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Hyperthermie: Künstliches Fieber gegen Krebs

Temperaturerhöhung gegen Krebs?

Temperaturerhöhung gegen Krebs?

Ist künstlich hervorgerufene Temperaturerhöhung wirklich eine Hoffnung im Kampf gegen Krebs, wie dies in einem Artikel des Standard behauptet wird? Es gibt Hinweise, dass diese Zusatztherapie von Nutzen sein kann – allerdings ist Hyperthermie noch weit davon entfernt, als Standardtherapie eingesetzt zu werden.
 
 

Zeitungsartikel: Behandlung durch Hitze (11.3.2012, Der Standard)
Frage:Unterstützt eine Hyperthermiebehandlung die Chemotherapie bei der Bekämpfung von Krebs? (anonyme Anfrage mit Link zum Standard-Artikel)
Antwort:Es gibt Hinweise, dass Hyperthermie bei einigen Krebsarten die Überlebensrate erhöhen kann. Insgesamt sind noch zu wenige große Studien verfügbar, um eindeutige Aussagen treffen zu können.
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagefür die Wirksamkeit

Eine geringe Erhöhung der Körpertemperatur kann viele Krankheitserreger schwächen. Fieber hilft daher dem Immunsystem bei der Bekämpfung von Krankheiten. Eine absichtliche Temperaturerhöhung von Krebsgeschwüren soll einem Artikel im Standard zufolge als Zusatzbehandlung auch gegen Krebs helfen. Speziell bei der Behandlung von Weichteilsarkomen und Gebärmutterhalskrebs sei die Methode erfolgversprechend [1]. Richtig oder falsch?

Für Gebärmutterhalskrebs deutet die Studienlage tatsächlich auf eine mögliche Wirksamkeit dieser Therapieform hin. Für die Behandlung von Weichteilsarkomen bleibt sie jedoch unklar.

Wissenschaftliche Beweislage gering

Das österreichische Ludwig Boltzmann Institut (LBI) für Health Technology Assessment aktualisierte 2010 [2] und 2012 [4] eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2005 zur Hyperthermiebehandlung von 20 verschiedenen Krebsarten [3]. Nachweisbare positive Effekte als Zusatzbehandlung zu einer Strahlen- oder Chemotherapie finden die Verfasser der LBI-Übersichtsarbeit dabei keine. Hyperthermie scheint Krebsgeschwüre in manchen Fällen zwar zurückdrängen zu können. Den Ergebnissen des LBI zufolge scheint sie aber offenbar nicht zu verhindern, dass diese wiederkehren. Das Leben der Krebspatienten verlängern konnte die Wärmebehandlung demzufolge nämlich nicht.

Für einzelne Krebsarten gibt es dennoch Hinweise, dass Hyperthermie auch lebensverlängernd wirken könnte. Einer systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration [5] zufolge könnte Hyperthermie bei Magenkrebs als Zusatz zur normalen Krebsbehandlung die Lebenszeit der Patienten verlängern. Auf eine ähnliche Wirksamkeit bei Gebärmutterhalskrebs finden sich in einer anderen Cochrane-Überichtsarbeit ebenfalls Hinweise [6]. Auch bei Krebsgeschwüren des Mastdarms (des letzten Darmabschnitts) scheint der Einsatz dieser Zusatztherapie leichte Vorteile zu bringen, so die Ergebnisse einer Analyse von Studien bis zum Jahr 2009 [7]. Einschränkend halten die Autoren aber fest, dass nicht klar ist, welche Temperaturhöhe nun die tatsächlich wirksamste ist. Je nach Studie wird die Temperatur zudem anders gemessen.

Gemeinsam ist den meisten bislang durchgeführten Studien allerdings, dass sie sich in der der Durchführung stark unterscheiden. Dadurch sind sie schwer vergleichbar. Zur besseren Beurteilung der Wirksamkeit sind daher größere und bessere klinische Studien nötig.

Vergleichbarkeit ist das Stichwort für eine weitere wichtige Größe: ab wann gilt die Behandlung als wirksam? Für Krebspatienten ist eine Behandlung eher nützlich, wenn sie die Lebenszeit verlängert oder die Lebensqualität erhöht. Ob der Tumor zurückgeht oder nicht, ist dabei aus Sicht der Behandelten zweitrangig. Denn wenn einige wenige Krebszellen die Therapie überstehen, kann der Krebs zurückkehren, und die Betroffenen leben womöglich trotzdem nicht länger. Ob Hyperthermie auch die Lebensqualität erhöht, wurde in keiner der Studien erhoben.

Komplikationen und Nebenwirkungen?

Wenn die Wirksamkeit schwierig zu belegen ist, wie sieht es dann mit Risiken und Nebenwirkungen von Hyperthermie aus? In den wenigsten Studien wurden diese überhaupt erhoben. Der systematischen Übersichtsarbeit des LBI zufolge [2] haben Patienten, die zusätzlich zu Chemotherapie oder Bestrahlung mit Hyperthermie behandelt werden, unmittelbar nach der Behandlung mehr Nebenwirkungen als jene mit Chemotherapie oder Bestrahlung alleine. Diese scheinen aber nur kurzfristig anzudauern. Welche Nebenwirkungen konkret auftreten, schreiben die Autoren der Übersichtsarbeit nicht. Für eine genauere Einschätzung des Behandlungsrisikos sind auch hier sind weitergehende Untersuchungen notwendig.

Wer zahlt das „künstliche Fieber“?

Neue Behandlungen sind teuer. Wer bezahlt das? Die Faktenlage muss erst eindeutig geklärt werden, bevor Hyperthermie in der Tumorbehandlung in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen wird. Seitens der Hersteller medizintechnischer Geräte besteht das naheliegende Interesse, den neu entstandenen Markt zu bedienen. Momentan ist klar: Hyperthermie ist noch weit davon entfernt, eine Standardtherapie zu sein.

Fazit

Es gibt eine schwache wissenschaftliche Beweislage für die Wirksamkeit von Hyperthermie bei der Behandlung einiger Krebsarten. Große vergleichbare Studien, aufgrund derer man auf weitere Tumorarten schließen könnte, sind noch unzureichend verfügbar.

Wie funktioniert eigentlich Hyperthermie?

Generell wird Hyperthermie nicht als alleinige Therapieform eingesetzt, sondern stets in Kombination mit Strahlen- und/oder Chemotherapie. Im Wesentlichen gibt es drei verschiedene Arten von Hyperthermie-Behandlungen: lokale Oberflächenhyperthermie, regionale Tiefenhyperthermie mittels Erwärmung durch elektromagnetische Wellen und interstitielle Hyperthermie, wo mit Sonden der Tumor direkt erwärmt wird. Die verwendete Methode hängt von Lage und Zugänglichkeit des Tumors ab. Das Tumorgewebe wird auf 40 bis 44 Grad Celsius erwärmt, was zu irreparablen Schäden an den Krebszellen führt.

(Autoren: C. Hahn, B. Kerschner, J. Wipplinger, F. Stigler)

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Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Issels u.a. (2010)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 341 Krebspatienten in insgesamt 9 Behandlungszentren
Studiendauer: 1997 – 2006
Fragestellung: Kann regionale Hyperthermie die Chemotherapie bei der Bekämpfung von Weichteiltumoren unterstützen?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Issels RD, Lindner LH, Verweij J, Wust P, Reichardt P, Schem BC, Abdel-Rahman S, Daugaard S, Salat C, Wendtner CM, Vujaskovic Z, Wessalowski R, Jauch KW, Dürr HR, Ploner F, Baur-Melnyk A, Mansmann U, Hiddemann W, Blay JY, Hohenberger P; European Organisation for Research and Treatment of Cancer Soft Tissue and Bone Sarcoma Group (EORTC-STBSG); European Society for Hyperthermic Oncology (ESHO). Neo-adjuvant chemotherapy alone or with regional hyperthermia for localised high-risk soft-tissue sarcoma: a randomised phase 3 multicentre study. Lancet Oncol. 2010 Jun;11(6):561-70. (Studie in voller Länge)

[2] Mathis u.a. (2010) – LBI-Update
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 6 randomisiert-kontrollierte Studien
Fragestellung: Ist Hyperthermie in Kombination mit Bestrahlungs- oder Chemotherapie eine wirksame Methode zur Behandlung von verschiedenen Krebsarten?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Mathis, S. und Johansson, T. (2010): Hyperthermie. Decision Support Document 36. Vienna: Ludwig Boltzmann Institut fuer Health Technology Assessment (LBIHTA) (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[3] G-BA (2005)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 42 randomisiert-kontrollierte Studien
Fragestellung: Ist Hyperthermie in Kombination mit Bestrahlungs- oder Chemotherapie eine wirksame Methode zur Behandlung von verschiedenen Krebsarten?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

G-BA/ Gemeinsamer Bundesausschuss: Hyperthermie (u. a. Ganzkörper-Hyperthermie, Regionale Tiefenhyperthermie, Oberflächen?Hyperthermie, Hyperthermie in Kombination mit Radiatio und/oder Chemotherapie). 2005. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[4] Kirisits & Wild (2012) – LBI 2012 update
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 9 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 656 Krebspatienten
Fragestellung: Ist Hyperthermie in Kombination mit Bestrahlungs- oder Chemotherapie eine wirksame Methode zur Behandlung von Brustkrebs, Blasenkrebs, Gebärmutterhalskrebs oder Weichteilsarkomen?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Kirisits A, Wild C. Hyperthermia in breast?, bladder?, cervix carcinoma and soft tissue sarcoma patients. Vienna: Ludwig Boltzmann Institut fuer Health Technology Assessment (LBIHTA), 2012. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[5] Sun u.a. (2012)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 10 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 656 Krebspatienten
Fragestellung: Ist Hyperthermische, intraperitoneale Chemotherapie in Kombination mit Cytoreduktionsoperation eine wirksame Methode zur Behandlung von fortgeschrittenem Magenkrebs?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Sun J, Song Y, Wang Z, Gao P, Chen X, Xu Y, Liang J, Xu H. Benefits of hyperthermic intraperitoneal chemotherapy for patients with serosal invasion in gastric cancer: a meta?analysis of the randomized controlled trials. BMC Cancer.2012;12:526. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[6] Lutgens u.a. (2010)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 6 randomisiert-kontrollierte Studien
Fragestellung: Ist Hyperthermie in Kombination mit Bestrahlungstherapie eine wirksame Methode zur Behandlung von lokal fortgeschrittenem Gebärmutterhalskrebs?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Lutgens L, van der Zee J, Pijls-Johannesma M, De Haas-Kock DFM, Buijsen J, Mastrigt GAPGV, Lammering G, De Ruysscher DKM, Lambin P. Combined use of hyperthermia and radiation therapy for treating locally advanced cervix carcinoma. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 3. Art. No.: CD006377. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[7] De Haas-Kock u.a. (2009)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 6 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 520 Krebspatienten
Fragestellung: Ist Hyperthermie in Kombination mit Bestrahlungstherapie eine wirksame Methode zur Behandlung von Rektalkrebs?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

De Haas-Kock DFM, Buijsen J, Pijls-Johannesma M, Lutgens L, Lammering G, Mastrigt GAPGV, De Ruysscher DKM, Lambin P, van der Zee J. Concomitant hyperthermia and radiation therapy for treating locally advanced rectal cancer. Cochrane Database of Systematic Reviews 2009, Issue 3. Art. No.: CD006269. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)