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Klare Sicht durch Augentropfen?

Kurzsichtigkeit verschlechtert sich oft bis ins junge Erwachsenenalter

Kurzsichtigkeit verschlechtert sich oft bis ins junge Erwachsenenalter

Atropin – das Gift der Tollkirsche – soll Kurzsichtigkeit bei Kindern ausbremsen. Der langfristige Erfolg und die Einschränkung durch Nebenwirkungen sind jedoch unklar.

Frage:Können Augentropfen mit Atropin helfen, dass sich eine bestehende Kurzsichtigkeit bei Kindern langsamer verschlechtert?
Antwort:möglicherweise Ja
Erklärung:Es gibt Hinweise darauf, dass Atropin Tropfen das Fortschreiten einer Kurzsichtigkeit bei Kindern verlangsamen können. Unklar ist, wie stark Nebenwirkungen wie verschwommenes Sehen oder Lichtempfindlichkeit die Kinder beeinträchtigen. Nicht erforscht ist auch, wie lange die Tropfen für einen bleibenden Erfolg verwendet werden müssten und ob langfristig negativen Folgen auftreten.

Wenn Kinder häufig blinzeln, beim Ballspielen oft daneben greifen oder „mit der Nase“ lesen, könnte dahinter eine Kurzsichtigkeit stecken. Bei diesem häufig auftretenden Sehfehler werden nahe Gegenstände scharf, weiter entfernte dagegen nur verschwommen wahrgenommen.

Tatsachen früh ins Auge sehen

Kurzsichtigkeit entsteht meist im Schulalter und verschlechtert sich gewöhnlicherweise ab dem jungen Erwachsenenalter nicht mehr. Für die normale Entwicklung des Sehens bei Kindern ist es wichtig, dass beide Augen gut funktionieren. Ist dies nicht der Fall, kann dies zu einer bleibenden Sehstörung führen. Je jünger ein Kind beim ersten Auftreten seiner Kurzsichtigkeit ist, umso mehr Sehschärfe geht bis zum Erwachsenenalter verloren. Im Alter kann starke Kurzsichtigkeit unter Umständen sogar zu grauem oder grünem Star oder Netzhautablösung führen. Im schlimmsten Fall kann es auch zur Erblindung kommen [1,2] [4] [7] [9] [12] [14].

Optimal wäre daher eine Therapie, die das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit stoppt. Manche Augenärzte versprechen sich einen solchen Nutzen von einer Behandlung mit Atropin-hältigen Augentropfen. Atropin ist das Gift der Tollkirsche. Es erweitert ins Auge getropft die Pupillen und erleichtert damit beispielsweise Augenuntersuchungen. Zusätzlich soll es aber auch den fortschreitenden Sehverlust bei Kindern eindämmen können und so die Kinder davor bewahren, im Erwachsenenalter stark kurzsichtig zu werden.

Durchblick auf Zeit?

Die zusammengefassten Ergebnisse bisheriger Studien zeigen, dass Atropin-Tropfen das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit zu bremsen scheinen. Untersucht wurde das aber nur über die Dauer von zwei Jahren, in denen die Kinder das Mittel regelmäßig in die Augen getropft bekamen. [1-3].

Der Haken an dieser Erkenntnis ist, dass sich nach Absetzen der Tropfen die Kurzsichtigkeit rasch wieder verschlechtert. Unklar ist, ob sich das beschleunigte Fortschreiten nach dem Behandlungsstopp wieder einbremst oder so lange weitergeht, bis das Kind am Ende genauso kurzsichtig ist, wie es auch ohne Atropin geworden wäre [4] [6]. Es ist also nicht gesagt, dass das Eintropfen von Atropin langfristig einen großen Nutzen hat.

Fraglich ist auch, inwieweit die Studienergebnisse verallgemeinerbar sind. Die meisten Untersuchungen wurden mit Kindern asiatischer Herkunft durchgeführt. Generell ist Kurzsichtigkeit bei dieser Bevölkerungsgruppe ein wesentlich größeres Problem als in unseren Breiten [7,8] [11,12]. Es lässt sich nicht sagen, ob die Tropfen bei Kindern europäischer Herkunft ebenso wirken.

Lichtempfindlichkeit und verschwommenes Sehen

Abgesehen von dieser Unsicherheit hat eine Behandlung mit Atropin auch unangenehme Begleiterscheinungen, die mitunter sogar zu einem Abbrechen der Therapie führen können.

Atropin erweitert die Pupillen und macht das Auge dadurch sehr lichtempfindlich – eine sonnige oder helle Umgebung erscheint dann häufig unangenehm grell und blendend. Um Langzeitschäden der Augen durch UV-Strahlung zu vermeiden, empfehlen Mediziner den betroffenen Kindern, gute Sonnenbrillen oder selbsttönende Brillen zu tragen [1] [9].

Zusätzlich hemmen die Tropfen die Fähigkeit des Auges, die Sehschärfe an unterschiedliche Entfernungen anzupassen –die sogenannte Akkomodation. Je nach Dosierung sehen die Kinder mehr oder weniger verschwommen, sie werden für die Dauer der Behandlung künstlich weitsichtig. Aus diesem Grund müssen viele Kinder während der Behandlung eine Lesebrille tragen.

Manchmal führen Tropfen mit Atropin auch zu allergischen Entzündungen der Augen und der umliegenden Hautpartien [1] [3]. Zu schweren Nebenwirkungen wie beispielsweise Herz- Kreislauf- oder Atembeschwerden kam es in den Studien nicht [1-3] [7] [9].

Insgesamt bleiben Fragen zu Langzeit-Wirkung und den zu erwartenden Nebenwirkungen offen. Bis zur Klärung bleiben Brillen und Kontaktlinsen wohl auch weiterhin sichere und gute Behandlungsmöglichkeiten.

Vielseitiges Gift

Für zahlreiche Krimiautoren wie Agatha Christie war Atropin ein beliebtes Mittel, um unliebsame Zeitgenossen in ihren Romanen auszuschalten. Ganze Kriege wurden mit dem Gift von Nachtschattengewächsen wie der Tollkirsche oder des Stechapfels geführt. Im Barock träufelten sich feine Damen gerne ein paar Tröpfchen des Gifts in die Augen, um mit großen Pupillen dem damaligen Schönheitsideal zu entsprechen.

Heute wird Atropin in der Medizin vielseitig verwendet. So nutzen Augenärzte die pupillenerweiternde Wirkung, um den Augenhintergrund besser untersuchen zu können. Atropin wird aber auch in der Notfallmedizin oder bei Magen-Darm-Krämpfen eingesetzt [13].

Kurzsichtige Computergeneration?

Kurzsichtigkeit stellt vor allem bei der jüngeren Generation ein zunehmendes Problem dar. Fast ein Drittel der Europäischen Bevölkerung ist kurzsichtig. Die Ursache hierfür ist weitgehend unklar. Neben einer erblichen Komponente sollen vor allem Stubenhocker, die viel Zeit vor dem Computer oder Fernseher verbringen, gefährdet sein [1] [8,9]. Medizin Transparent berichtete bereits in einem früheren Artikel, dass Kinder, die viel im Freien spielen, möglicherweise weniger kurzsichtig sein könnten.

 

Die Studien im Detail

Studien zur Behandlung von Kurzsichtigkeit mit Atropin-Tropfen gibt es einige [1-6]. Keine davon untersuchte jedoch über einen längeren Zeitraum, wie sich der Sehfehler nach Absetzen der Therapie weiterentwickelt oder wie sich eine längerfristige Therapie auf das Auge auswirkt.

Mögliche Hilfe durch Atropin

Eine systematische Übersichtsarbeit von Cochrane [1] hat im Jahr 2011 Studien zu Maßnahmen analysiert, die das Fortschreiten einer Kurzsichtigkeit verzögern sollen. Unter anderem fassten sie die Ergebnisse von vier Studien zum Thema Atropin zusammen. Demnach scheint unter all den untersuchten Behandlungen Atropin am ehesten dazu geeignet, Kurzsichtigkeit bei Kindern zu bremsen. Die möglicherweise unangenehmen Nebenwirkungen wie verschwommenes Sehen und Lichtempfindlichkeit könnten jedoch zum Abbruch der Therapie führen. Unklar ist auch die optimale Dosierung, wie lange die Therapie idealerweise dauern soll und etwaige negative Folgen einer längerfristigen Einnahme.

Langfristige Wirkung ungeklärt

Eine jener Studien, die in der Cochrane Arbeit ausgewertet wurde, die ATOM 1 Studie, beobachtete 400 kurzsichtige Kinder vorwiegend asiatischer Herkunft im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren [2]. Diese wurden per Los in zwei Gruppen geteilt. Der einen Hälfte wurden für die Dauer von zwei Jahren jeden Abend Tropfen mit einer einprozentigen Atropin-Lösung in ein Auge geträufelt. Die anderen Kinder erhielten Augentropfen ohne Atropin. Nach Ablauf dieser Zeit hatte sich die Kurzsichtigkeit bei den Kindern aus der Atropingruppe tatsächlich weniger stark verschlechtert.

Aufgrund unangenehmer Nebenwirkungen wie unscharfem Sehen in der Nähe, Lichtempfindlichkeit und lokalen allergischen Reaktionen brachen 34 Kinder aus der Atropin-Gruppe die Studie vorzeitig ab [1,2]. Wie sich die Sehschwäche nach Absetzen der Atropin Tropfen weiter entwickelte, bleibt in der sonst qualitativ gut gemachten Arbeit unbeantwortet.

Dieser Frage widmete sich eine weitere Arbeit aus dem Jahr 2009 [4]. Die Autoren dieser Studie begutachteten, wie sich die Kurzsichtigkeit der Kinder ein Jahr nach Beenden der zweijährigen Atropin-Behandlung weiterentwickelte. Es zeigte sich ein deutliches „Rebound Phänomen“ – die mit Atropin Tropfen behandelten Augen verschlechterten sich wesentlich rasanter als jene, die nur ein Placebo erhalten hatten. Ob dieses Phänomen nach der einjährigen Nachbeobachtung anhielt oder zunehmend stagnierte, bleibt unklar.

Effekt auch bei geringer Dosis

Wie sich verschiedene Dosierungen von Atropin auf das Fortschreiten von Kurzsichtigkeit auswirken, untersuchte eine randomisiert kontrollierte Studie aus dem Jahr 2011,die sogenannte ATOM 2 Studie [3]. In dieser Arbeit wurden 400 kurzsichtige Kinder zwei Jahre lang mit Atropin Tropfen verschiedener Konzentrationen (0,5%; 0,1% und 0,01%) behandelt. Heraus kam, dass auch die niedrigste Dosierung (0,01%) eine – wenn auch schwächere – Wirkung zeigte. Kinder, die Tropfen mit dieser niedrigen Dosierung erhalten hatten klagten den Autoren zufolge weniger häufig über unerwünschte Nebenwirkungen. Demnach benötigten sie weniger oft eine zusätzliche Lesebrille oder selbsttönende Brille, genaue Zahlen dazu bleiben die Studienautoren jedoch schuldig.

Nach den zwei Jahren Atropin durchliefen die Kinder eine Auswaschphase, in der sie keine Tropfen mehr verabreicht bekamen. Auch in dieser Studie zeigte sich ein deutlicher „Rebound“ nach Absetzen der Therapie – am wenigsten in der Gruppe mit 0,01-prozentigem Atropin [5].

Die Studie durchlief dann noch eine dritte Phase [6]. Jene Kinder, bei denen sich die Kurzsichtigkeit nach Beenden der Atropin-Behandlung um mehr als -0,5 Dioptrien verschlechtert hatte, erhielten erneut 0,01 Prozent Atropin für zwei Jahre. Der Behandlungserfolg war am besten bei jenen Kindern, die von Anfang an das am niedrigsten dosierte Atropin erhalten hatten.

Fehlender Vergleich

Diese Studien mögen zwar verheißungsvoll klingen, doch wirklich aussagekräftig sind sie nicht. Was dieser Studie fehlt, ist eine Vergleichsgruppe, die Placebo-Tropfen ohne Atropin erhielt. Die Autoren von ATOM 2 ziehen zwar in ihren Grafiken Vergleiche mit der Placebogruppe aus der ATOM 1 Studie. Da es sich aber hierbei um eine völlig andere Gruppe von Kindern handelt, die zu einem anderen Zeitpunkt in der Studie beobachtet wurden spricht dies nicht für ein seriöses Vorgehen. Somit kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, wie sich die Sache bei einer Scheinbehandlung entwickelt hätte und ob einige der Ergebnisse zufällig entstanden sind.

(AutorIn: C. Christof, Review: B. Kerschner)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Walline u.a. (2011)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 23 randomisiert-kontrollierte Studien, davon vier zu Atropin.
Teilnehmer insgesamt: 4696
Fragestellung: Welche Methoden eignen sich um das Fortschreiten von Kurzsichtigkeit bei Kindern zu verzögern?
Interessenkonflikte: unklar; Autor berät Unterenhmen die sich mit Kurzsichtigkeit beschäftigen und erhielt teilweise von diesen Honorare.

Walline, J. J., Lindsley, K., Vedula, S. S., Cotter, S. A., Mutti, D. O., & Twelker, J. D. (2011). Interventions to slow progression of myopia in children. Cochrane Database Syst Rev(12), CD004916. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Chua u.a .(2006)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 400 kurzsichtige Kinder im Alter von sechs bis 12 Jahren.
Studiendauer: 2 Jahre
Fragestellung: Können 1% Atropin Tropfen das Fortschreiten von Kurzsichtigkeit bei Kindern (asiatischen) verzögern?
Interessenskonflikte: keine bekannt

Chua, W. H., Balakrishnan, V., Chan, Y. H., Tong, L., Ling, Y., Quah, B. L., & Tan, D. (2006). Atropine for the treatment of childhood myopia. Ophthalmology, 113(12), 2285-2291. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Chia u.a. (2011)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 400 kurzsichtige Kinder im Alter von sechs bis 12 Jahren.
Studiendauer: 2 Jahre
Fragestellung: Auswirkung von 0,5%, 0,1% und 0,01% Atropintropfen?
Interessenskonflikte: keine bekannt

Chia, A., Chua, W. H., Cheung, Y. B., Wong, W. L., Lingham, A., Fong, A., & Tan, D. (2012). Atropine for the treatment of childhood myopia: safety and efficacy of 0.5%, 0.1%, and 0.01% doses (Atropine for the Treatment of Myopia 2). Ophthalmology, 119(2), 347-354. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] Tong u.a. (2008)
Tong, L., Huang, X. L., Koh, A. L., Zhang, X., Tan, D. T., & Chua, W. H. (2009). Atropine for the treatment of childhood myopia: effect on myopia progression after cessation of atropine. Ophthalmology, 116(3), 572-579. (Zusammenfassung)

[5] Chia u.a.( 2013)
Chia, A., Chua, W. H., Wen, L., Fong, A., Goon, Y. Y., & Tan, D. (2014). Atropine for the treatment of childhood myopia: changes after stopping atropine 0.01%, 0.1% and 0.5%. Am J Ophthalmol, 157(2), 451-457 e451. (Zusammenfassung)

[6] Chia u.a. (2015)
Chia, A., Lu, Q. S., & Tan, D. (2016). Five-Year Clinical Trial on Atropine for the Treatment of Myopia 2: Myopia Control with Atropine 0.01% Eyedrops. Ophthalmology, 123(2), 391-399. (Zusammenfassung)

[7] Saw u.a. (2002)
Saw, S. M., Shih-Yen, E. C., Koh, A., & Tan, D. (2002). Interventions to retard myopia progression in children: an evidence-based update. Ophthalmology, 109(3), 415-421; discussion 422-414; quiz 425-416, 443. (Zusammenfassung)

[8] Mirshahi u.a. (2014)
Mirshahi, A., Ponto, K. A., Hoehn, R., Zwiener, I., Zeller, T., Lackner, K., . . . Pfeiffer, N. (2014). Myopia and level of education: results from the Gutenberg Health Study. Ophthalmology, 121(10), 2047-2052. (Zusammenfassung)

[9] Leo u.a. (2011)
Leo, S. W., & Young, T. L. (2011). An evidence-based update on myopia and interventions to retard its progression. J AAPOS, 15(2), 181-189. (Volltext)

[10] Williams u.a. ( 2015)
Williams KM, Verhoeven VJ, Cumberland P et al. Prevalence of refractive error in Europe: the European Eye Epidemiology (E(3)) Consortium. Eur J Epidemiol. 2015 Apr;30(4):305-15. (Volltext)

[11] Pan u.a. (2012)
Pan, C. W., Ramamurthy, D., & Saw, S. M. (2012). Worldwide prevalence and risk factors for myopia. Ophthalmic Physiol Opt, 32(1), 3-16. (Zusammenfassung)

[12] UpToDate (2016)
David K Coats, Refractive errors in children, abgerufen am 23.06.2016 unter www.uptodate.com/contents/refractive-errors-in-children

[13] Pschyrembel & Arnold (2014)
Pschyrembel, W., & Arnold, U. (2014). Pschyrembel Klinisches Wörterbuch (266., aktualisierte Aufl. ed.). Berlin [u.a.]: De Gruyter.

[14] Öffentliches Gesundheitsportal Österreich (2016)
Kurzsichtigkeit (Myopie), abgerufen am 23.06.2016 unter: www.gesundheit.gv.at/Portal.Node/ghp/public/content/auge-kurzsichtigkeit-myopie.html