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Maden als Wund(er)heiler

Maden statt Wundverband?

Maden statt Wundverband?

Fliegenlarven in eine offene Wunde zu legen würde nur wenigen Menschen einfallen – und manchen Ärzten. Die unappetitlichen weißen Tierchen können in der Tat die Wundreinigung und Heilung unterstützen. Schneller als mit herkömmlichen Methoden scheinen sie es jedoch nicht zu schaffen.

 
 

 

Zeitungsartikel: Amputation angedroht: Frau flüchtete aus Spital (15.11.2013, Kurier.at)
Frage:Können Maden die Heilung chronischer Wunden im Vergleich zu einer herkömmlichen Behandlung beschleunigen?
Antwort:möglicherweise Nein
Erklärung:Durch eine Madentherapie heilen chronische Wunden möglicherweise nicht schneller als bei herkömmlicher Wundbehandlung. Die Maden scheinen die Wunde aber schneller von abgestorbenem Gewebe säubern zu können – verursachen jedoch auch mehr Schmerzen.

Schlecht heilende Wunden mit sich windenden, schleimigen Maden zu behandeln zählt nicht unbedingt zu den appetitlichsten Vorstellungen der modernen Heilkunst. Dennoch haben sich einzelne Ärzte offenbar darauf spezialisiert. Für eine Madentherapie setzen sie lebende Larven der metallisch-grün schimmernden Goldfliege oder verwandter Fliegengattungen in die offene Wunde. Diese sollen die Wunde reinigen und so die Wundheilung beschleunigen.

Wundsäuberung schneller, Heilung nicht

Die Methode scheint tatsächlich erfolgreich zu sein, wenn es darum geht, abgestorbenes Gewebe möglichst gut zu entfernen. Dies zeigen die Ergebnisse von drei randomisiert-kontrollierten Studien an insgesamt 474 Patienten mit chronischen, schlecht heilenden Wunden [1]. Dabei wurden die Fliegenlarven entweder direkt oder eingeschlossen in einen Gaze-Beutel auf die Wunde gelegt und drei bis vier Tage so belassen. Bei Bedarf wiederholten die untersuchenden Ärzte die Prozedur. Die Maden konnten die Wunden sogar schneller von abgestorbenem Gewebe befreien, als wenn sie mit schonenden Hydrogel-Verbänden behandelt wurden.

Auch wenn die gründliche Säuberung der Wunde wichtig für den Heilungsprozess ist [2], scheint es keinen Hinweis darauf zu geben, dass Wunden nach der Madenbehandlung schneller heilen [1]. Zwölf Monate nach Behandlungsbeginn war die Anzahl der Studienteilnehmer mit ausgeheilten chronischen Wunden in der Madengruppe nicht größer als bei den Patienten mit Hydrogel-Verbänden. Immerhin gibt es auch keinen Hinweis darauf, dass die lebende Wundauflage schlechter abschneidet.

Schmerzen als Nebenwirkung

Ein Nachteil der Madentherapie ist, dass sie deutlich schmerzhafter ist als eine herkömmliche Wundbehandlung. Bei der erstmaligen Entfernung der Fliegenlarven beurteilten die Teilnehmer den Grad ihrer Schmerzen mit etwa 6 auf einer Skala zwischen 0 (kein Schmerz) und 10 (unerträglich). Bei den Patienten, die Hydrogel-Verbände erhielten, war der Schmerzgrad mit drei Punkten nur halb so groß.

Abgestorbenes Gewebe verdaut

Die Fliegenlarven sondern ein enzymreiches Sekret ab, mit dem sie abgestorbenes Gewebe verflüssigen. Dies dient ihnen als Nahrung, gesundes Gewebe hingegen lassen sie intakt. Laborexperimente lassen darauf schließen, dass die Maden auch antibakterielle Eigenschaften haben könnten [2].

Zur Anwendung kommen desinfizierte Larven der Goldfliege (Lucilia sericata) sowie der Australischen Schafschmeißfliege (Lucilia cuprina). Ein Haupthindernis bei der Anwendung scheinen neben Schmerzen Ekelgefühle bei Patienten und ärztlichem Personal zu sein. So gaben in einer Befragung mehr als die Hälfte der Patienten an, eine herkömmliche Therapie der Madentherapie vorzuziehen. Dennoch würden neun von zehn Patienten, die im Rahmen einer klinischen Studie der tierischen Behandlung zugeteilt worden waren, die Therapie mit Maden wiederholen, so die Ergebnisse einer anderen Befragung [2].

(Autoren: B. Kerschner, A. Glechner)

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Wissenschaftliche Quellen

[1] EBMinfo.at Ärzteinformationszentrum (2014). Madentherapie bei chronischen Wunderkrankungen. 12. März 2014. Abgerufen am 3.9.2014 unter www.ebminfo.at/biologisches-debridement-mit-lucilia-sericata

[2] Armstrong DG, Meyr AJ (2014). Basic principles of wound management. In Collins KA (ed.). UpToDate. Abgerufen am 2.9.2014 unter www.uptodate.com/contents/basic-principles-of-wound-management