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Im Mai gezeugte Kinder zu früh geboren?

Winter & Grippe schuld an Frühgeburt?

Winter & Grippe schuld an Frühgeburt?

Kinder, die im Mai gezeugt werden, haben ein höheres Risiko zu früh zur Welt zu kommen, berichtet derStandard.at. Dabei könnte die Grippe eine zentrale Rolle spielen.
 
 

 

Zeitungsartikel: Zeitpunkt der Zeugung beeinflusst Gesundheit von Babys (9.7.2013, DerStandard.at)
Frage:Kommen im Mai gezeugte Kinder häufiger zu früh auf die Welt als Kinder, die in anderen Monaten gezeugt wurden?
Antwort:Es gibt Hinweise, dass im Mai gezeugte Kinder verfrüht zur Welt kommen. Grund hierfür könnte die Grippe sein, die Maikinder am stärksten trifft. Auch die Temperatur kann den Zeitpunkt der Geburt beeinflussen.
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagefür das erhöhte Risiko

Von einer Frühgeburt spricht man wenn das Baby vor der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommt und über 500 Gramm wiegt. Obwohl Frühgeburten nur etwa 8 Prozent aller Geburten ausmachen, sind sie für etwa drei Viertel der Säuglingssterblichkeit verantwortlich. Die Ursachen für eine Frühgeburt sind vielfältig [8]. Eine neue Studie [1] sieht in der Grippe eine Gefahr für im Mai gezeugte Kinder.

Frühgeburten durch Grippezeit

Die Querschnittsstudie [1] von Curie und Schwandt untersuchte die Geburten in drei Staaten im Osten Amerikas über einen Zeitraum von etwa 10 Jahren. Das Ergebnis: Für Frauen, die im Mai empfingen, verkürzte sich die Schwangerschaftsdauer um knapp eine Woche. Das bedeutet einen Anstieg der Frühgeburten um einen Prozentpunkt. Bei einer durchschnittlichen Frühgeburtenrate von 8,3 Prozent in Österreich [6] entspräche das einem Anstieg auf 9,3 Prozent. Experten sagen, dass dieser saisonale Zusammenhang von mehreren Variablen abhängt, beispielsweise der Herkunft oder der Bildung der Mutter. Die Querschnittsstudie kann diese Variablen allerdings ausschließen.

Den Grund für die verfrühte Geburt der im Mai gezeugten Kinder sehen die Autoren im Auftreten der Grippe. Die Influenza beginnt Ende August und trifft Mütter und ihr im Mai gezeugtes Kind am stärksten. Es gibt Hinweise, dass Grippe die Geburt frühzeitig auslösen kann. [4] [5]

Ob wirklich die Grippe der Auslöser für Frühgeburten der Maikinder ist, wurde in der Übersichtsarbeit durch die Auswirkungen von H1N1 im Jahr 2009 überprüft. Da die H1N1-Pandemie früher als sonst im Jahr erfolgte und schwerer als eine normale Grippe verlief, sollten für das Jahr 2009 im Februar oder April gezeugte Kinder betroffen sein. Außerdem sollte hier die Saisonabhängigkeit noch stärker ausgeprägt sein. Genau das wurde in der Querschnittsstudie [1] auch tatsächlich beobachtet.

Influenza könnte also der Auslöser für im Mai gezeugte Frühgeburten sein. Es existieren jedoch noch andere Faktoren, die eine solche saisonale Abhängigkeit begründen könnten: andere virale Infektionen, saisonale Allergien, Umwelt- oder Luftverschmutzung, Essgewohnheiten, erlebte Fehlgeburten oder die Temperatur [1].

Auch in London mehr Frühgeburten im Januar

Auch eine Meta-Analyse [2], die 482 765 Geburten in London untersuchte, fand eine höhere Anzahl an Frühgeborenen im Winter; im Januar kamen die meisten Kinder zu früh zur Welt. In einer angeschlossenen narrativen Übersichtsarbeit der gleichen Autoren gibt es davon jedoch Abweichungen. Die inkludierten amerikanischen Studien fanden demnach zwei Zeitpunkte im Jahr, an denen die Anzahl der Frühgeburten anstieg: einmal im Winter und einmal im Sommer. In drei Studien aus Entwicklungsländern fällt ein Vergleich schwer, da dort andere Jahreszeiten herrschen als in Europa. Dennoch ergab sich ein Anstieg der Frühgeburten für entsprechende Jahreszeiten wie die Monsunzeit, die Regenzeit oder etwa Hungerphasen [2].

Frühgeburten durch Temperatur

Die Meta-Analyse [2] lässt vermuten, dass der Zeitpunkt der Geburt von der Temperatur abhängen könnte. Dieser Theorie geht eine weitere narrative Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2011 nach [3]. Fast alle eingeschlossenen Studien fanden, dass extreme Temperaturen die Frühgeburtenrate erhöhten. Deshalb zeigten die Studien für Geburten im Frühling und Herbst ein geringeres Risiko an. Das Klima ist allerdings von Land zu Land unterschiedlich, was eine Verallgemeinerung der Ergebnisse nicht erlaubt. So fand die Meta-Analyse aus London zum Beispiel keinen Zusammenhang zwischen Frühgeburten und Temperatur [2]. Das könnte daran liegen, dass es dort weniger Temperaturextreme gibt.

Zusammenfassung

Es gibt viele Faktoren, die eine verfrühte Geburt auslösen könnten [4] und sie wirken in unterschiedlichen Gegenden zu unterschiedlichen Zeiten. Betrachtet man das Auftreten und den Verlauf der Grippe, dann ist das Risiko für im Mai gezeugte Kinder erhöht. Betrachtet man die Temperatur, so sind in Ländern mit extremen Temperaturschwankungen auch noch andere Monate betroffen. Saisonale Allergien, Umweltverschmutzungen oder das Essverhalten könnten wieder andere Ergebnisse liefern.

(Autoren: K. Regnat, J. Wipplinger, F. Stigler)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Currie und Schwandt (2013)
Studientyp: Querschnittsstudie
Studienteilnehmer: 1 435 213 Kinder aus 647 050 Müttern
Fragestellung: Saisonabhängigkeit der Empfängnis auf die Gesundheit des Kindes bei der Geburt.
Mögliche Interessenkonflikte: Kein Interessenkonflikt

Currie J, Schwandt H. Within-mother analysis of seasonal patterns in health at birth. Proc Natl Acad Sci U S A. 2013 Jul 8. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Lee, Steer und Filippi (2006)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Querschnittsstudie
Eingeschlossene Studien: 7
Teilnehmer insgesamt: 482 765 Lebendgeburten mit mindestens 200g Gewicht.
Fragestellung: Gibt es saisonale Unterschiede bezüglich einer verfrühten Geburt?
Mögliche Interessenkonflikte: Keine angegeben

Lee SJ, Steer PJ, Filippi V. Seasonal patterns and preterm birth: a systematic review of the literature and an analysis in a London-based cohort. BJOG. 2006 Nov;113(11):1280-8. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[3] Strand u.a. (2011)
Studientyp: narrative Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 32 Studien, 8 davon zu Frühgeburten
Teilnehmer insgesamt: 9 193 963 zu frühgeborene Kinder
Fragestellung: saisonale Abhängigkeit bestimmter Geburtsfaktoren und den Einfluss der Umgebungstemperatur darauf.
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Strand LB, Barnett AG, Tong S. The influence of season and ambient temperature on birth outcomes: a review of the epidemiological literature. Environ Res. 2011 Apr;111(3):451-62.
(Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] Jamieson DJ, Rasmussen SA (2013). Influenza and pregnancy. In Barss VA (ed.). UpToDate. Abgerufen unter http://www.uptodate.com/contents/influenza-and-pregnancy

[5] Lockwood CJ (2013). Overview of preterm labor and birth. In Barss VA (ed.). UpToDate. Abgerufen unter http://www.uptodate.com/contents/overview-of-preterm-labor-and-birth

[6] Statistik Austria Frühgeborene seit 1984. Abgerufen unter
http://www.statistik.at/web_de/statistiken/bevoelkerung/geburten/fruehgeburten/066971.html

[7] Statistik Austria Frühgeburten. Abgerufen unter
http://www.statistik.at/web_de/statistiken/bevoelkerung/geburten/fruehgeburten/index.html

[8] Österreichische Gesellschaft für prä- und perinatale Medizin
Abgerufen unter http://www.perinatal.at/sites/schwangerschaft_fruehgeburt.html