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Gesundheitsrisiko durch Metalle im Lippenstift?

Bedenklicher Lippenstift?

Bedenklicher Lippenstift?

Aktualisiert: Für viele Menschen gehören Kosmetika zum täglichen Leben. Doch die beigemischten Farbstoffe können durch Schwermetalle verunreinigt sein. Speziell bei Lippenstiften sei das problematisch, schreibt der Kurier. (ursprünglich veröffentlicht am 21.11.2013)

 
 
 

 

Zeitungsartikel: Giftiger Kussmund (21.8.2013, kurier.at)
Frage:Besteht durch Metallverunreinigungen in Lippenstiften ein Gesundheitsrisiko?
Antwort:unklar
Erklärung:Mehrere chemische Analysen finden Spuren an Metallen in Lippenstiften, die in hohen Konzentrationen prinzipiell schädlich sein können. In den Analysen wird jedoch nicht geprüft, in welchen Mengen die Metalle tatsächlich aufgenommen werden und ob sie im Körper zu Schäden führen. Insgesamt ist noch zu wenig erforscht, ob für einige der Metall-Verunreinigungen bei sehr häufigem Gebrauch ein Risiko bestehen könnte.

Aktualisiert am 28.7.2014: Eine Suche nach neuen Studien bringt keine inhaltlichen Änderungen.

Lippenstifte gibt es in fast allen Farben. Trotz hochentwickeltem Herstellungsprozess verunreinigen Metalle wie Blei, Cadmium oder Quecksilber die Farbstoffe für den Lippenstift. Schwermetalle können die Gesundheit schädigen, wie stark hängt jedoch von der Menge des Metalls ab. Kosmetika müssen deshalb strenge Reinheitsanforderungen erfüllen um in der EU erlaubt zu sein [4]. Die online Zeitschrift Kurier.at zitiert eine Studie [1], die trotzdem eine Gefahr durch Schwermetalle in Lippenpflegeprodukten sieht.

Risiko in Einzelfällen unklar

Die zitierte Untersuchung des Teams um Studienleiter Liu [1] analysierte 32 Produkte auf deren Metallgehalt. Der Gedanke dahinter: Laut einer Studie über die Nutzung von Kosmetika trägt eine Frau im Durchschnitt 24 mg am Tag auf. Bei fünf von 100 Frauen ist die täglich verwendete Menge jedoch größer als 87mg. Über die Lippen und über deren Ablecken gelangen diese Mengen in den Körper. Metalle, die sich im Lippenstift befinden, können so aufgenommen werden. Dort könnten diese unmittelbar, oder erst nach langer Anreicherung zu Schäden führen. Getestete Metalle waren unter anderem Blei, Kupfer, Zink, Aluminium, Titan und Nickel.

Die Analyse ergab: Titan und Aluminium lieferten die höchsten Konzentrationen. Die tägliche Aufnahme lag durchschnittlich bei 0,034 Milligramm (mg) für Titan und 0,106 mg für Aluminium. Dabei gingen die Autoren davon aus, dass die kompletten 24 mg Lippenstift in den Körper aufgenommen wurden. Titan ist nicht toxisch. Der Mensch nimmt bis zu einem Milligramm Titan am Tag mit der Nahrung auf; der größte Teil davon wird einfach wieder ausgeschieden [6]. Die geringen Mengen aus dem Lippenstift führen somit zu keiner erhöhten Vergiftungsgefahr. Bei Aluminium ist es ganz ähnlich: Da noch nicht völlig geklärt ist, ob Aluminium bei der Entstehung von Alzheimer mit eine Rolle spielen könnte (siehe „Vergesslich durch Aluminium?“), liegt die empfohlene maximale Einnahmemenge am Tag bei 1mg pro kg Körpergewicht [7]. Die analysierte Menge liegt nur bei einem Zehntel davon und kann deshalb vernachlässigt werden.

So geht es auch für die anderen untersuchten Metalle weiter: Die Konzentrationen waren sehr gering und lagen zumeist unter den in der Studie berechneten Grenzwerten Diese Grenzwerte geben die Menge der Schwermetalle an, die am Tag bedenkenlos ohne Gesundheitsgefährdung aufgenommen werden dürfen. Da es für Metalle in Kosmetika keine solchen Grenzwerte gibt, nahmen die Studienautoren Metallgrenzwerte aus der Trinkwasserverordnung heran. Nur für sehr häufige Verwendung könnte die Menge der Metalle Mangan und Aluminium die Grenzwerte etwas übersteigen. Ein geringfügiges Überschreiten der Grenzwerte bedeutet allerdings noch nicht zwingend eine Gesundheitsgefährdung. Zudem nahm das Team um Liu an, dass Frauen die gesamte Menge des aufgetragenen Lippenstifts auch durch Ablecken oder über die Haut in den Körper aufnehmen. Wieviel tatsächlich in den Körper gelangte, haben die Forscher nicht untersucht.

Für Chrom fanden die Wissenschaftler einen erhöhten Wert. Der Grenzwert für Chrom bezieht sich allerdings nur auf eine ganz bestimmte Erscheinungsform dieses Metalls, die krebserregend und nach EU-Vorschrift in Kosmetika daher verboten ist [5]. In der Studie von Liu [1] wird allerdings nicht erwähnt, ob es sich um diese spezielle Form des Metalls oder um eine nicht-gesundheitsgefährdene Chrom-Variante handelt.

Ob die Verwendung von Lippenstiften daher bei sehr häufiger Nutzung ein Gesundheitsrisiko darstellt, können nur genauere und umfangreichere Untersuchungen zeigen.

Weniger als eins zu einer Million

Eine chemische Analyse durch ein anderes Wissenschaftlerteam [3] fand ebenfalls mehrere Metalle in Lippenstiften. Die Konzentrationen waren allerdings auch hier sehr klein: sie lagen unter einem ppm (parts per million, ein Metallteilchen unter einer Million ). Das entspricht etwa einem Tausendstel Gramm pro Kilogramm.. Nur Nickel trat mit einer Konzentration von 1,1 ppm auf.

Eine Studie, die sich ausschließlich mit Blei in Lippenstiften beschäftigte, ergab: die Menge an Blei in europäischen Produkten liegt deutlich unter den Grenzwerten für eine Gesundheitsgefährdung und ist daher nicht schädlich [2].

Überall Metall

Alle aufgezeigten Studien sind sich darüber einig, dass in Lippenprodukten Metalle in kleinen Mengen enthalten sind [1] [2] [3]. Keine der Studien überprüfte aber, ob es durch den Gebrauch von Lippenstift überhaupt zu einer Anreicherung des Metalls im Körper kommt.

Außerdem sind viele analysierte Metalle nicht grundsätzlich schädlich. Vielmehr werden einige von ihnen in geringen Mengen ganz bewusst als Mineralstoffe zugeführt. Dazu zählen zum Beispiel Kupfer, Zink, Eisen, und Chrom. In geringen Mengen sind diese für den Körper nützlich.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung in Deutschland befand eine Neueinschätzung von Metallen in Kosmetika für nicht notwendig. Schwermetalle kommen überall in der Umwelt vor und werden über Nahrungsmittel und Trinkwasser aufgenommen. Schwermetalle in Kosmetika spielen nur eine untergeordnete Rolle [4].

(Autoren: K. Regnat, B. Kerschner, J. Wipplinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Liu (2013)
Studientyp: chemische Untersuchung
Untersuchte Objekte: 32 Lippenprodukte von 12 asiatischen Frauen (8 Lippenstifte und 24 lip glosse)
Fragestellung: Metalle in Lippenprodukten und deren gesundheitliche Risiken bei asiatischen Frauen
Mögliche Interessenkonflikte: keine

Liu S, Hammond SK, Rojas-Cheatham A. Concentrations and potential health risks of metals in lip products. Environ Health Perspect. 2013 Jun;121(6):705-10. (Studie in voller Länge)

[2] Piccinini (2013)
Studientyp: chemische Untersuchung
Untersuchte Objekte: 223 Lippenartikel von 55 Marken aus 15 europäischen Ländern
Fragestellung: Blei in Lippenprodukten
Mögliche Interessenkonflikte: nicht angegeben

Piccinini P, Piecha M, Torrent SF. European survey on the content of lead in lip products. J Pharm Biomed Anal. 2013 Mar 25;76:225-33. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Al-Saleh (2011)
Studientyp: chemische Untersuchung
Untersuchte Objekte: 28 Lippenstifte verschiedener Marken aus China, Kanada, England, Korea, USA, UK, Frankreich und Italien .
Fragestellung: Untersuchung verschiedener Lippenstifte auf Metalle wie Blei, Cadmium, Nickel, Chrom, Quecksilber, Antimon und Arsen
Mögliche Interessenkonflikte: nicht angegeben

Iman Al-Saleh & Sami Al-Enazi (2011) Trace metals in lipsticks, Toxicological &
Environmental Chemistry, 93:6, 1149-1165 (Zusammenfassung der Studie)

Andere wissenschaftliche Quellen

[4] Deutsches Bundesinstitut für Risikobewertung (2006). Kosmetische Mittel: BfR empfiehlt Schwermetallgehalte über Reinheitsanforderungen der Ausgangsstoffe zu regeln. Stellungnahme Nr. 025/2006 des BfR vom 05. April 2006. Abgerufen unter
www.bfr.bund.de/cm/343/kosmetische_mittel_bfr_empfiehlt_schwermetallgehalte_ueber.pdf

[5] Euro-Lex (2013). Richtlinie 76/768/EWG des Rates vom 27. Juli 1976 zur Angleichung der Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten über kosmetische Mittel Abgerufen am 11. 11. 2013 unter http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=CELEX:31976L0768:DE:NOT

Zusätzliche Informationen

[6] Toxizität von Titan
http://toxcenter.org/artikel/Titan.php

[7] Toxizität von Aluminium
www.lebensmittel.org/lmmit297/alu.htm