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Milch als Krebs-Auslöser

Wie gefährlich ist Milch?

Wie gefährlich ist Milch?


Milch soll das Tumorwachstum fördern, behauptet eine Hals-Nasen-Ohren-Ärztin auf derStandard.at. Wie gefährlich ist der Konsum von Milchprodukten, stimmt das? Die Wissenschaft sagt: Jein.
 

 

 

Zeitungsartikel: Contra: Hoher Milchkonsum verschleimt (29.5.2009, derStandard.at)
Frage:Fördern Milch oder Milchprodukte Krebs?
Antwort:Wahrscheinlich verringern Milchprodukte das Risiko für Dick- und Enddarmkrebs, möglicherweise auch das für Blasenkrebs. Sehr große Mengen an Milch & Milchprodukte könnten möglicherweise aber das Risiko für Prostatakrebs erhöhen. Zu bedenken ist, dass an Dick- und Enddarmkrebs etwa gleich viele Männer sterben wie an Prostatakrebs. Für Brust- und Eierstockkrebs sowie Krebs der Gebärmutterschleimhaut ist unklar, ob das Krebsrisiko durch Milch und Milchprodukte beeinflusst wird.
NEIN für Dick- und Enddarmkrebs:
Mittlere wissenschaftliche Beweislagestimmt wahrscheinlich nicht
NEIN für Blasenkrebs:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagestimmt möglicherweise nicht
JA für Prostatakrebs:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagestimmt möglicherweise
UNKLAR für Brust-, Eierstock- und Gebärmutter-schleimhautkrebs: 
Unklare wissenschaftliche Beweislage 

Milch soll nicht nur verschleimen, sondern bei Erwachsenen sogar das Tumorwachstum fördern. Denn „Tumore sind in der chinesischen Medizin Schleim“, so die Hals-Nasen-Ohren-Ärztin und Präsidentin der Medizinischen Gesellschaft für Chinesische Gesundheitspflege, Gertrude Kubiena. Dass es für die angeblich schleimfördernde Wirkung von Milch keinerlei wissenschaftliche Hinweise gibt, hat Medizin-Transparent.at schon gezeigt. Doch wie sieht es mit Krebs aus? Bekommen Menschen, die viel Milch oder Milchprodukte konsumieren, tatsächlich häufiger Krebs als Milchverächter? Die wissenschaftliche Studienlage dazu liefert ein vielschichtiges Bild.

Darmkrebs- und Blasenkrebs-Risiko verringert

Für manche Krebsarten scheint der Konsum von großen Mengen an Milch und Milchprodukten das Krebsrisiko senken zu können. Für Dick- und Enddarmkrebs ist dies der Studienlage zufolge wahrscheinlich, für Blasenkrebs immerhin möglich. Das zeigen die zusammengefassten Ergebnisse bisher veröffentlichter Studien [1]. Darin wurden die Teilnehmer zu ihren Ernährungsgewohnheiten befragt und danach viele Jahre lang beobachtet. Männer, die angaben, sehr viel Milch und Milchprodukte konsumiert zu haben, bekamen im Laufe der Jahre seltener die genannten Krebsarten als Männer, die nur wenig milchhältige Lebensmittel zu sich nahmen.

Zumindest für Krebs im Dickdarm und Enddarm zeigen die Ergebnisse dabei einen direkten Zusammenhang mit der Milchproduktmenge: je mehr Milch und Milchprodukte die Studienteilnehmer konsumierten, umso größer war der Schutzeffekt.

Für Eierstockkrebs, Brustkrebs sowie Krebs der Gebärmutterschleimhaut fanden die Verfasser von umfangreichen systematischen Übersichtsarbeiten bisher weder Hinweise auf eine Risikosenkung noch auf eine –erhöhung [3] [4] [5]. Die Studienlage ist aber noch zu unklar, um definitive Schlüsse zu ziehen, dazu sind mehr und aussagekräftigere Studien nötig.

Prostatakrebsrisiko möglicherweise erhöht

Kompliziert wird die Sache jedoch durch weitere Ergebnisse: Milch und Milchprodukte könnten möglicherweise das Risiko erhöhen, an Prostatakrebs zu erkranken [4] [6].

Den Grund für die mögliche Risikoerhöhung sehen die Wissenschaftler im Kalzium. Dieses Mineral ist für die Knochen und viele verschiedene Stoffwechselabläufe im Körper wichtig. Ein Zuviel an Kalzium hat jedoch auch negative Seiten: große Mengen an Kalzium steigern wahrscheinlich die Prostatakrebswahrscheinlichkeit, die Wissenschaftler des World Cancer Research Fund sprechen von mehr als 1500 Milligramm täglich [6]. Das entspricht dem Kalziumgehalt von eineinhalb Liter Milch pro Tag [7], die empfohlene Tagesmenge liegt in den USA für Erwachsene zwischen 1000 und 1200 Milligramm [8], in Österreich, Deutschland und der Schweiz bei 1000 Milligramm Kalzium [10]. Milch ist allerdings nicht der einzige Kalziumlieferant, auch manche Gemüsesorten wie Kohl und Broccoli oder Nüsse enthalten das Mineral, jedoch in geringeren Mengen als Milchprodukte.

Gefährlich oder nicht?

Müssen Männer also Angst vor Milch haben? Prostatakrebs ist bei Männern die häufigste Krebserkrankung, etwa acht von 100 österreichischen Männern erhalten bis zum 75. Lebensjahr diese Diagnose. Dennoch stirbt nicht einmal jeder 100. Mann auch tatsächlich daran [9]. Tumore an der Prostata wachsen in den meisten Fällen sehr langsam und werden damit zumeist rechtzeitig entdeckt. Zudem ist das Auftreten von Prostatakrebs im gehobenen Alter in den meisten Fällen keine akute Bedrohung mehr, daher ist dann auch oft keine sofortige Behandlung nötig.

An Prostatakrebs erkranken pro Jahr etwa doppelt so viele Männer wie an Dickdarm- und Enddarmkrebs. Dennoch sterben an beiden Krebsarten gleich viele Männer, da Prostatakrebs viel langsamer wächst als Dickdarmkrebs [9]. Ein möglicherweise erhöhtes Prostatarisiko durch sehr hohen Milch- und Milchproduktekonsum steht somit einer wahrscheinlichen Verringerung des Dick- und Enddarmkrebs-Risikos gegenüber. Zudem besteht auch noch die Möglichkeit, dass Milchprodukte die Wahrscheinlichkeit für Blasenkrebs senken. Blasenkrebs ist bei Männern etwa halb so häufig wie Krebs des Dick- und Enddarms, führt aber nur in einem Viertel so vielen Fällen zum Tod [9].

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, P. Mahlknecht)

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Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] World Cancer Research Fund & American Institute for Cancer Research (2010).
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 10 Kohortenstudien (für Milch und Milchprodukte)
Fragestellung: Erniedrigt der Konsum von Milch oder Milchprodukten das Risiko für ein Colorectalkarzinom?
Interessenskonflikte: keine angeführt

World Cancer Research Fund, & American Institute for Cancer Research (2013). WCRF/AICR Systematic Literature Review – Continuous Update Project Report – The Associations between Food, Nutrition and Physical Activity and the Risk of Colorectal Cancer p 98-108. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[2] Ralston u.a. (2014)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 15 Kohortenstudien
Teilnehmer insgesamt: 919.680 (davon ca. 5200 Fälle von Colorectal-Carcinom)
Studiendauer: von 5 bis 24 Jahren
Fragestellung: Erhöht der Konsum von Milch und Milchprodukten das Risiko für Dickdarm- und Mastdarmkrebs?
Mögliche Interessenkonflikte: keine laut Autoren

Ralston RA, Truby H, Palermo CE, Walker KZ. Colorectal cancer and nonfermented milk, solid cheese, and fermented milk consumption: a systematic review and meta-analysis of prospective studies. Crit Rev Food Sci Nutr. 2014;54(9):1167-79. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[3] World Cancer Research Fund & American Institute for Cancer Research (2013).
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 11 Kohortenstudien
Fragestellung: Erhöht der Konsum von Milch und Milchprodukten das Risiko für Eierstockkrebs?
Mögliche Interessenkonflikte: keine Angaben

World Cancer Research Fund, & American Institute for Cancer Research (2013). WCRF/AICR Systematic Literature Review – Continuous Update Project Report – The Associations between Food, Nutrition and Physical Activity and the Risk of Ovarian Cancer p 98-108. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[4] World Cancer Research Fund & American Institute for Cancer Research (2007).
Studientyp: systematische Übersichtsarbeiten
Analysierte Studien: Für Prostatakrebs: 13 Kohortenstudien, 11 Fall-Kontroll-Studien (für die Meta-Analyse), für Blasenkrebs: 11 Kohortenstudien
Fragestellung: Erhöht der Konsum von Milch oder Milchprodukten das Risiko für Prostatakrebs bzw. Blasenkrebs?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angeführt

World Cancer Research Fund & American Institute for Cancer Research (2007). Food, nutrition, physical activity, and the prevention of cancer: a global perspective. Abgerufen unter www.dietandcancerreport.org

[5] World Cancer Research Fund & American Institute for Cancer Research (2008)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 6 Kohortenstudien
Fragestellung: Erhöht der Konsum von Milch und Milchprodukten das Risiko für Brustkrebs?
Mögliche Interessenkonflikte: keine Angaben

World Cancer Research Fund, & American Institute for Cancer Research (2013). WCRF/AICR Systematic Literature Review – Continuous Update Project Report – The Associations between Food, Nutrition and Physical Activity and the Risk of Breast Cancer. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[6] Quin u.a. (2007)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 13 Kohortenstudien
Teilnehmer insgesamt: 473.092
Fragestellung: Erhöht der Konsum von Milchprodukten das Risiko für Porstatakrebs?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angeführt

Qin LQ, Xu JY, Wang PY, Tong J, Hoshi K. Milk consumption is a risk factor for prostate cancer in Western countries: evidence from cohort studies. Asia Pac J Clin Nutr. 2007;16(3):467-76. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[7] United States Department of Agriculture. Abgerufen am 19. 5. 2014 unter http://ndb.nal.usda.gov/ndb/foods/show/154?qlookup=01175&max=25&man=&lfacet=&new=1

[8] U.S. Department of Agriculture and U.S. Department of Health and Human Services. Dietary Guidelines for Americans, 2010. 7th Edition, Washington, DC: U.S. Government
Printing Office, December 2010. Abgerufen unter http://www.health.gov/dietaryguidelines/2010.asp

[9] Statistik Austria. Abgerufen am 19. 5. 2014 unter www.statistik.at

[10] Deutsche Gesellschaft für Ernährung (2013). D-A-CH-Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr, 1. Auflage, 5., korrigierter Nachdruck 2013. Abgerufen unter http://www.dge.de/modules.php?name=Content&pa=showpage&pid=3&page=4