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Mikroimmuntherapie: Hilfe gegen Krebs und mehr?

Immunzelle produziert Antikörper

Die Theorie klingt wissenschaftlich – Kügelchen mit Botenstoffen sollen das Immunsystem ins Gleichgewicht bringen. Belegte Versprechungen?

Frage: Ist die Mikroimmuntherapie bei Krebs, Allergien oder zur Stärkung des Immunsystems wirksam?
Antwort:unklar
Erklärung: Die Qualität der gefundenen Studien ist zu schlecht, um tatsächlich eine sichere Schlussfolgerung daraus ziehen zu können. Mikroimmuntherapie hat bei keiner Erkrankung einen belegten Nutzen.

Damit unser Immunsystem richtig funktioniert, müssen eine ganze Reihe verschiedener Zellen und andere Substanzen zusammenarbeiten. Dazu gehören etwa Botenstoffe und Antikörper. Sie schützen uns vor Krankheitserregern, reagieren aber auch auf andere Fremdstoffe. Kann die Mikroimmuntherapie tatsächlich hilfreich in diese Abläufe eingreifen?

Therapie am Immunsystem

Das Immunsystem ist ein vielseitiges Verteidigungssystem gegen Erkrankungen (siehe unten). Therapien, die direkt am Immunsystem ansetzen also eine naheliegende Idee. Dazu gehören etwa die spezifische Immuntherapie bei Allergien („Hyposensibilisierung“) [5] oder Medikamente bei Krebserkrankungen, die an verschiedenen Stellen des Immunsystems angreifen [6]. Solche Behandlungsverfahren sind gut untersucht, können aber erhebliche Nebenwirkungen mit sich bringen.
 
Von daher verwundert es nicht, dass es unter dem Schlagwort „Immuntherapie“ auch Trittbrettfahrer gibt: Die Vertreter der „Mikroimmuntherapie“ werben für Präparate mit angeblich guter Wirksamkeit und fehlenden Nebenwirkungen [7]. Die homöopathischen Mittel werden aus verschiedenen Botenstoffen des Immunsystems und Nukleinsäuren hergestellt, also den Bausteinen, aus denen beispielsweise die DNA besteht.
 
Angeblich helfen diese Präparate bei verschiedenen Erkrankungen wieKrebserkrankungen oder Virusinfektionen oder sollen allgemein die Aktivität des Immunsystems ankurbeln. Die entsprechenden Broschüren beeindrucken durch komplexe Abbildungen und ausführliche Informationen zu den vielfältigen Funktionen des Immunsystems. Soweit die Theorie. Doch was ist tatsächlich dran an der Mikroimmuntherapie?

Aussagekräftige Studien fehlen

Grundsätzlich bestehen bei der Mikroimmuntherapie die gleichen Zweifel am Konzept der homöopathischen Verdünnungen wie bei allen Mitteln dieser Therapierichtung (siehe http://www.medizin-transparent.at/streitthema-homoopathie). Ein Blick in die wissenschaftliche Literatur zeigt außerdem, dass die Wirksamkeit der Mikroimmuntherapie nicht ausreichend belegt ist.
 
Die meisten Studien, die die Verfechter für die Mikroimmuntherapie ins Feld führen, sind reine Vorher-Nachher-Beobachtungen an Patienten. Dabei werden die homöopathischen Präparate nicht mit anderen Behandlungsmethoden oder einer Scheinbehandlung verglichen. Wenn eine solche Kontrollgruppe fehlt, lässt sich aber nicht sicher sagen, ob sich der Gesundheitszustand nicht auch ohne das Mittel verbessert hätte.
 
In einer intensiven Literatursuche konnten wir nur zwei Studien mit einer Kontrollgruppe finden. In einer Studie wurden Patienten mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen untersucht, die zusätzlich zu einer Chemotherapie entweder eine Mikroimmuntherapie oder nichts erhielten [1]. Die zweite Studie verglich bei Heuschnupfen-Patienten die Mikroimmuntherapie mit einer Scheinbehandlung [2]. Beide Studien weisen jedoch zahlreiche methodische Mängel auf und umfassen jeweils nur sehr wenige Patienten, so dass man daraus keine verlässlichen Schlussfolgerungen ziehen kann.

Schaden durch Kosten und Unterlassen

Dass die Mittel zur Mikroimmuntherapie direkt schaden, erscheint durch die hohe Verdünnung eher unwahrscheinlich. Gravierende Nebenwirkungen wurden in den Studien nicht beobachtet – allerdings ist es fraglich, ob sehr seltene, aber schwerwiegende Schäden bei der geringen Anzahl an Patienten überhaupt aufgefallen wären. Allergische Reaktionen sind nicht auszuschließen.
 
Finanzielle Schäden können durch die Kosten für die Mittel selbst, ärztliche Beratung und eventuelle Laboruntersuchungen entstehen, denn die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen diese Therapie in der Regel nicht. Auch Schaden durch Unterlassen ist nicht zu unterschätzen: Alternative Therapieverfahren können Patienten dazu verleiten, eine nachweislich wirksame Therapie abzulehnen oder erst deutlich später zuzulassen.

Das Immunsystem

Bei der Geburt haben wir erst einen kleinen Teil der möglichen Abwehrkräfte. Im Kindesalter muss das Immunsystem erst noch reifen, deshalb reiht sich bei Kleinkindern häufig eine Erkältung an die andere. Manchmal kann es aber nötig werden, das Immunsystem absichtlich teilweise auszuschalten. Das betrifft etwa Patienten nach einer Organtransplantation. Medikamente unterdrücken dann die Fähigkeit des Immunsystems, sich gegen fremde Stoffe zu wehren, und verhindern so eine Abstoßung des Organs. Eine unangenehme Nebenwirkung sind häufige Infekte, weil der Körper sich nicht mehr so gut gegen Krankheitserreger wehren kann.
 
Wenn das Immunsystem überreagiert, können ebenfalls Probleme auftreten: Angefangen bei Heuschnupfen bis hin zu schwerwiegenden Autoimmunerkrankungen, bei denen sich das Immunsystem gegen körpereigene Strukturen richtet. Bei der rheumatoiden Arthritis etwa zerstören Immunreaktionen die Gelenke, bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn schädigt das Immunsystem die Darmschleimhaut [3].
 
Normalerweise kann das Immunsystem krankhaft veränderte Zellen erkennen und zerstören. Allerdings entwickeln Tumorzellen verschiedene Strategien, um sich dem Immunsystem zu entziehen: Sie können sich als gesunde Zellen tarnen oder die Abwehr schwächen [4]. Haben sie damit Erfolg, kommt es zu Krebs.

 

Die Studien im Detail

Die Studie mit Krebspatienten im fortgeschrittenen Stadium und Lebermetastasen [1] untersucht 37 Patienten. Fünf davon entscheiden sich für eine Behandlung ausschließlich mit der Mikroimmuntherapie, die anderen 32 werden nach Angaben der Autoren zufällig auf eine Gruppe zugeteilt: Die eine Hälfte bekommt nur eine Chemotherapie, die andere Hälfte zusätzlich zur Chemotherapie eine Mikroimmuntherapie und Kalium- Vitamin C-Tabletten.
 
In der Veröffentlichung fehlen jedoch Details dazu, wie die zufällige Zuteilung abgelaufen ist und ob die Patienten in den beiden Gruppen tatsächlich zu Beginn der Behandlung vergleichbar waren. Auch viele andere Einzelheiten, die für die Beurteilung der Studie wichtig wären, bleiben im Dunkeln. Da alle beteiligten Patienten wissen, ob sie eine Mikroimmuntherapie erhalten oder nicht, lassen sich psychologische Effekte nicht ausschließen. Außerdem lässt sich nicht unterscheiden, welche Wirkung durch die Mikroimmuntherapie entsteht und welche durch die Vitamin C-Tabletten. Deshalb ist es auch fraglich, ob die längere Überlebenszeit tatsächlich durch die Mikroimmuntherapie zustande kommt oder ob nicht eher andere Faktoren wie der Gesundheitszustand der Patienten dafür verantwortlich sind.
 
Auch die Studie zur Allergiebehandlung [2] kann nicht überzeugen. Hier ist die Teilnehmerzahl mit 44 Patienten ebenfalls ziemlich klein. Positiv fällt auf, dass die zufällige Zuteilung der Patienten mit Gräserallergie zu Mikroimmuntherapie oder Scheinbehandlung sehr ordentlich durchgeführt wurde und die Patienten auch wahrscheinlich nicht wissen können, zu welcher Gruppe sie gehören. Das Ergebnis der Studie ist allerdings eher ernüchternd: Die Patienten, die sich einer Mikroimmuntherapie unterziehen, leiden genauso stark an ihrem Heuschnupfen wie die Patienten, die nur ein Scheinmedikament bekommen.
 
Allerdings verbrauchen die Patienten mit der Mikroimmuntherapie weniger Notfallmittel wie antiallergische Nasensprays oder Augentropfen. In der Veröffentlichung wird nicht ganz klar, wie der Verbrauch der Notfallmittel in die Berechnung eingeht und ob die Anwendungsregeln für jeden Patienten gleich waren. Offen bleibt auch, ob der Schweregrad der Allergie bei den Patienten in den beiden Gruppen tatsächlich vergleichbar war. Dass nicht alle Patienten in die Auswertung einbezogen werden und einige der Autoren finanzielle Verbindungen zum Hersteller der Mikroimmuntherapie-Präparate haben, kann die Ergebnisse ebenfalls beeinflusst haben.

(AutorIn: I. Hinneburg, Review: J. Wipplinger, P. Mahlknecht)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Santi (2002)
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmer: 37 Krebspatienten mit Lebermetastasen
Fragestellung: Auswirkungen der Mikroimmuntherapie auf Lebensqualität und Überleben
Interessenskonflikte: keine Angaben
Santi C u.a. Microimmunoterapia aspecifica e ascorbato di potassio. Risultato di un trattamento complementare in pazienti con metastasi epatiche (Spezifische Mikroimmuntherapie und Kaliumaskorbat: Ergebnisse einer Komplementärbehandlung bei Patienten mit Lebermetastasen). La Medicina Biologica 2002 (Januar – März): 11-14
Artikel in voller Länge auf Italienisch

[2] Van der Brempt (2011)
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmer: 44 Patienten mit Heuschnupfen (Gräserallergie) zwischen 6 und 41 Jahren
Fragestellung: Verringert die Mikroimmuntherapie die Intensität der Heuschnupfen-Symptome und die Notwendigkeit der Notfallmedikation (herkömmliche Heuschnupfenmittel)
Interessenskonflikte: Verbindungen zum Hersteller der Präparate

Van der Brempt X u.a. Efficacité clinique du 2L®ALERG, un nouveau traitement de type immunomodulateur par voie sublinguale dans le rhume des foins : une étude en double insu contre placebo. Revue Française d’Allergologie 2011; 51: 430–436
Zusammenfassung

Weitere Quellen

[3] IQWiG (2013). Wie funktioniert das Immunsystem? Abgerufen am 17.11.2015

[4] Krebsinformationsdienst (2015). Das Immunsystem: Funktion und Bedeutung bei Krebs. Abgerufen am 17.11.2015

[5] IQWiG (2014). Spezifische Immuntherapie bei Heuschnupfen und Hausstauballergie. Abgerufen am 17.11.2015

[6] Krebsinformationsdienst (2014). Immuntherapien bei Krebs. Abgerufen am 17.11.2015

[7] Herstellerinformationen zur Mikroimmuntherapie. Abgerufen am 17.11.2015