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Sonnenlicht schuld an Alters-Sehschwäche?

Im Alter nimmt die Sehstärke ab

Im Alter nimmt die Sehstärke ab

Grelles Sonnenlicht im Kindesalter soll im Alter Sehschwäche (Makuladegeneration) fördern. Der Standard drängt Eltern daher, ihren Kindern im Freien Sonnenbrillen aufzusetzen. Übermäßige Sorge ist jedoch nicht nötig, hinter der Empfehlung stehen mehr lose Vermutungen als wissenschaftliche Hinweise.

 
 

 

Zeitungsartikel: Sonnenstrahlen für Kinderaugen gefährlich (25.7.2013, derStandard.at)
Frage:Schützt das Tragen von Sonnenbrillen in der Kindheit vor Makuladegeneration im Alter?
Antwort:Es gibt keine Studien, die den Zusammenhang zwischen dem Tragen von Sonnenbrillen in der Kindheit und dem Auftreten von Makuladegeneration untersucht haben. Einzelne Studien zum Tragen von Sonnenbrillen bei Jugendlichen- und Erwachsenen geben keinen Hinweis auf eine schützende Wirkung im Alter.
Beweislage:
Unzureichende wissenschaftliche Beweislage

„Kinder- und Babyaugen gehören unbedingt vor Sonnenstrahlen geschützt, um Schäden am Auge im Erwachsenenalter vorzubeugen“ meint ein Experte im Online-Standard. Grund sei die UV-Strahlung, denn die sei im Alter häufig die Ursache für eine Makuladegeneration – eine altersbedingte Sehschwäche. Wissenschaftlich ist diese Aussage jedoch nicht haltbar, denn die Ursache für Makuladegeneration ist unklar.

Makula nennen Ärzte die Stelle auf der Netzhaut des Auges, die für scharfes Sehen im Zentrum des Gesichtsfeldes zuständig ist. Bei der Makuladegeneration bildet sich die Sehkraft an dieser Stelle zurück, Betroffene können Gegenstände nur noch verschwommen am Rande des Sehfelds wahrnehmen [4].

Laut Standard sind Kinderaugen durchlässiger für UV-Strahlung als diejenigen von Erwachsenen. Tatsächlich wird die Linse des menschlichen Auges mit der Zeit gelblicher und schützt so die Retina vor UV-Strahlung [5]. Eindeutige Hinweise, dass viel Sonnenlicht das Risiko für altersbedingte Makuladegeneration erhöht, gibt es jedoch nicht [4].

Vorbeugung durch Sonnenbrillen unklar

Ob Eltern bei ihren Kindern der Sehschwäche im Alter durch Sonnenbrillen vorbeugen können, ist kaum untersucht. Lediglich in einer Studie [1] wurden 2764 ältere Erwachsene befragt, ob sie in ihrer Teenagerzeit und in ihren Dreißigern Sonnenbrillen oder einen Hut getragen hatten. Auch zehn Jahre nach der Befragung litten jedoch die Sonnenbrillen- und Hutträger nicht seltener an einer Makuladegeneration als andere Teilnehmer.

Für eine andere Studie [2] befragten Forscher 2089 über 60-jährige Einwohner eines französischen Mittelmeerstädtchens. Diejenigen, die nach eigenen Angaben häufiger Sonnenbrillen getragen hatten, litten zum Befragungszeitpunkt dennoch nicht seltener an einer Makuladegeneration.

Für eine Fall-Kontroll-Studie [3] verglichen Wissenschaftler 421 Patienten mit Makuladegeneration mit 615 gesunden Personen ähnlicher Herkunft. Die Augen-Patienten hatten dabei in ihrem früheren Leben nicht weniger oft Sonnenbrillen getragen als die gesunden Teilnehmer der Vergleichsgruppe. Allerdings litten die teilnehmenden Patienten an einer weniger häufigeren Form der altersbedingten Sehschwäche, der sogenannten neovaskulären („feuchten“) Form der Makuladegeneration.

Die drei Untersuchungen liefern möglicherweise Hinweise darauf, dass das Tragen von Sonnenbrillen im Erwachsenenalter nicht vor altersbedingter Makuladegeneration schützt. Aufgrund von Schwächen bei der Durchführung der Studien ist die Beweislage dafür allerdings bestenfalls niedrig. Ob selbiges auch für Kinder gilt, ist nicht gezielt untersucht.

Rauchstopp statt Sonnenbrillen

Bekannt ist, dass Raucher früher und häufiger an dem altersbedingten Augenleiden erkranken [4]. Statt Sonnenbrillen zu tragen, könnte daher Nichtrauchen eine sicherere Vorbeugemaßnahme sein.

Die Ursachen für die Makuladegeneration sind weitgehend unklar. Neben Rauchen scheint auch die Vererbung eine Rolle zu spielen, in manchen Familien ist das Risiko dafür etwas erhöht. Generell tritt die Erkrankung erst ab einem Alter von 50 Jahren auf. In den Industrieländern ist sie bei älteren Menschen die häufigste Ursache für Erblindung.

Behandeln lässt sie sich bisher nur unzureichend. Die häufigere Form der Makuladegeneration, die sogenannte „trockene“ Form – sie tritt in rund acht von zehn Fällen auf – ist praktisch nicht behandelbar. Bei dieser Krankheitsform sterben die lichtempfindlichen Zellen in der Mitte der Netzhaut ab. Bei den anderen zwei von zehn Fällen sind es Blutgefäße, die unterhalb der Netzhaut einwachsen und diese anheben können. Außerdem können diese Blutgefäße undicht werden, dabei tritt Flüssigkeit aus und kann die Zellen der Netzhaut schädigen. Daher heißt diese Form auch „feuchte“ oder neovaskuläre Makuladegeneration [6].

Für die Behandlung der feuchten Form gibt es spezielle Medikamente, die in den Augapfel gespritzt werden. Doch auch Therapien mit Laser oder die sogenannte photodynamische Therapie können helfen. Bei letzterer werden Laser in Verbindung mit lichtempfindlichen Medikamenten eingesetzt, um die problematischen Blutgefäße im Auge zu zerstören [4] [5]. Antioxidantien und Vitamine wie Beta-Carotin, Vitamin E oder Nahrungsergänzungsmittel wie Zink und Omega-3-Fettsäuren werden zwar öfters empfohlen, ihr Nutzen ist jedoch nicht belegt [6].

(AutorIn: B. Kerschner, Review: K. Regnat, F. Stigler)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Tomany u.a. (2004)
Studientyp: Kohortenstudie
Studienteilnehmer: 2764 Personen zwischen 43 und 86 Jahren aus Beaver Dam (Beaver Dam Eye Study)
Studiendauer: 10 Jahre
Fragestellung: Zusammenhang zwischen Sonnenlicht und dem Auftreten altersbedingter Makulopathie (ARM)
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Tomany SC, Cruickshanks KJ, Klein R, Klein BE, Knudtson MD. Sunlight and the 10-year incidence of age-related maculopathy: the Beaver Dam Eye Study. Arch Ophthalmol. 2004 May;122(5):750-7. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Delcourt u.a. (2001)
Studientyp: Querschnittsstudie
Studienteilnehmer: 2089 Einwohner einer französischen Mittelmeerstadt über 60 Jahren
Fragestellung: Zusammenhang zwischen Sonnenlicht, dem Tragen von Sonnenbrillen und dem Auftreten altersbedingter Makuladegeneration
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Delcourt C, Carrière I, Ponton-Sanchez A, Fourrey S, Lacroux A, Papoz L; POLA Study Group. Light exposure and the risk of age-related macular degeneration: the Pathologies Oculaires Liées à l’Age (POLA) study. Arch Ophthalmol. 2001 Oct;119(10):1463-8. (Zusammenfassung der Studie)

[3] The Eye Disease Case-Control Study Group (1992)
Studientyp: Fall-Kontroll Studie
Studienteilnehmer: 421 Patienten mit neovasculärer Maculadegeneration und 615 Kontrollteilnehmer
Fragestellung: Risikofaktoren für altersbedingter Makuladegenartion
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Risk factors for neovascular age-related macular degeneration. The Eye Disease Case-Control Study Group. Arch Ophthalmol. 1992 Dec;110(12):1701-8. (Zusammmenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] Arroyo JG (2013). Age-related macular degeneration: Clinical presentation, etiology, and diagnosis. In Sokol HN (ed.). UptoDate. Abgerufen am 28. 9. 2013 unter http://www.uptodate.com/contents/age-related-macular-degeneration-clinical-presentation-etiology-and-diagnosis

[5] Wong IY, Koo SC, Chan CW. Prevention of age-related macular degeneration. Int Ophthalmol. 2011 Feb;31(1):73-82. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[6] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen – IQWIG (2013). Merkblatt: Altersbedingte Makuladegeneration (AMD). Abgerufen am 28. 8. 2013 unter http://www.gesundheitsinformation.de/merkblatt-altersbedingte-makuladegeneration-amd.207.de.html