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Kann Pestwurz Migräne-Attacken verhindern?

Migräneattacke

Nach der Anfrage zu Topiramat wurden wir nun nach der Wirksamkeit von Pestwurz gefragt. Die Pflanze enthält an sich Giftstoffe, aber ein korrekt aufbereitetes Präparat verspricht zumindest geringe Hilfe – auch wenn das „sehr wirkungsvoll“ im Artikel auf orf.at übertrieben ist.

Zeitungsartikel: Heilpflanzen zur Migränebehandlung (18.02.2013, ORF Kärnten)
Frage:Kann Pestwurz Migräne-Attacken vorbeugen?
Antwort:möglicherweise Ja
Erklärung:Zwei gut gemachte randomisiert-kontrollierte Studien zeigen eine Wirksamkeit – die Anzahl von Migräneattacken kann mit Pestwurz wahrscheinlich gesenkt werden. Auch wenn der Effekt nicht riesig ist, kann sich die Einnahme aufgrund nur geringer Nebenwirkungen lohnen.

Die Pestwurz (Petasites hybridus) galt schon bei den alten Griechen und Römern als Heilpflanze, in der modernen Medizin wird sie unter anderem als Mittel zur Migränevorbeugung diskutiert. Zwar ist die Pestwurz aufgrund ihrer Giftigkeit nicht zur Selbstmedikation mittels Tee oder ähnlichem zu gebrauchen, aber gereinigte Präparate haben es tatsächlich in einige Migräne-Richtlinien geschafft.

Zwei Studien als Empfehlung

Drei Übersichtsarbeiten [1][2][3] haben sich unter anderem mit der vorbeugenden Wirkung von Pestwurz bei Migräne auseinandergesetzt, doch sie finden alle nur die gleichen zwei Einzelstudien: Eine randomisiert-kontrollierte Studie mit 60 Teilnehmern aus dem Jahr 2000 und eine mit 245 Teilnehmern aus dem Jahr 2004. Von der kleineren Studie existieren allerdings mehrere Datenauswertungen, da bei der Originalstudie einige Auswertungsfehler passiert sind.

Beide Studien zusammengefasst zeigen, dass es mit dem Pestwurz-Präparat im Vergleich zu einem Scheinmedikament doppelt so wahrscheinlich ist, dass sich die Zahl der Migräneattacken nach zwölf Wochen halbiert. Die kanadischen Leitlinien zur Migräne-Prophylaxe sprechen daher eine starke Empfehlung für das Mittel aus – auch weil es kaum Nebenwirkungen gibt. Als optimale Dosis werden 75 Milligramm zweimal täglich genannt [1].

Die genannten Übersichtsarbeiten sind von unterschiedlicher Qualität, kommen aber alle aufgrund der beiden gleichen Studien zu den gleichen Schlüssen: Pestwurz kann für manche Patienten die Zahl von Migräneattacken verringern.

Hintergrund

Bei Migräne handelt es sich um starke Kopfschmerzen, die meist anfallsartig auftreten. Diese Kopfweh-Attacken werden oft von starker Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet, sodass Betroffene oft einen abgedunkelten und ruhigen Raum aufsuchen. Nicht selten gehen sie auch mit Übelkeit und Erbrechen einher. Ein Migräneanfall dauert für gewöhnlich einige Stunden und vergeht dann wieder von selbst, in manchen Fällen kann er aber bis zu 72 Stunden anhalten.

In Österreich sind rund ein Zehntel der Bevölkerung betroffen [a]. Dabei kündigt sich ein solcher Migräneanfall bei rund 2 von 10 Betroffenen durch verschiedene neurologische Symptome wie etwa die Wahrnehmung von Lichtblitzen oder Sehstörungen, Taubheit oder Kribbeln mancher Körperteile oder durch andere Wahrnehmungsveränderungen an – man spricht von einer sogenannten Aura.

Viele Patienten empfinden bestimmte Faktoren als Auslöser solcher Anfälle. So kann bei manchen Betroffenen etwa Stress, Sorgen, Müdigkeit, körperliche Anstrengung, aber auch das Eintreten der Menstruation oder die Verhütungspille sowie manchmal bestimmte Nahrungsmittel eine Migräne-Attacke hervorrufen.

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Pringsheim u.a. (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 2 zu Pestwurz
Teilnehmer insgesamt: 305
Fragestellung: Guideline der kanadischen Kopfschmerz-Gesellschaft zur Migräneprophylaxe
Interessenskonflikte: Alle Autoren haben von diversen Pharmaunternehmen Berater- oder Vortragshonorare erhalten.

Pringsheim T, Davenport W, Mackie G, Worthington I, Aubé M, Christie SN,
Gladstone J, Becker WJ; Canadian Headache Society Prophylactic Guidelines
Development Group. Canadian Headache Society guideline for migraine prophylaxis.
Can J Neurol Sci. 2012 Mar;39(2 Suppl 2):S1-59.
Zusammenfassung

[2] Orr, Venkateswaran (2014)
Studientyp: Narrative Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 30 Studien zu 6 Stoffen, zwei randomisiert-kontrollierte Studien zu Pestwurz
Fragestellung: Funktionelle Nahrungsmittel zur Vorbeugung von Migräne bei Kindern Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Orr SL, Venkateswaran S. Nutraceuticals in the prophylaxis of pediatric
migraine: Evidence-based review and recommendations. Cephalalgia. 2014 Jan
17;34(8):568-583.
Zusammenfassung

[3] Holland u.a. (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 2 zu Pestwurz
Teilnehmer insgesamt: 305
Fragestellung: Guideline der Amerikanischen Akademie für Neurologie und der Amerikanischen Kopfschmerz-Gesellschaft für die Prophylaxe von episodischer Migräne

Holland S, Silberstein SD, Freitag F, Dodick DW, Argoff C, Ashman E; Quality
Standards Subcommittee of the American Academy of Neurology and the American
Headache Society. Evidence-based guideline update: NSAIDs and other complementary
treatments for episodic migraine prevention in adults: report of the Quality
Standards Subcommittee of the American Academy of Neurology and the American
Headache Society. Neurology. 2012 Apr 24;78(17):1346-53.
Zusammenfassung

Weitere wissenschaftliche Quellen

[a] Lampl C, Buzath A, Baumhackl U, Klingler D. One-year prevalence of migraine in Austria: a nation-wide survey. Cephalalgia. 2003 May;23(4):280-6. (Zusammenfassung der Studie)