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Ist Bio gesünder?

Bio-Gemüse: nachhaltiger, aber auch besser für die Gesundheit?

Bio-Gemüse: nachhaltiger, aber auch besser für die Gesundheit?

Bio-Anbau ist nachhaltiger und belastet die Umwelt weniger als konventionelle Landwirtschaft. Doch ob Bio-Obst und -Gemüse auch gesünder macht, ist nur unzureichend erforscht.

Frage:Sind Bioobst und Biogemüse gesünder als konventionell angebaute Produkte?
Antwort:unklar
Erklärung:Biologische Landwirtschaft scheint den Anteil von Antioxidantien und Mikronährstoffe in Pflanzen zu erhöhen und die Pestizidbelastung zu senken. Ob sich das merkbar auf die Gesundheit auswirkt, ist jedoch keineswegs klar. Gute Studien, die einen gesundheitlichen Vorteil von biologisch angebautem Obst und Gemüse zeigen, sind nicht zu finden.

Obst und Gemüse aus biologischem Anbau liegen heute in jeder Auslage aus – egal, ob im Bioladen oder beim Diskont-Supermarkt. Was aber steckt hinter dem Begriff „Bio“? Diese Frage ist schwierig zu beantworten. Denn während die Standards in Europa relativ einheitlich, ist das weltweit noch lange nicht so. Doch selbst innerhalb gegebener Standards unterscheiden sich die Anbauformen sehr stark, so dass es selbst von Bioprodukt zu Bioprodukt starke Unterschiede gibt [1] – Boden, Bewässerung, Klima und Mikroklima, Düngung, etc. Obwohl es also schwierig ist zu vergleichen, haben sich schon einige Studien mit der Frage beschäftigt, ob „Bio“ gesünder ist.

2012 erhielt etwa eine Zusammenfassung von bis dahin veröffentlichten Studienergebnissen [1] viel Aufmerksamkeit, weil sie offenbar zeigte, dass biologisch angebaute Produkte im Vergleich zu konventionell angebauten keinen gesundheitlichen Vorteil mit sich bringen. Eine neuere Studie an Biotomaten [2] zieht diese Ergebnisse in Zweifel, da die Biotomaten einen höheren Nährstoffgehalt hatten – unter anderem waren sie reicher an Vitamin C. Sind Biotomaten also doch gesünder?

Was ist „gesünder“?

Es ist sehr schwierig nachzuweisen, ob ein Lebensmittel gesünder ist als ein anderes. In Studien treten Forscher auf verschiedenen Wegen an diese Fragestellung heran. Einerseits gibt es die Untersuchung von Inhaltsstoffen. Hier messen Forscher den Gehalt an Vitaminen und anderen nützlichen Nährstoffen, aber auch die Belastung mit schädlichen Substanzen. Finden sie hier Unterschiede, heißt das aber noch nicht, dass dies auch gesundheitliche Konsequenzen haben muss. Daher steht auch auf dem Prüfstand, ob Menschen gesünder sind als andere, wenn sie bevorzugt eine bestimmte Art von Lebensmitteln zu sich nehmen.

Die Studie an Biotomaten [2] vergleicht Tomaten von zwei Feldern in Brasilien. Auf einem wurde nach biologischem Standard angebaut, auf dem anderen konventionell. Untersucht wurden anschließend die Inhaltsstoffe der Tomaten von jeweils 30 Pflanzen. Die Anbaubedingungen sind jedoch unzureichend beschrieben, die Auswahl, welche Tomaten von welchen Tomatenpflanzen konkret in die Analyse kamen, war unsystematisch und somit anfällig für Verzerrungen. Gesundheitliche Auswirkungen der Tomaten hat die Studie nicht untersucht.

Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2012 [1] hat mehrere Studien zu beiden Ansätzen analysiert und deren Ergebnisse zusammengefasst. Die Übersichtsarbeit umfasst 153 Studien, welche die Inhaltsstoffe von pflanzlichen Bioprodukten mit konventionellen Produkten vergleichen. Auch 17 Studien an Menschen gingen in die Zusammenfassung ein. Im Endeffekt konnten kaum Unterschiede gefunden werden, und die wenigen Unterschiede sind zu gering, um eine merkbare Auswirkung zu haben. Lediglich Phosphor war in Bioprodukten konstant vermehrt vorhanden. Phosphor kommt aber auch in konventionellen Lebensmitteln mehr als genug vor – die höhere Dosis in den Bioprodukten bringt deshalb wohl keinen Vorteil.

Mehr Mikronährstoffe in Bio-Produkten

Mikronährstoffe braucht der Körper nur in sehr kleinen Mengen – dennoch sind sie lebenswichtig. Zu diesen Mikronährstoffen zählen unter anderem Vitamine, Mineralstoffe oder Spurenelemente. In einer 2014 veröffentlichten systematischen Übersichtsarbeit hat sich ein Wissenschaftsteam bisher veröffentlichte Studien zu diesen Mikronährstoffen genauer angesehen und kommt zu einem differenzierten Ergebnis [4]. Bei der nach strengen Kriterien durchgeführten Analyse zeigt sich: Obst, Gemüse und Getreide aus biologischer Landwirtschaft enthält teils deutlich mehr Mikronährstoffe als konventionell angebaute Pflanzen. Besonders deutlich zeigt sich das im Gehalt an Antioxidantien, Vitamin C und verschiedener als möglicherweise gesundheitsfördernd eingestuften Stoffen wie Flavonoiden oder Xanthophyllen.

Viele dieser Stoffe (etwa antioxidativ wirkende Stoffe oder etliche Substanzen aus der Gruppe der Flavanoide) haben die Verfasser der Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2012 nicht analysiert. Da die Autoren der Übersichtsarbeit mehr Studien miteinbeziehen konnten und auch eine größere Anzahl an Pflanzeninhaltsstoffen berücksichtigten, sind die Ergebnisse vertrauenswürdiger als die der älteren Übersichtsarbeit. Den Wissenschaftlern der 2014 erschienenen Übersichtsarbeit zufolge ist es jedoch wahrscheinlich, dass einige Studien mit negativen Ergebnissen nicht veröffentlicht wurden und somit nicht mitanalysiert werden konnnten [4]. Möglicherweise sind die Unterschiede in den Nährstoffkonzentrationen also kleiner als angegeben. Ob eine erhöhte Aufnahme dieser Stoffe die Gesundheit fördert, ist entgegen landläufiger Meinung nur unzureichend erforscht.

Belastung mit Schadstoffen

Zudem fanden die Wissenschaftler in den konventionell angebauten Pflanzen deutlich höhere Mengen des giftigen Schwermetalls Cadmium als in Biopflanzen. Was die Pestizidbelastung angeht, kommen sie aber zur selben Schlussfolgerung wie die Autoren der älteren Übersichtsarbeit. Während bei Biopflanzen nur etwa ein Zehntel Pestizidrückstände aufwiesen, war dies bei konventioneller Landwirtschaft in beinahe der Hälfte der untersuchten Proben der Fall. Wie hoch die Konzentration dieser Rückstände im Detail ist, lässt sich anhand bisheriger Studien nicht genauer ermitteln.

Bioprodukte sind deshalb mit deutlich niedrigerer Wahrscheinlichkeit durch Pestizide verunreinigt als konventionell angebautes Obst und Gemüse. Da jedoch auch die Werte der konventionell angebauten Lebensmitteln gesetzlich unter den vorgeschriebenen Grenzwerten liegen müssen und klinische Studien keine gesundheitlichen Folgen zeigen, steht noch nicht fest, ob diese geringere Belastung einen gesundheitlichen Vorteil mit sich bringt [1]. Langzeitstudien fehlen hier.

Bio-Liebhaber sind ohnehin gesünder

Menschen, die biologisch angebaute Produkte bevorzugen, leben meist dennoch gesünder als andere. Nicht unbedingt, weil Bioprodukte einige als möglicherweise gesundheitsfördernd geltende Nährstoffe in größerer Menge enthalten. Sehr wohl aber, weil jene die auf „bio“ achten, häufig insgesamt mehr Gemüse und Obst essen [3].

[Aktualisiert, ursprünglich veröffentlicht am 4.4.2013: Eine neue systematische Übersichtsarbeit [4] bringt etliche inhaltliche Änderungen.]

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner, G. Gartlehner)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Smith-Spangler u.a. (2012)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: 223 Studien zu Inhaltsstoffen (davon 153 zu Pflanzen), 17 Studien am Menschen
Teilnehmer insgesamt: 13 806 in 17 Studien an Menschen
Fragestellung: Sind Biolebensmittel gesünder als konventionelle?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Smith-Spangler C, Brandeau ML, Hunter GE, Bavinger JC, Pearson M, Eschbach PJ, Sundaram V, Liu H, Schirmer P, Stave C, Olkin I, Bravata DM. Are organic foods
safer or healthier than conventional alternatives?: a systematic review. Ann Intern Med. 2012 Sep 4;157(5):348-66. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Oliveira ua (2013)
Studientyp: Vergleichende Lebensmittelanalyse
(Zur Studie in voller Länge)

[3] Hoefkens ua (2010)
Studientyp: Querschnittsstudie
Teilnehmer insgesamt: 3767
Fragestellung: Nehmen Menschen, die biologische Nahrungsmittel konsumieren andere Nährstoffe und Schadstoffe auf als jene, die konventionell angebaute Nahrungsmittel essen?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Hoefkens C, Sioen I, Baert K, De Meulenaer B, De Henauw S, Vandekinderen I, Devlieghere F, Opsomer A, Verbeke W, Van Camp J. Consuming organic versus
conventional vegetables: the effect on nutrient and contaminant intakes. Food Chem Toxicol. 2010 Nov;48(11):3058-66 (Zusammenfassung der Studie)

[4] Baránski u.a. (2014)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 343 chemischer Vergleichsstudien von Inhaltsstoffen konventioneller und biologisch angebauter Lebensmittelpflanzen
Fragestellung: Besteht ein Unterschied in der Menge an Mikro- und Makronährstoffen sowie Pestizidrückständen zwischen biologisch und konventionell angebauten Lebensmittelpflanzen?
Mögliche Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Barański M, Srednicka-Tober D, Volakakis N, Seal C, Sanderson R, Stewart GB, Benbrook C, Biavati B, Markellou E, Giotis C, Gromadzka-Ostrowska J, Rembiałkowska E, Skwarło-Sońta K, Tahvonen R, Janovská D, Niggli U, Nicot P, Leifert C. Higher antioxidant and lower cadmium concentrations and lower incidence of pesticide residues in organically grown crops: a systematic literature review and meta-analyses. Br J Nutr. 2014 Jun 26:1-18. (Übersichtsarbeit in voller Länge)