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Masern: gravierende Spätfolgen vermeidbar

Kleinkind mit Masern

Kleinkind mit Masern

Aktualisiert: „Das Risiko für tödliche Spätfolgen einer Maserninfektion ist höher als bisher angenommen“, schreibt oe24.at. Das trifft zumindest für die Jahre 2003 – 2009 in Deutschland zu. Die Masern-Mumps-Röteln-Impfung schützt effektiv. (ursprünglich veröffentlicht am 1.8.2013)
 
 

 

Zeitungsartikel: Masern gefährlicher als gedacht (17.7.2013, oe24.at)
Frage:Ist das Risiko für tödliche Spätfolgen einer Masern-Infektion höher als bisher angenommen (höher als 1:100 000 Masernfällen)?
Antwort:wahrscheinlich Ja
Erklärung:Die Gefahr für eine Erkrankung an der Hirnentzündung SSPE mit Todesfolge scheint für Deutschland, Großbritannien und die USA deutlich über 1 von 100.000 Masernfällen zu liegen.

Aktualisiert am 29.7.2014: Eine Suche nach neuen Studien führt zu keiner inhaltlichen Änderung.

Viele halten Masern für eine harmlose Kinderkrankheit. Vor allem in Entwicklungsländern ist die hochansteckende Viruskrankheit jedoch die fünft-häufigste Todesursache bei Kindern unter fünf Jahren. Zwar gibt es seit rund 50 Jahren eine Impfung gegen Masern – aufgrund der zu geringen Durchimpfungsrate kommt es seit 2010 aber wieder vermehrt zu Ausbrüchen der Infektionskrankheit in Westeuropa [4].

Wenig bekannt ist, dass eine Maserninfektion zu gravierenden Komplikationen führen kann. Bei der letzten großen Masern-Epidemie in den USA im Jahr 1990 kam es bei ein von 1000 Fällen zu einer Entzündung des Gehirns, etwa drei von 1000 Patienten starben an der Krankheit [4]. In seltenen Fällen kann es auch noch Jahre nach einer Infektion zu einer schleichenden Gehirnentzündung kommen. Mediziner bezeichnen diese Spätfolge als „subakute sklerosierende Panenzephalitis“ oder kurz SSPE. Diese Erkrankung wird durch das Masernvirus ausgelöst, ist nicht behandelbar und führt zum langsamen geistigen Abbau mit Todesfolge. Die Online-Ausgabe der Tageszeitung Österreich schreibt, das Risiko für tödliche Spätfolgen durch SSPE sei einer neuen Studie zufolge weit größer als bisher angenommen.

Größeres SSPE-Risiko teilweise bestätigt

Die Autoren der in „Österreich“ beschriebenen Studie [1] haben alle in Deutschland bestätigten SSPE-Fälle aus den Jahren 2003 bis 2009 gesammelt und ausgewertet. Dem zufolge bekam eines von 1700 bis zu einem von 3300 der unter fünfjährigen an Masern erkrankten Kinder später SSPE. Im Durchschnitt trat die unbehandelbare Entzündung des Gehirns acht Jahre nach der Maserninfektion auf, die die betroffenen Kinder meist im Alter von einem Jahr bekommen hatten. Zum Zeitpunkt der Masernerkrankung war keines der später von SSPE betroffenen Kinder geimpft, soweit die Forscher dies rückverfolgen konnten.

Bisher nahmen Wissenschaftler an, dass SSPE bei weniger als einer von 100 000 Maserninfektionen ausbricht [4]. Zumindest bei den unter Fünfjährigen in Deutschland war das Risiko, nach einer Maserninfektion an SSPE zu erkranken jedoch deutlich höher. Die Analyse von SSPE-Fällen aus England und einer Masern-Epidemie in den USA Anfang der Neunziger Jahre deutet darauf hin, dass jede 9 000ste bis 25 000ste Masernerkrankung zu SSPE führen könnte. Bei Säuglingen unter einem Jahr wären es sogar ein Betroffener unter 5500 Maserninfizierten [2].

Bei der letzten großen Masernepidemie in Österreich Mitte der 1990er Jahre kam es laut Angaben des Gesundheitsministeriums zu geschätzten 28 000 bis 30 000 Infektionen. In der Folge erkrankten 16 Kinder an der tödlich verlaufenden Gehirnentzündung [5].

Impfung schützt vor Komplikationen und Spätfolgen

SSPE wird durch das Masernvirus verursacht, welches durchschnittlich bis zu zehn Jahre nach der Erstinfektion Nervenzellen im Gehirn angreift und im Laufe von Monaten bis Jahren zu Verhaltensänderungen, Demenz und schließlich zum Tod führt. Eine Impfung schützt nicht nur vor dem akuten Ausbruch der Kinderkrankheit, sondern verringert auch deutlich das Risiko für SSPE. In Ländern mit hoher Durchimpfungsrate sank sieben Jahre später auch das Risiko für die als Langzeitfolge auftretende Gehirnentzündung um 82 bis 96 Prozent. Das ergab eine von der Weltgesundheitsorganisation WHO in Auftrag gegebene Übersichtsarbeit [2]. Dabei ist allerdings nicht bekannt, wie groß der Anteil der Geimpften in der Bevölkerung der betreffenden Länder war.

Zur Impfung gegen Masern gibt es in Österreich einen Kombinationsimpfstoff, der auch noch gegen Röteln und Mumps (MMR-Impfung) sowie Windpocken (Feuchtblattern oder Varicellen, MMRV-Impfung) schützt. Diese Schutzimpfung wird ab dem 11. Lebensmonat empfohlen. Bei der letzten Masernepidemie in den USA in den 1990er Jahren starben 3 von 1000 Infizierten [7], bei knapp einem Viertel traten Komplikationen wie Durchfall, Mittelohrentzündung oder Lungenentzündung auf.

Eine Impfung verhindert eine Masernerkrankung in 19 von 20 Fällen [3]. Um den Impfschutz zu erhöhen, sind zwei Teilimpfungen in einem Abstand von mindestens einem Monat Abstand ratsam [5]. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums sind jedoch nur sieben von zehn Kindern nach Abschluss des zweiten Lebensjahres gegen Masern immunisiert. Um das Risiko für eine Ansteckung bei Säuglingen unter 11 Monaten zu senken, ist aber eine Impfung möglichst vieler älterer Kinder und Erwachsenen notwendig, die mit dem Kleinkind in Kontakt kommen könnten. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit, im späteren Leben an SSPE zu erkranken umso höher, je früher sich ein Kind mit Masern infiziert [4].

Die MMR-Impfung kann bei fünf bis 15 von 100 Geimpften Fieber verursachen. Bei etwa fünf von 100 löst sie einen vorübergehenden Hautausschlag („Impfmasern“) aus. Möglich sind auch Blutplättchenarmut (Thrombozytopenie) sowie in seltenen Fällen (mit einem unter 2600 Kindern doppelt so häufig wie bei nichtgeimpften Kindern) durch Fieber verursachte epileptische Anfälle kurz nach der Imfpung [6]. In Summe überwiegen die Vorteile der Impfung die Nebenwirkungen deutlich, wie eine systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration zeigt [3]. Die Autoren dieser Übersichtsarbeit untersuchten auch die potentiellen Risiken der MMR-Impfung bezüglichAutismus, Asthma, Leukämie, Pollenallergie, Typ I Diabetes, Gangstörungen, Morbus Crohn, Demyelinisierenden Erkrankungen wie Multipler Sklerose sowie bakteriellen oder viralen Infektionen. Für keine dieser Krankheiten konnten sie ein erhöhtes Risiko feststellen.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, F. Stigler)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Schönberger u.a. (2013)
Studientyp: epidemiologische Studie
analysierte Fälle: SSPE-Fälle in Deutschland von 2003 bis 2009 sowie Maserninfektionen von 1994 bis 2001
Fragestellung: Abschätzung des Risikos für Subakute Sclerosierende Panencephalitis nach einer Maserninfektion
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Schönberger K, Ludwig MS, Wildner M, Weissbrich B. Epidemiology of Subacute Sclerosing Panencephalitis (SSPE) in Germany from 2003 to 2009: A Risk Estimation. PLoS One. 2013 Jul 9;8(7):e68909. (Studie in voller Länge)

[2] Campbell u.a. (2007)
Studientyp: nicht-systematische Übersichtsarbeit und epdemiologische Studie
analysierte Studien: 132 Studien und Fallberichte, sowie vorhandene Daten aus nationalen Datenbanken zu SSPE-Fällen
Fragestellung: Beeinflussen Masernimpfungen das Auftreten von SSPE-Fällen?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Campbell H, Andrews N, Brown KE, Miller E. Review of the effect of measles vaccination on the epidemiology of SSPE. Int J Epidemiol. 2007 Dec;36(6):1334-48. Epub 2007 Nov 23. (Studie in voller Länge)

[3] Demicheli u.a. (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit der Cochrane-Collaboration
analysierte Studien: 5 randomisiert-kontrollierte Studien, eine kontrollierte Studie, 27 Kohortenstudien, 17 Fall-Kontrollstudien, 5 Time-series Studien, 1 Cross-over Studie, 2 ökologische Studien, 6 Fallstudien
Teilnehmer insgesamt: rund 14.700.000 Kinder
Fragestellung: Wie wirksam und sicher ist die Masern-Mumps-Röteln-Kombinationsimpfung?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Demicheli V, Rivetti A, Debalini MG, Di Pietrantonj C. Vaccines for measles, mumps and rubella in children. Cochrane Database of Systematic Reviews 2012, Issue 2. Art. No.: CD004407.1 (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] Barinaga JL, Skolnik PR (2013). Epidemiology and transmission of measles. In Baron EL (ed.). UpToDate. Abgerufen am 29. 7. 2013 unter http://www.uptodate.com/contents/epidemiology-and-transmission-of-measles

[5] Bundesministerium für Gesundheit (2013). Impfplan 2013 des Gesundheitsministeriums. Abgerufen am 29. 7. 2013 unter http://bmg.gv.at/cms/home/attachments/3/3/6/CH1100/CMS1327680589121/impfplan2013.pdf

[[6] European Medicines Agency (2011). ProQuad – Annex I Summary of Product Characteristics. Abgerufen am 1. 8. 2013 unter http://www.ema.europa.eu/docs/en_GB/document_library/EPAR_-_Product_Information/human/000622/WC500044070.pdf

[7] Barinaga JL, Skolnik PR (2013). Epidemiology and transmission of measles. In Baron EL (ed.). UpToDate. Aufgerufen am 31.7.2013 unter http://www.uptodate.com/contents/epidemiology-and-transmission-of-measles