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Mesotherapie: Sticheleien gegen den Schmerz

©iStockphoto.com/lunamarina

Mesotherapie-„Pistole“ im Einsatz

Laut der Presse ist Mesotherapie „ein Brückenschlag zwischen Schulmedizin und alternativen Heilmethoden“ – tatsächlich ist es ein Sammelbegriff für eine bunte Mischung aus verschiedensten Therapien. Ob eine davon auch gegen Schmerzen hilft?

Zeitungsartikel: Das geht unter die Haut 8.8.2012, Tiroler Tageszeitung)
Chronische Schmerzen: Was hilft?16.3.2013, Die Presse)
Frage:Hilft Mesotherapie gegen Schmerzen?
Antwort:Mesotherapie ist ein Überbegriff für sehr unterschiedliche Behandlungen, die einzig die Art der Verabreichung gemeinsam haben, nämlich das Einspritzen vieler kleiner Dosen eines Mittels in eine bestimmte Hautschicht. Eine allgemeine Aussage über die Wirksamkeit ist daher nicht möglich. Einige Studien weisen darauf hin, dass es bei bestimmten Beschwerden eine sinnvolle Art der Verabreichung etablierter Medikamente sein kann.
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagefür die Wirksamkeit bestimmter Anwendungen

Helfen Tabletten? Diese Frage macht erst Sinn, wenn klar ist, welche Tabletten gegen welche Beschwerden gemeint sind. Was bei dem Beispiel Tabletten sofort klar ist, wird bei der Berichterstattung über die in Österreich wenig bekannte Mesotherapie ignoriert. Hier steht die Art der Verabreichung im Vordergrund, weil sie das ist, was die Mesotherapie definiert. Die Wirksamkeit hängt aber davon ab, welches Mittel gegen welche Beschwerde verabreicht wird – wie bei Tabletten, Spritzen oder Infusionen eben auch.

Kraut und Rüben

Bei der Mesotherapie wird mit vielen kleinen Stichen in die Haut in unmittelbarer Nähe der betroffenen Region ein Mittel verabreicht – mit jedem einzelnen Stich wird eine kleine Dosis in eine bestimmte Hauttiefe eingebracht. Das kann von Hand passieren, mit einer Spritze mit sehr dünner Nadel, oder auch mit einer „Mesotherapie-Pistole“, bei der Einstichtiefe und Dosierung eingestellt werden können. Behandelt wird damit alles Mögliche, besonders kosmetische Eingriffe und Schmerztherapie stehen auf der Liste. Entsprechend breit ist auch das Spektrum der verwendeten Mittel – von lokalen Betäubungsmitteln, über Hormone, Enzyme, spezifische Medikamente bis zu homöopathischen Mitteln ist alles dabei [1][2][3].

Viele Stiche, wenig Studien

So umfangreich die Ansätze sind, so begrenzt ist die Studienlage, für fast alle Formen der Mesotherapie fehlt ein Nachweis für die Wirksamkeit, für die Behandlung von Schmerzen sind überhaupt nur wenige Studien zu finden. Dennoch gibt es vereinzelte Hinweise auf denkbare sinnvolle Anwendungen – für manche Mittel mit erwiesener Wirksamkeit könnte es eine sanftere Form sein, die Medikamente an den Wirkungsort zu bringen: Beispielsweise wenn es um die weit verbreiteten Rückenschmerzen geht. Eine Studie von 2010 [1] bescheinigt der Mesotherapie die gleiche Wirksamkeit wie der Standardtherapie – dem Einsatz von Corticosteroiden und anderen Schmerz- und Entzündungshemmern in Form von Tabletten und Spritzen. Bei der Mesotherapie kamen ähnliche Mittel zum Einsatz, sie werden aber nur im Bereich der Schmerzen in die Haut gespritzt. Damit könnten Nebenwirkungen vermieden werden, die häufig auftauchen, wenn Corticosteroide geschluckt werden müssen [c]. Zudem ist die insgesamt verabreichte Dosis bei der Mesotherapie geringer. An der Studie nahmen zwar nur 84 Personen teil, doch sollten große Studien diese Ergebnisse bestätigen, hätte die Mesotherapie ihre Vorteile.

Eine im Grunde methodisch sehr saubere randomisiert-kontrollierte Studie zeigt eine erfolgreiche Behandlung von schmerzhaften Sehnenentzündungen in der Schulter, bei der das Medikament (Dinatrium-EDTA) mittels Mesotherapie und Ultraschall verabreicht wurde [2]. Einziger Schwachpunkt: Die Mesotherapie ist nicht genau beschrieben, Muster und Einstichtiefe werden nicht angegeben. Daher sind Verallgemeinerungen aus diesem Ergebnis kaum möglich.

Nebenwirkungen und Geschichte

Im Gegensatz zur Wirkung sind Nebenwirkungen zumindest in Einzelfällen nachgewiesen. So sind Fälle von bakteriellen Infektionen und Geschwüre nach kosmetischen Behandlungen mit Mesotherapie beschrieben [4] [5], ähnlich wie es sie bei anderen Behandlungen mit Spritzen auch gibt. Über die genaue Häufigkeit und den Schweregrad von Nebenwirkungen ist noch wenig bekannt.
Entwickelt wurde die Mesotherapie vom französischen Arzt Michel Pistor, sein Credo sei angeblich gewesen “Wenig – selten – am richtigen Ort” [a]. Der Name kommt daher, dass die Mittel zumeist in eine mittlere (meso) Hautschicht gespritzt werden, wo sie schnell und direkt ihre Wirkung entfalten sollen, beispielsweise auch das Auflösen von ungewünschten Fettpolstern – was chemisch und physiologisch jedoch nur begrenzt plausibel ist [b].

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Costantino u.a. (2011)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 84 Patienten mit Schmerzen im unteren Rücken
Fragestellung: Vergleich von Mesotherapie mit systematischer Therapie
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben.

Costantino C, Marangio E, Coruzzi G. Mesotherapy versus Systemic Therapy in
the Treatment of Acute Low Back Pain: A Randomized Trial. Evid Based Complement
Alternat Med. 2011;2011.
(Volltext der Studie)

[2] Caccio u.a. (2009)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 80 Patienten mit verkalkten, entzündeten Schultersehnen
Fragestellung: Wirkt dinatrium EDTA gegen verkalkte Sehnen, wenn es mittels Mesotherapie und Ultraschall in das Gewebe eingebracht wird?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben.

Cacchio A, De Blasis E, Desiati P, Spacca G, Santilli V, De Paulis F.
Effectiveness of treatment of calcific tendinitis of the shoulder by disodium
EDTA. Arthritis Rheum. 2009 Jan 15;61(1):84-91.
(Zusammenfassung der Studie)

[3] Kashani u.a. (2010)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 85 Patienten mit kutaner Leishmaniose
Fragestellung: Ist die Verabreichung von wirksamen Medikamenten mittels Mesotherapie gleich erfolgreich wie die gängige Verabreichung mit normalen Spritzen?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben.

Kashani MN, Sadr B, Nilforoushzadeh MA, Arasteh M, Babakoohi S, Firooz A.
Treatment of acute cutaneous leishmaniasis with intralesional injection of
meglumine antimoniate: comparison of conventional technique with mesotherapy gun.
Int J Dermatol. 2010 Sep;49(9):1034-7.
(Zusammenfassung der Studie)

[4] Castillo u.a. (2009)
Studientyp: Fallstudie
Teilnehmer: 10 Patienten mit Verdacht auf Infektion nach einer Mesotherapie

Del-Castillo M, Palmero D, Lopez B, Paul R, Ritacco V, Bonvehi P, Clara L,
Ambroggi M, Barrera L, Vay C. Mesotherapy-associated outbreak caused by
Mycobacterium immunogenum. Emerg Infect Dis. 2009 Feb;15(2):357-9.
(Volltext der Studie)

[5] Al-Khenaizan u.a. (2008)
Studientyp: Fallstudie
Teilnehmer:Eine Frau mit einem Hautgeschwulst nach einer Mesotherapie

Al-Khenaizan S. Facial cutaneous ulcers following mesotherapy. Dermatol Surg.
2008 Jun;34(6):832-4; discussion 834-5.
(Zusammenfassung der Studie)

Weitere Quellen

[a] Österreichische Gesellschaft für Mesotherapie

[b] Brown (2006)
Studientyp: Zusammenfassung eines Experten
Fragestellung:Wirksamkeit und chemische Plausibilität der Mesotherapie
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben
Brown SA. The science of mesotherapy: chemical anarchy. Aesthet Surg J. 2006
Jan-Feb;26(1):95-8.
(Zusammenfassung der Studie)

[c]  UptoDate über die Nebenwirkungen von Glucocorticoiden (abgerufen am 29.5.2013)