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Kann Sport Migräne vorbeugen?

Migräne-Kopfschmerzen

Migräne-Kopfschmerzen

Aktualisiert: „Sport hilft bei Migräne“ titelte die Kleine Zeitung in ihrer Gesundheitsrubrik. Wissenschaftliche Hinweise darauf sind widersprüchlich. Regelmäßiger Sport könnte zwar manchen Migränepatienten etwas helfen, sicher beurteilen lässt sich dies allerdings noch nicht. (Ursprünglich veröffentlicht am 8.2.2012)

Zeitungsartikel: Sport hilft bei Migräne (19. 1. 2012, Kleine Zeitung)
Frage:Kann regelmäßige sportliche Betätigung Migräne-Symptomen vorbeugen oder diese lindern?
Antwort:möglicherweise Ja
Erklärung:Regelmäßiger Sport scheint in manchen, aber nicht allen Untersuchungen zumindest die Schmerzintensität zukünftiger Migräne-Attacken etwas zu verringern. Ob auch die Häufigkeit von Migräne-Attacken gesenkt werden kann, lässt sich nicht sicher beurteilen. dazu müssten größere, abgesichertere Studien durchgeführt werden.

[Aktualisiert 1.7.2014: Eine Suche nach neuen Studien bringt keine inhaltliche Änderung]

Bei Migräne handelt es sich um starke Kopfschmerzen, die meist anfallsartig auftreten. Diese Kopfweh-Attacken werden oft von starker Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet, sodass Betroffene oft einen abgedunkelten und ruhigen Raum aufsuchen. Nicht selten gehen sie auch mit Übelkeit und Erbrechen einher. Ein Migräneanfall dauert für gewöhnlich einige Stunden und vergeht dann wieder von selbst, in manchen Fällen kann er aber bis zu 72 Stunden anhalten.

In Österreich sind rund ein Zehntel der Bevölkerung betroffen [1]. Dabei kündigt sich ein solcher Migräneanfall bei rund 2 von 10 Betroffenen durch verschiedene neurologische Symptome wie etwa die Wahrnehmung von Lichtblitzen oder Sehstörungen, Taubheit oder Kribbeln mancher Körperteile oder durch andere Wahrnehmungsveränderungen an – man spricht von einer sogenannten Aura.

Viele Patienten empfinden bestimmte Faktoren als Auslöser solcher Anfälle. So kann bei manchen Betroffenen etwa Stress, Sorgen, Müdigkeit, körperliche Anstrengung, aber auch das Eintreten der Menstruation oder die Verhütungspille sowie manchmal bestimmte Nahrungsmittel eine Migräne-Attacke hervorrufen.

Behandlung und Vorbeugung

Zur akuten Schmerzbehandlung – also im Falle einer gerade auftretenden Migräne-Attacke – existieren unterschiedliche Schmerzmittel, auf die schon in einem früheren Medizin-Transparent-Artikel eingegangen worden ist.

Zur Vorbeugung zukünftiger Anfälle wird neben der Verschreibung verschiedener Arzneimittel aber auch Hoffnung in nicht-medikamentöse Behandlungsformen gesetzt, bei denen weniger unerwünschte Nebenwirkungen erwartet werden. So hat sich etwa die Akkupunktur als eine wirksame Vorbeugemaßnahme herausgestellt (siehe dazu den Medizin-Transparent-Beitrag vom 3. 10. 2011).

Der Kleinen Zeitung zufolge soll auch Ausdauersport helfen, die Anzahl an Migräne-Tagen sowie die Dauer zukünftiger Anfälle zu senken.

Möglicherweise geringer Vorbeugeeffekt durch Sport

Die vorbeugende Wirkung von Sport lässt sich nur eingeschränkt beurteilen. In einer systematischen Übersicht aus dem Jahr 2008 [2] über 7 Studien mit sehr geringen Teilnehmerzahlen kommen die Autoren zu dem Schluss, dass sportliche Betätigung wahrscheinlich eine geringfügige Verringerung der Schmerz-Intensität weiterer Migräne-Anfälle bewirken kann. Die Mehrzahl der eingeschlossenen Studien fand jedoch keinen Hinweis auf eine Verringerung der Anfallshäufigkeit oder der Dauer zukünftiger Migräne-Attacken. Zudem entsprachen viele der Studien nur eingeschränkt den strengen wissenschaftlichen Standards an eine gute Studie – so fehlte etwa oft eine Vergleichsgruppe, ohne die sich der Effekt einer Maßnahme nur bedingt einschätzen lässt.

Seit dem Erscheinen dieser Übersichtsarbeit wurden drei weitere Studien zu diesem Thema veröffentlicht. Eine randomisiert-kontrollierte Studie [3] an 30 Migräne-Patientinnen fand für ein Kombinationsprogramm aus aerobem Training mit anschließender Muskelentspannung zumindest eine geringe Reduktion der Schmerz-Intensität zukünftiger Migräneanfälle. Für eine Reduktion der Häufigkeit solcher Anfälle oder einer positiven Auswirkung auf die Stimmungslage der Betroffenen gab es jedoch keine Hinweise.

In einer weiteren, weniger streng durchgeführten Untersuchung [4] an 16 Betroffenen zeigte sich im Vergleich zu Migränepatienten, die an keinem Sportprogramm teilnahmen, ebenfalls eine kleine Verringerung der Schmerzintensität. Zusätzlich konnten die Forscher auch eine Verringerung der Anzahl der Migräne-Tage (von 4 auf etwa 3 pro Monat) feststellen. Doch das Sportprogramm zeigte nicht bei allen Patienten eine solche Wirkung.

In einer neueren Untersuchung aus dem Jahr 2009 [5] fanden die Wissenschaftler eine ähnliche Verbesserung, was die Häufigkeit von monatlichen Migräne-Attacken betraf. In Ermangelung einer Vergleichsgruppe lässt sich allerdings nicht feststellen, ob tatsächlich das Sportprogramm die Ursache für diese geringfügige Verbesserung war oder bereits die ständige Betreuung durch Physiotherapeuten und Ärzte eine solche Veränderung bewirkt hat.

Zu wenig umfassende Untersuchungen für klaren Effekt

Zusammenfassend scheint eine gewisse Wirksamkeit von regelmäßig betriebenen Ausdauersportarten wie etwa Joggen oder Radfahren zur Vorbeugung vor Migräne-Anfällen wahrscheinlich. Diese dürfte aber nicht besonders groß sein und sich vor allem in einer Verringerung der Schmerzintensität der Anfälle bemerkbar machen.

Für eine sichere Einschätzung dieses Effekts wurden allerdings bisher zu wenig umfangreiche und nach strengen wissenschaftlichen Kriterien geplante Studien durchgeführt. Nicht nur, dass die Anzahl der Teilnehmer in den bisherigen Untersuchungen zu klein war, gab es oft keine Vergleichsgruppe, oder die Zuteilung zu Versuchs- und Vergleichsgruppe war nicht zufällig und somit anfällig für Verzerrungen.

Zudem ist möglich, dass die Dauer der untersuchten Sportprogramme mit 6 bis höchstens 26 Wochen zu kurz ist, um eine deutliche Auswirkung zu zeigen.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, K. Thaler)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[2] Busch u. a. (2008)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 2 randomisiert-kontrollierte Studien, eine kontrollierte Studie und 5 nicht-kontrollierte Beobachtungsstudien.
Teilnehmer: 156 (davon 34 in randomisiert-kontrollierten Studien und 40 in einer kontrollierten Studie)
Dauer: 6 – 26 Wochen, 2-3x 20 – 60 min. pro Woche
Fragestellung: Wirksamkeit von Ausdauersport-Programmen auf Migräne

Titel: Exercise in migraine therapy. Is there any evidence for efficacy: a critical review Headache 890-899. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Dittrich u. a. (2008)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 30 Migräne-Patientinnen
Dauer: 6 Wochen, 2x wöchentlich 45 Minuten aerobes Training und 15 Minuten progressive Muskelentsprannung
Vergleich: Wirkung eines Programms mit aerobem Training und progressiver Muskelentspannung sowie Informationen und herkömmlicher medizinischer Behandlung verglichen mit Information und herkömmlicher Behandlung ohne Sport

Titel: “Aerobic exercise with relaxation: influence on pain and psychological well-being in female migraine patients”. Clinical journal of sport medicine : official journal of the Canadian Academy of Sport Medicine 363-365 (Zusammenfassung der Studie)

[4] Darabaneanu u. a. (2011)
Studientyp: nicht-randomisierte, kontrollierte Studie
Teilnehmer: 16 Migräne-Patienten
Dauer: 10 Wochen, 3x wöchentlich 50 Minuten Joggen
Vergleich: Wirkung von Ausdauersport verglichen mit keiner keinem Sport bei Migräne

Titel: “Aerobic exercise as a therapy option for migraine: a pilot study.” Int J Sports Med. 2011 Jun;32(6):455-60. Epub 2011 Apr 6.  (Zusammenfassung der Studie)

[5] Varkey u. a. (2009)
Studientyp: nicht kontrollierte Studie
Teilnehmer: 26 Migräne-Patienten
Dauer: 12 Wochen, 3x wöchentlich 40 Minuten am Hometrainer
Fragestellung: Wirksamkeit von Ausdauersport-Programmen auf Migräne

Titel: “A study to evaluate the feasibility of an aerobic exercise program in patients with migraine”. Headache. 2009 Apr;49(4):563-70. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[1] Lampl C, Buzath A, Baumhackl U, Klingler D. One-year prevalence of migraine in
Austria: a nation-wide survey. Cephalalgia. 2003 May;23(4):280-6. (Zusammenfassung der Studie)