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Meditieren gegen Stress

©iStockphoto.com/AnnaOmelchenko

Liegt in der Ruhe die Kraft?

Aktualisiert: Stress ist nicht grundsätzlich ungesund, aber auf Dauer unangenehm bis schädigend. Laut den Oberösterreichischen Nachrichten ist Meditation das Beste gegen Stress. Für eine so starke Ansage sind die Belege allerdings nicht überwältigend.(ursprünglich veröffentlicht am 8.5.2013)

Zeitungsartikel: Meditieren ist das Beste gegen Stress (24. 4. 2013, nachrichten.at)
Frage:Hilft Meditation gegen Stress?
Antwort:möglicherweise Ja
Erklärung:Verschiedene Formen von Meditation scheinen sowohl bei Gesunden als auch bei Menschen mit psychischen Erkrankungen Stress lindern zu können. Studien dazu sind zahlreich, die Qualität der Studien ist jedoch durchgehend unzufriedenstellend.

Aktualisiert am 22.7.2014: Eine neue systematische Übersichtsarbeit [3] bestätigt die inhaltlichen Aussagen (Änderungen kursiv).

Die wohl umfassendste Studie zu den Wirkungen von Meditation wurde im Auftrag des amerikanischen Gesundheitsministeriums erstellt [1]. Ein Forscherteam der Universität von Alberta fasste darin im Jahr 2007 auf über 470 Seiten den Stand des Wissens zusammen. Das dicke Papier förderte eine erstaunlich dünne Datenlage zu Tage: Zwar konnten 813 Studien in die Übersichtsarbeit eingeschlossen werden, aber die zusammengefassten Ergebnisse liefern nur wenig Substanz. Die positiven Wirkungen sind: Einige Formen der Meditation helfen den Blutdruck zu senken, Yoga reduziert Stress und auch bei Gesunden erzielen manche Meditationsarten signifikante Veränderungen, sowohl neurobiologischer als auch physiologischer Art. Alle Ergebnisse basieren jedoch auf methodisch äußerst schwachen Studien und sind daher alles andere als gesichert.

Entsprechend war eine der Forderungen der Autoren, dass zu Meditation mehr und qualitativ besser geforscht werden sollte. Eine Forderung, die nur unzureichend erfüllt wurde, wie der Blick auf aktuellere systematische Übersichtsarbeiten offenbart: Beispielsweise publizierten 2010 die Forscher Chiesa und Serretta eine Studie zu den neurobiologischen und klinischen Wirkungen von achtsamkeitsbasierter Meditation [2] – auch sie kommen aufgrund der schwachen Studien zu keinem eindeutigen Ergebnis. Zwar wird eine Stressreduktion bei Gesunden gezeigt, nicht jedoch, ob diese tatsächlich auf die Behandlung zurückzuführen ist. Die 52 eingeschlossenen Studien haben nämlich grobe Mängel, wie zu wenig Teilnehmer und vor allem keine geeigneten Vergleichsgruppen.

Eine neue Übersichtsarbeit [3] fasst 47 Studien zusammen und bringt bessere Daten – auch wenn die Sache kompliziert bleibt: Zwar wirken manche Formen der Meditation gegen Stress, aber nur im Vergleich zu Kontrollgruppen, die keine andere gezielte Behandlung erhalten. Meditation ist anderen Behandlungsformen nicht überlegen, Bewegungsprogramme, Muskelentspannung und Gruppentherapie wirken mindestens ebenso gut.

Gut, besser, am besten?

Die Autoren einer Übersichtsarbeit zu achtsamkeitsbasierter Stressreduktion [4] schreiben in ihrem Resümee, dass diese Therapieform die mentale Gesundheit verbessert, sowohl bei Gesunden als auch bei einigen Patienten mit psychischen Erkrankungen. Aber auch sie kritisieren die Qualität der zugrundeliegenden Studien und auch die Übersichtsarbeit selbst ist nicht einwandfrei, sondern hat beispielsweise Mängel bei der Auswahl der einzuschließenden Studien.

Die im Zeitungsartikel der Oberösterreichischen Nachrichten aufgestellten Behauptungen werden tatsächlich von Studien gestützt [1][3]. Durch die schlechte Qualität der Studien ist die Wirksamkeit von Meditation jedoch in keinem Punkt gut abgesichert. Vor allem fehlt der Vergleich mit anderen Behandlungsformen – so lässt sich nicht sagen, ob Meditation „das Beste“ ist.

Laut der systematischen Übersichtsarbeit von 2014 sind nicht alle Meditationsarten gleich wirksam: Für die achtsamkeitsbasierte Meditation lässt sich eine Wirksamkeit nachweisen, nicht jedoch für transzendentale Meditation, bei der versucht wird, die konzentrierte Aufmerksamkeit aufzulösen [3].

Nicht für alle

Die besten Resultate werden in jenen Studien erzielt, bei denen sich die Teilnehmer aktiv für die Meditation entscheiden, also nicht in eine Gruppe eingeteilt werden [4]. Das verzerrt die Ergebnisse, weil die Einteilung in Behandlungs- und Kontrollgruppe zufällig passieren sollte, aber es zeigt auch, dass bei aktiven Therapien die Motivation der Teilnehmer entscheidend ist. Wer nicht meditieren will, wird weniger von Meditation profitieren. Die positiven Studienergebnisse lassen sich also am ehesten auf jene Menschen verallgemeinern, die an Meditation interessiert sind.

Hintergrund: Subjekt und Objekt auflösen

Es gibt keine einheitliche Definition, was genau Meditation eigentlich ist. Für die sehr umfassende Arbeit von 2007 [1] musste extra ein Expertengremium genaue Kriterien definieren, nach denen die Einzelstudien aufgenommen wurden.

Meditation hat spirituelle und religiöse Wurzeln in vielen Kulturen weltweit. Einige Formen haben sich von diesem Hintergrund weitestgehend verabschiedet und sich zu rein psychologischen und psychotherapeutischen Übungen gewandelt, was sie auch für weniger spirituelle Menschen öffnet. Entspannung, Achtsamkeit und Konzentration werden geübt, der Geist soll zur Ruhe kommen. In der Philosophie wird davon gesprochen, die Trennung von Subjekt und Objekt aufzulösen und eine Perspektive einzunehmen, die ganz dem Hier und Jetzt gilt [a].

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner, C. Christof

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Ospina u.a. (2007)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeitund mehrere Meta-Analysen
Eingeschlossene Studien: 813
Fragestellung: Evidenz für die Wirkung von Meditation
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Ospina MB, Bond K, Karkhaneh M, Tjosvold L, Vandermeer B, Liang Y, Bialy L,
Hooton N, Buscemi N, Dryden DM, Klassen TP. Meditation practices for health:
state of the research. Evid Rep Technol Assess (Full Rep). 2007 Jun;(155):1-263.
(Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Chiesa, Serretti (2010)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 52
Fragestellung: Neurobiologische und klinische Effekte von achtsamkeitsbasierter Meditation
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben.

Chiesa A, Serretti A. A systematic review of neurobiological and clinical
features of mindfulness meditations. Psychol Med. 2010 Aug;40(8):1239-52.
(Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[3] Goyal u.a. (2014)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 47 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 3515 Teilnehmer mit Stress-bezogenen Symptomen oder einer psychiatrischen Diagnose
Fragestellung: Mindert Meditation Stress und Stress-bezogene Symptome?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Goyal M, Singh S, Sibinga EM, Gould NF, Rowland-Seymour A, Sharma R, Berger Z, Sleicher D, Maron DD, Shihab HM, Ranasinghe PD, Linn S, Saha S, Bass EB, Haythornthwaite JA. Meditation programs for psychological stress and well-being: a systematic review and meta-analysis. JAMA Intern Med. 2014 Mar;174(3):357-68. (Kritische Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[4] Fjorback u.a. (2011)
Studientyp: Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: 21 randomisiert-kontrollierte Studien mit je mindestens 33 Teilnehmern
Fragestellung: Wirkung von achtsamkeitsbasierter Stressreduktion
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Fjorback LO, Arendt M, Ornbøl E, Fink P, Walach H. Mindfulness-based stress
reduction and mindfulness-based cognitive therapy: a systematic review of
randomized controlled trials. Acta Psychiatr Scand. 2011 Aug;124(2):102-19.
(Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

Black u.a. (2009)
Studientyp: Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: 16, davon elf randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 860
Fragestellung:Wirksamkeit von Sitzmeditationen bei Jugendlichen
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Black DS, Milam J, Sussman S. Sitting-meditation interventions among youth: a
review of treatment efficacy. Pediatrics. 2009 Sep;124(3):e532-41. doi:
10.1542/peds.2008-3434. Epub 2009 Aug 24.

(Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

De Vibe u.a. (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: 31 randomisiert-kontrollierte Studien, wobei die Vergleichsgruppen zumeist keine Intervention erhielten
Teilnehmer insgesamt: 1942
Fragestellung:Verbessert achtsamkeistsbasierte Stressreduktion Lebensqualität und Gesundheit?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

(Volltext der Übersichtsarbeit)

[a] Gert Scobel, Warum wir philosophieren müssen: Die Erfahrung des Denkens. (Buchtitel auf Amazon).