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Magnesium gegen Muskelkrämpfe?

Wadenkrampf beim Sport

Wadenkrampf beim Sport

Nicht nur Sportler fürchten sie: schmerzhafte Muskelkrämpfe. Dagegen hilft doch Magnesium – oder? In klinischen Studien finden sich keine überzeugenden Belege für die Wirksamkeit, nur bei Schwangeren gibt es Hinweise darauf, dass die Frauen eventuell einen kleinen Nutzen von magnesiumhaltigen Nahrungsergänzungsmitteln haben könnten.

 

 

Frage:Senkt die Einnahme von Magnesiumsalzen die Häufigkeit und Intensität von Muskelkrämpfen mit unbekannter Ursache?
Antwort:wahrscheinlich Nein
 
Frage:Senkt die Einnahme von Magnesiumsalzen die Häufigkeit und Intensität von anstrengungsbedingten Muskelkrämpfen beim Sport?
Antwort:unklar
 
Frage:Senkt die Einnahme von Magnesiumsalzen die Häufigkeit und Intensität von Muskelkrämpfen in der Schwangerschaft?

Antwort:möglicherweise Ja
Erklärung:Zur Wirksamkeit von Magnesiumsalzen bei anstrengungsbedingten Muskelkrämpfen, etwa bei Sportlern, finden sich keine qualitativ hochwertigen Studien. Bei Krämpfen der Beinmuskeln ohne erkennbare Ursache haben Forscher in Studien keinen Effekt von Magnesium nachweisen können, der über Placebo hinausgeht. Schwangere Frauen profitieren möglicherweise von Magnesiumpräparaten, allerdings sind diese Belege nicht sehr belastbar.

Ein plötzlicher Schmerz in der Wade oder im Fuß, die Muskulatur verhärtet sich, und nach kurzer Zeit ist der Spuk wieder vorbei. Bei solchen Krämpfen ziehen sich die Muskeln unwillkürlich für einige Sekunden oder Minuten zusammen und entspannen sich dann wieder von selbst. Die Muskelkrämpfe entstehen bei manchen Menschen durch körperliche Arbeit oder sportliche Belastung. Bei anderen kommen die Krämpfe dagegen nachts im Ruhezustand und stören den Schlaf. Auch Schwangere sind häufig betroffen [5].

In der Werbung werden verschiedene Magnesiumpräparate zur Vorbeugung und Linderung der Beschwerden beworben. Die Idee dahinter macht durchaus Sinn, weil Magnesium an der Reizleitung zwischen Nerven und Muskeln beteiligt ist und bei schwerem Magnesiummangel Muskelkrämpfe auftreten [3]. Allerdings reichen für einen überzeugenden Wirksamkeitsbeleg solche Überlegungen nicht aus, sondern die Effekte müssen in klinischen Studien untersucht werden.

Unzureichend belegt

Der Blick auf entsprechende Untersuchungen zeigt, dass die Belege für die Wirksamkeit ziemlich mager sind: So haben wir keine hochwertigen Studien gefunden, die den Effekt von Magnesiumsalzen bei anstrengungsbedingten Muskelkrämpfen, etwa bei Sportlern untersucht haben. Ob Sportler von der Einnahme von Magnesiumpräparaten profitieren, ist also unklar. In der Allgemeinbevölkerung zeigen die Nahrungsergänzungsmittel keinen Effekt, der über Placebo hinausgeht. Wer unter nächtlichen Wadenkrämpfen ohne bekannte Ursache leidet, wird vermutlich keine Linderung durch Magnesiumpräparate spüren [1] [2].

Einzig bei schwangeren Frauen ist ein kleiner Effekt möglich: Im Vergleich zu Placebo erleiden Frauen, die ein Magnesiumpräparat einnehmen, im Mittel etwa einen Muskelkrampf pro Woche weniger. Dieses Ergebnis ist jedoch mit einiger Unsicherheit behaftet [2].

Magnesiumsalze haben keine schwerwiegenden Nebenwirkungen, es können allerdings Magen-Darm-Beschwerden auftreten (vor allem Durchfall und Blähungen) [2].

Wie viel soll es sein?

Schwangere Frauen könnte die Einnahme eines Magnesiumpräparats möglicherweise helfen, ihre Wadenkrämpfe zu lindern. Die Normalbevölkerung hat vermutlich keinen Nutzen davon, wenn sie zusätzlich zu einer ausreichenden Versorgung über Lebensmittel magnesiumhaltige Nahrungsergänzungsmittel einnimmt. Bei Sportlern ist ein möglicher Nutzen unzureichend untersucht. Die Österreichische Gesellschaft für Ernährung empfiehlt einen täglichen Verzehr von 350 mg Magnesium für Männer und 300 mg bei Frauen. Schwangere benötigen ab dem 4. Schwangerschaftsmonat 10 mg mehr. Magnesiumreiche Lebensmittel sind Vollkornprodukte, Milch und Milchprodukte, Leber, Geflügel, Fisch und Kartoffeln [4].

Was hilft bei Krämpfen?

Bei nächtlichen Wadenkrämpfen hilft es im Akutfall, die betroffene Muskulatur zu dehnen. Auch vorbeugend können Dehnübungen vor dem Schlafengehen möglicherweise hilfreich sein [5]. Für Sportler ist es einen Versuch wert, vor dem Training die Muskeln ausreichend zu dehnen und danach zu massieren. Und bei manchem kann es auch sinnvoll sein, das Trainingspensum zu reduzieren und nur langsam zu steigern. Generell sollten Betroffene ausreichend trinken – das gilt besonders für Sportler, die beim Training stark schwitzen [3] [5].

Wer dauerhaft oder sehr stark an Muskelkrämpfen leidet, sollte die Beschwerden beim Arzt abklären lassen. Denn eine Reihe von ernsthaften Ursachen können hinter den Muskelkrämpfen stecken: Dazu gehören Erkrankungen des Muskel-, Nerven- oder Hormonsystems, aber auch Flüssigkeitsmangel oder Nebenwirkungen von Medikamenten [3].

 

Die Studien im Detail

Zwei systematische Übersichtsarbeiten haben sich mit der Frage beschäftigt, ob Magnesiumpräparate gegen Muskelkrämpfe helfen.

Eine der Arbeiten [1] hat sieben hauptsächlich kleinere Studien berücksichtigt, an denen jeweils zwischen 40 und 84 Studienteilnehmer beteiligt waren und die bis September 2011 veröffentlicht worden waren. In einer der Studien wurde das Magnesiumpräparat per Infusion verabreicht, in den anderen nahmen die Teilnehmer entsprechende Nahrungsergänzungsmittel ein. Drei der Studien mit insgesamt 202 Teilnehmern untersuchten schwangere Frauen. Bei Muskelkrämpfen ohne offensichtliche Ursache fielen die Beschwerden nicht leichter aus und traten auch nicht seltener im Vergleich zu Placebo auf, wenn die Teilnehmer Magnesiumpräparate eingenommen hatten. Bei Muskelkrämpfen in der Schwangerschaft fassten die Autoren die Ergebnisse der drei gefundenen Studien aus statistischen Gründen nicht zusammen: Eine der Studien, die Magnesium mit keiner Behandlung verglich, fand keinen statistisch belastbaren Unterschied. Die beiden Studien zum Vergleich von Magnesium und Placebo zeigten widersprüchliche Ergebnisse. Zu anstrengungs- oder krankheitsbedingten Muskelkrämpfen konnten die Autoren keine randomisierten kontrollierten Studien finden.

Die zweite Arbeit [2] konzentrierte sich auf die Wirksamkeit von Magnesiumsalzen bei nächtlichen Beinkrämpfen. Bis August 2012 konnten die Autoren ebenfalls sieben kleinere Studien identifizieren, die größtenteils mit denen der ersten Übersichtarbeit deckungsgleich waren. Entsprechend kamen die Autoren auch zu ähnlichen Schlussfolgerungen: In der Allgemeinbevölkerung war kein Effekt von Magnesiumsalzen im Vergleich zu Placebo nachweisbar. Bei schwangeren Frauen fassten die Autoren die Ergebnisse zusammen: Bei Einnahme eines Magnesiumpräparates erlitten die Frauen etwa einen Krampf pro Woche weniger als bei Behandlung mit einem Scheinpräparat. In den Studien wurden verschiedene Magnesiumsalze verwendet, meist nahmen die Frauen pro Tag 360 mg Magnesium ein. Die Aussagekraft dieser Zusammenfassung ist jedoch nicht sehr hoch, da die Studien jeweils nur eine kleine Anzahl von Patienten über einen Zeitraum von maximal acht Wochen untersuchten. Durch die Machart der Studien ist es auch möglich, dass der Effekt der Magnesiumgabe in Wirklichkeit doch kleiner ist.

(AutorIn: I. Hinneburg, Review: J. Wipplinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Garrison u.a. (2012)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Teilnehmer insgesamt: 406 Patienten in 7 hauptsächlich kleineren Studien (jeweils 40-84 Teilnehmer), davon 3 Studien an schwangeren Frauen mit insgesamt 202 Teilnehmerinnen.
Fragestellung: Welchen Effekt haben Magnesiumsalze im Vergleich zu keiner Behandlung, Placebo oder anderen Mitteln bei Menschen mit Krämpfen der Skelettmuskulatur?
Interessenskonflikte: Autoren geben an, dass keine finanziellen Verbindungen zu Firmen bestehen, die Mittel gegen Muskelkrämpfe vertreiben. Zwei der Autoren der Meta-Analyse haben an einer eingeschlossenen Studie mitgewirkt.

Garrison SR, Allan GM, Sekhon RK, Musini VM, Khan KM. Magnesium for skeletal muscle cramps. Cochrane Database of Systematic Reviews 2012, Issue 9. Art. No.: CD009402 (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Sebo u.a. (2014)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Teilnehmer insgesamt: 361 Patienten in 7 hauptsächlich kleineren Studien (jeweils 40-86 Teilnehmer), davon 3 Studien an schwangeren Frauen mit insgesamt 154 Teilnehmerinnen.
Fragestellung: Wie groß ist der Effekt von Magnesiumsalzen auf die Häufigkeit von nächtlichen Beinkrämpfen bei schwangeren Frauen und der Allgemeinbevölkerung? Welche Nebenwirkungen treten dabei auf?
Interessenskonflikte: Autoren geben an, dass keiner besteht. Übersichtsarbeit wurde nicht extern finanziert/unterstützt.

Sebo P, Cerutti B, Haller DM. Effect of magnesium therapy on nocturnal leg cramps: a systematic review of randomized controlled trials with meta-analysis using simulations. Family Practice 2014; 31:7-19 (Übersichtsarbeit in voller Länge)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] Lindemuth (2012)
S1-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie zu Muskelkrämpfen (2012). Abgerufen am 18.05.2015 unter http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/030-037l_S1_Crampi_Muskelkrampf_2012_1.pdf

[4] Österreichische Gesellschaft für Ernährung (2015)
Empfehlungen der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung. Abgerufen am 18.05.2015 unter
http://www.oege.at/index.php/bildung-information/nahrungsinhaltsstoffe/2-uncategorised/1121-nahrungsinhaltstoffe-vitamine-mineralstoffe und http://www.oege.at/index.php/bildung-information/empfehlungen/personengruppen

[5] Arzneimittelbrief (2013)
Gibt es eine wirksame Therapie bei Muskelkrämpfen? Arzneimittelbrief 2013; 47:89
Abgerufen am 18.05.2015 unter http://www.der-arzneimittelbrief.de/de/Artikel.aspx?J=2013&S=89 (Volltext nur für Abonnenten zugänglich)