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Kaiserschnitt: Prägend für die Gesundheit?

©iStockphoto.com/John Kelly

Start ins Leben

In Österreich kommt mittlerweile jedes dritte Baby per Kaiserschnitt zur Welt. Ein Artikel im Nachrichtenmagazin News berichtet, die Schnittentbindung habe gesundheitliche Langzeitfolgen. Ist die Geburt im OP tatsächlich nachhaltig prägend?

Zeitungsartikel: Kranker Kaiserschnitt? (9.3.2014, news.at)
Frage:Haben Kaiserschnitt-Babys im späteren Leben ein höheres Risiko für chronische Krankheiten?
Antwort:Es gibt Hinweise auf eine moderate Risikoerhöhung für die Entwicklung von Übergewicht im späteren Leben. Für Asthma, Allergien und Typ-1-Diabetes ist dies unklar. Ob ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Entbindungsmodus und Krankheitsentwicklung im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter besteht, ist nicht geklärt.
Beweislage:
Unzureichende wissenschaftliche Beweislagefür die Entwicklung von Asthma, Allergien und Typ-1-Diabetes
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagefür das Risiko zur Entwicklung von Übergewicht

In Österreich kommt etwa jedes dritte Kind per Kaiserschnitt zur Welt. Somit liegt die in den letzten Jahren stark angestiegene Kaiserschnittrate deutlich über der WHO-Empfehlung von bis zu 15 Prozent. Auch in vielen anderen Ländern ist der Kaiserschnitt ein Routineeingriff. [9]

Notfall, Routine, Wunsch

Ein Kaiserschnitt wird einerseits als Notfalls-Operation durchgeführt, wenn während der Geburt Komplikationen auftreten. Hierzu zählen starke Blutungen, zu schwache Wehen oder eine alarmierende Herzfrequenz des Babys. Die OP kann Mutter und Kind das Leben retten oder Folgeschäden vermeiden.

In vielen Fällen wird ein Kaiserschnitt auch im Voraus geplant, zum Beispiel wenn das Kind ungünstig liegt, bei einer Mehrlingsschwangerschaft oder einer Infektionserkrankung der Mutter. Dann findet der Kaiserschnitt noch vor dem natürlichen Geburtsstart (Platzen der Fruchtblase, Beginn der Wehen) statt. Auch große Ängste der Mutter können eine Rolle bei der Entscheidung für eine geplante Schnittentbindung spielen. [10]

Überrumpelt und weniger angepasst?

Kindern, die per Kaiserschnitt auf die Welt kommen, bleibt eine Menge Stress ‚erspart’. Sie müssen beispielsweise nicht unter hohem Druck durch den Geburtskanal.

Führt diese ‚Ersparnis’ dazu, dass die Kinder schlechter auf die Bedingungen außerhalb des mütterlichen Körpers vorbereitet sind? Jedenfalls sind erhöhten Kurzzeitrisiken für Kaiserschnitt-Neugeborene nachgewiesen, dazu gehören beispielsweise Atemprobleme. [7]

Leicht erhöhtes Risiko

Haben sie auch noch lange nach der abrupten Entbindung gesundheitliche Nachteile, also im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter? Über die weniger offensichtlichen langfristigen Folgen sind in den letzten Jahren einige systematische Übersichtsarbeiten entstanden.

Sie gehen mit Hilfe von Beobachtungsstudien der Frage nach, ob das Risiko für bestimmte Erkrankungen steigt. So berichten zwei Forschergruppen [3] [4], dass ein Kaiserschnitt Übergewicht und Fettleibigkeit im späteren Leben ein wenig wahrscheinlicher machen könnte. Laut einer dieser Studien beträgt der Anstieg etwa ein Fünftel. Zur Veranschaulichung: Wären von 100 vaginal entbundenen Kindern und Jugendlichen etwa 15 zu füllig, so würde diese Zahl bei Kaiserschnittkindern auf 18 steigen [4].

Weitere Befunde: methodisch mangelhaft

Ob die Autoimmunerkrankung Diabetes (Typ 1) nach einem Kaiserschnitt häufiger vorkommt, ist fraglich. Die entsprechende Übersichtsarbeit weist deutliche methodische Mängel auf. [2]

Laut einer weiteren systematischen Übersichtsarbeit ist auch das Asthmarisiko in der Kindheit erhöht. [5] Demnach würden in etwa zwölf von hundert Kaiserschnittkindern Asthma entwickeln, während sonst nur zehn von hundert Kindern an dieser Krankheit leiden. Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch eine weitere Arbeit [1], die darüber hinaus auf ein gesteigertes Heuschnupfenrisiko verweist. Dies gilt möglicherweise auch für Lebensmittelallergien. Doch auch bei all diesen Arbeiten ergibt sich kein klares Bild, weil ihnen wichtige Qualitätsmerkmale fehlen.

Ursachennachweis fehlt

Alles in allem deuten die Befunde also darauf hin, dass eine Kaiserschnitt-Entbindung das Risiko für ungesund hohes Gewicht etwas ansteigen lässt. Allerdings sind diese Hinweise mit Vorsicht zu genießen. Denn dass der Geburtsmodus selbst die Ursache für spätere Gesundheitsrisiken darstellt, konnte noch keine Analyse zeigen.

Ein ursächlicher Nachweis wäre nur durch randomisiert-kontrollierte Studien möglich. Dafür würde die Art der Entbindung (Schnittentbindung oder vaginale Geburt) per Losverfahren zugeteilt. Eine solche Vorgehensweise wird von vielen als kaum durchführbar bzw. als unethisch angesehen. [6]

Mikrobielle Begrüßung als Schlüsselerlebnis

Diese Untersuchungen könnten Hinweise darauf liefern, wodurch das erhöhte Risiko für erhöhtes Gewicht und eventuell auch weitere Erkrankungen entsteht.

Ist hier, so eine aktuelle Theorie, die Darmflora des Kindes entscheidend? Denn die nützlichen Mikroorganismen aus dem Verdauungstrakt beeinflussen das Immunsystem.

Für diesen noch nicht bewiesenen Ansatz spricht, dass Kaiserschnitt-Babys von anderen Mikroorganismen besiedelt werden als vaginal entbundene Neugeborene. Letztere kommen auf ihrem Weg durch den Geburtskanal mit vielen der mütterlichen Mitbewohner aus Scheide und Darm in Kontakt. Eventuell hat diese mikrobielle Begrüßung einen langfristigen Einfluss auf Darmflora und somit die Gesundheit im weiteren Verlauf. [7]

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: B. Kerschner, J.Wipplinger, P. Mahlknecht)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Bager u.a. (2008)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 26 Beobachtungsstudien
Teilnehmer insgesamt: über 1.3 Miollionen
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen Kaiserschnittentbindung und Risiko für diverse Allergien / Unverträglichkeiten?
Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Bager P, Wohlfahrt J, Westergaard T.
Caesarean delivery and risk of atopy and allergic disease: meta-analyses.
Clin Exp Allergy. 2008 Apr;38(4):634-42.
Zusammenfassung

[2] Cardwell u.a. (2008)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 20 Beobachtungsstudien
Teilnehmer insgesamt: über 2,1 Miollionen
Fragestellung: Besteht nach einer Kaiserschnittgeburt ein erhöhtes Diabetes-Risiko?
Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Cardwell CR, Stene LC, Joner G, Cinek O, Svensson J, Goldacre MJ, Parslow RC, Pozzilli P, Brigis G, Stoyanov D, Urbonaite B, Sipetić S, Schober E,Ionescu-Tirgoviste C, Devoti G, de Beaufort CE, Buschard K, Patterson CC.
Caesarean section is associated with an increased risk of childhood-onset type 1 diabetes mellitus: a meta-analysis of observational studies.
Zusammenfassung

[3] Darmasseelane u.a. (2014)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 15 Beobachtungsstudien
Teilnehmer insgesamt: über 163.000 Personen
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen Schnittentbindung und BMI, Übergewicht, Fettleibigkeit im Erwachsenenalter?
Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Darmasseelane K, Hyde MJ, Santhakumaran S, Gale C, Modi N.
Mode of delivery and offspring body mass index, overweight and obesity in adult life: a systematic review and meta-analysis.
PLoS One. 2014 Feb 26;9(2):e87896.
Volltext

[4] Li u.a. (2013)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 9 Beobachtungsstudien
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen Kaiserschnittgeburt und Gewichtsentwicklun (Übergewicht, Fettleibigkeit)?
Interessenskonflikte: Keine angegeben.

The impact of cesarean section on offspring overweight and obesity: a systematic review and meta-analysis.
Int J Obes (Lond). 2013 Jul;37(7):893-9.
Zusammenfassung

[5] Thavagnanam u.a. (2008)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 23 Beobachtungsstudien
Teilnehmer insgesamt: über 1,2 Mio. Personen im Alter von 1 bis 31; davon über 112.000 Kaiserschnittentbindungen
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen Kaiserschnittgeburt und Asthma in der Kindheit?

Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Thavagnanam S, Fleming J, Bromley A, Shields MD, Cardwell CR.
A meta-analysis of the association between Caesarean section and childhood asthma.
Clin Exp Allergy. 2008 Apr;38(4):629-33.
Zusammenfassung

Weitere wissenschaftliche Quellen

[6] Hyde & Modi (2012) The long-term effects of birth by caesarean section: the case for a randomised controlled trial.
Early Hum Dev. 2012 Dec;88(12):943-9. Zusammenfassung

[7] Hyde & Modi (2012) Hyde MJ, Mostyn A, Modi N, Kemp PR. The health implications of birth by Caesarean section.
Biol Rev Camb Philos Soc. 2012 Feb;87(1):229-43. Zusammenfassung

[8] Lavender u.a. (2012) Lavender T, Hofmeyr GJ, Neilson JP, Kingdon C, Gyte GM. Caesarean section for non-medical reasons at term.
Cochrane Database Syst Rev. 2012 Mar 14;3:CD004660. Zusammenfassung

[9] Statistik Austria Jahrbuch der Gesundheitsstatistik 2012

[10]UptoDate Patient Information: C-section (cesarean delivery) (Beyond the basics) abgerufen am 26.3.2014