseinszustand befinden.

Mögliche Verbesserungen?

Die Behandlungen in den Studien waren sehr unterschiedlich: Sie umfassten entweder ein Programm, bei therapeutisch mehrere Sinne stimuliert wurden, oder Familienbesuche mit Ansprache und Berührungen. Nur bei einer Behandlungsmethode erwähnen die Forscher explizit, dass auch vertraute Musikstücke abgespielt wurden. Die Patienten in der Vergleichsgruppe erhielten jeweils die übliche Standardtherapie. Die Behandlungsdauer lag in den Studien bei maximal zwei Wochen.

Die Untersuchungen erfassten den Behandlungserfolg auf sehr unterschiedliche Weise, meist in Form von Checklisten, bei denen die Forscher für bestimmte Reaktionen der Untersuchten Punkte vergaben. In allen drei Studien zeigen sich Verbesserungen bei den Behandlungsergebnissen. Allerdings treffen die Forscher keine Aussage darüber, ob diese Veränderungen für den Zustand der Betroffenen tatsächlich bedeutsam waren, die Patienten also zum Beispiel nicht mehr ohne Bewusstsein im Wachkoma lagen, sondern sich in einem minimalen Bewusstseinszustand befanden.

Durch die kurze Untersuchungsdauer lassen sich auch keine sicheren Aussagen zum langfristigen Heilungsverlauf treffen. Weitere methodische Mängel in den einzelnen Studien schränken die Aussagekraft zusätzlich stark ein.

Rehabilitationsprogramme nicht beschrieben

Zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommt eine weitere systematische Übersichtsarbeit [2], die sich ebenfalls mit der Frage beschäftigte, ob eine Stimulierung der Sinne Wachheit oder Bewusstsein von Menschen im Koma oder Wachkoma nach Gehirnverletzungen verbessert.

In einer sehr sorgfältigen Literatursuche fanden sich drei ältere Arbeiten, die in der zuvor beschriebenen Übersichtsarbeit [1] nicht berücksichtigt worden waren. Nur eine davon war eine randomisiert-kontrollierte Studie mit 14 Personen. Bei den zwei anderen handelt es sich um vergleichende Untersuchungen mit 24 beziehungsweise 30 Patientinnen und Patienten.

Die Autoren der Übersichtsarbeit beklagen, dass in den Studien der Zustand der Behandelten vor und nach der Therapie nicht standardisiert beschrieben und erhoben worden ist. In den Studien kamen außerdem sehr unterschiedliche Rehabilitationsprogramme in verschiedener Intensität zum Einsatz. Ob sie auch Musik beinhalteten, wird in der Übersichtsarbeit nicht angegeben. Sichere Schlussfolgerungen lassen diese Studien also ebenfalls nicht zu.

Vertrautes vorspielen

Eine neuere randomisiert-kontrollierte Studie, die die Übersichtsarbeiten nicht mehr berücksichtigen konnten, untersuchte ein sehr spezielles Programm in den USA: Angehörige erzählten von gemeinsam erlebten Ereignissen aus der Vergangenheit, die mit definierten Gefühlen wie Freude oder Trauer verbunden waren [3]. Diese Erzählungen wurden auf CD aufgenommen und den Patientinnen und Patienten über Kopfhörer viermal täglich vorgespielt. Die Vergleichsgruppe lautschte einer CD mit Stille.

Die 15 Untersuchten befanden sich nach Unfällen, die durchschnittlich 70 Tage zurücklagen, entweder im Wachkoma oder in einem minimalen Bewusstseinszustand. Nach sechs Wochen hatte sich in der Behandlungsgruppe der Zustand von einem der ursprünglich zwei Wachkoma-Patienten verbessert, in der Vergleichsgruppe waren es einer von drei Patienten. Bei jenen, die zu Beginn die Diagnose „minimaler Bewusstseinszustand“ erhalten hatten, gab es am Ende der Studie in der Behandlungsgruppe bei vier von sechs Personen einen Heilungsfortschritt, in der Vergleichsgruppe nur bei einer von vier Personen.

Wegen der geringen Teilnehmerzahlen lässt sich jedoch nicht sicher feststellen, inwieweit diese Veränderungen auf die Behandlung oder eine zufällige Besserung zurückzuführen sind. Ebenso offen ist, ob sich die Unterschiede zwischen Behandlungs- und Vergleichsgruppe auch im langfristigen Heilungsverlauf widerspiegeln. Zudem ist unklar, ob sich die Ergebnisse der Studie auch auf andere Behandlungsformen wie das Abspielen vertrauter Musikstücke übertragen lassen.

(AutorIn: I. Hinneburg, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Padilla (2016)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Teilnehmer insgesamt: 80 Patienten in zwei randomisierten kontrollierte Studien
Fragestellung: Welchen Einfluss hat eine Stimulation der Sinne auf Wachheit beziehungsweise Bewusstsein von Menschen im Koma oder Wachkoma nach einer Schädelverletzung?
Interessenskonflikte: keine Angaben

Padilla R, Domina A. Effectiveness of Sensory Stimulation to Improve Arousal and Alertness of People in a Coma or Persistent Vegetative State After Traumatic Brain Injury: A Systematic Review. Am J Occup Ther. 2016;70(3):7003180030p1-8
(Zusammenfassung der Studie)

[2] Lombardi 2002
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse
Teilnehmer insgesamt: 14 Patienten in einer randomisierten kontrollierten Studie, 54 Patienten in zwei kontrollierten Studien
Fragestellung: Hat sensorische Stimulation Einfluss auf Wachheit oder Bewusstsein von Menschen im Koma oder Wachkoma nach traumatischen Gehirnschäden?
Interessenskonflikte: keine nach Angaben der Autoren
Lombardi F u.a. Sensory stimulation for brain injured individuals in coma or vegetative state. Cochrane Database Syst Rev. 2002;(2):CD001427.
(Zusammenfassung der Studie)

[3] Pape (2015)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 15 Patienten mit Bewusstseinsstörungen
Fragestellung: Verbessert eine spezielle Form von akustischer Stimulation Bewusstsein oder Wachheit oder neurologische Funktionen bei Patienten im Wachkoma oder mit minimalem Bewusstseinszustand?
Interessenskonflikte: keine nach Angaben der Autoren

Pape T u.a. Placebo-Controlled Trial of Familiar Auditory Sensory Training for Acute Severe Traumatic Brain Injury: A Preliminary Report. Neurorehabil Neural Repair. 2015 Jul;29(6):537-47 (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] Hansen(2013)
Hansen HC (Hrsg). Bewusstseinsstörungen und Enzephalopathien. Springer Berlin Heidelberg, 2013

[5] Bender u.a. (2015)
Bender A u.a.: Wachkoma und minimaler Bewusstseinszustand. Dtsch Arztebl Int 2015; 112: 235–42 (Volltext)