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Kostet Porno Hirnsubstanz?

Schadet Porno dem Gehirn?

Das Internet hat Pornographie zu einem leicht erreichbaren Konsumgut werden lassen. Über die Auswirkungen dieser Entwicklung wird auf allen Ebenen diskutiert. Laut derstandard.at zeigt eine Studie nun sogar, dass häufiger Pornographiekonsum die graue Masse im Gehirn verkleinert.

Zeitungsartikel: Studie: Häufiger Pornografiekonsum verkleinert graue Substanz im Gehirn
(2.6.2014, derstandard.at)
Frage:Verkleinert häufiger Pornokonsum das Volumen an grauer Masse im Gehirn?
Antwort:unklar
Erklärung:Die Studie ist nicht geeignet, die langfristigen Auswirkungen von Pornographie auf das Gehirn zu untersuchen und andere Studien dazu wurden nicht gefunden.

In unserem Gehirn arbeitet ein Belohnungszentrum, das uns als Reaktion auf bestimmte Einflüsse ein gutes Gefühl verschafft – und so dafür sorgt, dass wir immer wieder nach diesen bestimmten Einflüssen suchen. Dieses Belohnungszentrum springt auf alles Mögliche an, auf gutes Essen, Erfolgserlebnisse, entspannte Situationen, aber auch auf Drogen und sexuelle Reize.

Das Hirn auf Porno

Die im Zeitungsartikel erwähnte Studie untersuchte das Volumen an grauer Hirnmasse in einer bestimmten Hirnregion, die Teil des Belohnungsmechanismus ist. Mittels Hirnscan wurden 64 Männer untersucht, die in einem Fragebogen auch Angaben zu ihrem Pornokonsum gemacht hatten. Die Forscher versuchten die Ergebnisse der Hirnscans in Zusammenhang mit dem Pornokonsum der Teilnehmer zu bringen.

Der Untertitel der Studie „Das Gehirn auf Porno“ dürfte dazu beigetragen haben, dass mehrere Medien die Meldung aufgegriffen haben. Der untersuchte Teil des Belohnungszentrums ist eine Hirnregion namens Striatum.- es wurde also nicht das ganze Gehirn untersucht, sondern nur eine bestimmte Region. Die Forscher haben sich angesehen, ob sich die Größe dieser Region bei Menschen mit hohem Pornokonsum von der Größe bei Personen mit niedrigem Pornokonsum unterscheidet. [1]

Ursache und Wirkung

Die Studie zeigt einen Zusammenhang zwischen häufigem Pornokonsum und der Größe einer Hirnregion, kann aber keinen Aufschluss darüber geben, ob sich die Größe der grauen Hirnmasse aufgrund des Pornokonsums verändert. Denn es ist genauso denkbar, dass umgekehrt die Größe der grauen Hirnmasse den Pornokonsum beeinflusst. Für eine Hirnscan-Studie sind 64 Teilnehmer gar nicht so wenig und der gefundene Zusammenhang selbst ist ein erwähnenswertes Ergebnis, das weitere Aufmerksamkeit verdient. Interessant wären Studien mit einem längeren Beobachtungszeitraum, die tatsächlich Veränderungen untersuchen könnten.

Zu den Mängeln der Studie gehört, dass der Einfluss des Alters nicht mitberechnet wurde; und da die Studie sich beim Pornokonsum ausschließlich auf die Angaben der Teilnehmer verlässt, könnte das Ergebnis durch „Lügner“ verzerrt worden sein.

Kein Schaden nachweisbar

2011 verwiesen drei kalifornische Forscher darauf, dass eine Hirnschädigung durch Pornokonsum nicht nachgewiesen sei. Alle Studien, die bis dorthin in diese Richtung gingen haben das gleiche Problem wie die aktuelle Studie: Es ist nicht geklärt, was Ursache und was Wirkung ist – es gibt keine Studie, die tatsächlich die langfristigen Auswirkungen von Pornokonsum auf das Hirn untersucht. [2] Die drei Autoren halten es aufgrund von Studien zu ähnlichen Fragestellungen für wahrscheinlicher, dass die Unterschiede beim Volumen der grauen Masse das Verhalten hervorrufen, und nicht sich das Verhalten auf das Volumen auswirkt.[2]

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Kühn, Gallinat (2014)
Studientyp: Hirnscan-Studie
Teilnehmer insgesamt: 64
Fragestellung:Gehirnstrukturen und funktionelle Verbindungen in Zusammenhang mit Pornokonsum
Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Kühn S, Gallinat J. Brain Structure and Functional Connectivity Associated
With Pornography Consumption: The Brain on Porn. JAMA Psychiatry. 2014 May 28.
doi: 10.1001/jamapsychiatry.2014.93.
Zusammenfassung

Weitere wissenschaftliche Quellen

[2] Reid u.a. 2011)
Studientyp: Kritik einer narrativen Übersichtsarbeit
Reid RC, Carpenter BN, Fong TW. Neuroscience research fails to support claims
that excessive pornography consumption causes brain damage. Surg Neurol Int.
2011;2:64.
Zusammenfassung