Medizin transparent - Wissen was stimmt – unabhängig und wissenschaftlich geprüft

Jetzt anfragen

Sie fragen, wir antworten

Stimmt die Behauptung aus Internet, Werbung oder den Medien?

Artikel

Mariendistel zur Leber-Erholung fragwürdig

Mariendistel (Silybum marianum)

Mariendistel (Silybum marianum)

Leberprobleme durch zu viel Alkohol und üppiges Essen in den Feiertagen? Mariendistel-Extrakt soll unser Entgiftungsorgan schützen, berichten Kleine Zeitung und Heute. Das klingt verlockend einfach – wissenschaftlich untermauern lässt sich die Wirkung aber nicht.
 
 
 

 
 

Zeitungsartikel: So machen Sie Ihre Leber fit für die Feiertage (27. 11. 2012, Heute),
So schützen Sie Ihre Leber zu den Feiertagen (7. 12. 2012, Kleine Zeitung)
Frage:Ist Mariendistelextrakt bei Erkrankungen der Leber eine wirksame Behandlung?
Antwort:Zumindest für die Behandlung von Lebererkrankungen aufgrund von Alkoholmissbrauch oder Hepatitis B oder C gibt es keine klaren Hinweise auf eine Wirksamkeit der Mariendistel.
Beweislage:
Unzureichende wissenschaftliche Beweislage

Dass übermäßiger Alkoholgenuss der Leber nicht gut tut, ist kein medizinisches Geheimnis. Vor Leberbeschwerden etwa durch ausgiebiges Feiern und zu viel Alkohol während der Feiertage soll ein Extrakt der Mariendistel schützen. Dies behaupten die Kleine Zeitung vom 7. 12. 2012 und Heute in der Online-Ausgabe vom 27. 11. 2012.

Nutzen bei Lebererkrankung fraglich

Eine systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration [1] fasst Studien zur Wirksamkeit der Mariendistel bei Leberschäden durch Alkohol oder Hepatitis-B und -C Viren zusammen. In insgesamt 13 sogenannten randomisiert-kontrollierten Studien konnten die Cochrane-Wissenschaftler keinen Hinweis auf einen medizinischen Vorteil der Mariendistel erkennen. Weder schien Mariendistelextrakt die Leber-Patienten vor einem verfrühten Tod zu bewahren, noch traten seltener Begleiterkrankungen aufgrund des Leberleidens auf.

In einigen Untersuchungen schienen zwar Alkoholkranke mit Leberproblemen nach Einnahme der Wirkstoffe aus der Mariendistel länger zu leben, als jene, die diese Präparate nicht eingenommen hatten. Diese Ergebnisse waren jedoch aufgrund diverser Mängel bei der Studiendurchführung nur bedingt vertrauenswürdig. Randomisiert-kontrollierte Studien, die nach streng wissenschaftlichen Kriterien durchgeführt worden waren, konnten diesen Effekt nicht bestätigen.

Auch zeigten sich in manchen Untersuchungen positive Auswirkungen auf bestimmte Laborwerte der Leber. Dies war ebenfalls nur in Studien von geringerer Qualität der Fall – die dabei festgestellten Verbesserungen waren zudem nur von mäßigem Ausmaß. In vertrauenswürdigeren Studien zeigte sich kein solcher Effekt.

Insgesamt waren pro Studie nur wenige Patienten untersucht worden, klare Rückschlüsse auf die Wirksamkeit oder Unwirksamkeit der Mariendistel sind noch nicht möglich. Eine Antwort auf diese Frage können nur hochwertige klinische, randomisiert-kontrollierte Studien an einer großen Anzahl von Patienten liefern.

Immerhin schienen Nebenwirkungen durch die Einnahme von Mariendistelextrakt nicht vermehrt aufzutreten. In anderen Quellen werden bei höherer Dosierung Übelkeit, Bauchschmerzen und Durchfall, aber keine schwerwiegenden Nebenwirkungen erwähnt [2].

Bei manchen Pilzvergiftungen wirksam

Extrakte der im Mittelmeerraum heimischen Mariendistel wurden bereits im antiken Griechenland zu medizinischen Zwecken eingesetzt. Tierversuche zeigten, dass die darin enthaltene Wirkstoffkombination Silymarin Labortiere vor Leberschäden durch verschiedene Giftstoffe schützen kann [1]. Untersuchungen an Tieren erlauben aber nicht zwingend einen Rückschluss auf eine ähnliche Wirkung beim Menschen.

Eine erwiesenermaßen sinnvolle Anwendung gibt es bei der Vergiftung mit manchen Knollenblätterpilzen durch das Pilzgift Amatoxin. Diese ist auch bei menschlichen Patienten relativ gut untersucht. Demzufolge senkt das im Extrakt der Mariendistel enthaltene Silibinin deutlich die Wahrscheinlichkeit an einer Amatoxin-Vergiftung zu sterben [2].

Alkohol: am sinnvollsten ist Verzicht

Die Hauptursache für Erkrankungen der Leber ist jedoch keine Pilzvergiftung, sondern neben Hepatitis-Viren der Gruppe B und C vor allem Alkohol [1]. Auch wenn die Wirksamkeit unklar ist, verschreiben Ärzte vor allem in Osteuropa nicht selten Mariendistelextrakt [1].

Alkohol-bedingte Leberleiden reichen von der sogenannten Fettleber über eine Leberentzündung (Alkohol-Hepatitis) bis hin zur Leberzirrhose und damit der Notwendigkeit einer Lebertransplantation. Eine allgemein anerkannte Therapie zur Behandlung dieser Erkrankungen existiert nicht [1].

In einer Sache stimmen jedoch Ärzte und Wissenschaftler überein: Liegt bereits eine Erkrankung der Leber vor, ist Alkoholverzicht die wichtigste aller Maßnahmen. Ein Trinkstopp kann das Fortschreiten der Lebererkrankung deutlich bremsen [3].

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, M. Flamm)

Artikel empfehlen: auf Facebook teilen auf Twitter teilen

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Rambaldi u.a. (2007)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane-Collaboration
Eingeschlossene Studien: 13 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 915 Patienten mit Lebererkrankungen aufgrund von Alkohol und/oder Hepatitis B/C
Fragestellung: Ist Mariendistel bei Patienten mit Lebererkrankungen aufgrund von Alkoholmissbrauch oder Heptatitis B/C wirksam?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Rambaldi A, Jacobs BP, Gluud C. Milk thistle for alcoholic and/or hepatitis B or C virus liver diseases“. Cochrane Database of Systematic Reviews 2007, Issue 4. Art. No.: CD003620. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[2] Peredy TR (2012). Amatoxin-containing mushroom poisoning including ingestion of Amanita phalloides. In Wiley JF (ed.). UpToDate. Abgerufen unter www.uptodate.com am 9. 1. 2013

[3] Friedman SL (2012). Prognosis and treatment of alcoholic liver disease and alcoholic hepatitis. In Travis AC (ed.). UpToDate. Abgerufen unter www.uptodate.com am 9. 1. 2013