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Honig: Hilfe bei der Wundheilung

Bienenhonig kann manche Wunden beim Heilen unterstützen

Bienenhonig

Er versüßt nicht nur Tee und Butterbrot. Honig kann auch die Heilung mancher Wunden unterstützen. Belege gibt es allerdings nicht für alle Wunden.


Frage: Kann Honig die Heilung von Verbrennungen zweiten Grades mit Schmerz, Rötung und Brandblasen beschleunigen?
Antwort:Ja
Frage: Heilt Honig kleine, frische Wunden schneller als die sonst übliche Wundbehandlung?
Antwort:nicht (ausreichend) erforscht
Frage: Wirkt Honig bei chronischen Wunden (offenes Bein, diabetischer Fuß) besser als andere Wundbehandlungen?
Antwort:möglicherweise Nein
Erklärung: Mit Honig heilen mittelschwere Brandwunden, bei denen die obersten Hautschichten betroffen sind und bei denen es auch zu Wundinfektionen kommen kann, um vier bis fünf Tage schneller als mit herkömmlichen Brandwunden-Behandlungen.
Ob Honig auch bei kleinen, frischen Wunden Vorteile bringt, ist unzureichend erforscht.
Schwer heilende (chronische) Wunden an Beinen oder Füßen lassen sich möglicherweise mit Honig nicht besser behandeln als mit anderen Mitteln. Es gibt zudem Hinweise, dass Honigverbände hier zu mehr Schmerzen führen könnten.

Bienenprodukte wie Honig oder Propolis werden seit Jahrtausenden nicht nur gegessen, sondern auch als Medizin verwendet. Bevor es Antibiotika gab, wurde Honig unter anderem zur Behandlung von Wunden eingesetzt, und manche Völker tun das bis heute.

Laborexperimente weisen darauf hin, dass Honig in Reagenzglas und Petrischale gegen unterschiedlichste Krankheitserreger wirkt [1, 2] und dass er bei Versuchstieren wie Mäusen die Wundheilung zu beschleunigen scheint [1]. Doch Laborexperimente und Tierstudien lassen sich nicht eins zu eins auf uns Menschen übertragen. Bewirkt Honig auch bei uns im „echten Leben“, dass Wunden besser heilen?

Boom der Honigforschung

Zahlreiche Wissenschaftsgruppen weltweit haben sich in den letzten Jahren mit der Frage beschäftigt, ob und in welcher Form Honig für die Wundversorgung geeignet sein könnte. Untersucht wurden alle Arten von Wunden, von kleinen, frischen Verletzungen bis zu Operationswunden, von Verbrennungen bis hin zu kaum heilenden, chronischen Geschwüren.

Leider sind viele dieser Studien von schlechter Qualität. Oft wurden zum Beispiel nur sehr wenige Leute behandelt oder die Wissenschaftler und Forscherinnen bzw. die Behandelten wussten, auf welchen Wunden Honig zum Einsatz kam. Das kann die Ergebnisse verfälschen. Ein weiteres Problem ist, dass die Studien so unterschiedlich sind – etwa was die Art der Wunden oder der Behandlungsmethoden, die Behandlungsdauer oder die Kontroll-Methode angeht –, dass sie oft kaum miteinander vergleichbar sind. Das macht es schwierig, die Daten zusammenzufassen und gemeinsam auszuwerten.

Honig überlegen bei Verbrennungen

Bisher lassen sich deshalb nur wenige allgemeine Schlüsse über die Verwendung von Honig in der Wundbehandlung ziehen. Und die sind sehr unterschiedlich für verschiedene Wundarten, wie eine Zusammenfassung der bis 2014 veröffentlichten, gut gemachten Studien zeigt [1]:

Gut belegt ist inzwischen, dass Honig die Heilungsdauer bei mittelschweren Verbrennungen – auch Verbrennungen zweiten Grades genannt, bei denen die oberen Hautschichten betroffen sind – im Vergleich zu sonst üblichen Verbänden ohne Honig um durchschnittlich vier bis fünf Tage verkürzen kann. Honig dürfte hier zumindest gleich gut wirken wie das häufig bei Verbrennungen verwendete Silbersulfadiazin [1].

Noch zu wenig erforscht ist, ob es Vor- oder Nachteile hat, kleine frische Verletzungen wie Abschürfungen oder kleine Wunden mit Honig zu behandeln [1]. Hier braucht es noch bessere Studien.

Insgesamt scheinen Honigverbände meistens gut verträglich zu sein [8]. In manchen Fällen scheinen die Inhaltsstoffe von Honig jedoch auch Schmerzen oder Juckreiz zu verursachen [1] [6] [10, 11].

Honig nicht überlegen bei chronischen Wunden

Bei der Behandlung von chronischen Wunden gibt es bisher keine überzeugenden Ergebnisse, die für den Griff zum Bienenprodukt sprechen. So genesen schlecht verheilende Geschwüre an den Beinen, die durch eine Erkrankung der Venen entstehen – in der Fachsprache Ulcus genannt – durch Honig wahrscheinlich nicht besser oder rascher als durch andere Arten der Wundversorgung [1] [7]. Dasselbe dürfte auch für den sogenannten diabetischen Fuß gelten [1]. In beiden Fällen verursachen unter anderem die starken Durchblutungsstörungen, die mit den Krankheiten einhergehen, Entzündungen des Gewebes. Diese können aufbrechen und zu schwer behandelbaren Wunden werden [7].

Für andere Anwendungsgebiete braucht es erst mehr aussagekräftige Studien, um die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Honig wirklich einschätzen zu können, beispielsweise, ob Honig nach einer Mandeloperation die Schmerzen im Rachen wirklich verringert [3] oder ob er tatsächlich eine gute Variante ist, Kaiserschnittwunden keimfrei zu halten [4]. Doch eine Vielzahl von Arbeiten ist derzeit im Laufen oder in Planung [12]. Es könnte deshalb zu manchen Fragestellungen in absehbarer Zeit mehr Klarheit geben.

Hintergrund: Die keimhemmende Wirkung von Honig

Das Gold der Bienen besteht zum überwiegenden Teil aus Traubenzucker, Fruktose und Wasser. Darüber hinaus enthält Honig eine Vielzahl weiterer Stoffe wie Aminosäuren, Vitamine, Mineralien und Enzyme.

Was exakt in Wunden passiert, die mit Honig behandelt werden, war und ist Gegenstand vieler Experimente. Unter anderem dürfte Honig die Feuchtigkeitsbildung der Wunde positiv beeinflussen, die Bildung von neuem Gewebe und neuer Haut begünstigen und Entzündungen hemmen [1] [12].
Honig enthält zudem Inhaltsstoffe, die gegen verschiedene Keime wirken, zum Beispiel gegen Bakterien, ohne dass diese gegen Honig resistent zu werden scheinen [13]. Im Gegenteil: Es gibt Beobachtungen, dass Honig möglicherweise sogar Bakterienstämme hemmen könnte, die bereits nicht mehr auf Antibiotika ansprechen [12]. Gute Studien könnten hier in Zukunft mehr Klarheit bringen.

Große Qualitätsunterschiede je nach Honigsorte

Zu beachten ist allerdings, dass Honig nicht gleich Honig ist. Was Bienen in ihren Waben produzieren, reicht nicht nur von hellem Sonnengelb bis zu dunklem Braun, von dünnflüssig bis zäh, von mild-fruchtigem bis zu herb-aromatischem Geschmack. Verschiedene Honigsorten können sich auch in ihrer Wirksamkeit voneinander unterscheiden [2] [13]. Eine wichtige Rolle für die Wirksamkeit spielen unter anderem die Pflanzen, aus deren Blüten die Bienen Nektar sammeln. Zum Beispiel hatten in einem Test von 19 Honigsorten, 17 davon aus dem Supermarkt, nur neun Proben im Labor eine antibakterielle Wirkung [2].

Dass verschiedene Studien mit unterschiedlichen Honigsorten arbeiten, ist ein weiterer Grund für die Schwierigkeit, die Studienergebnisse miteinander zu vergleichen [1] [5] [13].

Manuka-Honig: Gold aus Neuseeland?

Besonders viel Augenmerk schenkten Forschungsteams in den letzten Jahren dem sogenannten Manuka-Honig. Der ursprünglich in entlegenen Bergregionen Australiens und Neuseelands gewonnene Honig scheint im Labor im Vergleich zu vielen anderen Honigsorten eine hohe antibakterielle Wirkung zu haben [1, 2].

Dass gerade diese spezielle Honigsorte so populär geworden ist, dürfte allerdings auch daran liegen, dass daraus hergestellte Produkte wie Salben, Gels und speziellen Wundauflagen als Medizinprodukte zugelassen sind. Dieser „medizinische Honig“ wird seit einigen Jahren mit besonders großem Nachdruck weltweit vermarktet, und eine der Herstellerfirmen hat zahlreiche Studien mit Manuka-Honig unterstützt [1].

Medizinischer oder therapeutischer Honig, der zum Beispiel in Krankenhäusern zum Einsatz kommt, wird speziell vorbehandelt, etwa mit Gammastrahlen, sodass er keine Verunreinigungen oder Keime enthält, von denen befürchtet wird, sie könnten zu unerwünschten Nebenwirkungen wie Wundinfektionen führen [2] [10]. Ob diese Vorbehandlung tatsächlich Vorteile hat, ist unklar [10]. Studien, in denen die Wirksamkeit und Sicherheit von vorbehandeltem mit unbehandeltem Honig verglichen wird, fehlen.

Umgekehrt ist bei Medizinprodukten zumindest gewährleistet, dass sie einerseits keine Verunreinigungen, andererseits die angeführten Wirkstoffe tatsächlich in einer kontrollierten Menge enthalten. Was gerade bei Manuka-Honig sonst nicht unbedingt immer der Fall ist, wie Analysen gezeigt haben:

Die Schattenseiten des Honig-Rausches

Tatsächlich dürfte eine beträchtliche Menge aller angeblichen Manuka-Honig-Produkte, die auf dem Weltmarkt erhältlich sind, falsch deklarierten oder gepantschten „Manuka“-Honig enthalten [14].

Der Boom um den hochpreisigen Spezialhonig hat außerdem in den Anbaugebieten Neuseelands inzwischen zu regelrechten Honigkriegen geführt [15].

[Die erste Version dieses Artikels erschien am 6.2.2013 und wurde am 1.7.2014 aktualisiert. Eine abermalige Literatursuche ergab zahlreiche Neuerungen, die zu einer umfassenden Überarbeitung der vorherigen Versionen und einer Neubewertung führten.]

 

Die Studie im Detail

Eine systematische Übersichtsarbeit fasste die Ergebnisse aller hochwertigen Studien zum Thema Honig als Wundbehandlung zusammen, die bis 2014 veröffentlicht wurden. In Summe handelte es sich dabei um 26 randomisiert kontrollierte Studien [1].

In drei dieser Studien wurde Honig mit konventionellen Verbänden für kleine Wunden wie einem gezogenen Fußnagel oder Abschürfungen verglichen. Ob es hier Unterschiede in der Heilungsdauer oder bei den Nebenwirkungen gibt, konnten diese Studien nicht klären – dafür sind sie von zu geringer Qualität und Aussagekraft.

Honig hilft bei Verbrennungen

Elf Studien hatten Honig zur Behandlung von Brandverletzungen untersucht. Die Studienergebnisse zeigen, dass Verbrennungen zweiten Grades mit Honig im Durchschnitt vier bis fünf Tage schneller heilen als mit sonst üblichen Wundauflagen.

Sechs Studien zeigten, dass Honig gleich wirksam ist wie das bei leichteren Verbrennungen wegen seiner antibakteriellen Wirkung oft eingesetzte Silbersulfadiazin. Zudem kommt es hier bei der Honigbehandlung zu weniger Nebenwirkungen [1].

Chronische Wunden heilen nicht besser

Zehn Studien mit insgesamt über 800 Personen hatten die Behandlung verschiedener chronischer Wunden untersucht, etwa von Geschwüren am Bein (auch „Ulcus“ oder „offenes Bein“ genannt), von diabetischem Fuß oder bei Operationswunden, die sich infiziert hatten.

Den Ergebnisse zufolge scheinen schlecht verheilende Geschwüre an den Beinen jedoch nicht besser auf die Honigbehandlung anzusprechen als auf andere Methoden der Wundbehandlung. Zudem könnten möglicherweise bei der Honigtherapie öfter unerwünschte Nebenwirkungen wie Schmerzen auftreten [1].

Es gab Hinweise, dass sich ein diabetischer Fuß durch Honig ebenfalls nicht besser heilen lässt.

Aus den anderen Studien zu chronischen Wunden ließen sich keine Aussagen ableiten.

(Autorin: V. Ahne, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Information zur wissenschaftlichen Studie

[1] Jull u.a. (2015)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 26 randomisiert kontrollierte Studien
Teilnehmende insgesamt: 3011 Personen
Fragestellung: Hilft Honig bei der Wundheilung?
Interessenkonflikte: Hauptautor war selbst Autor von Honig-Studien, die im Review behandelt werden

Honey as a topical treatment for wounds. Cochrane Database of Systematic Reviews 2015, Issue 2. Art. No.: CD005083 (Volltext der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Studien

[2] Cooper u.a. (2009)
A Comparison Between Medical Grade Honey and Table Honeys in Relation to Antimicrobial Efficacy. WOUNDS. 2009;21(2):29-36 (Volltext der Studie)

[3] Hwang u.a. (2016)
The efficacy of honey for ameliorating pain after tonsillectomy: a meta-analysis. Eur Arch Otorhinolaryngol. 2016 Apr;273(4):811-8 (Zusammenfassung der Arbeit)

[4] Nikpour u.a. (2014)
The Effect of Honey Gel on Abdominal Wound Healing in Cesarean Section: A Triple Blind Randomized Clinical Trial. Oman Medical Journal (2014) Vol. 29, No. 4:255-259 (Volltext der Studie)

[5] Pimentel u.a. (2013)
Antimicrobial activity and rutin identification of honey produced by the stingless bee Melipona compressipes manaosensis and commercial honey. BMC Complement Altern Med. 2013; 13: 151 (Volltext der Studie)

[6] Jull u.a. (2008)
Randomized clinical trial of honey-impregnated dressings for venous leg ulcers. BJS Volume 95, Issue 2, Feb 2008:175–182 (Volltext der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[7] UpToDate (2016)
Alguire u.a.: Medical management of lower extremity chronic venous disease. Abgerufen am 28.2.2017 unter http://www.uptodate.com/contents/medical-management-of-lower-extremity-chronic-venous-disease

[8] UpToDate (2016)
Tenenhaus u.a.: Local treatment of burns – Topical antimicrobial agents and dressings. Abgerufen am 28.2.2017 unter https://www.uptodate.com/contents/local-treatment-of-burns-topical-antimicrobial-agents-and-dressings?source=machineLearning&search=honey%20wound&selectedTitle=2~150&sectionRank=1&anchor=H1122628#H1122628

[9] UpToDate (2016)
Armstrong u.a.: Basic principles of wound management. Abgerufen am 28.2.2017 unter https://www.uptodate.com/contents/basic-principles-of-wound-management

[10] Simon u.a. (2008)
Medical Honey for Wound Care — Still the ‘Latest Resort’? Commentary. Advance Access Publication 7 January 2008 eCAM 2009;6(2)165–173 (Volltext des Kommentars)

[11] Pereira, Bártolo (2016)
Traditional Therapies for Skin Wound Healing. Adv Wound Care (New Rochelle). 2016 May 1; 5(5): 208–229 (Volltext der Arbeit)

[12] Saikaly, Khachemoune (2017)
Honey and Wound Healing: An Update. Am J Clin Dermatol. 2017 Jan 6. (Zusammenfassung der Arbeit)

[13] Oryan u.a. (2016)
Biological properties and therapeutic activities of honey in wound healing:
A narrative review and meta-analysis. J Tissue Viability. 2016 May;25(2):98-118 (Zusammenfassung der Arbeit)

Zusatzinformationen

[14] Volker Mrasek (2013)
Teuer und angeblich keimtötend – Zunehmende Verbrauchertäuschung mit neuseeländischem Manuka-Honig. Deutschlandfunk, 10.10.2013. Abgerufen am 28.2.2017 unter http://www.deutschlandfunk.de/teuer-und-angeblich-keimtoetend.676.de.html?dram:article_id=264683

[15] Eleanor Ainge Roy (2016)
Honey wars: crime and killings in New Zealand’s booming manuka industry. The Guardian, 4. November 2016. Abgerufen am 28.2.2017 unter https://www.theguardian.com/world/2016/nov/04/manuka-honey-wars-new-zealand-crime-booming-industry-poisoning-beatings