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Misteln in der Krebstherapie

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Heilkräftiger Baumparasit?

Aktualisiert: Bei Asterix sind Misteln eine Zutat für den Zaubertrank, laut Wiener Zeitung verbessern sie die Lebensqualität von Krebspatienten und mildern die Nebenwirkungen von Chemotherapie. Was sagt die wissenschaftliche Literatur? (Ursprünglich veröffentlicht am 25.7.2013)

Zeitungsartikel: Eine Beere, die stärker macht (13.6.2013, Wiener Zeitung)
Frage:Verbessert die Misteltherapie die Lebensqualität von Krebspatienten?
Antwort:unklar
Erklärung:Die Qualität der vorhandenen Studien ist zu gering, um eine schlüssige Aussage über die Wirksamkeit der Misteltherapie zuzulassen.

[Aktualisiert 1.7.2014: Eine Suche nach neuen Studien bringt keine inhaltliche Änderung]

Die Wiener Zeitung stellt klare Behauptungen auf: „Mistelextrakte können die Nebenwirkungen einer Chemotherapie reduzieren und dadurch die Lebensqualität steigern.“ Dabei werden unterschiedliche Extrakte aus der europäischen Mistel unter die Haut gespritzt. Die Zeitung beruft sich dabei auf Experten, darunter auch vom Hersteller entsprechender Mittel, nicht auf bestimmte Studien. Dabei gibt es über die im deutschsprachigen Raum weit verbreitete Misteltherapie zahlreiche positive Studien [1], das Problem: sie sind kaum aussagekräftig.

Effekte unklar

In einer systematischen Übersichtsarbeit [1] der Cochrane Collaboration zeigt die Misteltherapie zwar in 14 von 16 Studien positive Effekte auf die Lebensqualität von Krebspatienten , aber nur zwei der Studien sind von guter Qualität. In diesen beiden erhielten Brustkrebspatientinnen zusätzlich zu einer Chemotherapie Mistelextrakt in niedriger, mittlerer und hoher Dosis. Nach 15 Wochen bewerteten die Patientinnen ihre Lebensqualität höher, allerdings sind die Ergebnisse der unterschiedlichen Dosierungen widersprüchlich. Ob eine Mistelbehandlung die negativen psychischen Auswirkungen einer Chemotherapie verringern kann, bleibt unklar.

Die Übersichtsarbeit geht auch den Fragen nach, ob Misteltherapie die Überlebenschancen verbessert und ob die Extrakte das Tumorwachstum beeinflussen können. Auch diesbezüglich erlaubt die Studienlage keine eindeutige Einschätzung [1].

Eine Zusammenfassung der Studien steht vor der Schwierigkeit, dass es keine einheitlichen Standards in der Misteltherapie gibt, weder in der genauen Zusammensetzung der Präparate, noch in der Dosierung; daher war es den Autoren des Cochrane Reviews auch nicht möglich, die Daten der eingeschlossenen Studien gemeinsam in einer Meta-Analyse auszuwerten. Letztlich kommen die Autoren zu dem Schluss, dass es „nicht genug Hinweise gibt, um klare Aussagen über irgendwelche Effekte von Misteltherapie zu machen.“

Viele schlechte Studien machen eine gute?

Wenn viele methodisch schwache Studien einen positiven Effekt zeigen, ist das dann nicht auch ein Hinweis auf eine Wirksamkeit? Nicht, wenn die Qualität der Studien sehr schlecht ist. Wenn beispielsweise die Methode nicht ausreichend dokumentiert ist und die Studie daher nicht nachvollziehbar ist, dann ist die Aussagekraft nahe Null. Gute wissenschaftliche Journale lassen Einreichungen von Experten aus dem gleichen Fachgebiet überprüfen (Peer Review), Studien aus guten Journalen sollten also einen gewissen Mindeststandard haben. Von den 21 Mistelstudien im Cochrane Review, waren nur vier in solchen Peer-Review-Journalen erschienen. So ist es nicht überraschend, dass die meisten der eingeschlossenen Studien die Daten unzureichend präsentieren, die Methoden nicht gut dokumentieren und oft nur kleine Teilnehmerzahlen aufweisen.

Gewünschte Effekte oder gewünschte Antworten?

In einer etwas neueren Meta-Analyse schließen die Autoren auf eine Wirksamkeit der Misteltherapie auf die Lebensqualität von Krebspatienten [2]. Die besten Ergebnisse weisen Studien an Brustkrebspatientinnen auf. Allgemein verbessern sich Faktoren, die mit der Selbstregulation der Patienten in Zusammenhang stehen, also beispielsweise Müdigkeit, Übelkeit, Konzentration. Keine Verbesserung zeigt sich bei Infektionen, Atemproblemen und Haarausfall.
Doch auch hier sind die Ergebnisse skeptisch zu betrachten, nicht nur weil die eingeschlossenen Studien wiederum Schwächen haben, sondern auch, weil die Verbesserung der Lebensqualität sehr unterschiedlich gemessen wird. Oft wird dafür ein Patienten-Fragebogen verwendet, und da besteht die Gefahr, dass die Patienten die gewünschten Antworten geben. Diese Gefahr ist besonders groß, wenn die Patienten wissen, ob sie das Medikament oder das Placebo bekommen., was bei vielen der Studien der Fall ist. Eine weitere systematische Übersichtsarbeit [3] besteht ausschließlich aus solchen Studien.

Zudem waren die Autoren bei der Interpretation der Ergebnisse nicht ganz frei von Interessenskonflikten [2][3].

In Summe konnte keine Studie klare Hinweise auf eine Wirksamkeit geben, die Beweislage ist damit für eine Bewertung nicht ausreichend.

Hintergrund

Die Misteltherapie wurde ursprünglich von Rudolf Steiner als Krebstherapie eingesetzt, dem Gründer der Anthroposophie und Mitbegründer der Anthroposophischen Medizin. Sie ist im deutschsprachigen Raum das am meisten verschriebene Mittel der Alternativ-/Komplementärmedizin bei Krebs, obwohl in den deutschen Leitlinien zur wissenschaftlich fundierten Krebsbehandlung Mistelpräparate nicht empfohlen werden [a]. Aufwind hat die Misteltherapie auch durch Laborstudien und Tierversuche bekommen, die Hinweise auf eine Wirksamkeit einiger Inhaltsstoffe auf Krebs lieferten [b].
Mistelpräparate werden fast immer unter die Haut gespritzt und sind grundsätzlich gut verträglich. Wenn Nebenwirkungen auftreten, stehen sie oft in Zusammenhang mit der Injektion, gelegentlich können auch milde Grippesymptome entstehen [1][2].

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner, P. Mahlknecht)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Horneber ua. (2008)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
eingeschlossene Studien: 21 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 3484
Fragestellung: Misteltherpie in der Krebsbehandlung?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Mistletoe therapy in oncology. Cochrane Database of Systematic Reviews 2008, Issue 2. Art.
(Volltext der Übersichtsarbeit)

[2] Kienle, Kiene (2010)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
eingeschlossene Studien: 26 randomisiert-kontrollierte Studien
Fragestellung: Wirksamkeit der europäischen Mistel auf die Lebensqualität von Krebspatienten
Mögliche Interessenskonflikte: Das Institut der Autoren hat für andere Projekte Geld von Weleda, Abnoba und Helixor (Hersteller von Mistelextrakten) erhalten. Die Studie wurde von der Gesellschaft für Biologischer Krebsabwehr und der Software AG Stiftung finanziert.

Kienle GS, Kiene H. Review article: Influence of Viscum album L (European
mistletoe) extracts on quality of life in cancer patients: a systematic review of
controlled clinical studies. Integr Cancer Ther. 2010 Jun;9(2):142-57.
(Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[3] Büssing ua. (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
eingeschlossene Studien: 13
Fragestellung: Wirksamkeit eines bestimmten Mistelextrakts (Iscador) auf die Lebensqualität von Krebspatienten.
Mögliche Interessenskonflikte: Die Autoren erhielten finanzielle Unterstützung von Hiscia—Verein für Krebsforschung, einem Hersteller von Mistelextrakt.

Büssing A, Raak C, Ostermann T. Quality of life and related dimensions in
cancer patients treated with mistletoe extract (iscador): a meta-analysis. Evid
Based Complement Alternat Med. 2012;2012:219402
(Volltext der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[a] Deutscher Krebsinformationsdienst Informationen zur Misteltherapie http://www.krebsinformationsdienst.de/behandlung/mistel.php

[b] UpToDate zur Misteltherapie (Zugang erforderlich) UpToDate