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Milch kein Wundermittel für alte Knochen

Milch: Hoffnung gegen Osteoporose?

Milch: Hoffnung gegen Osteoporose?

In der zweiten Lebenshälfte viel Milch, Joghurt und Käse zu konsumieren, dürfte das Risiko für Osteoporose und Knochenbrüche im Alter nicht senken.

Frage:Schützt der Konsum von Milchprodukten im mittleren und fortgeschrittenen Alter vor Knochenbrüchen?
Antwort:möglicherweise Nein
Erklärung:Wer 40 Jahre oder älter ist und viele Milchprodukte zu sich nimmt, scheint sein Risiko für altersbedingte Knochenbrüche nicht verringern zu können.

Osteoporose, also schwache, brüchige Knochen im Alter, betrifft laut Statistik Austria rund ein Viertel aller Frauen ab 60 Jahren. Wobei es normal ist, dass im Alter Knochensubstanz abgebaut wird. Bei Osteoporose ist der Prozess jedoch stark beschleunigt. Männer sind deutlich seltener betroffen – es sind vor allem Frauen nach dem Wechsel, die darunter leiden. Die Folge ist ein hohes Risiko für Knochenbrüche. Oft reicht es dann schon, nur einmal zu stolpern und hinzufallen.

Milch und Milchprodukte kein Schutz vor Knochenbrüchen

Gesunde Knochen brauchen Kalzium, und Milch enthält viel davon. Zwischen 1000 und 1500 Milligramm (mg) pro Tag empfiehlt der Deutsche Fachverband für Osteologie für Erwachsene [5]. Auch Gemüse wie Brokkoli, Kohlrabi, Grünkohl oder Chinakohl enthält viel von dem knochenaufbauenden Spurenelement [10].

Wer in der zweiten Lebenshälfte viel Milch trinkt oder große Mengen an Käse, Joghurt und anderen Milchprodukten verspeist, scheint jedoch im Alter nicht vor Knochenbrüchen gefeit. Das zeigen bisherige wissenschaftliche Beobachtungen an Menschen über 40 Jahren [1] [1a] [2]. Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studien, die große Mengen an Milchprodukten zu sich genommen hatten, zogen sich im Alter ebenso häufig einen Oberschenkelhalsbruch zu wie Menschen, die nur wenig Milcherzeugnisse konsumiert hatten.

Medienberichte, wonach Milch die Wahrscheinlichkeit für Knochenbrüche im Alter sogar erhöhen soll, sind allerdings mit Vorsicht zu genießen. Eine Beobachtungsstudie aus dem Jahr 2014 kommt zwar zu diesem Schluss [3]. Die Ergebnisse sind allerdings wackelig und stehen in Widerspruch zu anderen bisher veröffentlichten Studien.

Einflussreiche Jugend

Bis dato existieren nur Studien an Personen, deren Durchschnittsalter über 40 Jahren liegt [1] [1a] [2]. Ob sich junge Erwachsene vor Osteoporose im späteren Alter schützen können, wenn sie von jungen Jahren an viel Milch und Milchprodukte zu sich nehmen, können diese Beobachtungsstudien also nicht klären.

In der Kindheit und Jugend wachsen Stärke und Dichte unserer Knochen ständig und erreichen im Alter von etwa 30 Jahren ihren Höchstwert. Von da an baut der Körper selbst bei gesunden Menschen langsam wieder Knochenmasse ab. Dieser natürliche Prozess ist teilweise dafür verantwortlich, dass Knochen im Alter nicht mehr so viel Belastung aushalten wie in der Jugend. Wie gut der Zustand unserer Knochen zum Zeitpunkt seiner größten Stärke ist, kann das Osteoporose-Risiko im Alter stark beeinflussen.

Lässt sich daraus nun ableiten, dass Milch zumindest in jungen Jahren die Knochen stärken kann? Studien an Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zeigen ernüchternde Ergebnisse: Der Einfluss von Milch auf die Knochendichte ist bestenfalls sehr klein [4].

Das soll nicht heißen, dass der Konsum von Milch sinnlos ist. Das darin enthaltene Kalzium ist für den Knochenaufbau von großer Wichtigkeit [6]. Doch der Konsum von Kalzium-reichen Milchprodukten alleine reicht für starke Knochen nicht aus.

Was hilft dabei, in der Jugend möglichst robuste Knochen aufzubauen? Die simple Antwort ist: Bewegung, Bewegung, Bewegung [7]! Wobei es nicht nur wichtig ist, in jungen Jahren Sport zu treiben, sondern auch später ein körperlich aktives Leben zu führen. So kann verhindert werden, dass der Körper zu viel Knochensubstanz abbaut.

Hilfe bei Osteoporose

Besonders viel Knochensubstanz verlieren Frauen in und nach den Wechseljahren. Auch hier kann regelmäßige sportliche Betätigung möglicherweise helfen, die Knochen zu stärken – wenn auch in geringem Ausmaß [8]. Kalzium-Präparate in Kombination mit Vitamin D können die Wahrscheinlichkeit etwas senken, durch Osteoporose bedingte Knochenbrüche zu erleiden. In manchen Fällen kann ein Arzt oder eine Ärztin auch bestimmte hormonelle Medikamente oder sogenannte Bisphosphonate verschreiben – diese sind aber mit Nebenwirkungen verbunden und nicht für alle Betroffenen geeignet.

Wenig bekannt ist, dass auch Rauchen das Risiko für Osteoporose und brüchige Knochen im Alter steigert. Mit dem Rauchen aufzuhören könnte das Risiko für Knochenbrüche also senken.

Details zu Behandlung und Vorbeugung von Osteoporose finden Sie auf den Seiten des Deutschen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen.

 

Die Studien im Detail

Zu untersuchen, ob der Langzeitkonsum von Milchprodukten viele Jahre oder Jahrzehnte später eine Auswirkung auf die Wahrscheinlichkeit für Osteoporose und Knochenbrüche hat, ist keine einfache Aufgabe. Eine Möglichkeit ist, eine große Anzahl Menschen in jüngeren Jahren zu ihrem regelmäßigen Milchprodukte-Konsum zu befragen und diese Personen dann über Jahre hinweg zu beobachten.

Erleiden jene, die oft Milcherzeugnisse konsumiert haben, nun im Alter seltener Knochenbrüche als Personen, die nur wenig Milchprodukte zu sich genommen haben?

Milch als Risiko?

In einer Beobachtungsstudie (Kohortenstudie) aus dem Jahr 2014 will der schwedische Forscher Karl Michaëlsson sogar eine gegenteilige Wirkung herausgefunden haben: Seinen Ergebnissen zufolge erhöht Milch die Wahrscheinlichkeit für Knochenbrüche im Alter sogar [3]. Die von ihm beobachteten Personen waren im Mittel zu Studienbeginn etwa 50 Jahre alt.

Eine plausible Erklärungsalternative können Michaëlsson und sein Team allerdings nicht ausschließen: So könnte es sein, dass gerade besonders gefährdete Studienteilnehmerinnen vermehrt Milch konsumiert haben, da sie um ihre Knochenschwäche Bescheid wussten und hofften, ihre Knochen so zu stärken. Wenn regelmäßiger Milchkonsum in Wahrheit keine Wirkung auf die Knochen hat, wäre der Grund für die häufigeren Knochenbrüche also nicht die hohe Milchmenge, sondern das von vornherein erhöhte Osteoporose-Risiko der besonders gefährdeten Teilnehmerinnen.

Weiters gibt der schwedische Forscher zu, dass seine Ergebnisse nur für flüssige Milch gelten. Fermentierte Milchprodukte wie Joghurt und Käse hingegen würden seinen Analysen zufolge das Knochenbruchrisiko sogar senken [3]. Demnach wären Michaëlssons Ergebnisse nur bedingt relevant; denn die wenigsten Leute, die regelmäßig große Mengen Milch trinken, verzichten zugleich völlig auf Joghurt, Käse und ähnliche Produkte.

Scheinbare Effektlosigkeit

Eine Analyse aller relevanten Studien bis zum Jahr 2010 spricht hier klarere Worte: Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Milchprodukte bei über 40jährigen keinen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit haben, im Alter einen Oberschenkelhalsbruch zu erleiden [1] Auch eine Zusammenfassung jener Studien, die bis 2015 publiziert worden sind, kommt zum selben Ergebnis [1a].Dennoch ist es für einen eindeutigen Beweis noch zu früh.

Seit der Analyse der Studienergebnisse bis 2010 konnten wir zwei weitere Kohortenstudien finden: Eine davon ist die zuvor kritisierte schwedische Studie [3], die nur den Konsum flüssiger Milch untersuchte, aber keine Ergebnisse für alle Milchprodukte gesamt angibt. Frühere Daten aus dieser Studie deuten ebenfalls auf eine Effektlosigkeit von Milchprodukten hin – diese Daten waren in der Analyse der bis 2010 bekannten Forschungsergebnisse berücksichtigt worden [1].Die zweite neue Kohortenstudie wurde nur an wenigen Personen in fortgeschrittenem Alter durchgeführt. Sie deutet aber ebenfalls auf eine Wirkungslosigkeit von Milchprodukten zur Prävention von Knochenbrüchen hin [2].

Wirkung in jungen Jahren unklar

Ob der Konsum von Milchprodukten in der Jugend die Wahrscheinlichkeit für Knochenbrüche im Alter beeinflussen kann, ist derzeit nicht ausreichend untersucht. Eine zusammenfassende Auswertung randomisiert-kontrollierter Studien mit einer Dauer zwischen einem und fünf Monaten zeigt: Der Konsum von Milcherzeugnissen scheint kurzfristig höchstens einen sehr geringen Einfluss auf den Knochenaufbau zu haben [4].

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Bischoff-Ferrari u.a. (2011)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 6 für Männer, 3 für Frauen
Studienteilnehmer insgesamt: 195.102 Frauen, 75.149 Männer (Durchschnittsalter zwischen 47 und 71 Jahren zu Studienbeginn)
Studiendauer: zwischen 3 und 26 Jahren
Fragestellung: Führt Milchkonsum bei Männern oder Frauen zu einer niedrigeren oder höheren Rate an Hüftfrakturen?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Bischoff-Ferrari HA, Dawson-Hughes B, Baron JA, Kanis JA, Orav EJ, Staehelin HB, Kiel DP, Burckhardt P, Henschkowski J, Spiegelman D, Li R, Wong JB, Feskanich D, Willett WC. Milk intake and risk of hip fracture in men and women: a meta-analysis of prospective cohort studies. J Bone Miner Res. 2011 Apr;26(4):833-9. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[1a] Bolland u.a. (2015)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: u.a. 28 Kohortenstudien zu Milch(produkte)konsum sowie eine randomisierte Studie zum Konsum von Milchpulver
Fragestellung: Beeinflusst Milchkonsum das Risiko für Knochenbrüche im Alter?
Interessenskonflikte: Einer der Autoren hat in der Vergangenheit Honorare diverser Pharmafirmen erhalten.

Bolland MJ, Leung W, Tai V, Bastin S, Gamble GD, Grey A, Reid IR. Calcium intake and risk of fracture: systematic review. BMJ. 2015 Sep 29;351:h4580. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[2] Sahni u.a. (2014)
Studienart: prospective Kohortenstudie
Teilnehmer: 830 ältere Frauen und Männer (Alter: 68 – 96 Jahre)
Studiendauer: 11,6 Jahre
Fragestellung: Beeinflusst Milchkonsum das Hüftfraktur-Risiko?
Interessenskonflikte: Mehrere Autoren stehen in Verbindung zu Pharmaunternehmen

Sahni S, Mangano KM, Tucker KL, Kiel DP, Casey VA, Hannan MT. Protective
association of milk intake on the risk of hip fracture: results from the
Framingham Original Cohort. J Bone Miner Res. 2014 Aug;29(8):1756-62.
(Zusammenfassung der Studie)

[3] Michaëlsson u.a. (2014)
Studienart: Kohortenstudie
Teilnehmer: 61.433 Frauen und 45.339 Männer
Studiendauer: 20,1 Jahre (Frauen) bzw 11,2 Jahre (Männer)
Fragestellung: Ändert Milchkonsum das Risiko für Knochenbrüche durch Osteoporose?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Michaëlsson K, Wolk A, Langenskiöld S, Basu S, Warensjö Lemming E, Melhus H, Byberg L. Milk intake and risk of mortality and fractures in women and men: cohort studies. BMJ. 2014 Oct 28;349:g6015. (Studie in voller Länge)

[4] Ma u.a. (2013)
Studienart: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 11 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 2397
Alter: zwischen 8 und 27,5 Jahren, in einer Studie 68 Jahre
Studiendauer: zwischen 1 und 60 Monaten
Fragestellung: Wirkt sich Milchkonsum auf den Knochenaufbau aus?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Ma, D. F., Zheng, W., Ding, M., Zhang, Y. M., & Wang, P. Y. (2013). Milk intake increases bone mineral content through inhibiting bone resorption: Meta-analysis of randomized controlled trials. e-SPEN Journal, 8(1), e1-e7. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[5] IQWIG (2014)
Wie kann ich meinen Kalziumbedarf decken? Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Abgerufen am 28.09.2016 unter
www.gesundheitsinformation.de/wie-kann-ich-meinen-kalziumbedarf-decken.2786.de.html

[6] IQWIG (2014)
Osteoporose. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Abgerufen am 28.09.2016 unter: http://www.gesundheitsinformation.de/osteoporose.2610.de.html

[7] UpToDate (2015)
Manolagas SC (2015). Pathogenesis of osteoporosis. In Mulder JE (ed.). UpToDate. Abgerufen am 28.09.2016 unter www.uptodate.com/contents/pathogenesis-of-osteoporosis

[8] Howe u.a. (2011)
Howe TE, Shea B, Dawson LJ, Downie F, Murray A, Ross C, Harbour RT, Caldwell LM, Creed G. Exercise for preventing and treating osteoporosis in postmenopausal women. Cochrane Database of Systematic Reviews 2011, Issue 7. Art. No.: CD000333. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[9] Avenell u.a (2014)
Avenell A, Mak JCS, O’Connell D. Vitamin D and vitamin D analogues for preventing fractures in post-menopausal women and older men. Cochrane Database of Systematic Reviews 2014, Issue 4. Art. No.: CD000227. (Volltext der Studie)

[10] UpToDate (2013)
Demory-Luce D., Motil KJ. Vegetarian Diets for children. In Hoppin AG (ed.). UpToDate. Abgerufen am 28.09.2016 unter www.uptodate.com/contents/vegetarian-diets-for-children