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Musiktherapie bei Parkinson: heilsame Töne?

Hilft Musik alten Menschen mit Parkinson?

Hilft Musik alten Menschen mit Parkinson?

Parkinson-Patienten haben Schwierigkeiten beim Gehen und beim Halten des Gleichgewichts. Musiktherapie soll diese Bewegungsstörungen lindern, so ein Bericht auf ORF.at. Was ist dran am ‚Medikament’ namens Musik?

 
 

 

Zeitungsartikel: Mit Marschmusik gegen Parkinson (22.6.2014, ORF.at)
Frage:Hilft Musiktherapie bei der Parkinson-Krankheit?
Antwort:möglicherweise Ja
Erklärung:Die aktuelle Studienlage deutet darauf hin, dass Musiktherapie bei Parkinson-Patienten eine Verbesserung der Beweglichkeit und Stabilität bewirken könnte. Auch bei anderen Erkrankungen wirkt Musiktherapie möglicherweise unterstützend. Allerdings sind viele Aspekte noch ungeklärt.

‚Ohne Musik wäre das Lebe ein Irrtum’, sagte Friedrich Nietzsche. Musik ist Teil jeder Kultur. Schon in grauer Vorzeit sangen die Menschen und spielten auf Instrumenten.

Das Musizieren dient jedoch bis heute keineswegs bloß der Unterhaltung. Für Musiktherapeuten sind die harmonisch-rhythmischen Weisen eine Art ‚Medikament’ für Körper, Geist und Seele. Musik soll also die Gesundheit erhalten, fördern oder wiederherstellen.

Bewegung außer Kontrolle

Gezielt eingesetzt wird Musik zum Beispiel bei der Behandlung von Menschen mit der Parkinson-Krankheit. Diese Personen leiden an einer unheilbaren Nervensystem-Erkrankung. Sie haben Schwierigkeiten mit Bewegungsabläufen, die für Gesunde ganz selbstverständlich scheinen. Probleme treten zum Beispiel beim Gehen und beim Halten des Gleichgewichts auf. All dies macht den Alltag zunehmend mühsam [4] [7].

Um die Beschwerden zu lindern, wird mitunter Musiktherapie als Zusatzbehandlung eingesetzt. Doch welche Beweise gibt es für die Wirksamkeit bei der Parkinson-Krankheit? Tatsächlich finden sich in einer gut gemachten Übersichtsarbeit samt Meta-Analyse einige Hinweise [4] auf die Nützlichkeit.

Stabiler und beweglicher

Die musikalisch untermalten Geh- oder Tanzübungen können zu mehr Beweglichkeit und Stabilität führen: Die Balance verbessert sich etwas – das ist wichtig, um Stürze zu vermeiden. Die Schritte werden ein wenig größer; die Patienten können etwas schneller aus dem Sitzen aufstehen und flotter gehen.

Das ‚musikbewegte’ Training, bei dem der Rhythmus wohl als Taktgeber fungiert, bringt also einige positive Effekte. Diese sind allerdings nicht immens und zeigen sich nicht in allen Bereichen. Etwa auf das ‚Festkleben’ der Füße am Boden oder die Lebensqualität von Parkinson-Patienten scheint sich die Musiktherapie nicht auszuwirken.

In Summe klingen die Ergebnisse jedoch ermutigend. Allerdings sind sie aufgrund ihrer Vorläufigkeit mit Vorsicht zu genießen. Es ist durchaus möglich, dass künftige Untersuchungen mit mehr Teilnehmern und besserem Studiendesign zu einer anderen Beurteilung führen.

Symphonie der Anwendungen

Parkinson ist nicht die einzige Krankheit, bei der Musiktherapie zu einem gesteigerten Wohlbefinden bzw. einer Verbesserung der Krankheitszeichen beitragen kann. Auch bei Schlafproblemen, Schizophrenie, depressiven Symptomen und weiteren psychischen Erkrankungen wirkt Musik vermutlich positiv [6].

Es gibt weiters Hinweise darauf, dass zum Beispiel Angst vor einer Operation [1] durch Musiktherapie besser zu bewältigen ist. Möglicherweise bietet diese Behandlungsform auch bei Autismus [5], Krebs [2], Herzerkrankungen [3] und weiteren gesundheitlichen Beeinträchtigungen [6] eine Unterstützung.

In Zukunft: mehr Wissen

Vieles rund um die Musiktherapie ist allerdings noch ungeklärt. Schließlich ist dieser Forschungszweig noch recht jung. In den nächsten Jahren sind in mehreren Bereichen wertvolle neue Ergebnisse zu erwarten.

Warum der Wirksamkeitsnachweis von Musiktherapie nicht ganz einfach ist? Zum einen macht eine Vielzahl von Ansätzen den Vergleich kompliziert bis unmöglich: Es gibt beispielsweise Einzel- und Gruppentherapien. Manchmal musizieren die Patienten oder Therapeuten selbst. Es gibt aber auch Therapien, in denen Musik abgespielt wird, um ihr zu lauschen, über die hervorgerufenen Emotionen zu diskutieren oder sich dazu – wie bei der Parkinson-Therapie – zu bewegen.

Akzeptiert und nebenwirkungsfrei

Besser geklärt gehört auch, wie oft und wie lange diese Behandlungsform angewendet werden soll, damit der positive Nachhall möglichst anhält. Verheißungsvoll scheint jedenfalls, dass viele Patienten der Musiktherapie gegenüber offen sind. Außerdem wurden bislang keine unerwünschten Nebenwirkungen dokumentiert [6].

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: B. Kerschner, F. Stigler)

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Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Bradt u. a. (2013a)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 26 randomisierte bzw. kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 2051 Patienten
Fragestellung: Sind Musik-Interventionen wirksam gegen die Angst vor einer Operation?
Interessenskonflikte: keiner

Bradt J, Dileo C, Shim M. Music interventions for preoperative anxiety. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013, Issue 6. Art. No.: CD006908. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[2] Bradt u.a. (2011)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 30 randomisiert-kontrollierte bzw. quasi-randomisierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 1891 Patienten
Fragestellung: Profitieren Krebspatienten von Musik-Interventionen?
Interessenskonflikte: keiner

Bradt J, Dileo C, Grocke D, Magill L. Music interventions for improving psychological and physical outcomes in cancer patients. Cochrane Database of Systematic Reviews 2011, Issue 8. Art. No.: CD006911. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[3] Bradt u. a. (2013b)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 26 randomisiert-kontrollierte bzw. quasi-randomisierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 1369 Patienten
Fragestellung: Sind Musik-Interventionen wirksam bei Patienten mit koronaren Herzerkrankungen?
Interessenskonflikte: keiner

Bradt J, Dileo C, Potvin N. Music for stress and anxiety reduction in coronary heart disease patients. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013, Issue 12. Art. No.: CD006577. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[4] De Dreu u.a. (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 6 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 168 Patienten
Fragestellung: Was bewirken musikalische Bewegungstherapien (Gehen, Tanz) bei Parkinson-Patienten?
Interessenskonflikte: keiner

de Dreu MJ, van der Wilk AS, Poppe E, Kwakkel G, van Wegen EE. Rehabilitation, exercise therapy and music in patients with Parkinson’s disease: a meta-analysis of the effects of music-based movement therapy on walking ability, balance and quality of life. Parkinsonism Relat Disord. 2012 Jan;18 Suppl 1:S114-9. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[5] Geretsegger u.a. (2014)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 10 randomisierte und kontrollierte klinische Studien
Teilnehmer insgesamt: 165 Patienten
Fragestellung: Welche Effekte haben Musiktherapien bei Kindern mit Autismus?
Interessenskonflikte: keiner

Geretsegger M, Elefant C, Mössler KA, Gold C. Music therapy for people with autism spectrum disorder. Cochrane Database of Systematic Reviews 2014, Issue 6. Art. No.: CD004381. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[6] Kamioka u.a. (2014)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 21 systematische Übersichtsarbeiten (darunter 16 Cochrane-Reviews), basierend auf randomiert-kontrollierten Studien
Fragestellung: Wirksamkeit von Musiktherapie bei unterschiedlichen Krankheiten (Parkinson, Schizophrenie usw.)?
Interessenskonflikte: keiner

Kamioka H, Tsutani K, Yamada M, Park H, Okuizumi H, Tsuruoka K, Honda T, Okada S, Park SJ, Kitayuguchi J, Abe T, Handa S, Oshio T, Mutoh Y. Effectiveness of music therapy: a summary of systematic reviews based on randomized controlled trials of music interventions. Patient Prefer Adherence. 2014 May 16;8:727-54. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

Weitere wissenschaftliche Quellen

IQWIG (2012). Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWIG, gesundheitsinformation.de: Parkinson. Abgerufen am 28.7.2014 unter http://www.gesundheitsinformation.de/parkinson.2226.de.html