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Hustensaft: rezeptfrei und ohne Wirkung?

Fragwürdiger Hustensaft

Fragwürdiger Hustensaft

Schon seit der Kindheit vertrauen wir auf den wohlschmeckenden Löffel Sirup, in der Werbung erlösen rezeptfreie Hustensäfte selbst von schweren Hustenattacken geplagte Menschen. In der Realität jedoch gibt es keinen Beweis, dass solche Hustenmittel auch tatsächlich wirken.

 
 

 

Frage:Lindern rezeptfreie Hustenmittel Hustensymptome?
Antwort:unklar
Erklärung:Dass rezeptfreie Hustenmittel Linderung bei akutem Husten verschaffen, ist weder bewiesen noch widerlegt – es gibt schlicht keine Studien von ausreichender Qualität, um diese Frage beantworten zu können.

Das große Husten als Kassenschlager: 400 Millionen Euro Umsatz machen Arzneimittelhersteller allein in Deutschland jährlich mit rezeptfreien Hustenmedikamenten. Einer Umfrage zufolge greift jeder Fünfte bei einer Erkältung täglich oder fast täglich zu Hustenmitteln.

Die Palette an rezeptfreien Medikamenten gegen Husten ist groß. Antitussiva sollen den quälenden Hustenreiz unterdrücken und werden für den Einsatz bei trockenem Husten beworben. Schleimlösende Mittel wiederum sollen dafür sorgen, dass zähes Sekret verflüssigt und abgehustet werden kann. Die Werbung verspricht für diese Mittel eine beeindruckende Wirkung. Ein Nachweis, dass sie auch in der Realität helfen, existiert jedoch bis heute nicht [1] [2].

Kein klar wirksames Mittel

Es ist nicht so, dass niemand versucht hätte, die Wirkung solcher Hustenmittel in klinischen Studien zu überprüfen. Das Problem ist vielmehr die schlechte Qualität der meisten Untersuchungen sowie einander widersprechende Ergebnisse [1] [2]. Somit ist es unmöglich zu wissen, ob frei erhältliche Hustenmedikamente auch tatsächlich helfen, oder nur den Geldbeutel erleichtern.

Untersucht wurde eine breite Palette an Wirkstoffen, doch Belege für eine hustenlindernde Wirkung bleiben die Forscher für alle schuldig. Das gilt für vorgeblich hustenstillende Wirkstoffe genauso wie für schleimlösende Mittel, für Antihistaminika oder Wirkstoffe, die eine abschwellende Wirkung auf die Schleimhäute versprechen.

Gänzlich unklar ist, ob Hustenbonbons helfen – diese wurden bisher in keiner einzigen klinischen Studie näher untersucht [3].

Nicht ungefährlich

Selbst rezeptfreie Hustenmedikamente können schwere Nebenwirkungen haben. Eine Überdosierung von Säften oder Pastillen mit dem Wirkstoff Dextromethorphan etwa kann bei kleinen Kindern die Atmung beeinträchtigen und zum Koma führen [5].

Die Angaben zu unerwünschten Nebenwirkungen schwanken in den bisher durchgeführten Studien: Laut Verfassern der wissenschaftlichen Untersuchungen traten bei ein bis 30 Prozent aller Probanden leichte Nebenwirkungen auf. Viele der Studien schweigen sich jedoch gänzlich über beobachtete Nebenwirkungen aus. Um die Sicherheit rezeptfreier Mittel nachweisen zu können, wären daher klinische Studien von hoher Qualität und deutlich größeren Teilnehmerzahlen nötig.

Wichtig: Husten ist keine eigene Krankheit, sondern ähnlich wie z.B. Fieber nur ein Symptom. Durch das Husten versucht der Körper, die Atemwege von unliebsamen Partikeln oder Krankheitserregern zu befreien. Meist stehen harmlose Erkältungsviren dahinter. Husten kann jedoch viele Ursachen haben, lang anhaltender oder schwerer Husten sollte daher ein Arzt oder eine Ärztin abklären.

Nicht besser als Honig

In klinischen Studien wirkt Dextrometorphan zur Behandlung von Hustensymptomen nicht besser als Honig. Möglicherweise ist das Bienenprodukt sogar ein mittelmäßig effektives Mittel zur Hustenlinderung, dafür sprechen aber lediglich die Ergebnisse einer einzigen Studie [4].

Der genaue Grund für die möglicherweise hustenlindernde Wirkung von Honig ist unklar. Wissenschaftler spekulieren, dass Honig antibakterielle und entzündungshemmende Eigenschaften haben könnte. Vorsicht ist bei Kleinkindern unter einem Jahr angebracht. Sie sollten keinen Honig verzehren, da ihr Immunsystem noch keinen ausreichenden Schutz gegen möglicherweise im Honig enthaltene Krankheitserreger ausgebildet hat.

 

Die Studien im Detail

Zwei systematische Übersichtsarbeiten fassen bisher veröffentlichte randomisiert-kontrollierte Studien zu rezeptfreien Hustenmitteln zusammen [1] [2]. Dabei analysierten die Autoren der Übersichtsarbeiten Studien zu einer breiten Palette an Wirkstoffen:

  • Hustenstillende Wirkstoffe: Dextrometorphan, Codein (rezeptpflichtig)
  • Schleimlösende Mittel: Guaifenesin, Bromhexin, Ambroxol
  • Diverse Kombinationen aus Schleimhaut-abschwellenden Mitteln und Antihistaminika

Insgesamt sind die analysierten Studien jedoch von meist zweifelhafter Qualität, zudem kommen sie zu widersprüchlichen Ergebnissen. Somit gibt es für keine dieser in Österreich zugelassenen Wirkstoffe Hinweise auf eine wirksame Linderung von Hustensymptomen. Selbst für das verschreibungspflichtige Codein ist die Studieneinlage bei akutem Husten unklar [1].

Die Wirkung von Honig wurde in drei randomisiert-kontrollierten Studien erforscht, davon in einer von hoher Qualität [4]. Die zusammengefassten Ergebnisse lassen darauf schließen, dass Honig besser wirkt als eine Placebo-Behandlung. Dextromethorphan scheint der hustenstillenden Wirkung von Honig nicht überlegen zu sein. Für einen eindeutigen Nachweis der Wirksamkeit sind jedoch weitere Studien vonnöten.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Smith u.a. (2014)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 29 randomisiert-kontrollierte Studien (19 mit Erwachsenen, 10 mit Kindern)
Studienteilnehmer insgesamt: 3799 Erwachsene, 1036 Kinder
Fragestellung: Helfen rezeptfreie Hustenmittel bei akutem Husten?
Mögliche Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Smith SM, Schroeder K, Fahey T. Over-the-counter (OTC) medications for acute cough in children and adults in community settings. Cochrane Database of Systematic Reviews 2014, Issue 11. Art. No.: CD001831. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Chang u.a. (2014)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 2 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 221 Kinder und Erwachsene
Fragestellung: Wirken rezeptfreie Hustenmedikamente bei Kindern und Erwachsenen, die Antibiotika gegen Lungenentzündung nehmen?
Mögliche Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Chang CC, Cheng AC, Chang AB. Over-the-counter (OTC) medications to reduce cough as an adjunct to antibiotics for acute pneumonia in children and adults. Cochrane Database of Systematic Reviews 2014, Issue 3. Art. No.: CD006088. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[3] Mulholland & Chang (2010)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: keine relevanten randomisiert-kontrollierten Studien gefunden
Fragestellung: Können Helfen Hustenbonbons oder Honig Kindern mit unspezifischem Husten helfen?
Mögliche Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Mulholland S, Chang AB. Honey and lozenges for children with non-specific cough. Cochrane Database of Systematic Reviews 2009, Issue 2. Art. No.: CD007523. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[4] Oduwole u.a. (2014)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 3 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 568 Kinder
Fragestellung: Bringt Honig eine Besserung von akutem Husten bei Kindern?
Mögliche Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Oduwole O, Meremikwu MM, Oyo-Ita A, Udoh EE. Honey for acute cough in children. Cochrane Database of Systematic Reviews 2014, Issue 12. Art. No.: CD007094. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[5] Yin S (2014)
Over the counter cough and cold preparations: approach to pediatric poisoning. In Wiley JF (ed.). UpToDate. Abgerufen am 17.3.2015 unter www.uptodate.com