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Mit Hypnose zum Nichtraucher?

fotolia.com/Perseomedusa

Zum Jahresbeginn häufen sich die guten Vorsätze – zum Beispiel, endlich mit dem Rauchen aufzuhören. Hilft Hypnose?

Frage: Hilft eine Hypnotherapie bei der Raucherentwöhnung?
Antwort:unklar
Erklärung: Die Ergebnisse aus Studien sind sehr widersprüchlich. Bei den Untersuchungen mit positivem Ausgang gab es durchwegs methodische Probleme, so dass sich daraus keine eindeutigen Aussagen ableiten lassen.

Dass Rauchen der Gesundheit schadet, weiß inzwischen jeder. Wer regelmäßig zur Zigarette greift, belastet Herz, Kreislauf und Lungen. Raucher erleiden häufiger einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall und haben ein hohes Risiko für chronische Bronchitis und andere Atemwegserkrankungen.
 
In Österreich sterben durch Rauchen jedes Jahr rund 14.000 Menschen. Etwa jeder vierte Krebstodesfall ist auf Tabakkonsum zurückzuführen. Die häufigste Krebsart bei Rauchern ist Lungenkrebs. Wer 20 und mehr Zigaretten pro Tag raucht, hat ein 15-fach höheres Risiko im Vergleich zu Nichtrauchern [10].
 
Aufhören ist trotzdem schwierig. Nur wenige schaffen es im „kalten Entzug“, also indem sie die Zigaretten einfach weglassen. Für alle anderen gibt es eine ganze Reihe von Unterstützungsmöglichkeiten, etwa Nikotin-Pflaster oder -Kaugummis. Diese Hilfsmittel sollen es möglich machen, Schritt für Schritt von Nikotin und Tabakrauch wegzukommen. In schwereren Fällen kann der Arzt auch bestimmte Psychopharmaka verschreiben. Alle diese Mittel helfen beim Rauchstopp und lindern die Entzugssymptome. Allerdings haben sie auch Nebenwirkungen [4]. Wer den Rauchstopp ohne Medikamente schaffen will, kann sich auch für ein psychotherapeutisches Verfahren entscheiden, etwa eine Verhaltenstherapie [5].

Rauchfrei ohne Willensanstrengung

Attraktiv erscheinen Unterstützungsmethoden, bei denen aus Rauchern scheinbar ohne Willensanstrengung Nichtraucher werden. Dazu gehört neben der Akupunktur auch die Hypnotherapie.

Appell an das Unterbewusstsein

Bei der Hypnotherapie versetzt der Behandler den Patienten in einen veränderten Bewusstseinszustand (Trance). Bei der Raucherentwöhnung spricht der Therapeut dem Patienten Sätze vor, die die Schädlichkeit des Rauchens und die Vorteile des Nichtrauchens illustrieren. Die Theorie dahinter: Willentliche Denk- und Erkenntnisprozesse können das unterschwellige Verlangen nach Zigaretten in der Regel nur schlecht beeinflussen.
 
Deshalb gruseln sich Raucher zwar vor den abschreckenden Bildern von schwarzen Lungenflügeln und Raucherbeinen auf Zigarettenpackungen, verändern dadurch aber nicht ihr Verhalten. Die Hypnotherapie geht davon aus, dass im Trance-Zustand das Unterbewusstsein empfänglicher für Impulse von außen ist. So soll der Übergang vom bloßen Wissen zum entsprechenden Handeln gelingen. Bei der Hypnotherapie gibt es eine Reihe verschiedener Verfahren, die in Einzel- oder Gruppensitzungen zum Einsatz kommen. Auch Selbsthypnose ist gebräuchlich [1][6].

Keine überzeugenden Studien

Ob die Hypnotherapie jedoch ausstiegswilligen Rauchern tatsächlich hilft, ist in Studien nicht ausreichend nachgewiesen [1-3].
 
Nur eine Studie aus einer Gesamtauswertung [1] verglich Patienten, die sich einer Hypnotherapie unterzogen, mit Menschen, die weder eine Hypnotherapie noch irgendeine andere Unterstützung oder therapeutische Zuwendung bekamen. In dieser Studie schnitt die Hypnotherapie zwar besser als Nichtstun ab, doch ist es aus verschiedenen Gründen unklar, ob das Ergebnis tatsächlich glaubwürdig ist (siehe Studien im Detail).
 
Untersuchungen mit Vergleichen zwischen der Hypnotherapie und anderen Methoden der Raucherentwöhnung fanden entweder keine bedeutsamen Unterschiede, widersprechen sich oder haben Mängel, die ihre Aussagekraft schmälern [1-3].
 
Ebenfalls gibt es keine belastbaren Daten zu der Frage, ob bestimmte Techniken bei der Hypnotherapie besser wirken als andere. Eine genauere Analyse legt nahe, dass positive Effekte durch die Hypnotherapie wahrscheinlich durch die vermehrte Zuwendung entstehen, die die Patienten durch den Therapeuten erhalten [1].

Hypnose bei anderen Erkrankungen

Außer zur Raucherentwöhnung wird die Hypnotherapie noch für eine ganze Reihe von anderen Erkrankungen und Problemen angeboten. Beim Reizdarmsyndrom gibt es in Studien Hinweise darauf, dass eine Hypnotherapie die Beschwerden bei einigen Menschen lindern kann [7]. Bei anderen Anwendungsgebieten wie etwa Bettnässen [8] oder zur Linderung von Geburtsschmerzen [9] ist die Wirksamkeit der Hypnotherapie bisher nicht nachgewiesen.

 

Die Studien im Detail

Bei der Literatursuche fanden wir eine methodisch hochwertige systematische Übersichtsarbeit [1] zum Thema, die Studien bis 2010 berücksichtigt. Zusätzlich konnten wir noch zwei randomisierte kontrollierte Studien [2,3] identifizieren, die später publiziert wurden. Bei den meisten Forschungsarbeiten wurden verschiedene Hypnosetechniken mit anderen Verfahren zur Raucherentwöhnung verglichen. Nur eine Studie in einer systematischen Übersichtsarbeit [1] untersuchte die Hypnotherapie im Vergleich zu keiner Unterstützung.
 
In den Studien untersuchten die Wissenschaftler den langfristigen Erfolg der Behandlung, also ob in der Hypnosegruppe mehr Teilnehmer nach sechs Monaten noch rauchfrei waren als in der jeweiligen Kontrollgruppe.
 
In der systematischen Übersichtsarbeit sind elf Studien zusammengefasst. Gegenüber gar keiner Unterstützung schnitt die Hypnotherapie zwar besser ab, doch gab es in dieser Studie ein wesentliches Problem: Die Auswertung beruhte auf der Selbstauskunft der Patienten. Deshalb ist es fraglich, wie zuverlässig das Ergebnis tatsächlich ist. Hinzu kommt, dass mit 40 Teilnehmern nur sehr wenige Menschen in der Studie untersucht wurden.[1]
 
Eine der randomisierten kontrollierten Studien [2] verglich die Hypnotherapie mit einer Entspannungstechnik, jeweils in Form einer Gruppenbehandlung. Dabei konnten die Forscher keinen Unterschied zwischen diesen beiden Verfahren feststellen. Da die Qualität dieser Studie zufriedenstellend war, ist dieses Ergebnis grundsätzlich glaubwürdig. Allerdings machen die Forscher keine Aussage dazu, ob die Kontrollbehandlung bei der Raucherentwöhnung nachgewiesen wirksam ist.
 
Eine weitere randomisierte Studie [3] untersuchte die Hypnotherapie im Vergleich zu einer Behandlung mit Nikotin-Pflastern sowie einer Kombination beider Therapien. Diese Studie kam zu dem Ergebnis, dass die Hypnotherapie besser wirkt als die Behandlung mit Nikotin-Pflastern. Allerdings gibt es bei dieser Studie ein wichtiges Problem: Da die Teilnehmer nicht verblindet wurden, maßen die Forscher die Abstinenz sowohl anhand der Berichte der Patienten als auch mit Urinbestimmungen.
 
Brachen Teilnehmer die Studie vorzeitig ab, konnten die Wissenschaftler aber lediglich auf die Angaben von Familienangehörigen zurückgreifen. Weil etwa jeder dritte Teilnehmer nicht bis zum Schluss an der Studie teilnahm, ist rund ein Drittel der Messergebnisse mit einer erheblichen Unsicherheit behaftet. Damit bleibt unklar, ob die Hypnosetherapie hilft, auch wenn einige Studien durchaus in diese Richtung zeigen.

(AutorIn: I. Hinneburg, Review: J. Wipplinger, P. Mahlknecht)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Barnes u.a. (2010)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit/Meta-Analyse
Teilnehmer insgesamt: 1120 Teilnehmer in 11 Studien
Fragestellung: Verhilft Hypnotherapie zu einer höheren Abstinenzrate nach mindestens 6 Monaten als andere oder keine Interventionen?
Interessenskonflikte: keine nach Angaben der Autoren

Barnes J u.a. Hypnotherapy for smoking cessation. Cochrane Database Syst Rev 2010, CD001008. doi: 10.1002/14651858.CD001008.pub2
Zusammenfassung

[2] Dickson (2013)
Studientyp: Randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmer: 223 Raucher in der Schweiz mit mehr als 5 Zigaretten/Tag Fragestellung: Führt eine Gruppen-Hypnotherapie nach 6 Monaten zu einer höheren Abstinenzrate als die Anwendung einer Gruppen-Entspannungsmethode?
Interessenskonflikte: keine nach Angaben der Autoren

Dickson-Spillman M u.a. Group hypnosis vs. relaxation for smoking cessation in adults: a cluster- randomised controlled trial. BMC Public Health 2013; 13:1227 doi: 10.1186/1471-2458-13-1227
Volltext

[3] Hasan (2014)
Studientyp: Randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmer: 122 Raucher in den USA, die seit mehr als 30 Jahren rauchen (im Mittel 20 Zigaretten pro Tag)
Fragestellung: Führt eine Hypnotherapie mit oder ohne Nikotinersatztherapie nach 6 Monaten zu einer höheren Abstinenzrate als Nikotinersatztherapie allein?
Interessenskonflikte: keine nach Angaben der Autoren

Hasan FM u.a. Hypnotherapy is more effective than nicotine replacement therapy for smoking cessation: results of a randomized controlled trial. Complement Ther Med. 2014; 22:1-8. doi: 10.1016/j.ctim.2013.12.012.

Zusammenfassung

Weitere Quellen

[4] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (2013). Rauchen.
Zugriff am 134.01.2016

[5] Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (2014/15). Leitlinie Tabakgebrauch, schädlicher und abhängier: Screening, Diagnostik und Behandlung. Zugriff am 134.01.2016

[6] Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie (2006). Gutachten zur wissenschaftlichen Anerkennung der Hypnotherapie. Zugriff am 134.01.2016

[7] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (2013). Reizdarmsyndrom. Zugriff am 14.01.2016

[8] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (2014) . Bettnässen. Zugriff am 14.01.2016

[9] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (2014). Schwangerschaft und Geburt. Zugriff am 14.01.2016

(10) Öffentliches Gesundheitsportal Österreich (2014). Gesundheitliche Folgen des Rauchens. Zugriff am 14.01.2016