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Macht Bier dick?

Verursacht Bier einen dicken Bauch?

Verursacht Bier einen dicken Bauch?

Dass am Bierbauch das Bier schuld ist, klingt logisch. Dabei ist das gar nicht so sicher, Studien kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen.

Frage:Führt übermäßiger Bier- beziehungsweise Alkoholkonsum zu Übergewicht?
Antwort:unklar
Erklärung:In manchen Studien scheint Alkoholkonsum tatsächlich mit einer Gewichtszunahme zusammenzuhängen. In anderen Studien zeigt sich jedoch entweder kein oder sogar ein gegenteiliger Effekt. Die Studienlage ist widersprüchlich.

In westlichen Ländern sind der Weltgesundheitsbehörde WHO zufolge zwischen 30 und 60 von 100 Erwachsenen übergewichtig. In Österreich ist es rund die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung, wobei Übergewicht bei Männern eine Spur verbreiteter ist.

Alkohol enthält beinahe doppelt so viele Kalorien wie Zucker. So hat ein halber Liter Bier einen Brennwert von rund 200 bis 250 kcal, wovon allein der Alkohol 140 kcal ausmacht. Feste Speisen bewirken ein deutlich stärkeres Sättigungsgefühl als Lebensmittel in flüssiger Form, Getränke mit hohem Kaloriengehalt ersetzen daher die Aufnahme anderer kalorienhältiger Nahrungsmittel kaum [3]. Daher vermuten Experten, dass die Kalorien in alkoholischen Getränken mit ein Grund für die Entwicklung von Übergewicht sein könnte.

Widersprüchliche Studienergebnisse

Ein Großteil der wissenschaftlichen Untersuchungen, in denen Männer zu ihrem durchschnittlichen Bierkonsum befragt wurden, scheint ein klares Bild zu liefern. Männer, die berichten, regelmäßig große Mengen Bier zu trinken, bringen zum Zeitpunkt der Befragung häufig ein paar Kilo mehr auf die Waage als jene, die laut eigenen Angaben kein oder wenig Bier konsumieren. Das trifft jedoch nicht auf moderate Biermengen zu [1]. Befragungen von Frauen ergeben jedoch ein ganz anderes Bild. In einigen Studien scheint es sich genau umgekehrt zu verhalten, Bierliebhaberinnen wiegen zum Zeitpunkt der Befragung weniger als Wenigtrinkerinnen. In anderen Untersuchungen scheint sich das Körpergewicht der befragten Frauen kaum zu unterscheiden, egal wie groß oder klein ihr berichteter Bierkonsum ist [1].

Befragungen, bei denen das Gewicht zum selben Zeitpunkt gemessen wird, haben einen großen Nachteil: sie sagen nichts darüber aus, ob eine Person früher schlanker war oder im Vergleich zu früher sogar abgenommen hat. Mehr Aufschluss geben Studien, die das Körpergewicht über eine lange Zeitdauer beobachten.

Studien, in denen Forscher das über einen Zeitraum zwischen fünf und acht Jahren getan haben, liefern jedoch ein noch widersprüchlicheres Bild. In einer solchen Untersuchung schienen Männer, die weniger als drei Liter pro Woche tranken, sogar Gewicht zu verlieren, und auch bei wöchentlichen Mengen von sechs Litern oder mehr nicht zuzunehmen. In einer anderen Studie an Männern zeigte sich auch schon bei moderaten Biermengen ein geringes, aber merkbares Anwachsen des Bauches [1]. Die Ergebnisse von Studien an Frauen sind ähnlich verwirrend, zeigen aber zumindest nicht in Richtung Gewichtsabnahme [1].

Bier auf Verordnung

Einige Wissenschaftler wollten es genauer wissen. Sie verordneten einer Reihe von Probanden für die Dauer der Studie täglich ein kleines (0,3 l) bis zwei große Bier (jeweils 0,5 l) und verglichen sie mit Studienteilnehmern, die entweder alkoholfreies oder gar kein Bier trinken sollten. Die zusammengefassten Ergebnisse jeweils zu Studienende zeigen deutlich: Innerhalb eines Zeitraums von drei Wochen bis vier Monaten führte alkoholhältiges Bier zu durchschnittlich 0,7 Kilo mehr als durch das Trinken von alkoholfreiem Bier.

Doch auch hier ist nicht alles frei von Widersprüchen. Studien, die Bier mit anderen alkoholfreien Getränken außer alkoholfreiem Bier verglichen, zeigen keinen klaren Gewichtsunterschied. Ohnehin ist die Dauer der Studien zu kurz, um die langfristige Auswirkung auf die Fettdepots des Körpers abschätzen zu können.

Gründe für widersprüchliche Ergebnisse

Langzeit-Beobachtungsstudien zu anderen alkoholischen Getränken außer Bier sind ähnlich widersprüchlich. Zwei Beobachtungsstudien kamen aber zu dem Schluss, dass der Genuss von Wein weniger mit Übergewicht in Verbindung steht als etwa hochprozentige alkoholische Getränke. Ein Grund, so die Verfasser einer Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2011 [2], könnte darin liegen, dass Weintrinker vielleicht insgesamt zu einer gesünderen Ernährung tendieren.

Eine Ursache für die sich widersprechenden Studienergebnisse könnte darin liegen, dass die Wissenschaftler sich bei der Feststellung des Körpergewichts oft auf Angaben der Studienteilnehmer verlassen haben, anstatt die Teilnehmer zur objektiven Messung auf die Waage zu bitten. Das könnte die Ergebnisse mancher Studien zusätzlich verzerrt haben, schließlich neigen Menschen manchmal dazu, das eigene Gewicht etwas schön zu reden. Denkbar wäre auch, dass Alkohol erst ab großen Mengen Einfluss auf Speckfalten an Bauch und Hüften hat, in Maßen genossen aber nicht zu einer Gewichtszunahme führt.

Neben Alkohol können noch viele andere Faktoren das Gewicht beeinflussen. So spielt auch eine Rolle, wie gesund sich jemand sonst ernährt oder wieviel Sport jemand betreibt. Es ist nicht immer möglich, in Langzeit-Beobachtungsstudien alle möglichen Einflussfaktoren rechnerisch zu beachten.

Es scheint, dass Bier und andere alkoholische Getränke nicht automatisch dick machen müssen. Der Zusammenhang scheint komplexer zu sein als bisher gedacht. Für Aufklärung können nur gezieltere Studien sorgen, die auf die angesprochenen Schwachpunkte eingehen.

[Aktualisiert, ursprünglich veröffentlicht am 8. 9. 2011. Eine aktuellere systematische Übersichtsarbeit [1] ändert die Einschätzung der wissenschaftlichen Beweislage nicht]

 

Die Studien im Detail

Eine randomisiert-kontrollierte Studie, bei denen die Teilnehmer per Zufall einer Bier-Gruppe und einer Nicht-Bier-Gruppe zugelost werden, ist die aussagekräftigste Studienart, um den Einfluss des Gerstengetränks auf das Körpergewicht zu untersuchen. Dabei sollten die Teilnehmer zumindest nicht wissen, dass der eigentliche Zweck der Studie die Auswirkung von Alkohol auf das Körpergewicht ist. Wissenschaftler sprechen davon, dass die Teilnehmer verblindet werden. Die bessere Option – dass die Teilnehmer nicht bemerken, welcher Gruppe sie zugelost wurden – ist bei alkoholischen Getränken wohl schwer realisierbar.

Den Aspekt der Verblindung haben die Verfasser bisher durchgeführter randomisiert-kontrollierter Studien allerdings nicht beachtet [1]. Vor allem aber haben die Studienleiter in vielen der Untersuchungen nicht kontrolliert, wie viele Kalorien die Teilnehmer mit Essen und Trinken – zusätzlich zum Bierkonsum – zu sich nahmen. Das könnte die Ergebnisse verfälscht haben. Zusätzlich war die Dauer der Untersuchungen mit drei Wochen bis vier Monaten zu Ergebnisse der Studien daher nur bedingt aussagekräftig.

Für einen möglichen Kurzzeit-Effekt auf das Körpergewichtspricht spricht, dass die Ergebnisse der randomisiert-kontrollierten Studien alle in dieselbe Richtung zeigen. Die Autoren der systematischen Übersichtsarbeit [1] haben aber nicht sichergestellt, ob es eventuell Studien mit anderen Ergebnissen gibt, die sie nicht beachtet haben.

Generell hat sowohl die systematische Übersichtsarbeit zum Bierkonsum [1] wie auch jene zum Konsum unterschiedlicher Alkoholika [2] etliche Schwächen und Ungenauigkeiten. Da die Einzel-Beobachtungsstudien allerdings zu stark widersprüchlichen Ergebnissen kommen, ist die wissenschaftliche Beweislage ohnehin unklar.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, C. Christof)

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Bendsen u.a. (2013)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 10 prospektive Kohortenstudien, 25 Querschnittsstudien, 12 kontrollierte Studien
Fragestellung: Wirkt sich Bierkonsum auf das Körpergewicht bzw. die Entwicklung von Übergewicht aus?
Interessenskonflikte: teilweise finanziert durch die niederländische Bierindustrie

Bendsen NT, Christensen R, Bartels EM, Kok FJ, Sierksma A, Raben A, Astrup A. Is beer consumption related to measures of abdominal and general obesity? A systematic review and meta-analysis. Nutr Rev. 2013 Feb;71(2):67-87. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Sayon-Orea u.a. (2011)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Anzahl der analysierten Studien: 33 (davon 16 Querschnittsstudien, 13 Kohortenstudien und 4 klinische Studien)
Teilnehmer insgesamt: 405 017
Fragestellung: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Alkohol und Übergewicht?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Titel: „Alcohol consumption and body weight: a systematic review.“ Nutr Rev. 2011 Aug;69(8):419-31. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] Almiron-Roig u.a. (2013)
Almiron-Roig E, Palla L, Guest K, Ricchiuti C, Vint N, Jebb SA, Drewnowski A. Factors that determine energy compensation: a systematic review of preload studies. Nutr Rev. 2013 Jul;71(7):458-73. (Übersichtsarbeit in voller Länge)