Medizin transparent - Wissen was stimmt – unabhängig und wissenschaftlich geprüft

Jetzt anfragen

Sie fragen, wir antworten

Stimmt die Behauptung aus Internet, Werbung oder den Medien?

Artikel

Macht Wut das Herz kaputt?

Wut: Gefahr fürs Herz?

Laut krone.at erhöhen Wutanfälle das Risiko für einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall dramatisch. Das ist zwar nicht aus der Luft gegriffen, aber gut belegt ist die Behauptung nicht.

Zeitungsartikel: Wutausbrüche erhöhen Herzinfarkt- Risiko dramatisch (15.3.2014, krone.at)
Frage:Erhöhen Wutanfälle die Wahrscheinlichkeit für einen Herzinfarkt?
Antwort:möglicherweise Ja
Erklärung:Die Wahrscheinlichkeit eines Herzinfarkts ist möglicherweise in den Stunden nach einem Wutanfall erhöht. Ein Wutanfall kann vermutlich ein Auslöser sein, ob häufige Wutanfälle insgesamt zu einem höheren Infarktrisiko führen ist nicht erwiesen.

Im Comic explodiert bei einem Wutanfall schon mal der Kopf, aber auch im echten Leben kann man sich gut vorstellen, dass Wut nicht gerade die Gesundheit fördert: Blutdruck und Puls steigen, die Zornesröte fährt ins Gesicht – der Körper ist offensichtlich belastet. Aber sind solche Wutanfälle tatsächlich ungesund?

Als Auslöser…

Wut könnte auf zwei unterschiedliche Arten eine Gefährdung für die eigene Gesundheit darstellen: Einerseits als Auslöser, beispielsweise wenn ein Wutanfall direkt zu einem Herzinfarkt führt. Und andererseits als langfristiger Risikofaktor: Menschen mit häufigen Wutanfällen könnten ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Schädigungen haben. Ein Forscherteam in Harvard hat in einer systematischen Übersichtsarbeit im Jahr 2014 die Studien zu Wut als kurzfristigem Auslöser angeschaut [1], dabei aber nicht nur Herzinfarkte, sondern auch weitere Herz-Kreislauf-Probleme untersucht.

Das Ergebnis wirkt auf den ersten Blick eindeutig: Innerhalb von zwei Stunden nach einem Wutanfall ist das Risiko für eine Herz-Kreislauf-Störung um das drei-bis beinahe fünffache erhöht – je nach genauem Krankheitsbild. Ein genauerer Blick schränkt die Ergebnisse etwas ein: Die Übersichtsarbeit enthält nur wenige Studien pro Herzerkrankung, und die wenigen unterscheiden sich stark – entsprechend ungenau ist das Ergebnis, wenn die Studien zusammengenommen werden. Auch wurde die Intensität der Wutanfälle zumeist nicht erhoben, daher ist unbekannt, ob heftige Wut schlimmer ist als weniger heftige Wut. Wir wissen also nicht, ab welcher „Dosis“ Wut gefährlich für das Herz wird. Es ist möglich, dass Wut Herzinfarkte auslöst, die Beweislage dafür ist allerdings niedrig.

…und als Risikofaktor

Erhöht der Hang zu Wutausbrüchen auch langfristig das Risiko für Probleme mit dem Herzen? Der Verdacht besteht schon lange, aber die Studien dazu sind nicht eindeutig [4]. Auch eine Übersichtsarbeitet von 2009 kann die Frage nicht klären [2]: Zwar zeigen zahlreiche Kohortenstudien in Summe ein um ein Viertel erhöhtes Risiko für Menschen, die häufig wütend oder feindselig sind, aber hier sind massive Einschränkungen zu beachten. Beispielsweise verschwindet dieser Effekt, wenn nur die methodisch sehr guten Studien zusammengefasst werden. Auch bei Studien, die andere Einflussfaktoren berücksichtigen, bleibt von dem Zusammenhang zwischen Wut und Herzerkrankung nichts mehr übrig. Ob Wutanfälle also tatsächlich langfristig das Risiko erhöhen können, ist nicht bewiesen.

Psychologie gegen Herzerkrankungen?

Falls Wutausbrüche tatsächlich das Risiko für Herzerkrankungen erhöhen, sollten psychologischen Maßnahmen das Risiko beeinflussen können. Tatsächlich zeigte eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2007, dass die Sterblichkeitsrate bei Herzpatienten gesenkt werden kann, wenn zusätzlich eine psychologische Behandlung erfolgt; ein Effekt, der sich allerdings nur bei Männern zeigte [3]. Auch Stressmanagement oder Entspannungstechniken können eventuell dazu beitragen, dass sich die Wahrscheinlichkeit für eine Herzschädigung verringert [4].

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner, P. Mahlknecht)

Artikel empfehlen: auf Facebook teilen auf Twitter teilen

 

Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Mostofsky u.a. (2014)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: Neun Case-Crossover Studien
Teilnehmer insgesamt: 6119
Fragestellung: Kann Wut akute Herz-Kreislaufstörungen auslösen?
Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Mostofsky E, Penner EA, Mittleman MA. Outbursts of anger as a trigger of acute cardiovascular events: a systematic review and meta-analysis. Eur Heart J. 2014 Jun 1;35(21):1404-10.
Zusammenfassung

[2] Chida, Steptoe (2009)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 38 prospektive Kohortenstudien
Teilnehmer insgesamt: 79726
Fragestellung: Stehen Wut und Feindseligkeit in Verbindung mit Herzerkrankungen?
Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Chida Y, Steptoe A. The association of anger and hostility with future coronary heart disease: a meta-analytic review of prospective evidence. J Am Coll Cardiol. 2009 Mar 17;53(11):936-46.
Volltext

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] Linden ua (2007)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 43 ranomisiert-kontrollierte Studien

Linden W, Phillips MJ, Leclerc J. Psychological treatment of cardiac patients: a meta-analysis. Eur Heart J. 2007 Dec;28(24):2972-84.
Zusammenfassung

[4] Uptodate über psychosoziale Faktoren von akuten Herzinfarkten