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HPV-Impfung: nüchterne Fakten statt hitziger Diskussionen

HPV-Impfung ab 12 Jahren empfohlen

HPV-Impfung ab 12 Jahren empfohlen

Dass die HPV-Impfung das Risiko für Gebärmutterhalskrebs verringert, legen zahlreiche Forschungsergebnisse nahe. Dass die Wirksamkeit jedoch stark übertrieben dargestellt wird (etwa in der Kleinen Zeitung), lässt die Vermutung auf eventuelle Beeinflussung durch die Impfstoffhersteller aufkommen.

Update am 13.3.2014

Zeitungsartikel: So schützt die HPV-Impfung (20. 10. 2012, Kleine Zeitung), Der HPV-Streit (27. 10. 2012, Kleine Zeitung)
Frage:Kann die HPV-Impfung Todesfälle durch Humane Papilloma-Viren (HPV) verhindern?
Antwort:Die verfügbaren Impfstoffe schützen vor der Infektion mit manchen, aber nicht allen Krebs-auslösenden HP-Viren. Da von der Infektion bis zur Ausbildung von Krebs Jahrzehnte vergehen können, konnte bis heute nur die Wirksamkeit gegen Krebs-Vorstufen gezeigt werden. Statt mit 300 Todesfällen weniger in Österreich kann man aber nur mit etwa 33 Gebährmutterhalskrebs-Toten weniger pro Jahr rechnen – und das erst in 50 Jahren.
Beweislage:
Mittlere wissenschaftliche Beweislagefür die Wirksamkeit

Update am 13.3.2014: Seit Februar 2014 ist die HPV-Impfung für Mädchen und Buben in Österreich kostenlos und wird in der vierten Schulstufe angeboten. Wir haben aus diesem Anlass erneut eine Literatursuche unternommen; es existiert eine etwas neuere systematische Übersichtsarbeit [a], die aber keine weiteren Erkenntnisse im Vergleich zu unseren bisherigen Quellen bringt. Langzeitstudien sind notwendig und werden erst in einiger Zeit eine Klärung über alle Folgen bringen. Vorsorgeuntersuchung und PAP-Abstrich bleiben weiterhin wichtige Bestandteile der Krebsvorsorge.

Die Diskussion rund um die HPV-Impfung zur Vorbeugung von Gebärmutterhalskrebs wird zur Zeit wieder vehement geführt. In Österreich wird eine Impfung zwar angeboten, bezahlen muss man diese jedoch selbst. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten (624 Euro laut Österreichischer Krebshilfe) im Gegensatz zu manchen anderen Staaten nicht.

Völlig zu Unrecht, wie Verfechter der Einführung eines staatlichen Impfprogramms meinen. So schreibt etwa die Kleine Zeitung am 20. Oktober, dass ein flächendeckendes Impfprogramm jährlich 300 Todesfälle durch Gebärmutterhalskrebs verhindern könnte. Mit solch unseriösen Informationen steht die österreichische Medienlandschaft allerdings nicht alleine dar. Eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung [6] zeigt,  dass beispielsweise weniger als die Hälfte aller deutschen Tageszeitungen Informationen zur Häufigkeit von HPV-Infektionen und damit verbundenen Krebsarten richtig weitergeben – in Spanien sind es gerade einmal ein Fünftel. Korrekte Daten zur Wirksamkeit der HPV-Impfung werden nur in jeder zehnten deutschen, aber praktisch keiner spanischen Zeitung angegeben. Nicht selten werden auch in Patientenbroschüren übertriebene Fakten eingesetzt, um offenbar gezielt Ängste zu schüren, wie eine von zwei Pharmaunternehmen unterstützte Informationsbroschüre mit dem grafisch alarmierend in Szene gesetzten Titel „Gebärmutterhalskrebs kann töten – Impfen schützt“ zeigt.

Wie gefährlich ist eine HPV-Infektion nun wirklich? Hält die Impfung was die Medien versprechen? Oder handelt es sich eher um Beeinflussungsversuche seitens der Impfstoffhersteller, die sich von einem landesweiten Impfprogramm möglicherweise große Gewinne versprechen?

HPV und Gebärmutterhalskrebs

Humane Papilloma-Viren (kurz HPV) sind weit verbreitet, übertragen werden sie vor allem durch sexuellen Kontakt. Schätzungen zufolge infizieren sich rund drei Viertel der erwachsenen Bevölkerung [3] bis zum 50. Lebensjahr mit diesen Viren. Solche HPV-Infektionen sind häufig harmlos und verschwinden von selbst wieder, manchmal kann es aber auch zu langanhaltenden Infektionen kommen. [4]

In einigen wenigen Fällen kann sich aus solchen Infektionen mit einigen der zahlreichen unterschiedlichen HP-Virentypen Krebs entwickeln – allen voran im Gebärmutterhals. Der Statistik Austria zufolge erhalten etwa 6 bis 7 von 100 000 Österreicherinnen pro Jahr die Diagnose Gebärmutterhalskrebs – doch nur rund 2 davon sterben daran. Von allen Krebs-bedingten Todesfällen macht Gebärmutterhalskrebs nur einen geringen Teil aus – lediglich bei 2 von 100 gestorbenen Krebspatientinnen stellt Krebs des Gebärmutterhalses die Ursache dar.

Seit den 80er Jahren ist die Zahl dieser Krebserkrankung und den damit verbundenen Todesfälle stark rückläufig – vor allem aufgrund der regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen. Dabei nimmt der Frauenarzt oder die Frauenärztin einen Abstrich von Zellen des Gebärmutterhalses, der dann unter dem Mikroskop auf Krebsvorstufen untersucht wird. Mit diesem sogenannten PAP-Test lassen sich die generell sehr langsam wachsenden Krebsvorstufen rechtzeitig erkennen, bevor sie sich zu bösartigem Krebs entwickeln können. Bis jedoch Krebs entsteht, können mitunter Jahrzehnte vergehen. [4]

Impfung schützt nicht immer

Seit einigen Jahren existiert eine Impfung gegen die beiden häufigsten Krebs-auslösenden HP-Viren (HPV-16 und HPV-18). Diese beiden Virentypen sind wahrscheinlich für drei Viertel aller Gebärmutterhalskrebsfälle verantwortlich. [3] Jedoch können auch andere HP-Virenarten Krebs auslösen, vor denen die Impfung nicht schützt. [4] Die HPV-Impfung wirkt allerdings nur dann, wenn es noch zu keiner Infektion mit dem Virus gekommen ist. Daher sollte die Impfung vor dem ersten sexuellen Kontakt stattfinden.

Einer der beiden zugelassenen Impfstoffe schützt zugleich auch vor Infektionen mit den beiden Virentypen HPV-6 und HPV-11, die ungefährliche Genitalwarzen auslösen können. Solche Genitalwarzen (auch Feigwarzen genannt) können lästig und störend sein, sie entwickeln sich aber nicht zu Krebs.

Da sich Gebärmutterhalskrebs sehr langsam (manchmal über Jahrzehnte) entsteht, gibt es noch keine Studien, die die Auswirkung der HPV-Impfung auf das Auftreten von Gebärmutterhalskrebs untersuchen konnten. Die zusammengefassten Ergebnisse bisheriger randomisiert-kontrollierter klinischer Studien zeigen aber, dass die Impfung bei jungen Mädchen das Auftreten von Krebsvorstufen deutlich verringert. [1] So hätten von 100 Frauen mit hochgradig auffälligen, durch HPV-16 ausgelösten Krebsvorstufen 53 diese nicht bekommen, wenn sie geimpft gewesen wären. In 84 von 100 Fällen könnte die Impfung auch durch HPV-18 ausgelöste hochgradig auffällige Krebsvorstufen verhindern.

Über Krebsvorstufen, die durch andere HPV-Typen als HPV-16 und 18 verursacht wurden, sagen diese Ergebnisse allerdings nichts aus. Da etwa ein Viertel aller Gebärmutterhalskrebs-Fälle nicht durch die beiden von der Impfung abgedeckten Virentypen ausgelöst wird, ist es wichtig, dass auch geimpfte Frauen regelmäßig PAP-Tests machen lassen.

Anlass zu mehr Sicherheitsbedenken als bei anderen Impfungen gibt die bisherige Erfahrung mit den Impfstoffen in Europa und den USA jedoch nicht. Auch Todesfälle, die im Zusammenhang mit der Impfung stehen, sind keine bekannt. Häufig sind allerdings – wie bei vielen Impfungen – Schmerzen und Rötungen an der Einstichstelle sowie Fieber. In wenigen Fällen kann es zu Ohnmachtsanfällen kurz nach der Impfung kommen. [5]

Weniger Krebstote in frühestens 20 Jahren

Die Kleine Zeitung berichtet von 300 Krebstoten, die durch die flächendeckende Einführung der HPV-Impfung pro Jahr in Österreich verhindert werden könnten. Diese Zahl verwundert etwas, da Angaben der Statistik Austria zufolge im Jahr 2010 nur 161 Frauen an Gebärmutterhalskrebs gestorben waren. Die Jahre davor war die Zahl teilweise sogar noch kleiner.

Es ist zwar richtig, dass durch die beiden HPV-Typen 16 und 18 auch Krebs im Mundraum oder im Bereich des Darmausgangs verursachen kann, diese Krebsarten sind aber vergleichsweise selten. [3]

Eine Modellrechnung des Wiener Ludwig Bolzmann-Instituts geht davon aus, dass die flächendeckende Einführung der HPV-Impfung für alle 12-jährigen Mädchen erste Erfolge in 20 Jahren zeigen würde. [2] Am Ende dieser Zeitspanne könnte diese Maßnahme etwa 7 Frauen pro Jahr das Leben retten. 50 Jahre nach Einführung des Impfprogramms wäre mit jährlich 33 Gebärmutterhalskrebs-Toten weniger zu rechnen – beinahe zehnmal weniger als in der Kleinen Zeitung angegeben.

Impfung wirkt – seriöse Information auch

Dass die Einführung eines HPV-Impfprogramms für alle 12-jährigen Mädchen in Österreich zusätzlich zu den bisherigen Vorsorgeuntersuchungen (PAP-Test) Todesfälle durch Gebärmutterhalskrebs verhindern kann, ist sehr wahrscheinlich. Allerdings in einem weit geringeren Ausmaß, als etwa in der Kleinen Zeitung berichtet.

Wichtig wäre, junge Mädchen und ihre Eltern objektiv und fernab jeder Panikmache aufzuklären. Ein gutes Beispiel dafür bietet die Online-Informationsbroschüre des deutschen IQWIG, die wissenschaftlich belegte Fakten zur HPV-Impfung für junge Mädchen aufbereitet. Zu bedenken ist außerdem, dass die Impfung höchstens vor drei Viertel aller Gebärmutterhalskrebs-Fälle schützen kann. Daher ist es wichtig, auch trotz Impfung regelmäßig zur PAP-Abstrich-Vorsorgeuntersuchung zu gehen.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: A. Kny, Update durch: C. Christof, J. Wipplinger)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Lu u.a. (2011)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 7 randomisiert-kontrollierte Studi
Teilnehmer insgesamt: 44 142 Frauen
Fragestellung: Wie wirksam ist eine Impfung gegen Gebärmutterhals-Infektionen mit einem HPV-Virus?
Mögliche Interessenskonflikte: keine Angaben

Lu, B., A. Kumar, et al. (2011). „Efficacy and safety of prophylactic vaccines against cervical HPV infection and diseases among women: a systematic review & meta-analysis.“ BMC Infect Dis 11: 13. (Studie im Volltext)

[2] Zechmeister u.a. (2007)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit über ökonomische Evaluierungen
Eingeschlossene Studien: 7
Fragestellung: Wie wirksam und kosteneffektiv ist die Einführung eines HPV-Impfprogramms in Österreich?
Mögliche Interessenskonflikte: keine Angaben

Zechmeister, I., Freiesleben de Blasio, B., Radlberger, P., Wild, C., Kvas, E., Garnett, G. und Neilson, A. R. (2007): Ökonomische Evaluation der Impfung gegen humane Papillomaviren (HPV-Impfung) in Österreich. HTA-Projektbericht 09 (Übersichtsarbeit im Volltext)

[a] Rey-Aresu.a. (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta –Analyse
Anzahl der inkludierten Studien: 4 RCTs
Fragestellung: Effektivität der HPV Impfung ( Cervarix und Gardasil) hinsichtlich der Vorbeugung von Krebsvorstufen ( CIN 2, CIN2+ und CIN 3) sowie des Zervixkarzinoms sowie Sicherheit des Impfstoffes.

Efficacy and safety of human papilloma virus vaccine in cervical cancer prevention: systematic review and meta-analysis.“ Arch Argent Pediatr 110(6): 483-489.

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] Reichman R (2012). Epidemiology of human papillomavirus infections. In Bloom A (ed.) UpToDate. Abgerufen unter http://www.uptodate.com am 29. 10. 2012

[4] Holschneider C (2012). Cervical intraepithelial neoplasia: Definition, incidence, and pathogenesis. In Falk S (ed.) UpToDate. Abgerufen unter http://www.uptodate.com am 29. 10. 2012

[5] Castle PE, Cox JT, Palefsky JM (2012). Recommendations for the use of human papillomavirus vaccines. In Bloom A (ed.) UpToDate. Abgerufen unter http://www.uptodate.com am 29. 10. 2012

[6] Bodemer N, Müller SM, Okan Y, Garcia-Retamero R, Neumeyer-Gromen A. Do the media provide transparent health information? A cross-cultural comparison of public information about the HPV vaccine. Vaccine. 2012 May 28;30(25):3747-56. (Zusammenfassung der Studie)