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Impfschäden: Zwischen Dichtung und Wahrheit

Können Impfungen schwere Nebenwirkungen verursachen?

Können Impfungen schwere Nebenwirkungen verursachen?

Mögliche Impfschäden werden immer wieder heiß diskutiert. Dabei mischen sich Wissenschaft und Mythen. Für viele Fragen gibt es allerdings nur wenige Daten.

Frage:1. Kann die MMR-Impfung Autismus verursachen?
2. Verursachen Impfungen den plötzlichen Kindstod?
Antwort:wahrscheinlich Nein
Erklärung:Autismus: Eine Untersuchung, die einen Zusammenhang gefunden hatte, wurde später als Fälschung entlarvt. Nachfolgende Studien an mehr als einer halben Million Kindern haben die Behauptung nicht bestätigt.
Plötzlicher Kindstod: Mehrere Studien aus verschiedenen Ländern haben übereinstimmend keinen Zusammenhang finden können. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass Impfungen das Risiko für den plötzlichen Kindstod senken könnten.
Frage:3. Erhöht die Impfung gegen Rotaviren das Risiko für Darmeinstülpungen bei Säuglingen?
4. Erhöht eine Grippe-Impfung das Risiko für die Nervenerkrankung Guillain-Barré-Syndrom?
Antwort:möglicherweise Ja
Erklärung:Darmeinstülpungen: Es gibt Hinweise, dass gegen Rotaviren geimpfte Säuglinge ein geringfügig höheres Risiko für Darmeinstülpungen haben als nicht geimpfte. Gleichzeitig macht die Impfung es wahrscheinlich, dass Babys innerhalb der nächsten zwei Jahre deutlich seltener an schwerem Durchfall erkranken.
Guillain-Barré-Syndrom: Es gibt Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang, aber falls die Impfung die Nervenerkrankung tatsächlich verursacht, wäre das Risiko mit ein bis zwei Fällen pro 1 Million geimpfter Menschen sehr gering.

Impfungen haben in den letzten Jahrzehnten wesentlich dazu beigetragen, viele gefährliche Infektionskrankheiten zu verhindern oder zumindest das Risiko dafür wesentlich zu reduzieren. Wie alle Medikamente können Impfstoffe jedoch auch zu Nebenwirkungen führen. Es ist gut verständlich, dass solche Impfschäden emotional besonders schwer wiegen, weil Impfstoffe meist bei gesunden Erwachsenen, Kindern und auch Babys eingesetzt werden. Hinzu kommt, dass sie oft Krankheiten verhindern sollen, die heute nur mehr selten vorkommen. Etliche Menschen sehen daher in Impfungen keinen Nutzen mehr. Dabei verkennen sie aber, dass oft Impfprogramme dafür gesorgt haben, dass die Häufigkeit vieler Krankheiten so stark gesunken ist. Um das Für und Wider von Impfungen tobt deshalb häufig ein Kampf, der nicht immer mit rationalen Argumenten geführt wird.

Nutzen bedenken

Für viele Impfungen gibt es zum Nutzen inzwischen gute Daten aus klinischen Studien. Diese Zahlen (Kasten) beschreiben den Nutzen für den Einzelnen [7, 8]. Bei Impfungen ist aber auch zu bedenken, dass sie ebenfalls diejenigen schützen, die selbst nicht geimpft werden können – etwa weil sie noch zu jung sind, unter bestimmten Erkrankungen leiden oder gerade schwanger sind. Denn je mehr Menschen in einer Bevölkerung gegen eine bestimmte Erkrankung geimpft sind, desto geringer ist das Risiko für Ungeimpfte, sich anzustecken – die so genannte „Herdenimmunität“.

Zahlen zum Nutzen von Impfungen

Unter Beobachtung

Auch zu Nebenwirkungen von Impfungen gibt es inzwischen zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen. Bevor Impfungen auf den Markt kommen dürfen, müssen sie sich umfassenden Tests unterziehen, die auch Risiken einschließen. Solche Studien dauern in den meisten Fällen jedoch nur eine relativ kurze Zeit. Deshalb lassen sich damit keine Nebenwirkungen erfassen, die möglicherweise erst nach Jahren oder Jahrzehnten auftreten. Aus diesem Grund unterliegen Impfstoffe wie andere Arzneimittel auch einer behördlichen Dauerüberwachung: Hersteller oder Ärztinnen und Ärzte müssen eventuell auftretende Impfschäden melden, die zuständigen Behörden werten fortlaufend neue wissenschaftliche Literatur aus.

Wegen der Vielzahl der Impfstoffe auf dem Markt haben wir unsere Literatursuche auf vier Felder eingegrenzt.

Zeitlich oder kausal?

Allerdings kann es im Einzelfall schwierig sein herauszufinden, ob ein bestimmtes gesundheitliches Problem durch die Impfung verursacht wurde, selbst wenn es unmittelbar nach einer Impfung auftritt. Ein Beispiel: Im ersten Lebensjahr von Babys wird eine ganze Reihe von Impfungen empfohlen. In diesem Zeitraum muss sich der kindliche Körper aber auch mit vielen anderen Einflüssen auseinandersetzen und macht große Entwicklungsschritte. Verdauungsbeschwerden können dann beispielsweise zufällig auch kurz nach verschiedenen Kombinationsimpfungen auftreten, ohne dass die Impfungen tatsächlich die Ursache dafür wären.

Das gilt auch für tragische Ereignisse wie den plötzlichen Kindstod, der vor allem bei Kindern im ersten Lebensjahr auftritt. Analysen haben festgestellt, dass es wahrscheinlich keinen Zusammenhang mit verschiedenen (Kombinations-)Impfungen gibt. Am wahrscheinlichsten ist deshalb, dass die Todesfälle zwar zeitlich nah an der Impfung liegen, diese aber nicht ursächlich verantwortlich ist. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass Impfungen einen schützenden Effekt vor dem plötzlichen Kindstod haben könnten [9].

Auch andere schwerwiegende Erkrankungen werden mit Impfungen in Verbindung gebracht. So wurde etwa der Verdacht geäußert, dass die Impfung gegen das humane Papillomavirus (HPV), das Gebärmutterhalskrebs verursachen kann, möglicherweise auch zu Multipler Sklerose führt oder zumindest den Ausbruch beschleunigt. Nach einer Auswertung zahlreicher Studien konnte das deutsche Paul-Ehrlich-Institut diesen Verdacht aber nicht bestätigen. Multiple Sklerose beginnt oft schon bei Jugendlichen oder jungen Erwachsenen und betrifft Frauen häufiger als Männer. Zugleich zählen jugendliche Mädchen zur Hauptzielgruppe für die HPV-Impfung. Der zeitliche Zusammenhang ist daher sehr wahrscheinlich nur zufällig [16].

Lokale Reaktionen

Allerdings lässt sich aus diesen Beispielen nicht ableiten, dass Impfungen nicht doch Nebenwirkungen haben können. Zu den häufigsten gehören etwa Veränderungen an der Impfstelle wie Rötungen, Schwellungen oder leichte Schmerzen. Sie entstehen durch die gewünschte Reaktion des Körpers auf die Spritze: Impfstoffe enthalten entweder abgetötete oder abgeschwächte lebende Krankheitserreger oder Teile davon. Das Immunsystem reagiert darauf wie bei einer Infektion mit den echten Bakterien oder Viren und löst eine ganze Kaskade von Reaktionen aus. Dadurch bilden sich die gewünschten Antikörper, die dem Körper bei späteren Begegnungen mit den echten Krankheitserregern eine schnelle Abwehr ermöglicht. Die freigesetzten Botenstoffe bei der Impfung lösen also eine Art „Probealarm“ im Körper aus, der das Immunsystem trainiert [9].

Abwehrreaktion Fieber

Dadurch kann im Eifer des Gefechts aber auch Fieber entstehen, das natürlicherweise alle Immunvorgänge beschleunigt. Nach Impfungen mit abgetöteten Erregern (Totimpfstoffe) wie der Tetanus- oder Diphtherie-Impfung tritt das Fieber meist innerhalb von zwei Tagen auf, bei Lebendimpfstoffen mit abgeschwächten Erregern wie der Masern-Mumps-Röteln(MMR)-Impfung kann es sich aber auch noch bis zu zwei Wochen danach zeigen. Gerade bei kleineren Kindern mit entsprechender Veranlagung kann das bei höherem Fieber einen Fieberkrampf auslösen. Das ist besonders für die MMR-Impfung bekannt. Etwa ein bis zwei von 1000 geimpften Kleinkindern sind davon betroffen. Bleibende Schäden durch Fieberkrämpfe sind jedoch nicht belegt, die betroffenen Kinder scheinen in ihrem späteren Leben auch keine höhere Wahrscheinlichkeit für ein Krampfleiden (Epilepsie) zu haben [9].

Enthält der Impfstoff zusätzlich noch einen Schutz vor Windpocken (sogenannter MMRV-Impfstoff), steigt die Wahrscheinlichkeit für einen Fieberkrampf im Vergleich zum MMR-Impfstoff um einen Fall zusätzlich pro 2000 bis 3000 Impfungen [10]. In Deutschland wird deshalb empfohlen, den kombinierten MMRV-Impfstoff nur für die zweite Impfung zu verwenden und für die erste Impfung auf getrennte Impfstoffe auszuweichen (MMR + V) [11]. In Österreich gehört die Impfung gegen Windpocken nicht zum kostenlosen Impfprogramm. In den Empfehlungen findet sich aber ebenfalls der Hinweis, dass der MMRV-Impfstoff nur für die zweite Impfung genutzt werden sollte [12].

Darmprobleme nach Impfung

Bei Säuglingen im ersten Lebensjahr kann sich spontan der Darm einstülpen. Dabei kann die Blutversorgung des Darms unterbrochen werden und ein Darmverschluss entstehen. In schweren Fällen führt das dazu, dass Teile des Darms absterben. Es gibt Hinweise darauf, dass dieses Problem nach Impfungen gegen Rotaviren möglicherweise geringfügig häufiger auftritt. Insgesamt handelt es sich aber um eine sehr seltene Nebenwirkung: Unabhängig von der Impfung kommt es Schätzungen zufolge in Deutschland jährlich zu etwa 60 Darmeinstülpungen pro 100.000 Säuglingen. Durch die Rotavirus-Impfung mit derzeit verwendeten Impfstoffen könnten etwa ein bis zwei Fälle pro 100.000 Säuglinge zusätzlich innerhalb der ersten Woche nach der ersten Impfung auftreten.

Umgekehrt erspart die Rotavirus-Impfung Kindern schwere Durchfälle: Je nach Impfstoff verhindert die Immunisierung pro 100.000 geimpften Kindern zwischen 400 und 1700 schwere Durchfallepisoden innerhalb von zwei Jahren [3].

Ein früher nur in den USA gebräuchlicher Impfstoff gegen Rotaviren musste wegen eines stärker erhöhten Risikos für Darmeinstülpungen vom Markt genommen werden. Bei diesem Impfstoff war das Risiko im Vergleich zu den heutigen Impfstoffen zehnmal so hoch [4].

Schäden am Nervensystem?

Noch unsicherer ist die Datenlage zu der Frage, ob Grippe-Impfstoffe möglicherweise für das Guillain-Barré-Syndrom verantwortlich sein können. Bei dieser seltenen Erkrankung des Nervensystems entwickeln sich Lähmungen, die gelegentlich auch die Atem- und Schluckmuskeln betreffen und in seltenen Fällen tödlich enden. Bei der Mehrzahl der Betroffenen bilden sich die Lähmungen nach einiger Zeit wieder zurück und hinterlassen nur selten bleibende Behinderungen. Die Erkrankung tritt häufig im zeitlichen Zusammenhang mit einer Infektion durch Bakterien oder Viren auf [9].

Erste Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang zwischen der Grippeimpfung und der Nervenerkrankung gab es bereits in den 1970er Jahren. Spätere Analysen mit anderen Grippeimpfstoffen sprachen jedoch dagegen [1]. Zwei neuere Studien liefern neue Anhaltspunkte [5,6], können jedoch nicht zweifelsfrei belegen, dass tatsächlich die Grippeimpfung kausal verantwortlich ist. Ebenso ist es ungeklärt, ob möglicherweise Unterschiede zwischen einzelnen Impfstoffen gegen die Grippe bestehen. Das mögliche Risiko wird auf ein bis zwei Fälle pro Million geimpfter Menschen geschätzt [5]. Falls die Impfung die Nervenerkrankung tatsächlich verursacht, wäre das Risiko also sehr niedrig.

Eine Grippeimpfung kann durchschnittlich etwa sechs von zehn Grippeinfektionen verhindern. Wie gut eine Grippeimpfung vor einer Influenza-Infektion schützt, ist jedoch von Grippe-Saison zu Grippe-Saison unterschiedlich. Der Hauptgrund dafür ist, dass sich das Grippevirus häufig verändert. Die Schutzwirkung der Impfung hängt davon ab, wie gut der Impfstoff zum aktuellen Virus passt. Im Winter der Saison 2016/17 beispielsweise hat das Robert-Koch-Institut für Deutschland eine Schutzwirkung von rund 40 Prozent errechnet [17].

Ob eine Grippeimpfung bewirkt, dass ältere Menschen weniger häufig im Krankenhaus aufgenommen werden müssen oder gar seltener versterben, ist nicht ausreichend untersucht.

Krank durch Impfung?

Immer wieder hört man das Argument, dass Impfungen erst recht die Erkrankungen hervorrufen, gegen die sie schützen sollen. Besonders soll das bei Impfstoffen der Fall sein, die abgeschwächte Lebendviren enthalten. Tatsächlich können nach der MMR-Impfung Symptome auftreten, die einer Masern-Infektion ähneln: Fieber und ein leichter Ausschlag. Diese „Impfmasern“ betreffen etwa zwei Prozent aller Geimpften, sind aber nicht ansteckend und verlaufen sehr mild. Auch gibt es bisher keine Hinweise, dass durch die „Impfmasern“ schwerwiegende und lebensbedrohliche Komplikationen auftreten, wie sie bei den echten Masern zu beobachten sind [14].

Eine Impfung gegen Masern kann solche schweren Folgen beim Kontakt mit dem Masernvirus weitestgehend verhindern: Bei 10.000 Menschen, die nicht gegen Masern geimpft sind, kommt es in fünf bis neun Fällen zu einer Entzündung des Gehirns (Enzephalitis), die zum Tod oder schweren Schäden führt – mit Impfung sind es nach den Ergebnissen von Studien null bis zwei. Ohne Impfung sind bei 10.000 ungeimpften Menschen nach Kontakt mit dem Masernvirus neun bis 28 Todesfälle zu verzeichnen, mit Impfung null bis zwei [7].

In der Vergangenheit gab es auch einzelne Fälle von Kinderlähmung (Poliomyelitis, „Polio“), die durch einen Polio-Impfstoff mit abgeschwächten Lebendviren („Schluckimpfung“) verursacht wurden. Inzwischen gibt es gegen diese Erkrankung einen Totimpfstoff, der nicht zu dieser Nebenwirkung führt. Dieser wird inzwischen seit etwa 20 Jahren in Deutschland und Österreich routinemäßig eingesetzt und hat die Schluckimpfung abgelöst [14,15].

Widerlegt – aber immer noch diskutiert

In der Debatte um mögliche Impfschäden kursieren aber immer noch viele Gerüchte, die mit wissenschaftlichen Untersuchungen längst widerlegt sind. Etwa die Vermutung, dass die MMR-Impfung Autismus und andere Entwicklungsstörungen bei Kindern verursachen könnte. Eine entsprechende Hypothese war 1998 im angesehen Fachmagazin Lancet veröffentlicht worden, obwohl es sich um eine kaum aussagekräftige Beobachtung an sehr wenigen Kindern handelte. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass der Hauptautor zudem Daten gefälscht hatte. Er hatte außerdem verschwiegen, dass er Honorare von Eltern mit autistischen Kindern bekommen hatte, die Impfstoffhersteller für die Erkrankung verantwortlich machen wollten [13]. In Studien von höherer Qualität, die mehr als eine halbe Million Kinder umfassen, hat sich kein Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung und Autismus gezeigt [1,2].

 

Die Studien im Detail

Nebenwirkungen von einigen verschiedenen Impfungen wurden zuletzt in zwei großen systematischen Übersichtsarbeiten zusammengefasst [1,2]. Beide Arbeiten beschäftigen sich ausschließlich mit Impfstoffen, die in den USA zum Einsatz kommen. Viele davon sind aber auch in Europa auf dem Markt.

Die erste Übersichtsarbeit [1] im Auftrag des US-amerikanischen Institute of Medicine recherchierte in einer umfangreichen Literatursuche im Dezember 2010 Studien zu acht verschiedenen Impfstoffen. Es fehlen allerdings in der Publikation genaue Angaben dazu, wie viele Mitglieder des beauftragten Komitees die Einschlusskriterien und die methodische Qualität der Studien tatsächlich überprüft haben. Da die Übersichtsarbeit aber von allen 18 Komitee-Mitgliedern und zusätzlich von 14 externen Gutachtern oder Gutachterinnen vor Veröffentlichung kommentiert werden konnte, scheint das Verzerrungspotential eher niedrig zu sein. Für die genaue Einschätzung der Studienlage wurden nur aussagekräftige Studien herangezogen. Letztlich flossen 51 Studien in die Bewertung ein. Zusätzlich berücksichtigten die Autorinnen und Autoren noch Ergebnisse aus der Grundlagenforschung.

Die zweite Übersichtsarbeit [2] versteht sich als Update der ersten [1], wurde aber nicht vom Institut of Medicine, sondern von einer anderen Behörde beauftragt und nutzt auch teilweise andere Methoden für Literaturrecherche und Bewertung. Die Fachleute beschränkten die Aktualisierung auf Impfstoffe, die bei Kindern eingesetzt werden, und fanden bis August 2013 67 zusätzliche Studien. Sie bezogen dabei auch Daten zu Impfstoffen gegen Rotaviren mit ein, die noch nicht in [1] berücksichtigt werden konnten.

In der Publikation bleibt unklar, wie objektiv die Bewertungen der Studienqualität sind, da sie möglicherweise nur von einem einzigen Autor bzw. einer Autorin geprüft worden ist. Üblich ist ein Check durch zumindest zwei Personen unabhängig voneinander.

Darmeinstülpungen bei Impfung gegen Rotaviren

Speziell zur Frage von Darmeinstülpungen nach der Impfung gegen Rotaviren fand unsere Literatursuche zwei neuere Übersichtsarbeiten. Eine davon hat ausschließlich randomisierte kontrollierte Studien in die Analyse eingeschlossen [3]. Diese Studienart ist für Untersuchungen zur Wirksamkeit zwar sehr aussagekräftig, allerdings sind die Studien von der Größe der Teilnehmerzahl her meist nicht darauf angelegt, seltene Nebenwirkungen wie Darmeinstülpungen sicher zu erkennen. Dass die sonst gut gemachte systematische Übersichtsarbeit keinen Unterschied in den Risiken im Vergleich zu einem Scheinmedikament findet, lässt sich deshalb nicht als Entwarnung interpretieren.

Eine weitere systematische Übersichtsarbeit wertete neben randomisiert kontrollierten Studien auch Beobachtungsstudien aus, die sich speziell der Frage nach Darmeinstülpungen widmeten [4]. Leider wird in der Übersichtsarbeit die Qualität der einzelnen Beobachtungsstudien nicht beschrieben, sodass keine genaueren Rückschlüsse auf die Sicherheit der Aussagen möglich sind. Auch eine rechnerische Zusammenfassung der Ergebnisse fehlt. Fünf der insgesamt neun Beobachtungsstudien stammen aus den USA, zwei aus Australien, eine aus Mexiko und eine aus Brasilien. Sie untersuchten aber alle Impfstoffe gegen Rotaviren, die in Deutschland und Österreich auf dem Markt sind.

Nur vier der neun Studien fanden einen Einfluss des Impfstoffs, der über Zufallseffekte hinausgeht. Allerdings sind die Daten in den anderen fünf Studien mit der Hypothese vereinbar, dass der Impfstoff in sehr seltenen Fällen das Risiko für Darmeinstülpungen erhöht. Die Autorinnen und Autoren der Übersichtsarbeit werten diese Befunde als schwachen Hinweis auf ein leicht erhöhtes Risiko, besonders in der ersten Woche nach der Gabe der ersten Impfstoffdosis.

Guillain-Barré-Syndrom

Das Risiko eines Guillain-Barré-Syndroms nach einer Influenza-Impfung untersuchten zwei Übersichtsarbeiten mit unterschiedlicher Methodik [5,6]. Eine Studie aus den USA nutzte die Daten aus Impfstoff-Überwachungsprogrammen, die für die Influenza-Impfung in der Saison 2009/10 rund 23 Millionen Menschen umfasste [5]. Dabei verglichen die Fachleute die Häufigkeit von zwei verschiedenen Fällen: einmal diejenigen, bei denen die Nervenkrankheit innerhalb von sechs Wochen nach der Impfung auftrat (dann gilt ein ursächlicher Zusammenhang als möglich), zum anderen diejenigen, bei denen sich die Erkrankung erst später zeigte. Bei geimpften Menschen war das Risiko doppelt so hoch wie bei ungeimpften. Allerdings wurden in der Analyse andere theoretisch mögliche Ursachen nicht berücksichtigt. Deshalb ist nicht zweifelsfrei belegt, dass die Influenza-Impfung tatsächlich die Ursache für das Auftreten des Guillain-Barré-Syndroms war.

Ein anderes Wissenschaftsteam suchte dagegen systematisch in der wissenschaftlichen Literatur nach kontrollierten Beobachtungsstudien, die sich mit dem Thema beschäftigten [6]. Da die Autorinnen und Autoren die Qualität der eingeschlossenen Studien nicht bewerteten, ist die Aussagekraft der systematischen Übersichtsarbeit allerdings gering. Möglicherweise könnte das Risiko für die Nervenerkrankung bei den so genannten „pandemischen“ Impfstoffen (jenen, die bei großen Grippeausbrüchen eingesetzt werden) höher sein als bei den Varianten, die als Standardimpfung jedes Jahr genutzt werden. Allerdings lässt sich nicht ausschließen, dass die gefundenen Unterschiede zufällig zustande gekommen sein könnten.

(AutorIn: I. Hinneburg, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Institute of Medicine (2011)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit (keine Meta-Analyse)
Eingeschlossene Studien: In der Evidenzbewertung 51 Studien
Fragestellung: Welche Nebenwirkungen treten bei Impfstoffen auf, die in den USA verwendet werden?
Interessenkonflikte: Die Studie wurde ausschließlich durch öffentliche Gelder finanziert. Für die einzelnen Autorinnen und Autoren finden sich keine Angaben zu Interessenkonflikten.

Institute of Medicine (2011) Adverse Effects of Vaccines: Evidence and Causality. (Studie in voller Länge)

[2] Maglione u.a. (2014)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit (keine Meta-Analyse)
Eingeschlossene Studien: Update zu [1], zusätzlich 67 Studien
Fragestellung: Welche Nebenwirkungen treten bei Impfstoffen für Kinder auf, die in den USA verwendet werden?
Interessenkonflikte: keine nach Angaben der Autoren

Maglione MA ua: Safety of Vaccines Used for Routine Immunization of US Children: A Systematic Review. Pediatrics 134, 325-337 (Studie in voller Länge)

[3] Soares-Weiser u.a. (2012)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 41 randomisierte kontrollierte Studien, davon 12 mit Daten zu Darmeinstülpungen
Teilnehmende insgesamt: 186.263 Kinder
Fragestellung: Wirksamkeit und Sicherheit von derzeit zugelassenen Impfstoffen gegen Rotaviren
Interessenkonflikte: Einer von acht Autoren hat finanzielle Verbindungen mit Herstellern von Rotavirus-Impfstoffen

Vaccines for preventing rotavirus diarrhoea: vaccines in use. Cochrane Database of Systematic Reviews, CD008521 (Studie in voller Länge)

[4] Koch u.a. (2013)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse (nur zu randomisiert kontrollierten Studien)
Eingeschlossene Studien: Für die Sicherheit ein systematischer Review (ältere Fassung von [3]) und zwei weitere randomisiert kontrollierte Studien, zusätzlich 9 Beobachtungsstudien
Teilnehmende insgesamt: In den Beobachtungsstudien Daten zu rund einer Million verabreichten Impfdosen
Fragestellung: Wirksamkeit und Sicherheit von derzeit zugelassenen Impfstoffen gegen Rotaviren
Interessenkonflikte: Zwei von 13 Autoren haben finanzielle Verbindungen mit Herstellern von Rotavirus-Impfstoffen

Background paper to the recommendation for routine rotavirus vaccination of infants in Germany. Bundesgesundheitsbl 56:957–984 (Volltext der Studie)

[5] Salmon u.a. (2013)
Studientyp: Meta-Analyse von Daten aus sechs Impfstoff-Überwachungsprogrammen in den USA
Teilnehmende insgesamt: rund 23 Millionen Personen
Fragestellung: Gibt es einen Zusammenhang zwischen einer Influenza-Impfung und dem Risiko, an einem Guillain-Barré-Syndrom zu erkranken?
Interessenkonflikte: keine nach Angaben der Autoren

Association between Guillain-Barré syndrome and influenza A (H1N1) 2009 monovalent inactivated vaccines in the USA: a meta-analysis. Lancet 381:1461-8 (Zusammenfassung der Studie)

[6] Arias u.a. (2015)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 39 kontrollierte Beobachtungsstudien
Fragestellung: Gibt es einen Zusammenhang zwischen einer Influenza-Impfung und dem Risiko, an einem Guillain-Barré-Syndrom zu erkranken?
Interessenkonflikte: nicht angegeben

Guillain-Barré syndrome and influenza vaccines: A meta-analysis. Vaccine 33:3773-8 (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[7] Faktenboxen des Harding-Center für Risikokompetenz.
www.harding-center.mpg.de/de/gesundheitsinformationen/faktenboxen/impfungen

[8] IQWiG (2014)
HPV-Impfung zum Schutz vor Gebärmutterhalskrebs. www.gesundheitsinformation.de/hpv-impfung-zum-schutz-vor-gebarmutterhalskrebs.2109.de.html (Zugriff 27.01.2017)

[9] Weißer u.a. (2009)
Sicherheit von Impfstoffen. Bundesgesundheitsbl. 52: 1053-1064. (Text in voller Länge) (Zugriff 30.01.2017)

[10] Mentzer D u.a. (2013)
Sicherheit und Verträglichkeit von monovalenten Masern- und kombinierten Masern-, Mumps-, Röteln- und Varizellenimpfstoffen. Bundesgesundheitsbl 56:1253–1259
(Studie in voller Länge) (Zugriff 30.01.2017)

[11]Robert-Koch-Institut (2016)
Empfehlungen der Ständigen Impfkommission. Epidemiologisches Bulletin 34/2016. www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2016/Ausgaben/34_16.pdf (Zugriff 31.01.2017)

[12] Bundesministerium für Gesundheit und Frauen (2017)
Impfplan Österreich 2017. www.bmgf.gv.at/cms/home/attachments/2/8/1/CH1100/CMS1452867487477/impfplan.pdf (Zugriff 31.01.2017)

[13] Goodlee F. u.a. (2011)
Wakefield’s article linking MMR vaccine and autism was fraudulent. BMJ, 342:c7452 (in voller Länge)

[14] Robert-Koch-Institut (2007)
Hinweise für Ärzte zum Aufklärungsbedarf über mögliche unerwünschte Wirkungen bei Schutzimpfungen. Epidemiologisches Bulletin 25/2007 www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2007/Ausgaben/25_07.pdf (Zugriff 31.01.2017)

[15] Wiedemann-Schmidt U u.a. (201
Reaktionen und Nebenwirkungen nach Impfungen. http://www.bmgf.gv.at/cms/home/attachments/1/5/5/CH1100/CMS1386342769315/impfungen-reaktionen_nebenwirkungen.pdf (Zugriff 31.01.2017)

[16] Oberle D u.a. (2016)
Kein Zusammenhang zwischen HPV-Impfung und dem Auftreten von multipler Sklerose. Bulletin für Arzneimittelsicherheit 04/2016, S. 19-21
www.bfarm.de/SharedDocs/Downloads/DE/Arzneimittel/Pharmakovigilanz/Bulletin/2016/4-2016.pdf (Zugriff 31.01.2017)

[17] Robert-Koch-Institut (2017)
Epidemiologisches Bulletin 6/2017. Vorläufige Ergebnisse zur Wirksamkeit der saisonalen Influenza-Impfung bei ambulant behandelten Patienten in der Saison 2016/2017 in Deutschland. Seite 61. (Text in voller Länge)