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Luftverschmutzung als Ursache für Autismus?

Verursachen Luftschadstoffe Autismus?

Verursachen Luftschadstoffe Autismus?

Starke Luftverschmutzung soll das Risiko verdoppeln, ein autistisches Kind zur Welt zu bringen, schreiben etliche Medien. Doch die Studienergebnisse, die das beweisen sollen, sind ungenau. Um das mögliche Risiko abzuklären, sind gründlichere Untersuchungen notwendig.
 
 

 

Zeitungsartikel: Luftverschmutzung erhöht Autismusrisiko (18.6.2013, diePresse.com),
Luftverschmutzung erhöht Autismus-Risiko für Kinder (18.6.2013, derStandard.at),
Luftverschmutzung erhöht Autismus-Risiko für Kinder (19.6.2013, Krone.at),
Frage:Vergrößert hohe Luftverschmutzung das Risiko für das Ungeborene, später Autismus zu entwickeln?
Antwort:Möglicherweise gibt es einen Zusammenhang zwischen dem vermehrten Auftreten von Autismus und der Luftverschmutzung während der Schwangerschaft. Bisherige Studien wurden jedoch zu ungenau durchgeführt, um tatsächlich Luftverschmutzung als Ursache für Autismus zu identifizieren. Das mögliche Risiko sollte durch genauere Studien abgeklärt werden.
Beweislage:
Unzureichende wissenschaftliche Beweislage

Die Ergebnisse einer neuen Studie sind beunruhigend: Feinpartikel aus Dieselabgasen und Luftschadstoffe wie Quecksilber sollen das Risiko, ein autistisches Kind zur Welt zu bringen, verdoppeln [1]. Zahlreiche Medien, darunter DiePresse.com, DerStandard.at und Krone.at, berichteten darüber.

Autistische Kinder haben verschiedene Verhaltensauffälligkeiten und häufig Probleme, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Bei der Entstehung dieser Entwicklungsstörung scheinen die Gene zwar eine wichtige Rolle zu spielen, Wissenschaftler vermuten aber noch weitere Ursachen. Im Durchschnitt haben in industrialisierten Ländern zwischen 1 von 50 und 1 von 500 Kindern eine autistische Störung [11]. Könnte hohe Luftverschmutzung einer der Gründe für die Erkrankung sein?

Zusammenhang mit Luftschadstoffen unklar

Die Autoren der in den Medien erwähnten Studie [1] verglichen die Luftverschmutzung in der Umgebung der Wohnorte von 325 autistischen Kindern mit jener von 22 101 gesunden Kindern. Dabei stellten sie fest, dass in Gegenden mit hohem Anteil an Dieselabgasen und anderen Schadstoffen deutlich mehr Kinder zur Welt kommen, die später mit Autismus diagnostiziert werden. Die Luftschadstoffe waren allerdings nur geschätzte Durchschnittswerte. Wie vielen Schadstoffen die schwangeren Mütter tatsächlich ausgesetzt waren, wissen die Autoren nicht genau. Außerdem ist teilweise nicht bekannt, ob die Mütter während der Schwangerschaft rauchten oder beispielsweise auch Schadstoffe an ihrem Arbeitsplatz aufnahmen.

Dieselben Probleme bestehen auch in vier anderen Studien [2] [3] [4] [5], auch wenn in dreien davon zumindest berücksichtigt wurde, ob die werdenden Mütter rauchten [2] [3] [4]. Die Autoren von zwei dieser Studien fanden heraus, dass die Mütter der untersuchten autistischen Kinder während der Schwangerschaft eher in der Nähe von Autobahnen [3] und Gegenden mit erhöhter Feinstaub- und Stickoxid-Belastung wohnten [4]. In einer anderen Studie ergab sich ein Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung durch Schwermetalle, Dieselruß und Chlor-hältigen Lösungsmitteldämpfe und der häufigeren Geburt von autistischen Kindern. Die Verfasser dieser Studie hatten jedoch nicht untersucht, wie viele Schadstoffe die werdenden Mütter zum Beispiel durch Rauchen aufgenommen hatten [5]. Die vierte der Studien schließlich fand gar keinen Zusammenhang mit einer Reihe von Luftschadstoffen [2].

In keiner dieser Studien wurde direkt untersucht, wie viele Schadstoffe die Mütter in der Schwangerschaft aufgenommen hatten, die Schadstoffbelastung wurde nur sehr grob geschätzt. Die Ergebnisse sind daher ebenfalls nur eine grobe Abschätzung des Autismusrisikos. Zudem scheint in vielen der Studien Autismus in Städten häufiger aufzutreten als in ländlichen Gebieten. Das könnte mit Luftschadstoffen zusammenhängen, aber auch andere Gründe wären denkbar. So könnte beispielsweise durch das Stadtleben und Lärm bedingter erhöhter Stress das Risiko in der Schwangerschaft erhöhen. Ob es also tatsächlich die Luftverschmutzung ist, die das Risiko für die Entstehung von Autismus erhöht, muss durch genauere Studien abgeklärt werden.

Autismus und Quecksilber

Neben Dieselruß und anderen Luftschadstoffen haben die vorhandenen Studien vor allem Schwermetalle wie Quecksilber als mögliche Ursache für Autismus untersucht. Quecksilber kann das Nervensystem nachweislich schädigen. Drei von vier Studien zeigen, dass in Gegenden mit erhöhten Quecksilberwerten in der Luft vermehrt autistische Kinder zur Welt kommen [6] [7] [9]. Die Studienautoren machen vor allem Kohlekraftwerke und andere Industriebetriebe für den hohen Quecksilberausstoß verantwortlich. Eine von der Kraftwerksindustrie finanzierte Studie fand keinen solchen Zusammenhang [8].

Um zu zeigen, dass tatsächlich Quecksilber und nicht andere Faktoren die Ursache für die vermehrt auftretenden Autismusfälle verantwortlich ist, sind die Studien allerdings zu ungenau. In den vier Studien haben die Forscher nicht einzelne Personen untersucht, sondern nur die Anzahl der Autismusfälle je Schulbezirk mit der grob geschätzten Luftverschmutzung durch Quecksilberdämpfe verglichen. Ob die einzelnen Kinder während der Schwangerschaft tatsächlich hohen Quecksilberkonzentrationen ausgesetzt waren, wissen die Forscher nicht. Zudem ist unklar, ob die Mütter etwa mit der Nahrung – zum Beispiel in Form von Meeresfisch – ebenfalls Spuren von Quecksilber zu sich genommen haben. Um ein Risiko ausschließen zu können, wären gründlicher und genauer durchgeführte Studien nötig.

Eine mögliche Quelle von Quecksilber kommt als Auslöser von Autismus jedenfalls nicht in Frage: Zahlreiche Studien zeigen, dass es keinen Zusammenhang zwischen dem Impfstoff-Konservierungsmittel Thiomersal (auch Thimerosal genannt) und dem Auftreten von Autismus bei Kleinkindern gibt [12]. Allerdings lässt sich daraus nicht schließen, dass Quecksilber über lange Zeit beim Ungeborenen an der Entstehung von Autismus theoretisch mitbeteiligt ist – dazu gibt es bisher zu wenig Forschungsergebnisse.

Hintergrund: Autismus

Autistische Kinder und Erwachsene haben Probleme mit sozialen Beziehungen und in der Kommunikation. Sie tun sich schwer, die Gefühle und das Verhalten anderer Menschen zu deuten oder angemessen darauf zu reagieren. Viele Autisten sprechen nur eingeschränkt oder gar nicht, auch wenn sie Sprache prinzipiell verstehen. Häufig haben sie eine Vorliebe für feste Tagesabläufe und Routinen, Abweichungen davon können sie verängstigen. Autistische Menschen scheinen übersensibel für Reize aus ihrer Umgebung zu sein. Oft reagieren sie mit starren und wiederholten Verhaltensweisen wie zum Beispiel Wippen oder beständiges Kopfschütteln. Autismus kann zusammen mit geistiger Behinderung auftreten, viele Autisten sind aber genauso intelligent wie ihre Altersgenossen oder sogar überdurchschnittlich begabt [10].

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, C. Christof)

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Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Roberts u.a. (2013)
Studientyp: Fall-Kontroll-Studie
Studienteilnehmer: 325 Mütter mit autistischen Kindern, 22.101 Mütter mit gesunden Kindern
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung während der Schwangerschaft und dem Auftreten von Autismus bei Kindern?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Roberts AL, Lyall K, Hart JE, Laden F, Just AC, Bobb JF, Koenen KC, Ascherio A, Weisskopf MG (2013). Perinatal Air Pollutant Exposures and Autism Spectrum Disorder in the Children of Nurses’ Health Study II Participants. Environ Health Perspect; DOI:10.1289/ehp.1206187 (Studie in voller Länge)

[2] Kalkbrenner u.a. (2013)
Studientyp: Fall-Kontroll-Studie
Studienteilnehmer: 383 Mütter mit autistischen Kindern, 2829 Mütter mit gesunden Kindern
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung während der Schwangerschaft und dem Auftreten von Autismus bei Kindern?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Kalkbrenner AE, Daniels JL, Chen JC, Poole C, Emch M, Morrissey J. Perinatal exposure to hazardous air pollutants and autism spectrum disorders at age 8. Epidemiology. 2010 Sep;21(5):631-41. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Volk u.a. (2011)
Studientyp: Fall-Kontroll-Studie
Studienteilnehmer: 304 autistische Kindern, 259 gesunde Kindern
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen der Nähe des Wohnorts zu Autobahnen während der Schwangerschaft und dem Auftreten von Autismus bei Kindern?
Mögliche Interessenkonflikte: keine erwähnt

Volk HE, Hertz-Picciotto I, Delwiche L, Lurmann F, McConnell R. Residential proximity to freeways and autism in the CHARGE study. Environ Health Perspect. 2011 Jun;119(6):873-7. (Studie in voller Länge)

[4] Volk u.a. (2013)
Studientyp: Fall-Kontroll-Studie
Studienteilnehmer: 279 autistische Kindern, 245 gesunde Kindern
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen der Luftverschmutzung am Wohnort während der Schwangerschaft und im ersten Lebensjahr und dem Auftreten von Autismus bei Kindern?
Mögliche Interessenkonflikte: keine erwähnt

Volk HE, Lurmann F, Penfold B, Hertz-Picciotto I, McConnell R. Traffic-related air pollution, particulate matter, and autism. JAMA Psychiatry. 2013 Jan;70(1):71-7. (Zusammenfassung der Studie)

[5] Windham u.a. (2006)
Studientyp: Fall-Kontroll-Studie
Studienteilnehmer: 284 autistische Kinder, 657 gesunde Kinder
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen der Luftverschmutzung am Wohnort während der Schwangerschaft und dem Auftreten von Autismus bei Kindern?
Mögliche Interessenkonflikte: keine erwähnt

Windham GC, Zhang L, Gunier R, Croen LA, Grether JK. Autism spectrum disorders in relation to distribution of hazardous air pollutants in the san francisco bay area. Environ Health Perspect. 2006 Sep;114(9):1438-44. (Studie in voller Länge)

[6] Palmer u.a. (2006)
Studientyp: Ökologische Studie
Studienteilnehmer: rund 4 Mio Schüler (1184 texanische Schulbezirke mit je durchschnittlich 3382 Schülern, davon durchschnittlich je 5,11 autistische Schüler)
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen der Quecksilberbelastung in Schulbezirken und de Autismushäufigkeit bei Kindern?
Mögliche Interessenkonflikte: keine erwähnt

Palmer RF, Blanchard S, Stein Z, Mandell D, Miller C. Environmental mercury release, special education rates, and autism disorder: an ecological study of Texas. Health Place. 2006 Jun;12(2):203-9. (Zusammenfassung der Studie)

[7] Palmer u.a. (2009)
Studientyp: Ökologische Studie
Studienteilnehmer: 5-jährige Schüler (Anzahl nicht angegeben, 1040 texanische Schulbezirke)
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen der Quecksilberbelastung in Schulbezirken und der Autismushäufigkeit bei Kindern?
Mögliche Interessenkonflikte: keine erwähnt

Palmer RF, Blanchard S, Wood R. Proximity to point sources of environmental mercury release as a predictor of autism prevalence. Health Place. 2009 Mar;15(1):18-24. (Zusammenfassung der Studie)

[8] Lewandowski u.a. (2009)
Studientyp: Ökologische Studie
Studienteilnehmer: rund 4 Millionen Schüler für die Jahre 2000/2001 (Anzahl nicht angegeben, 1181 texanische Schulbezirke), Anzahl unbekannt für die Jahre 2002 – 2007
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen der Quecksilberbelastung in Schulbezirken und der Autismushäufigkeit bei Kindern?
Mögliche Interessenkonflikte: finanziert durch das Industrie-gesponserte Electric Power Research Institute

Lewandowski TA, Bartell SM, Yager JW, Levin L. An evaluation of surrogate chemical exposure measures and autism prevalence in Texas. J Toxicol Environ Health A. 2009;72(24):1592-603. (Zusammenfassung der Studie)

[9] Blanchard u.a. (2011)
Studientyp: Ökologische Studie
Studienteilnehmer: keine genauen Angaben
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen der Quecksilberbelastung in Schulbezirken und der Autismushäufigkeit bei Kindern?
Mögliche Interessenkonflikte: keine erwähnt

Blanchard KS, Palmer RF, Stein Z. The value of ecologic studies: mercury concentration in ambient air and the risk of autism. Rev Environ Health. 2011;26(2):111-8. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[10] Augustyn M (2013). Diagnosis of autism spectrum disorders. In Torchia MM (ed.). UpToDate. Abgerufen am 28. 6. 2013 unter http://www.uptodate.com/contents/diagnosis-of-autism-spectrum-disorders

[11] Augustyn M (2013). Terminology, epidemiology and pathogenesis of autism spectrum disorders. In Torchia MM (ed.) UpToDate. Abgerufen am 28. 6. 2013 unter http://www.uptodate.com/contents/terminology-epidemiology-and-pathogenesis-of-autism-spectrum-disorders

[12] Drutz JE (2013). Autism and chronic disease: Little evidence for thimerosal as a contributing factor. In Torchia MM (ed.) UptoDate. Abgerufen am 1. 7. 2013 unter http://www.uptodate.com/contents/autism-and-chronic-disease-little-evidence-for-thimerosal-as-a-contributing-factor