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Kohlensäure: Prickelndes Gesundheitsrisiko?

Kohlensäure als Gesundheitsrisiko in Erfrischungsgetränken?

Kohlensäure als Gesundheitsrisiko in Erfrischungsgetränken?

Getränke mit Kohlensäure sollen angeblich Krebs auslösen und Speiseröhre und Magen schädigen. Wissenschaftliche Beweise für diese Behauptung fehlen.

Frage:Verursacht Kohlensäure Krebs?
Antwort:möglicherweise Nein
Frage:Hat Kohlensäure gesundheitliche Auswirkungen auf den Verdauungstrakt?
Antwort:unklar
Erklärung:Derzeit existierende Studien sind zu wenig aussagekräftig, um verlässlichen Schlüsse über die Auswirkung von Kohlensäure auf den Verdauungstrakt zu erlauben. Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass Kohlensäure keinen Krebs verursachen dürfte. Das ist aber nur bedingt durch Studien von geringer Aussagekraft abgesichert.

Wasser ist lebensnotwendig, das nasse Element macht mehr als die Hälfte unseres Körpergewichts aus [18]. Experten sind sich einig, dass ausreichendes Trinken ein unverzichtbarer Baustein gesunden Lebens ist. Ob prickelnde oder stille Getränke besser für unsere Gesundheit sind, dazu gehen die Meinungen jedoch auseinander.

Nutzen oder Schaden?

Gerüchten zufolge soll Kohlensäure unserem Körper schaden. Angeblich ruiniere die Säure unter anderem die Speiseröhre, den Magen, die Zähne oder die Leber. Vereinzelt wird sogar behauptet, Kohlensäure könne Krebs auslösen.

Völlig anders sehen das die Befürworter kohlensäurehältiger Getränke: Sie regten den Speichelfluss und die Verdauung an, füllten den Magen und verminderten so das Hungergefühl [6, 7] [13] [17]. Wie groß ist der Einfluss der Blubberbläschen auf unsere Gesundheit tatsächlich?

Krebs durch Kohlensäure wenig wahrscheinlich

Wir können derzeit nicht sicher beurteilen, ob ein Ja zu kohlensäurehältigen Getränken reine Geschmackssache ist, oder auch die Gesundheit beeinträchtigt. Immerhin gibt es Hinweise darauf, dass Kohlensäure nicht für die Entstehung von Krebs verantwortlich ist [1-4]. Diese Hinweise stammen allerdings aus wenig aussagekräftigen Studien von geringer Qualität.

Untersuchungen an purer, in Wasser gelöster Kohlensäure (in Form von Mineral- oder Sodawasser) konnten wir allerdings keine finden. Die meisten der Studien dazu haben die Auswirkung von zuckerhältigen Softdrinks auf das Krebsrisiko unter die Lupe genommen. Neben Zucker enthalten diese kohlensäurehältigen Limonaden oft auch Geschmacks- und Farbstoffe – alles Inhaltsstoffe, die unabhängig von Kohlensäure als potentielle Krebsauslöser in Frage kämen. Fehlen jedoch Hinweise, dass Kohlensäure in Kombination mit anderen Inhaltsstoffen keinen Krebs auslöst, ist unwahrscheinlich, dass sie das alleine tut.

Indirekt können Softdrinks allerdings tatsächlich zu Krebs führen. Wer Cola und andere Limonaden regelmäßig in rauen Mengen trinkt, neigt nämlich dazu, übergewichtig zu werden. Und Übergewicht ist ein bekannter Risikofaktor für Krebserkrankungen [19]. Es gibt jedoch keine Belege dafür, dass Zucker auch ohne Übergewicht das Krebsrisiko erhöht.

Auswirkungen auf die Verdauung ungeklärt

Schwierig ist auch abzuschätzen, ob Sprudelgetränke die Verdauung beeinträchtigen. Einige Studienautoren untersuchten beispielsweise, ob kohlensäurehältige Getränke der Verdauung auf die Sprünge helfen können [5, 6] [17]. Andere Wissenschaftler erforschten in ihren Studien, ob Kohlensäure Sodbrennen und Entzündungen der Speiseröhre [12, 13] verursachen kann. Zu keiner dieser Fragestellungen gibt es allerdings gutgemachte Studien, bisher veröffentlichte Untersuchungen dazu sind meist von sehr schlechter Qualität. Was Kohlensäure im Verdauungstrakt bewirkt, lässt sich aus ihren Ergebnissen daher nicht schließen.

Gefahr durch Überdruck

Kohlensäurehaltige Getränke bergen noch eine ganz andere Gefahr für die Gesundheit. Jeder von uns kennt das Phänomen: Nach kräftigem Schütteln, vor allem bei sommerlichen Temperaturen, spritzt ein kohlensäurehaltiges Getränk beim Öffnen mit großer Kraft aus der Flasche. Der Grund ist der hohe Druck, unter dem die Flasche steht.

So gibt es zahlreiche Fälle, bei denen sich Betroffene beim Öffnen einer solchen Flasche schwer verletzt haben. Die Palette reicht dabei von Verwundungen durch Glassplitter berstender Flaschen bis hin zu Augenverletzungen durch davonfliegende Flaschenverschlüsse. Gefährlich ist es, eine unter Druck stehende Flasche mit den Zähnen zu öffnen. Dabei hat das im Überdruck austretende Kohlendioxid in einigen Fällen schwere Verletzungen der Schleimhäute in der Speiseröhre verursacht [8-11].

In Wasser gelöstes Kohlendioxid

Kohlensäure entsteht, wenn sich Kohlendioxid in Wasser löst – so nachzulesen in diversen Chemiebüchern. Die dabei entstehende schwache Säure bedingt unter anderem das typische Geschmackserlebnis kohlensäurehältiger Getränke [7].

Das Zischen beim Öffnen einer Mineralwasserflasche oder auch das bekannte Kribbeln im Mund beim Genuss dieses Getränks kommt daher, dass das nur schwach lösliche Kohlendioxid wieder aus dem Wasser entweicht. Die spritzigen Bläschen kommen dabei in verschiedensten Getränken vor: Mineralwasser entspringt natürlichen unterirdischen Quellen und enthält teils von Natur aus Kohlensäure. Je nach Fundort kommen darin noch verschiedene Mineralstoffe und Spurenelemente vor. Sodawasser ist Leistungswasser, dem nachträglich Kohlendioxid zugesetzt wurde [14,15]. Limonaden enthalten neben der Kohlensäure eine Menge anderer Inhaltsstoffe wie beispielsweise Zucker, Koffein, Lebensmittelfarbstoffe oder Phosphorsäure (zum Beispiel in Cola).

 

Die Studien im Detail

Gut durchgeführte Studien, welche die Auswirkungen von Kohlensäure auf die Gesundheit untersuchen, sind rar. Bei den meisten ist nicht Kohlensäure selbst das Thema, sondern zuckerhältige Limonaden. Hier ist es schwierig festzustellen, ob Kohlensäure selbst oder einer der anderen Inhaltsstoffe eine mögliche gesundheitliche Auswirkung hat. Zudem ist die Qualität der meisten Untersuchungen schlecht.

Wenig aussagekräftige Studiendesigns

Auch zur Frage, ob Sprudelgetränke Krebs auslösen könnten, untersuchten Studien meistens Softdrinks. Die Verfasser sogenannter Fall-Kontroll-Studien interessierten sich beispielsweise dafür, ob Krebspatienten in der Vergangenheit mehr kohlensäurehältige Softdrinks getrunken hatten als gesunde Personen [2-4]. In einigen Kohortenstudien haben Forscher anfangs gesunde Studienteilnehmer beobachtet, um zu sehen, ob Kohlensäure-Fans eher an Krebs erkranken würden als solche, die stille Getränke bevorzugten [1].

Es gibt jedoch viele Faktoren, die das Krebsrisiko erhöhen, darunter sind beispielsweise Übergewicht, wenig Bewegung, Rauchen oder übermäßiger Alkoholgenuss. In Fall-Kontroll-Studien oder Kohortenstudien können die Autoren nicht ausschließen, dass etwaige Krebsfälle durch solche Faktoren und nicht durch die Menge der getrunkenen Kohlensäure verursacht worden sind.

Erinnerungslücken nicht auszuschließen

Beispielhaft für diese Problematik sind drei Fall-Kontroll-Studien [2-4], in denen die Autoren die Auswirkung von Softdrinks auf die Entstehung von Speiseröhrenkrebs untersuchen wollten. Dabei hatten sie an Krebs erkrankte und gesunde Personen zu ihren Trinkgewohnheiten befragt. Kohlensäurehältige Getränke werden von manchen Wissenschaftlern verdächtigt, chronische Entzündungen der Speiseröhre zu verursachen, weil sie den Rückfluss von Magensäure in die Speiseröhre verursachen könnten. Patienten, die an dieser sogenannten „gastroösophagealen Refluxkrankheit“ leiden, könnten im schlimmsten Fall an Speiseröhrenkrebs erkranken [16].
In keiner der drei Arbeiten fanden die Forscher einen Zusammenhang zwischen Kohlensäure und der Entstehung von Krebs. Die Verlässlichkeit der Ergebnisse ist jedoch eingeschränkt. Der Haken liegt darin, dass sich die Studienteilnehmer bis zu 20 Jahre zurückerinnern sollten, ob und wie viele kohlensäurehältige Getränke sie damals getrunken hatten. Dass alle Befragten das noch im Detail wussten, ist unwahrscheinlich.

Andererseits mussten sich in einer australischen Fall-Kontroll-Studie [2] die an Speiseröhrenkrebs erkrankten Personen und jene der Kontrollgruppe nur ein Jahr zurückerinnern was sie getrunken hatten. Bei dieser Zeitspanne sind Erinnerungslücken unwahrscheinlicher. Allerdings ist der hinterfragte Zeitraum zu kurz, um einen Zusammenhang von kohlensäurehaltigen Getränken und Krebs tatsächlich erforschen zu können. Krebs entwickelt sich in den meisten Fällen nicht von heute auf morgen, sondern über Jahre und Jahrzehnte.

Eine von Coca Cola gesponserte, systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2014 [1] fasst die Ergebnisse aller bisher veröffentlichten Studien zu Softdrinks und Krebs zusammen. Diese Arbeit berücksichtigt neben Untersuchungen zu vielen anderen Krebsarten auch die eben beschriebenen Studien zu Speiseröhrenkrebs. Insgesamt stellten die Autoren für keine Krebsform ein erhöhtes Risiko in Zusammenhang mit kohlensäurehältigen Softdrinks fest. Allerdings bemängeln auch sie die meist schlechte Qualität der eingeschlossenen Studien und weist die Arbeit per se einige methodische Mängel auf.

Hilft Sprudelwasser der Verdauung auf die Sprünge?

Einige Studien haben auch die Auswirkungen von Mineralwasser auf die Verdauung zum Thema [5,6] [12,13] [17]. Gemeinsam ist ihnen, dass sie aufgrund ihrer schlechten methodischen Qualität wenig vertrauenswürdig sind. Zudem haben sie nur sehr wenige Teilnehmer untersucht.

So kommen die Autoren einer randomisiert kontrollierten Studie an 21 Teilnehmern zum Schluss, dass kohlensäurehaltiges Wasser bei Verdauungsproblemen oder Verstopfung hilft [5]. Dieses Ergebnis ist allerdings mit Vorsicht zu genießen, nicht zuletzt weil ein italienischer Mineralwasserproduzent die Studie mitfinanziert hat.

Ob sich Mineralwasser auf die Geschwindigkeit der Magenentleerung auswirkt wurde in einer Studie aus dem Jahr 1997 an acht gesunden Menschen untersucht [6]. Bis auf ein erhöhtes Rülps-Bedürfnis zeigten sich keine Auswirkungen.

(AutorIn: C. Christof, Review: B. Kerschner)

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Ähnliche Artikel

 

 

Wissenschaftliche Quellen

[1] Boyle u.a. (2014)
Boyle, P., Koechlin, A., & Autier, P. (2014). Sweetened carbonated beverage consumption and cancer risk: meta-analysis and review. Eur J Cancer Prev, 23(5), 481-490. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Ibiebele u.a. (2008)
Ibiebele, T. I., Hughes, M. C., O’Rourke, P., Webb, P. M., & Whiteman, D. C. (2008). Cancers of the esophagus and carbonated beverage consumption: a population-based case-control study. Cancer Causes Control, 19(6), 577-584. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Lagergren u.a. (2006)
Lagergren, J., Viklund, P., & Jansson, C. (2006). Carbonated soft drinks and risk of esophageal adenocarcinoma: a population-based case-control study. J Natl Cancer Inst, 98(16), 1158-1161. (Studie in voller Länge)

[4] Mayne u.a. (2006)
Mayne, S. T., Risch, H. A., Dubrow, R., Chow, W. H., Gammon, M. D., Vaughan, T. L., . . . Fraumeni, J. F., Jr. (2006). Carbonated soft drink consumption and risk of esophageal adenocarcinoma. J Natl Cancer Inst, 98(1), 72-75. (Studie in voller Länge)

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Codexkapitel / B 17 / Abgefüllte Wässer, Österreichisches Lebensmittelbuch, IV. Auflage (2015), abgerufen am 14.04.2016 unter: www.verbrauchergesundheit.gv.at/lebensmittel/buch/codex/B_17_Abgefuellte_Waesser_2.pdf?4s6edz

[15] Ammon & Hunnius (2014)
Ammon, H. P. T., & Hunnius, C. (2014). Hunnius Pharmazeutisches Wörterbuch (11., aktualisierte Aufl. ed.). Berlin: Gruyter.

[16] Pschyrembel & Arnold (2014)
Pschyrembel, W., & Arnold, U. (2014). Pschyrembel Klinisches Wörterbuch (266., aktualisierte Aufl. ed.). Berlin [u.a.]: De Gruyter.

[17] Wakisaka (2012)
Wakisaka, S., Nagai, H., Mura, E., Matsumoto, T., Moritani, T., & Nagai, N. (2012). The effects of carbonated water upon gastric and cardiac activities and fullness in healthy young women. J Nutr Sci Vitaminol (Tokyo), 58(5), 333-338. (Studie in voller Länge)

[18] Öffentliches Gesundheitsportal Österreichs (2014)
Öffentliches Gesundheitsportal Österreichs: Wie viel Flüssigkeit braucht der Körper? abgerufen am 15.04.2016 unter: www.gesundheit.gv.at/Portal.Node/ghp/public/content/Fluessigkeit_KH.html

[19] Deutsches Krebsforschungszentrum (2007)
Ernährung und Krebsrisiko. Abgerufen am 15. 4. 2016 unter www.krebsinformationsdienst.de/vorbeugung/risiken/ernaehrung-praevention2.php