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Aromatherapie: Dufte Träume durch Lavendel?

Lavendel: Besser als Schäfchenzählen?

Lavendel: Besser als Schäfchenzählen?

Viele Menschen leiden unter Schlafstörungen. Der Duft des Lavendels soll für erholsame Nächte sorgen. Hilft die Heilpflanze mit den lila Blüten tatsächlich beim Ein- und Durchschlafen? Wir haben uns die Studien zum – angeblich – schlaffördernden Lavendelaroma genau angesehen.

 
 

 

Frage:Hilft Lavendelduft bei Schlafstörungen?
Antwort:unklar
Erklärung:Aufgrund der Studienlage ist es unklar, ob das Inhalieren von Lavendel-Aroma bei Schlafstörungen helfen kann. Die meisten derzeit verfügbaren Untersuchungen haben gröbere methodische Mängel. Außerdem ist ungewiss, welche unerwünschten Nebenwirkungen durch das (längerfristige) Inhalieren des Lavendelaromas auftreten können.

Erholsamer Schlaf gehört zu den menschlichen Grundbedürfnissen. Allerdings haben bis zu 20 von 100 Personen Probleme mit dem Ein- oder Durchschlafen. Sie ruhen sich nicht lang und intensiv genug aus. Die negativen Auswirkungen der mehr oder weniger durchwachten Nächte sind mannigfaltig. [2] [9]

Zwar stehen zur Behandlung von Schlafstörungen Medikamente zur Verfügung. Doch Schlafmittel sind nicht für einen längerfristigen Einsatz geeignet und können unerwünschte Nebenwirkungen hervorrufen. [9] Dass viele Betroffene den Wunsch nach einer nicht-medikamentösen Methode haben, ist also verständlich.

Nachtruhe durch Öle?

Kann Lavendel helfen? Dessen ätherische Öle duften intensiv. Sie sollen, so heißt es beispielsweise in Anekdoten und in der Volksmedizin, schlaffördernd wirken. [10] Was bringt es, Lavendel-Duft einzuatmen? Sollen Schlaflose ätherische Öle aufs Kopfkissen träufeln oder ein Kissen mit getrockneten Lavendelblüten aufs Nachtkästchen legen?

Bei unserer Recherche stießen wir auf einige Studien, die sich mit den Effekten von Lavendelöl-Inhalation auf den Schlaf beschäftigten. Zwar berichtet der eine oder andere Autor über mögliche positive Effekte. Diese Untersuchungen hatten jedoch teils grobe Mängel, sodass wir sie nicht in unsere Beurteilung einfließen lassen konnten. Insgesamt ist die Studienlage zu dünn, um sich für oder gegen eine Lavendel-Aromatherapie auszusprechen.

Aktenzeichen Aromatherapie ungelöst

Auch in anderen Anwendungsbereichen der Aromatherapie hapert es zur Zeit (noch?) an der Beweiskraft der vorliegenden Studien: So wurde beispielsweise untersucht, ob verschiedene Aromatherapie-Ansätze bei Bluthochdruck, Geburtsschmerzen, Demenz oder Übelkeit und Erbrechen nach OPs helfen. [6] [7] [8] [12]

All diese Übersichtsarbeiten kommen zu einer ähnlichen Conclusio: Derzeit sind keine Empfehlungen möglich. Es braucht bessere Studien.

Klärungsbedarf in vielen Punkten

Falls sich herausstellen sollte, dass Lavendel-Aromatherapie tatsächlich wirksam ist, sind noch viele weitere Fragen zu klären:

  • Wie viel Öl ist notwendig, um einen Effekt auf Schlafqualität oder -dauer zu erzielen?
  • Wie deutlich ist der Effekt für die Patienten spürbar?
  • Wie, wann und wie oft soll der Lavendelduft verabreicht werden?
  • Was ist bei der Gewinnung und Lagerung von Lavendelöl zu beachten?
  • Welche Risiken und Nebenwirkungen gibt es?
  • Gibt es eventuell Personengruppen, für die eine Aromatherapie bei Schlafproblemen besser/schlechter geeignet ist?

Relevant sind Fragen wie diese allemal. Denn Aromatherapie erfreut sich großer Beliebtheit und wird häufig eingesetzt.

Die Natur hat Nebenwirkungen

Wichtig für die Anwender: Auch ‚natürliche’ Heilmethoden bringen gewisse Gefahren mit sich. Bei Aromatherapien kommt es immer wieder zu Hautreizungen. Sogar schwere Vergiftungen sind dokumentiert. Insgesamt sind die Risiken und Nebenwirkungen der Aromatherapie – ebenso wie ihre Effekte –nur schlecht untersucht. [5] [11]

 

Die Studien im Detail

Nach der Durchsicht von drei systematischen Übersichtsarbeiten [2] [3] [4] konnten wir keine Schlüsse ziehen. Die Übersichtsarbeiten sind zwar aktuell, insgesamt erscheint die Interpretation der Studienergebnisse in einem allzu positiven Licht.

Die Basis für diese Übersichtsarbeiten sind Untersuchungen, die meistens nur wenige Probanden rekrutieren konnten und diverse methodische Mängel haben. Deswegen sind Berichte von signifikanten Verbesserungen mit einer gehörigen Portion Skepsis zu betrachten.

Zwölf Wochen Lavendelduft

Dazu gehört eine randomisiert-kontrollierte Studie [1], die 2007/2008 in Taiwan durchgeführt wurde. Sie kann nur 67 Teilnehmerinnen aufweisen, ist aber eine der größten und mit zwölf Wochen Laufzeit längsten Studie zum Thema.

Die teilnehmenden Frauen im Alter von 44 bis 55 litten allesamt an Schlafproblemen. Per Zufallsgenerator aufgeteilt in zwei Gruppen, erhielten 34 Frauen die ‚Lavendel-Therapie’. Das heißt, sie inhalierten zwei Mal pro Woche in einem Labor für 20 Minuten Lavendeldüfte aus einem Vernebler. Die anderen 33 Frauen nahmen an einem Gesundheitsprogramm für Schlafhygiene teil.

Weiterhin fraglich: Schlafmittel Lavendel

Welche Wirkung hatten die beiden unterschiedlichen Strategien? War der ‚dufte’ Ansatz überlegen? Per Fragebogen wurde die Schlafqualität der Frauen erfasst; außerdem wurde ihre Herzfrequenz analysiert.

Aus den Ergebnissen schlossen die Autoren zwar in Summe, dass Aromatherapie eventuell positive Effekte erzielen kann. Das bessere Abschneiden der Lavendel-Therapie-Gruppe könnte jedoch auch andere Gründe haben, die mit der Behandlung nichts zu tun haben.

Probleme bei der Verblindung

Ein kritischer Punkt ist bei dieser Studie die fehlende Verblindung: Durch den Geruchssinn können Aromatherapie-Patienten und ihre Betreuer meistens feststellen, ob mit dem ‚richtigen’ Mittel oder zu Kontrollzwecken nur mit einem anderen Duftöl oder Wasser behandelt wird. Dieses Wissen kann den Ausgang der Studie beeinflussen. Deshalb ist die doppelte Verblindung ein Qualitätsmerkmal von medizinischen Studien.

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Chien u.a. (2012)
Studienart: randomisiert-kontrollierte Studie
Studienteilnehmer: 67 Frauen
Fragestellung: Hilft Lavendel-Aromatherapie bei Schlafstörungen?
mögliche Interessenskonflikte: keine Angaben

Chien LW, Cheng SL, Liu CF. The effect of lavender aromatherapy on autonomic nervous system in midlife women with insomnia. Evid Based Complement Alternat
Med. 2012;2012:740813. (Studie in voller Länge)

[2] Fismer & Pilkington (2012)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit 
Eingeschlossene Studien: 8 englischsprachige Studien
Fragestellung: Beeinflusst Lavendel-Inhalation Schlafverhalten bzw. Schlafstörungen?
mögliche Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Fismer K L, Pilkington K. Lavender and sleep: A systematic review of the evidence. European Journal of Integrative Medicine 2012 4(4): e436-e447. (Studie in voller Länge)

[3] Hwang & Shin (2015)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 13 Studien mit Schwerpunkt Korea
Fragestellung: Können verschiedene Formen von Aromatherapie (Massage, Inhalation) mit diversen Ölen/Ölmischungen Schlaf und Schlafverhalten beeinflussen?
mögliche Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Hwang E, Shin S. The effects of aromatherapy on sleep improvement: a systematic literature review and meta-analysis. J Altern Complement Med. 2015 Feb;21(2):61-8. (Zusammenfassung der Studie)

[4] Lillehei & Halcon (2014)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit 
Eingeschlossene Studien: 15 englischsprachige Arbeiten
Fragestellung: Bewirkt die Inhalation von ätherischen Ölen eine Veränderung des Schlafverhaltens?
mögliche Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Lillehei AS, Halcon LL. A systematic review of the effect of inhaled essential oils on sleep. J Altern Complement Med. 2014 Jun;20(6):441-51. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[5] Bundesinstitut für Risikobewertung (2003)
Die Dosis macht das Gift – pflanzliche Duftstoffe sind nicht immer harmlos. Abgerufen am 4.5.2015 unter
http://www.bfr.bund.de/de/presseinformation/2002/07/die_dosis_macht_das_gift___auch_pflanzliche_duftstoffe_sind_nicht_immer_harmlos-338.html

[6] Forrester u.a. (2014)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration

Forrester LT, Maayan N, Orrell M, Spector AE, Buchan LD, Soares-Weiser K. Aromatherapy for dementia. Cochrane Database of Systematic Reviews 2014, Issue 2. Art. No.: CD003150. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[7] Hines u.a. (2012)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration

Hines S, Steels E, Chang A, Gibbons K. Aromatherapy for treatment of postoperative nausea and vomiting. Cochrane Database of Systematic Reviews 2012, Issue 4. Art. No.: CD007598. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[8] Hur u.a. (2012)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse

Hur MH, Lee MS, Kim C, Ernst E. Aromatherapy for treatment of hypertension: a
systematic review. J Eval Clin Pract. 2012 Feb;18(1):37-41. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[9] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWIG (2013)
gesundheitsinformation.de zum Thema Schlafstörungen. Abgerufen am 4.5.2015 unter:
https://www.gesundheitsinformation.de/schlafstoerungen.2179.de.html

[10] National Center for Complementary and Integrative Health (2012)
Herbs at glance: Lavender. Abgerufen am 4.5.2015 unter:
https://nccih.nih.gov/health/lavender/ataglance.htm

[11] Posadzki u.a. (2012)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit 

Posadzki P, Alotaibi A, Ernst E. Adverse effects of aromatherapy: a systematic review of case reports and case series. Int J Risk Saf Med. 2012 Jan 1;24(3):147-61.(Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[12] Smith u.a. (2011)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration

Smith CA, Collins CT, Crowther CA. Aromatherapy for pain management in labour. Cochrane Database of Systematic Reviews 2011, Issue 7. Art. No.: CD009215. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)