Medizin transparent - Wissen was stimmt – unabhängig und wissenschaftlich geprüft

Jetzt anfragen

Sie fragen, wir antworten

Stimmt die Behauptung aus Internet, Werbung oder den Medien?

Artikel

Kann Topiramat Migräne-Attacken verhindern?

Lähmende Migräneattacke

Es gibt unterschiedliche Formen von Migräne, schlimm sind sie alle. Umso mehr wird jedes Medikament begrüßt, das Häufigkeit oder Intensität der Attacken reduzieren kann. Wie sehr hilft Topiramat?

Zeitungsartikel: Migräne: Bewährte Therapien, neue Optionen (28.09.2012, derstandard.at)
Frage:Kann Topiramat die Häufigkeit von Migräneattacken verringern?
Antwort:möglicherweise Ja
Erklärung:Möglicherweise ja. Eine Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration bescheinigt Topiramat die Häufigkeit von Migräne-Attacken bei Erwachsenen geringfügig zu reduzieren, bei einigen Patienten gehen die Attacken sogar deutlich zurück. Dennoch gibt es offene Fragen und die Nebenwirkungen sind nicht zu unterschätzen.

Eigentlich ist Topiramat ein Medikament gegen Epilepsie, aber wie schon bei anderen Mitteln aus dieser Kategorie, erhofft man sich auch eine Wirksamkeit gegen Migräne – auch wenn der Wirkmechanismus bisher unbekannt ist.

Anfälle verhindern?

Es wird unter anderem zwischen episodischer und chronischer Migräne unterschieden, von letzterer wird bei mehr als 15 Tagen mit Kopfschmerzen im Monat gesprochen. Migräne wird auf zwei Wegen bekämpft: Einerseits prophylaktisch – Attacken sollen weniger häufig werden, andererseits akut: die Symptome einer Attacke werden gemildert.

Eine Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration hat im Jahr 2013 untersucht, ob Topiramat bei episodischer Migräne vorbeugend helfen kann [1]. Die Autoren fassten die Ergebnisse von 17 Studien zusammen und fanden heraus, dass die Zahl der Kopfwehattacken tatsächlich zurückgeht – allerdings nur um eine in 28 Tagen. Das Mittel hat noch einen weiteren Vorteil: Es verdoppelt die Chancen, dass sich die Häufigkeit der Attacken um die Hälfte reduziert.[1] Die Übersichtsarbeit zeigt auch positive Auswirkungen auf die allgemeine Lebensqualität, allerdings nur in geringem Maße und nicht ganz widerspruchsfrei. Die Intensität der Kopfschmerzen wurde nicht untersucht, sondern eben nur ihre Häufigkeit.

Die fehlende Analyse

Die Übersichtsarbeiten der Cochrane Collaboration sind zumeist von sehr guter methodischer Qualität. Wirklich aussagekräftig sind sie allerdings nur, wenn es gute Einzelstudien gibt, die zusammengefasst werden können, sonst zeigen sie nur, wo noch Forschungsbedarf besteht. Eine gute Übersichtsarbeit schaut sich immer an, wie gut die Qualität der Einzelstudien ist. Das wurde auch in der Arbeit zu Topiramat gegen episodische Migräne gemacht, einige der Einzelstudien sind akzeptabel, viele haben methodische Schwächen.

Um herauszufinden, wie vertrauenswürdig die Ergebnisse sind, kann getestet werden, ob bei den guten Studien etwas anderes herauskommt als bei den methodisch schlechten Studien. Das ist eine übliche Vorgehensweise, sofern es genügend Einzelstudien gibt. Allerdings wurde das bei dieser Übersichtsarbeit nicht gemacht. Die Autoren haben zwar die Qualität der Einzelstudien erhoben, gehen in ihrer Interpretation aber nur wenig darauf ein – obwohl keine der Studien methodisch einwandfrei war. Zwar gehen hier alle Studien in die gleiche Richtung und zeigen eine Wirksamkeit von Topiramat an, aber trotz der Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration ist die Beweislage niedrig, auch weil es noch weitere Kritikpunkte gibt: Die Autoren haben mehrere Interessenskonflikte und es ist möglich, dass Studien mit schlechten Ergebnissen nicht veröffentlicht wurden (publication bias).

Mehr Neben- als Wirkung?

Zu den Nebenwirkungen gehören unter anderem Geschmacksstörungen, Müdigkeit und Gewichtsverlust. Noch schwerer in der Beurteilung von Topiramat wiegt allerdings, dass sehr viele Studienteilnehmer die Studien aufgrund von Nebenwirkungen abgebrochen haben; bei der üblichen Dosis von 100mg/Tag waren es im Schnitt 20 Prozent, in einer Studie haben sogar die Hälfte aller Teilnehmer die Studie wegen der Nebenwirkungen vorzeitig abgebrochen.[1] Eine so hohe Ausfallsquote ist nicht nur ein Hinweis auf starke Nebenwirkungen – wenn so viele Teilnehmer die Studie nicht beenden, senkt das ganz allgemein die Aussagekraft, auch die Wirksamkeit kann nicht mehr zuverlässig berechnet werden.

Wenig Wissen zu chronischer Migräne

In der Expertenempfehlung zu Therapie und Versorgung bei chronischer Migräne werden zwei kleine Studien erwähnt, laut denen Topiramat auch bei der chronischen Migräne Attacken vorbeugen kann [2]. Völlig unklar ist, wie lange eine vorbeugende medikamentöse Behandlung erfolgen soll.

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner, P. Mahlknecht)

Artikel empfehlen: auf Facebook teilen auf Twitter teilen

 

Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Linde u.a. (2013)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 20 Artikel zu 17 Studien
Fragestellung: Topiramat zur Vorbeugung bei episodischer Migräne
Interessenskonflikte: Alle Autoren haben in den vergangenen Jahren unterschiedliche Honorare für Forschungstätigkeiten im Bereich Migräne von Pharmafirmen bekommen.
Linde M, Mulleners WM, Chronicle EP, McCrory DC. Topiramate for the prophylaxis of episodic migraine in adults. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013, Issue 6. Art. No.: CD010610.
Zusammenfassung

[2] Straube u.a. (2012)
Studientyp: Expertenempfehlung
Fragestellung: Therapie und Versorgung bei chronischer Migräne
Interessenskonflikte: Unklar

Straube A, Gaul C, Förderreuther S, Kropp P, Marziniak M, Evers S, Jost WH,
Göbel H, Lampl C, Sándor PS, Gantenbein AR, Diener HC; German Migraine and
Headache Society; German Society for Neurology; Austrian Headache Society; Swiss
Headache Society. [Therapy and care of patients with chronic migraine: expert
recommendations of the German Migraine and Headache Society/German Society for
Neurology as well as the Austrian Headache Society/Swiss Headache Society].
Nervenarzt. 2012 Dec;83(12):1600-8.
Zusammenfassung

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] Detaillierte Kritik an drei frühen Studien, die sich auch in der Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration wieder finden: http://www.arznei-telegramm.de/html/2005_09/0509081_01.html